Thursday, 31 October 2013

Elle s'en va

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat.

Ein Höhenflug des französischen Kinos ist der Emmanuelle Bercot mit ihrem dritten Film, der ziemlich holprigen Wohlfühl-Dramödie Elle s'en va, wahrlich nicht gelungen. Dass das Roadmovie aber dennoch in positiver Erinnerung bleibt, ist Hauptdarstellerin Catherine Deneuve zu verdanken.

Deneuve übernimmt hier die Rolle der Restaurantbesitzerin und ehemaligen Miss Bretagne Bettie, die sich von ihrem eigenen Leben überfordert fühlt. Sie ist unglücklich verliebt; ihrem Gasthaus droht die Insolvenz; mit ihrer Tochter (Camille Dalmais) hat sie sich überworfen; ihre Mutter (Claude Gensac, bekannt aus vielen Louis-de-Funès-Vehikeln) hört nicht auf, sich in ihre Angelegenheiten einzumischen. Eines Tages reisst Bettie der Geduldsfaden: Sie setzt sich ins Auto und fährt davon – mit unbestimmtem Ziel.

Die Geschichte, die Bercot und ihr Co-Autor Jérôme Tonnerre aus dieser Prämisse gewinnen, besteht, in bester Roadmovie-Manier, aus kleineren und grösseren Episoden, welche schlussendlich alle zur unausweichlichen Selbstfindung der Hauptfigur beitragen. "Das Leben geht weiter" lautet die optimistische Moral, welche am Ende von Betties Reise steht, nachdem sie, unter anderem, einem gut 30 Jahre jüngeren Mann verfallen ist, an einem Fototermin für Ex-Schönheitsköniginnen teilgenommen hat sowie ihren überdrehten Enkel Charly (Nemo Schiffman) quer durch Frankreich chauffiert hat.

Manche dieser Vignetten sind amüsant, andere melancholisch, wieder andere sind, primär dank Catherine Deneuves nuancierter Performance, unerwartet emotional. Doch sie vermögen nicht harmonisch ineinander zu greifen; zu lose sind die Impressionen von Betties Odyssee miteinander verbunden, zu abrupt die zahlreichen Wechsel im Tonfall. Bercots und Tonnerres fahriges Drehbuch verzichtet überwiegend auf erzählerische Stringenz und begnügt sich damit, dramaturgisch isolierte Szenen aneinander zu reihen.

Gemeinsam ist man weniger allein: Bettie (Catherine Deneuve) fährt mit ihrem Enkel (Nemo Schiffman) quer durch Frankreich.
© Xenix Filmdistribution
Dass dabei auch die Figurenzeichnung zu kurz kommt, überrascht nicht. Während eine Mehrheit der Nebenfiguren irritierend eindimensional gehalten ist, scheitert das Porträt der Beziehung zwischen Oma Bettie und Enkel Charly vor allem an der erratischen Charakterisierung des 11-jährigen Jungen, welcher im einen Moment altklug-pubertäre Sprüche von sich gibt, nur um im nächsten wie ein sechsjähriger Grundschüler Nonsens-Liedchen zu trällern. Der Grund dafür, dass der Versuch, sich Bettie zu nähern, hingegen zumindest stellenweise von Erfolg gekrönt ist, ist wiederum eher bei Deneuve als beim Duo Bercot/Tonnerre zu suchen: Das Schauspiel der "unnahbaren Blonden" – der Rolle, die sie in Filmen wie Repulsion oder Belle de Jour verkörpert hat – erkundet charakterliche Tiefen, die dem Skript wie auch den unablässigen Nahaufnahmen von Kameramann Guillaume Schiffman (The Artist) stets verborgen bleiben.

Man ist versucht, sich vorzustellen, wie Elle s'en va in den Händen erfahrenerer Filmemacher zu einer ernst zu nehmenden Tragikomödie hätte werden können, wie ein Jean Becker (Dialogue avec mon jardinier), eine Noémie Lvovsky (Faut que ça danse!) oder – würde er noch leben – ein Claude Berri (Ensemble, c'est tout) den Stoff mit ihren unverwechselbaren Stilen bearbeitet hätten. So aber bleibt Emmanuelle Bercots Film eine lediglich passable Angelegenheit, die jedoch, bei all ihre Defiziten, veredelt wird durch die sublime Präsenz der Catherine Deneuve.

★★★½

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