Tuesday, 5 February 2013

The Last Stand

Dass Schauspieler in die Politik gehen, kommt vor. Dass sie in dieser Funktion Grosses erreichen, ist seltener. Kult-Actionstar Arnold Schwarzenegger ist Letzteres als Gouverneur von Kalifornien gelungen. Nun will er die Unterhaltungsindustrie zurückerobern und in seinem alten Metier wieder Fuss fassen. The Last Stand, das unstete englischspachige Debüt des koreanischen Regisseurs Kim Ji-woon, bietet ihm dafür die ideale Plattform.

Im nächtlichen Las Vegas kommandiert der hochrangige FBI-Agent Bannister (Forest Whitaker) eine streng geheime Aktion: Der Drogenbaron Cortez (Eduardo Noriega) wurde zum Tode verurteilt und soll in ein Hochsicherheitsgefängnis überführt werden. Dessen Schergen sind aber gut vorbereitet und befreien den Schwerverbrecher, der sich sogleich mit einer Geisel und einem aufgemotzten Sportwagen in Richtung Mexiko absetzt. Sein Fluchtweg führt durch das Grenzstädtchen Sommerton im Süden Arizonas, wo sich Sheriff Ray Owens (Arnold Schwarzenegger) eigentlich auf ein ruhiges Wochenende gefreut hat, da die meisten Bewohner die lokale Schulmannschaft zu einem Football-Auswärtsspiel begleiten. Doch noch vor Cortez' Eintreffen gibt es in Sommerton Tote zu beklagen. Owens und seine Assistenten beginnen, sich auf einen blutigen Kampf vorzubereiten.

Anspruch und Intention von Kim Ji-woons (The Good, the Bad, the Weird, I Saw the Devil) achter Regiearbeit richtig auszumachen, ist eine heikle Angelegenheit. An der Oberfläche ist The Last Stand ein unterhaltsamer, oft stark karikierter Actionreisser – bloss ein weiterer Eintrag in einer langen, anspruchslosen Reihe von Filmen. Das SPIEGEL-Magazin sah darin nicht mehr als eine "schlechte Tarantino-Kopie: Kopfschüsse in Grossaufnahme, Blutfontänen, dumme Sprüche". In gewisser Hinsicht lässt sich diese Auffassung nicht leugnen: Das Blut spritzt mitunter tatsächlich zu exzessiv, nur wenige von Schwarzeneggers Einzeilern treffen ins Schwarze – der wohl beste: "You make us immigrants look bad" –, der Humor erreicht stellenweise ein erschreckend tiefes Niveau; die Kindereien des Jackass-Stars Johnny Knoxville, der aus unerfindlichen Gründen mitwirkt, müssten nicht sein. Auf den ersten Blick sprechen allein Kims stilsicher inszenierte Schiessereien und die nostalgiegeschwängerte Präsenz Schwarzeneggers für den Film.

Zupackender Sheriff: Ray Owens (Arnold Schwarzenegger, links) demonstriert den richtigen Umgang mit schweren Waffen.
Doch The Last Stand verbirgt eine tiefer liegende filmhistorische Ebene, welche den Streifen sogleich um ein Vielfaches spannender macht und ähnliche Ambitionen Quentin Tarantinos mühelos in den Schatten stellt. Die Ausgangslage ist die einer archetypischen Spätwestern-Elegie: Ein letzter aufrechter Kämpfer, wahlweise mit einer loyalen Entourage von Aussenseitern, verteidigt "seine" Heimat gegen das scheinbar übermächtige Böse. Ray Owens tritt in die Fussstapfen von John T. Chance (John Wayne) aus Howard Hawks' Rio Bravo und Will Kane (Gary Cooper) aus Fred Zinnemanns High Noon. Der tollpatschige Deputy-Sheriff Mike "Figgy" Figuerola (Luis Guzmán) wird plötzlich zu einem Erben von Walter Brennans Schrotflinten-Enthusiasten Stumpy (Rio Bravo); Gabriel Cortez wird eingeführt wie Erzbösewicht Frank Miller in High Noon; Johnny Knoxvilles antiquiertes Maschinengewehr ähnelt plötzlich verdächtig jenem aus Sam Peckinpahs The Wild Bunch.

Letztlich ist Kims Film in seinem Kern ein weiterer Abgesang auf den Western, "das amerikanische Genre par exellence" (André Bazin) – qualitativ allerdings meilenweit entfernt von, aber dennoch blutsverwandt mit John Fords The Man Who Shot Liberty Valance. Am Ende liefern sich Ray Owens und Gabriel Cortez eine Autoverfolgungsjagd. Die Waffen ihrer Wahl sind zwei Chevrolets, die US-Marke schlechthin. Wie John Waynes Revolverheld Doniphon und Lee Marvins Outlaw Liberty Valance stehen sich mit den Immigranten Owens und Cortez nicht nur Pro- und Antagonist, sondern auch zwei Archetypen amerikanischer Kultur gegenüber, vielleicht sogar die Letzten ihrer Art.

Stumpys Erbe: Deputy Mike "Figgy" Figuerola (Luis Guzmán) erweist sich als wackerer Kämpfer für Recht und Ordnung.
Damit hat Kim womöglich auch die künftige Karriere des Arnold Schwarzenegger definiert. Bei dessen erstem Auftritt spielt eine Schulkapelle einen Ehrenmarsch, als ob sie den "Governator" willkommen heissen wollte – dass das Stück sich nicht an Owens richtet, ist Nebensache. Doch wohin die Handlung ihn auch führt, er bleibt ein einsames Unikat, ein Relikt aus einer vergangenen Zeit, "an unchanged man in a changing world". The Last Stand stilisiert den Ex-Gouverneur Schwarzenegger zum Realität gewordenen Westernhelden in all seiner tragischen Grösse. Wie er damit umgehen wird, wird sich weisen.

★★½

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