Saturday, 5 January 2013

The Sessions

Die Geschichte des 1999 verstorbenen amerikanischen Poeten Mark O'Brien ist eine inspirierende: Obwohl er seit seiner Polio-Erkrankung im frühen Kindesalter nur noch seinen Kopf bewegen konnte, besuchte er eine Universität und machte seinen Abschluss im kalifornischen Berkeley. Nach einer Dokumentation, die 1997 einen Oscar gewann, hat sich nun auch eine Fox-Searchlight-Produktion mit O'Brien beschäftigt. Doch The Sessions gelingt es nicht, seinem Protagonisten gerecht zu werden: zu eintönig der Fokus, zu bleiern die Inszenierung.

San Francisco, 1988: Nach seinem College-Abgang fehlt dem 38-jährigen Mark O'Brien (John Hawkes) ein festes Ziel im Leben. Zwar schreibt er nach wie vor Gedichte und lässt sich von seiner ungeliebten (Noch-)Pflegerin regelmässig zum Gottesdienst fahren, doch vor seinem Tod will er sich noch einen scheinbar unmöglichen Wunsch erfüllen: Er will seine Jungfräulichkeit verlieren. Als der neue Pfarrer (William H. Macy) dem Vorhaben des an eine eiserne Lunge gefesselten Schwerstbehinderten seinen Segen gibt, wendet sich Mark an die Sex-Therapeutin Cheryl (Helen Hunt), die ihm in sechs Sitzungen helfen soll, sein Ziel zu erreichen.

Filme über Behinderte gibt es reichlich. In Werken wie My Left Foot, Forrest Gump oder Le scaphandre et le papillon kämpfen sie, mal mit ihrer Umwelt, mal mit sich selber, um Unabhängigkeit, Respekt oder die Chance, sich entfalten zu dürfen. Der Weg ist steinig, doch am Ende wartet entweder der Triumph oder immerhin die Genugtuung, sein Bestes gegeben zu haben. Das Publikum lernt indes die Schwierigkeiten kennen, mit denen sich Menschen wie Christy Brown, Forrest Gump oder Jean-Dominique Bauby täglich auseinandersetzen müssen. Ben Lewins The Sessions jedoch vermag weder Faszination für Marks ungewöhnlichen Plan zu wecken noch dem Zuschauer vor Augen zu führen, wie der reale O'Brien wohl mit seiner Situation umgegangen ist.

Ans Bett gefesselt: der gelähmte Mark O'Brien (John Hawkes).
Das grundsätzliche Problem ist hierbei Lewins Dramaturgie; seine Handlung leidet an akutem Scheuklappenblick: Im Mittelpunkt der Geschichte steht nicht etwa O'Briens Schaffen oder seine Strategien, die ihn plagende Langeweile zu überwinden. Nein, The Sessions hält sich sklavisch an einen einzigen von der Hauptfigur verfassten Artikel – "On Seeing a Sex Surrogate", erschienen 1990 im Magazin The Sun – und beschränkt sein Porträt O'Briens auf dessen Treffen mit Cheryl und die darauffolgenden Beichtgänge bei Pater Brendan. Sex ist der Dreh- und Angelpunkt des Films, was sich auf Dauer als enorm ermüdend erweist – eben weil sich Lewin über andere Aspekte von Marks Leben praktisch ausschweigt.

Lewin behandelt das Thema zwar äusserst takt- und geschmackvoll, seine Figuren sind fast ausnahmslos sympathisch, die meisten der viel zu zaghaft eingesetzten Witze verfehlen ihren Zweck nicht und selbst die Schauspieler, vorab der abgeklärt-lakonische 68er-Pfarrer William H. Macy und die subtile Helen Hunt, überzeugen – wenngleich John Hawkes mit seiner Darbietung, einer besseren Sean-Penn-Imitation, schamlos die Aufmerksamkeit der Academy zu erhaschen versucht. Ohne die emotionalen Anbindungen ist The Sessions aber leider nicht viel mehr als eine Aneinanderreihung von gleichförmigen Episoden: Ein sich den Kopf zerbrechender Mark wird zur nächsten Sitzung gefahren, wo er kleine Fortschritte erzielt; danach tauscht er sich mit Brendan aus, während Cheryl ihren Bericht in ihr Tonbandgerät spricht.

Sex-Therapeutin Cheryl (Helen Hunt) kümmert sich um Mark.
Therapierter und Therapeutin mögen sich beide mehrfach nackt ausziehen; fremd bleiben sie einem aber trotzdem. Selten hat ein Film einen kleinen Subplot nötiger gehabt, doch Lewin lässt sämtliche Ansätze unterwentwickelt und unerfüllt: Marks neue Pflegerin, die sich mit einem Hotel-Receptionisten anzufreunden scheint, bleibt ebenso skizzenhaft wie die Beziehung zwischen Cheryl und ihrem Sohn, der sie konsequent beim Vornamen nennt, oder die Geschichte hinter Marks sporadisch auftauchender Katze.

Körperlich benachteiligte Menschen sind gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft, für die auch die Sexualität kein Tabu sein darf. Mark O'Brien widmete einen grossen Teil seiner letzten Lebensjahre der Aufgabe, diese einfache Tatsache einer breiten Öffentlichkeit nahe zu bringen. Ben Lewin hat hehre Absichten und bemüht sich redlich, dieses Erbe zu ehren, versagt aber letztendlich auf inhaltlicher wie filmischer Ebene. The Sessions ist ein emotional distanzierter Film, der primär von der Sympathie seiner Figuren zehrt, der aber dramaturgisch am besten mit O'Briens Zustand zu vergleichen ist: Er liegt da und kann sich nicht bewegen.

★★★

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