Sunday, 6 January 2013

End of Watch

Gesichtsloses Kanonenfutter, bürokratischer Klotz am Bein des einsamen Helden, korrupte Opportunisten – die organisierte Polizei fristet im Kino ein zweifelhaftes Dasein. In seinem neuen Film, dem packenden Thriller End of Watch, widersetzt sich Actionexperte David Ayer der Konvention und zeigt im halbdokumentarischen, weitestgehend plotlosen Stil den Alltag zweier Streifenpolizisten.

Taylor (Jake Gyllenhaal) und Zavala (Michael Peña) sind beste Freunde und patrouillieren gemeinsam die Strassen von South Central L.A. Im Rahmen eines Projekts beschliesst Taylor, seinen Polizeialltag ab sofort auf Film zu bannen – sehr zum Missfallen von Kollegen und Vorgesetzten. Dabei fängt er nicht nur Einsatzbesprechungen, Neckereien unter Kameraden und kostbare Momente mit seiner Freundin Janet (Anna Kendrick) ein, sondern auch die unschönen Seiten seines Berufs: zerrüttete Familien tief unter der Armutsgrenze, Drogen- und Menschenhandel, blutige Bandenkriege.

Der South-Central-Distrikt in der kalifornischen Metropole Los Angeles gehört spätestens seit den verheerenden L.A. Riots im Frühling 1992 zu den berüchtigtsten Stadtbezirken in den Vereinigten Staaten. Die Schwarzen stellen seit Jahrzehnten die Mehrheit, es ist der Geburtsort zahlloser Rapper und der Schauplatz des Kultstreifens Boyz n the Hood. Doch mexikanische Immigranten machen den Afroamerikanern seit geraumer Zeit das Territorium streitig – "There used to be chicken stands on every corner, now it's taco stands!" –; der Schmelztiegel bereitet den Behörden dauerhaft Kopfzerbrechen; den xenophoben Verfechtern der "Mexifornia"-Theorie ist er ein Dorn im Auge. Banden und Kartelle bestimmen das Geschehen, die LAPD hat einen schweren Stand. David Ayer, der Autor von Filmen wie Training Day oder The Fast and the Furious, stammt selber aus South Central und inszeniert die Arbeit Taylors und Zavalas als undankbare, aber notwendige – und durchaus noble – Sisyphusaufgabe.

Auf Streife: Fahrt durch South Central Los Angeles.
Das Klischee vom stolzen Gesetzeshüter, "deinem Freund und Helfer", der sich am Ende seiner Schicht, dem "end of watch", sicher sein kann, seinen Teil zum Gemeinwohl beigetragen zu haben, wird allerdings recht schnell zerschlagen. Die typischen Slogans sind schale Plattitüden geworden, die Frage "Have you made a difference today?" wirkt nur mit spöttischem Unterton überzeugend. Ein Held ist man nur in den Augen der anderen; privat wird man dafür gescholten, sein Leben für wildfremde Kinder aufs Spiel gesetzt zu haben. Im Anfangsmonolog, gesprochen über eine an die TV-Serie COPS erinnernde Verfolgungsjagd, die in eine tödlichen Schiesserei mündet, stellt Taylor klar, wie inkompatibel Polizeiarbeit und Realität eigentlich sind: Wir sind die Guten, ihr seid die Bösen. Brichst du das Gesetz, verhafte ich dich – selbst wenn ich dem Gesetz nicht zustimme. Und doch sind die Männer und Frauen in Dunkelblau notwendig.

Dem Zuschauer wird diese Realität mit einer dynamischen Mischung aus "Found Footage"-Ästhetik, gewonnen aus kleinen Linsen an den Brusttaschen der beiden Protagonisten, und Roman Vasyanovs konventioneller Kameraarbeit vorgeführt. Ayer vermengt radikales Cinéma vérité mit weitläufigen Panoramaaufnahmen und intensiven Nahaufnahmen – alles in stimmigem Sepia-Ton –, verzichtet aber, anders als etwa Oliver Stone in Natural Born Killers, auf effekthascherische Wechsel von Format und Bilqualität und unnötig verwackelte Einstellungen. Die Gefahr, der die beiden Hauptfiguren – und Abertausender von realen Polizisten – täglich aufs Neue ausgesetzt sind, wirkt damit real und unmittelbar; sehr bald wird man auch selbst ein wenig paranoid. South Central ist ein Kastenteufel: Während sich im Haus einer verzweifelten Mutter ein gewaltbereiter Scherge aus der Drogenszene verstecken und hinter einer Tür ein Gewehrlauf warten kann, Kollegen die Augen ausgestochen und sie bis zur Unkenntlichkeit verprügelt werden und selbst Verkehrskontrollen mit gezückter Waffe stattfinden, endet die Quasi-Razzia einer Bandenparty nicht mit Gewalt, sondern nur mit der höflichen, aber bestimmten Bitte, die Musik etwas leiser zu drehen.

Feldarbeit: Die Wachtmeister Zavala (Michael Peña, links) und Taylor (Jake Gyllenhaal) patrouillieren zu Fuss.
Doch End of Watch als Mockumentary zu bezeichnen, wäre bei aller angestrebter Realitätsnähe ein Fehlschluss. Ayer macht keinen Hehl aus der Künstlichkeit seines Projekts; schon der erste Satz, der auf der Leinwand zu lesen ist, unterstreicht dies: "Once upon a time in South Central Los Angeles...", steht da geschrieben. Dass der Film dennoch dokumentarisch anmutet, zeigt, welchen Eindruck er macht, wie tief er berührt. Dazu tragen auch die Darsteller Jake Gyllenhaal und Michael Peña mit ihrem naturalistischen Schauspiel massgeblich bei. Zavala und Taylor sind offenkundig nicht Polizisten geworden, weil es ihr Traum war, mit Waffen zu spielen; vielmehr ist es ein krisenfester Job, der keine College-Ausbildung voraussetzt. Beide wünschen sich ein anderes, sichereres Leben und bringen ihre Arbeitstage in Uniform hinter sich, indem sie miteinander witzeln, lachen und flachsen. Gyllenhaal und Peña meistern diese Figuren so souverän, dass man vergisst, dass es sich bei ihnen um blosse Platzhalter für die echten Wachtmeister der LAPD handelt.

End of Watch ist ein weiterer Beleg für das Comeback des in der Wirklichkeit verankerten Action- und Thrillergenres. Wie schon Nicolas Winding Refns Drive rücken Schiessereien und Autoverfolgungen in den Hintergrund, um echten menschlichen Emotionen und cineastischer Vision Platz zu machen. Ein Propagandavideo für die Polizei sieht anders aus; Gewalt aus der Ego-Shooter-Perspektive ist in der Realität weder lustig noch ehrenvoll, sondern blutig und erschütternd. Und doch zieht Ayer seinen Hut vor dem Gewerbe: Menschen wie Brian Taylor und Mike Zavala zeigen grossen Mut und haben es nicht verdient, im Kino zu belanglosen Nebenrollen degradiert zu werden.

★★★★★

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