Thursday, 7 February 2013

Zero Dark Thirty

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Mit ihrem Irakkrieg-Drama The Hurt Locker avancierte Kathryn Bigelow zur ersten weiblichen Gewinnerin des Regie-Oscars. Ihr neues Projekt, Zero Dark Thirty, ein packender Tatsachenbericht über die zehnjährige Suche nach Osama Bin Laden, ist grösser, ambitionierter und weitaus kontroverser.

Nach den islamistischen Terrorangriffen vom 11. September 2001, welche fast 3000 Menschen das Leben kosteten und Amerika traumatisierten, setzt die Regierung George W. Bushs alles daran, die Drahtzieher der Anschläge zu fassen, allen voran Osama Bin Laden, Gründer und Chef der verantwortlichen al-Qaida-Gruppierung. 2003 wird die CIA-Analystin Maya (Jessica Chastain) nach Pakistan geschickt, wo sie aktiver an der Fahndung teilnehmen soll. Dazu gehören auch Verhöre von Gefangenen mit folterähnlichen Methoden. Während ihre Kollegen nach und nach die Hoffnung verlieren, den Terrorfürsten je ausfindig zu machen, und sich darum bemühen, weitere Anschläge zu verhindern, verfolgt Maya die Spur eines geheimnisvollen Kuriers, der direkten Kontakt zu Bin Laden pflegen soll.

Zero Dark Thirty scheint auf den ersten Blick ein grosses Problem zu haben: Jeder Zuschauer kennt das Ende. In der Nacht zum 2. Mai 2011 stürmten amerikanische Soldaten ein befestigtes Anwesen in der reichen pakistanischen Stadt Abbottabad und töteten Bin Laden. Tatsächlich fehlte der Rohfassung von Mark Boals Drehbuch dieser Schluss. Doch nachdem Barack Obama die "Operation Neptune Spear" abgesegnet hatte, sah er sich gezwungen, die erste Fassung zu verwerfen und neu anzufangen. So ist Zero Dark Thirty – der Titel bezieht sich auf die Uhrzeit 0.30 in der militärischen Umgangssprache – nun weniger ein Film über die Kriege der USA, wie The Hurt Locker, sondern eher ein analytischer, mit journalistischer Nüchternheit vorgetragener Thriller in der Tradition von Alan J. Pakulas Watergate-Schlüsselwerk All the President's Men.

CIA-Analystin Maya (Jessica Chastain) verbringt zehn Jahre ihres Lebens mit der Suche nach Osama Bin Laden.
Nicht nur die Nebendarsteller, darunter gestandene Schauspieler wie Mark Duplass, Mark Strong und James Gandolfini, sondern sogar Boals Hauptfigur, modelliert nach einer realen CIA-Agentin, treten dabei oft in den Hintergrund, um der auf "Berichten aus erster Hand" basierenden Handlung Platz zu machen. Gefühlskino sieht in der Tat anders aus, doch Boal und Regisseurin Kathryn Bigelow erweisen sich erneut – The Hurt Locker war ihre erste Kollaboration – als perfekte Kombination. Er, ein ehemaliger Journalist, versteht es hervorragend, Eckdaten der praktisch aussichtslosen Bin-Laden-Schnitzeljagd zeitlich und dramaturgisch zu verbinden, während sie das ohnehin schon fesselnde Skript virtuos zu filmischem Leben erweckt. Allein die Erstürmung von Bin Ladens Festung, grandios inszeniert, fast in Echtzeit gedreht, zeigt, warum Bigelow zu den besten amerikanischen Filmemachern (geschlechtsneutral!) der Gegenwart gehört.

Dieser Ruf bewahrte sie aber nicht vor der Kontroverse, welche Zero Dark Thirty kurz nach seiner Veröffentlichung auslöste. "Faschistische" Aspekte wurden dem Film vorgeworfen; er verherrliche Folterungen. Zwar sind politische Interpretationen häufig sinnvoll und fast immer spannend; diese jedoch zielt erschreckend weit an den Tatsachen vorbei. Boal und Bigelow eröffnen ihren Film mit den erschütternden Telefonaten der Opfer von 9/11. Die erste Szene danach zeigt, wie ein gefasster Terrorsympathisant gefoltert wird. Schliesslich verrät dieser, was er weiss – als er menschenwürdig an einem Tisch sitzt und von seinem Gegenüber Essen, Trinken und Zigaretten angeboten bekommt. Der Film liefert keine Antworten, sondern wirft Fragen auf: Ist diese Information wirklich der Folter zuzuschreiben? Ist das Motiv, den Tod Unschuldiger zu rächen, den Verlust von Menschlichkeit wirklich wert? Wie hoch war der Preis der Jagd auf Osama Bin Laden? Es sind Fragen moralischen Zwielichts, die der Ambiguität des Themas würdig sind. Zusammen mit der filmischen Brillanz von Zero Dark Thirty bilden sie das Rezept zu einem Meisterwerk.

★★★★★½

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