Wednesday, 6 February 2013

Hyde Park on Hudson

Grosse Momente der Geschichte im kleinen Rahmen auf die Leinwand zu bringen, ist im Grunde ein hehres Ziel. Dass der private Blick hinter die Kulissen der historischen Ereignisse aber nicht immer der beste Weg ist, zeigt die belanglose und blutleere Héritage-Tragikomödie Hyde Park on Hudson.

1939: Obwohl sich in Europa ein Krieg anbahnt, sind in den USA nach der Erfahrung des Ersten Weltkriegs nur wenige Menschen bereit, den verbündeten Kräften in Übersee zu helfen. Um dem US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt (Bill Murray) ein Verteidigungsbündnis abzutrotzen, reist das britische Königspaar höchstpersönlich, der stotternde König George VI (Samuel West) und Ehefrau Elizabeth (Olivia Colman), auf Roosevelts Landsitz Hyde Park im Staat New York. Dort versammeln sich in den Tagen und Wochen vor dem hohen Besuch nicht nur der Präsident, dessen Mutter (Elizabeth Wilson) und Gemahlin Eleanor (Olivia Williams), sondern auch FDRs Beraterstab, die zahlreichen Bediensteten des Hauses und Margaret "Daisy" Suckley (Laura Linney), eine entfernte Cousine Roosevelts, die zu einer Vertrauten des Präsidenten wird. Als die britische Royalität eintrifft, versinkt das Hyde Parker Anwesen im Chaos: Der König schämt sich seiner Sprachbehinderung, die Königin empört sich über Eleanors Unterhaltungsprogramm und Daisy muss feststellen, dass sie nicht die einzige "Vertraute" FDRs ist.

Zwölf Jahre lang war Franklin Delano Roosevelt Präsident der Vereinigten Staaten, er navigierte das Land durch eine verheerende Wirtschaftskrise und einen Weltkrieg und schuf die Grundvoraussetzungen für die progressive Idee des "mitfühlenden Staats". Der Demokrat gilt bis heute als einer der besten US-Präsidenten der Geschichte. Würde man sein Urteil über ihn jedoch auf Hyde Park on Hudson von Regisseur Roger Michell (Notting Hill, Venus) und Theaterautor Richard Nelson gründen, dann käme man wohl zum Schluss, FDR hätte seine Amtszeit primär damit verbracht, Martinis zu kippen und Frauen hinterher zu jagen. Doch selbst wenn dies vollumfänglich der Wahrheit entspräche, würde die Arbeit von Michell und Nelson nicht überzeugen.

Präsident Franklin D. Roosevelt (Bill Murray, Mitte) begrüsst das britische Königspaar (Olivia Colman, Samuel West).
Das Grundproblem ist die Entscheidung, Daisy Suckley zur tragenden Hauptfigur zu befördern. Der Zuschauer muss sich damit abfinden, den historischen Präsidenten durch die Augen einer verschmähten Liebhaberin zu sehen, deren Sorgen und Nöte zu keinem Zeitpunkt zu berühren vermögen. Nelson vollführt das skurrile Kunststück, spannende Zeitgeschichte in eine Quasi-Romanze voller gewisperter Sehnsuchtsdialoge zu übersetzen. Lässt der Film einmal von Daisy ab, konzentriert er sich auf die Konflikte zwischen George VI und Elizabeth oder karikiert die fortschrittlichen Visionen Eleanors. FDR ist so letztlich das Resultat von Projektionen anderer Leute, von denen besonders die Frauen von einer erstaunlichen Eindimensionalität sind: Während Daisy ihren geliebten Präsidenten oft seufzer- und tränenreich vermisst und Elizabeth sich durch stereotype britische Arroganz auszeichnet, beschränkt sich die Darstellung der zur Ikone gewordenen Eleanor Roosevelt auf das Porträt einer hinterhältigen, herrischen Spassbremse.

Schlussendlich ist man historisch wie dramaturgisch so schlau wie zuvor. Eine emotionale Verbindung konnte weder zu Roosevelt, mangels Auftritten und Charaktertiefe, noch zu Daisy, mangels Interesse an ihren Problemen, aufgebaut werden. Verschlimmert wird das Ganze durch Michells aseptische Inszenierung. Der Film ist ästhetisch ausgestattet, elegant komponiert und gediegen gefilmt; Dekor und Kostüme wirken stimmig, sind aber niemals in der Lage, Authentizität vorzutäuschen. Hyde Park on Hudson ist ein Puppenhaus, ein Museum der späten Dreissigerjahre, in dem mit viel Liebe eine Zeitperiode rekonstruiert wurde, ohne aber der richtigen Atmosphäre Rechnung zu tragen.

FDR, ganz privat: Margaret "Daisy" Suckley (Laura Linney) kommt ihm in Hyde Park näher.
Entsprechend ist es Michells Glück, eine ehrwürdige Besetzung vor seiner Kamera zu wissen. Laura Linney trotzt den engen Grenzen ihrer Figur und lässt in inspirierten Momenten die Tragweite ihres Talents erahnen, während Samuel West sich beherzt der undankbaren Aufgabe stellt, jene Rolle zu spielen, für die Colin Firth (The King's Speech) 2011 mit einem Oscar geehrt wurde. West spielt, als hätte es Firths Darbietung nie gegeben; sein George VI ist unsicherer, schüchterner und weniger königlich als sein Pendant in Tom Hoopers Film. Bill Murrays Franklin Roosevelt steht indes für die grösste Tragödie, die sich in Hyde Park on Hudson abzeichnet. Murray erweist sich einmal mehr als ein Schauspieler mit einem verblüffend breiten Rollenspektrum, als jemand, der sowohl zur Komödie (Ghostbusters, What About Bob?), als auch zum Drama (Lost in Translation, Broken Flowers, Get Low), als auch zur Selbstparodie (Zombieland) und zu Genre-Hybriden wie Groundhog Day oder Hyde Park on Hudson fähig ist. Er verkörpert FDR ohne Makeup-Exzesse, seine Darstellung ist voller Verve und Nuancen – wunderbar sein nächtlicher Dialog mit König George, die mit grossem Abstand beste Szene des Films. Murrays Performance ist eine himmelschreiende Verschwendung. Man wünschte sich, ihn in gleicher Aufmachung in einem weniger belanglosen Film zu sehen.

½

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