Thursday, 3 October 2013

Gangs of Wasseypur – Part 1

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat.


Noch beherrscht Bollywood, das mächtige Mumbaier Studiosystem, mit seinen Musical-Romanzen das indische Kino. Doch unter dem inoffiziellen Patronat des Regisseurs Anurag Kashyap hat sich eine unabhängige Gegenkultur formiert, deren vorläufiger Höhepunkt Kashyaps Gangs of Wasseypur darstellt.

In einem Kinosessel werden 300 Minuten – volle fünf Stunden, also knapp ein Fünftel eines Tages – für die meisten Menschen zu einer ungemein langen Zeit. Filme mit Aussicht auf kommerziellen Erfolg überschreiten selten die 180-Minuten-Marke; es existieren nur einige wenige international bekannte Werke mit einer Laufzeit von über fünf Stunden – Béla Tarrs remodernistisches Opus magnum Sátántangó (430 Minuten) etwa, Claude Lanzmanns Holocaust-Dokumentation Shoah (610 Minuten) oder Jacques Rivettes berüchtigter Out 1, dessen Visionierung mehr als einen halben Tag in Anspruch nimmt (773 Minuten).

Derartige Überlegungen, sowie das Problem der Rentabilität, haben wohl dazu geführt, Anurag Kashyaps fulminantes, an Francis Ford Coppolas The Godfather angelehntes Gangster-Epos in zwei Kapitel à je 155 Minuten aufzuteilen. Vom geschäftlichen Standpunkt aus ist dies sicherlich eine sinnvolle Entscheidung. Ob man dasselbe von der künstlerischen Perspektive aus sagen kann, steht zur Debatte. Denn der erste Teil von Gangs of Wasseypur ist ein Meisterwerk des fesselnden Erzählkinos; man verlässt den Saal nicht ermüdet, sondern mit der Motivation, den Geschichten aus der ostindischen Unterwelt weitere zweieinhalb Stunden zu folgen.

Kashyap, der seine Regie-Karriere 1999 begann, aber erst mit der Romanverfilmung Dev D (2009) zum renommierten Filmemacher avancierte, berichtet in Gangs of Wasseypur, basierend auf realen Begebenheiten, von kriminellen Intrigen und Machenschaften, Irrungen und Wirrungen, welche sich in Wasseypur, einem Vorort von Indiens "Kohle-Hauptstadt" Dhanbad, zwischen 1941 und 2009 zutragen (Teil eins endet Anfang der Neunzigerjahre). Der Film ist an keine übermächtige Hauptfigur gebunden; stattdessen fokussiert sich Kashyap auf die Fehden dreier muslimischer Clans: Die Qureshis verbannten einst Shahid Khan (Jaideep Ahlawat) aus der Stadt, welcher daraufhin beim Unternehmer Ramadhir Singh (der grandiose Tigmanshu Dhulia) anheuert. Als Singh Khan wegen Betrugs ermorden lässt, schwört sich Khans Sohn Sardar (Manoj Bajpai – der eigentliche Hauptdarsteller), sich am mittlerweile politisch tätigen Singh zu rächen.

Sardar Khan (Manoj Bajpai, links) will sich am mächtigen Politiker Ramadhir Singh (Tigmanshu Dhulia) für den Tod seines Vaters rächen.
© polyband
Wollte man sämtliche thematischen und inhaltlichen Stränge des Films zusammenführen, so käme man zweifelsohne zu dem Schluss, dass sich Kashyap im grossen Stil mit der Geschichte des modernen, unabhängigen Indien auseinandersetzt: Die von den Engländern zurückgelassenen Einrichtungen – hier sind es Dhanbads Kohleminen – fallen korrupten Mogulen wie Ramadhir Singh in die Hände, welche ihrerseits in der Politik mitmischen und sich dabei mit lokalen Gangs wie den Qureshis oder den Khans (Sardar gründet selber einen Verbrecher-Clan, dem später auch seine Söhne Danish und Faizal angehören) arrangieren muss.

Doch der mit forschem Tempo sowie einem gesunden Sinn für Humor vorgetragene Gangs of Wasseypur – Part 1 zeichnet sich primär durch seine direkteren filmischen Werte aus. Mit der beide Teile überspannenden Laufzeit von fünf Stunden ist Kashyap in der Lage, ein faszinierendes Kontinuum von Figuren und Motivationen zu kreieren, in dem jeder der zahllosen Akteure eingehend charakterisiert wird. Auch Ton und Bild begeistern: Kameramann Rajeev Ravis Kompositionen sind eine Augenweide; die Musik – passenderweise immer ein paar Dezibel zu laut – setzt sich zusammen aus G. V. Prakash Kumars Score und dem von Sneha Khanwalkar zusammengestellten Soundtrack, welcher traditionelle indische Klänge mit Bollywood-Pop vermischt. 155 Minuten sind vorbei und bislang hat sich Gangs of Wasseypur als grossartiger Film erwiesen.

★★★★★☆

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