Friday, 4 February 2011

Black Swan

Ungewöhnliche Methoden: Regisseur Thomas (Vincent Cassel) versucht, Tänzerin Nina (Natalie Portman) dazu zu bringen, ihre dunkle, unkontrollierte Seite zu entdecken, um die Rolle des schwarzen Schwans in "Schwanensee" überzeugend zu tanzen.

5 Sterne

Ballett und Psychothriller. Man lasse sich diese Paarung einmal auf der Zunge zergehen. Was wie eine unmögliche Kreuzung klingt, vermochte Regisseur Darren Aronofsky (Requiem for a Dream, The Wrestler) auf faszinierende Weise filmisch zu realisieren. In Black Swan entführt er uns in die Welt einer Profi-Ballerina, die an ihrer Doppelrolle in "Schwanensee" zerbricht. Der Film ist ein hochklassig stilisiertes cineastisches Experiment, das den Zuschauer mit seiner überwältigenden Bildsprache, seinen grandiosen Darstellern, seiner Spannung, die Erinnerungen an Meister wie Stanley Kubrick oder Alfred Hitchcock wach werden lässt, und seiner schonungslosen erotischen Kraft das Staunen und Fürchten lehrt. Und doch ist er nicht perfekt. Aber vielleicht ist Black Swan gerade deshalb ein in jeder Hinsicht wunderschöner Film, der eine derartige Faszination ausübt, dass man ihn nicht enden sehen will.

Die Voraussetzungen für Black Swan scheinen kaum vielversprechend: Ballett ist nun wahrlich kein Thema, das die Massen anzusprechen vermag. Entsprechend ist es auch schwierig, sich mit Charakteren, deren Leben dem Tanz gewidmet ist, zu identifizieren. Tatsächlich hat man Mühe, sich emotional an die Haupfigur Nina zu binden. Ihr zwanghafter Drang nach Perfektion ist anfänglich schwer nachvollziehbar. Doch Natalie Portman hilft einem mehr als nur darüber hinweg. Portman, Favoritin für den Hauptrollen-Oscar, liefert eine Performance ab, an die man noch in kommenden Jahren zurückdenken wird, über deren Genialität man noch lange sprechen wird. Obwohl sie schon seit ihrer ersten grossen Rolle - als 13-Jährige in Luc Bessons Léon - zu den besten jungen Schauspielerinnen Hollywoods gehört, blieben ihr die ganz grossen Preise bisher verwehrt, abgesehen von einem gewonnenen Golden Globe und einer Oscar-Nomination (beide für Closer). Black Swan müsste ihr nun eigentlich einen hoch verdienten Academy Award bescheren. Ihre Darstellung Ninas ist von einer Urgewalt, die man im Kino nur selten miterleben darf, und dabei frei von jeglichem Overacting. Jede Bewegung und jeder Gesichtsausdruck hat Subtext und wenn sie tanzt, dann strahlt sie ein unglaubliches Feuer aus. Kein Wunder, dass Portman als Kind selber Ballett tanzte, denn sonst wäre sie wohl kaum in der Lage gewesen, grösstenteils auf Doubles zu verzichten und sich so grazil und energisch zu bewegen. Und wenn sich Nina schliesslich komplett in ihrer Rolle verliert und den Tanz ihres Lebens abliefert, bleibt einem der Atem weg - eine Performance für die Ewigkeit.

Es wäre nun gut möglich, dass Nebendarsteller von Natalie Portman von der Leinwand gefegt würden. Aber das ist glücklicherweise nicht der Fall, da alle Schauspieler ideal gecastet sind. So brilliert Vincent Cassel als Regisseur Thomas, der Nina dazu drängt, sich gehen zu lassen, um so den schwarzen Schwan in sich zu entdecken. Thomas ist der Inbegriff des Inszenators zwischen Genie und Wahnsinn, der seinen Tänzerinnen mit ebenso fragwürdigen wie wirksamen Methoden zu der Leistung drängt, die ihm vorschwebt. Cassel verkörpert diesen ambivalenten Charakter mit der ihm eigenen Art von Zynismus. Auch Mila Kunis überzeugt, obwohl sie dem Rest des Ensembles in Sachen schauspielerischer Klasse rein theoretisch unterlegen ist. Doch für die Rolle von Ninas intriganter und gespielt freundlicher Gegenspielerin Lily ist sie bestens geeignet. Kunis mag keine vielseitige Schauspielerin sein, doch in den richtigen Rollen weiss sie durchaus zu glänzen - so wie hier. Die dritte sehr gute Darstellerin im Bunde ist Barbara Hershey als Erica, Ninas Mutter. Hershey verleiht der sattsam bekannten Figur der Mutter, die durch ihr Kind zu leben versucht, eine spannende neue Dimension. Ihre Erica ist eine dreidimensionale Figur, der man trotz ihrer an Tyrannei grenzenden Überfürsorglichkeit und Bevormundung die Liebe zu ihrer Tochter anmerkt. Und schlussendlich ist in der kleinen Rolle des "Sterbenden Schwans", der abtretenden Primaballerina, Winona Ryder zu sehen, in deren zwei Szenen man sich unweigerlich an Gloria Swansons Norma Desmond in Billy Wilders Sunset Boulevard erinnert fühlt.

Die Geschichte von Black Swan lehnt sich zu einem gewissen Grad an "Schwanensee" an. Dies wird von den Drehbuchautoren Mark Heyman, Andres Heinz und John McLaughlin sehr geschickt eingefädelt und vorangetrieben, wird jedoch mehrmals, vor allem während des ersten Akts, durch etwas allzu offensichtliche Symbolik ihrer Raffinesse beraubt. Man könnte dies nun auf Darren Aronofskys (möglicherweise berechtigtes) mangelndes Vertrauen ins durchschnittliche Popcornkino-Publikum oder auf den Hitchcock'schen Einfluss zurückführen. So oder so fühlt sich der Film während der Exposition manchmal so an, als ob er für einen das Mitdenken übernehmen würde. Doch im weiteren Verlauf werden Bildsprache und Symbolismus flüssiger und subtiler und die fortschreitende innere und äussere Verwandlung Ninas immer eleganter angedeutet. Portmans geniale Darstellung von Ninas innerer Unruhe, ihrer wachsenden Paranoia und ihrem Versinken im Wahnsinn wird durch Aronofskys Regie und die technischen Aspekte von Black Swan hervorragend ergänzt. Es wird eine enorm dichte Atmosphäre der Unruhe und der Verfolgungsangst konstruiert, gespickt mit stellenweise verstörenden Wahnvorstellungen von Nina. Unterstützt wird das unheimliche Ambiente von wunderbar unaufdringlichen und kunstvollen Spezialeffekten, die an vergleichbare Werke von David Cronenberg - etwa The Fly - angelehnt zu sein scheinen. Auch die verdientermassen oscarnominierte Kameraarbeit von Matthew Libatique trägt das Ihre zur stimmigen Milieu-Atmosphäre bei. Libatique hat die Tänze aufregend eingefangen; er spielt effektiv mit Licht und Schatten und er weiss sich den kalten Backstage-Bereich des Theaters zu Nutzen zu machen, indem er ihn beinahe schwarz-weiss erscheinen lässt. Und schliesslich soll auch noch besonderes Augenmerk auf Andrew Weisblums Schnitt gelegt werden, da seine Editierkünste so manch schaurigem Moment den letzten Schliff geben.

Alles in allem ist Black Swan, was Filmmaking und Filmsprache angeht, ein quasi fehlerfreier Film, dem bei den Oscars ein Triumph in den Kategorien "Bester Film" und "Beste Regie" - obwohl eher unwahrscheinlich - zu gönnen wäre. Black Swan ist ein schrecklich schöner Film, der dem etwas in der Versenkung verschwundenen Genre des Psychothrillers neuen Auftrieb verleiht.

Darren Aronofsky scheint seinen Stil gefunden zu haben. Nach The Wrestler hat er erneut einen Film gemacht, der nicht auf einer effekthascherischen, verquer erzählten Geschichte basiert, sondern auf fesselnde Art und Weise den Niedergang und tragischen Wiederaufstieg seiner Hauptfigur beschreibt. Black Swan mag, wie auch The Wrestler, ein unvollkommenes Stück Filmkunst sein, welches aber mit seinen Tugenden nicht nur zu bestechen, sondern sogar zu überwältigen vermag. Letztendlich ist Black Swan eine grossartige filmische Etüde im Stile von Klassikern wie Vertigo oder Eyes Wide Shut, getragen von einer fantastischen Natalie Portman.

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