Tuesday, 21 July 2009

Der Knochenmann

Eine Person aus diesem Trio (v.l.: Gitti (Birgit Minichmayr), Löschenkohl Senior (Josef Bierbichler) und Brenner (Josef Hader)) wurde zum Kannibalen gemacht. Doch das ist erst die Spitze des Eisbergs. Na dann, Mahlzeit!

5.5 Sterne

"Drei Quadratmeter Frühlingswiese bieten oft mehr als fünf Jahre deutscher Film." hat der österreichische Allrounder André Heller einmal gesagt. Zwar befinden wir uns mittlerweile in einer Zeit, wo sich der deutsche Film langsam aus dem Sumpf der Geschmacklosigkeit erhebt und eher die schweizerische Filmindustrie mit Qualitätsproblemen zu kämpfen hat, doch im Vergleich mit den Österreichern hinken beide Länder filmisch hoffnungslos hinterher. Letztes Jahr begeisterten uns unsere östlichen Nachbarn mit der schwarzen Psychothrillerkomödie Immer nie am Meer, dieses Jahr liefern sie uns eine weitere Verfilmung eines Krimis von Wolf Haas. Auf der Leinwand hatte der gescheiterte Detektiv Simon Brenner bereits zwei Fälle - Komm, süsser Tod (2000) und Silentium (2004) - zu lösen, jetzt verschlägt es ihn in Der Knochenmann in die tiefste Provinz, wo es aber lebendiger zugeht als ihm lieb ist.

In Deutschland schockiert die Darstellung roher Jugendgewalt die Massen, in der Schweiz sorgen nackte Frauen und lüsterne Grafen für filmische Skandale und in Österreich wird munter gemordet und es kräht kein Hahn danach. Man stelle sich vor, ein Schweizer Regisseur dirigierte eine Szene, in der jemand mit einer kaputten Flasche abgestochen wird und die Leiche anschliessend ziemlich despektierlich die Treppe runtergeworfen wird, um sie durch den Fleischwolf zu jagen. Sämtliche staatliche Hilfe würde ihm entzogen, ihm würde Geschmacklosigkeit vorgeworfen und er hätte Heerscharen von Jugendschützern am Hals. In Wolfgang Murnbergers Film Der Knochenmann gibt es nicht nur diese Szene, sondern auch weitere, vergleichbar appetitliche Dinge zu bestaunen. Und es hört nicht bei der rohen Gewalt, die mehrfach angewendet wird, auf - oh nein! Das Drehbuch, verfasst von Regisseur Murnberger, Vorlagenautor Wolf Haas und Hauptdarsteller Josef Hader, ist voll von morbiden Sprüchen und Darstellungen und relativ derben Zoten. Aber nicht einmal wirkt der gut zweistündige Film geschmacklos oder gar unwürdig. Auch ist es offensichtlich, dass niemand mit voller Absicht einen Skandal provozieren wollte - der zynische Erzählton ergibt sich ganz von selbst und ist der Geschichte durchaus dienlich. Auch lässt sich sehr schnell feststellen, ob man den Streifen mag oder nicht. Wer schon beim Anfangsmonolog die Nase rümpft, ist definitiv im falschen Film, wer sich aber über die schlichte Absurdität des Gesagten freut, der hat sich selber mit dem Kauf des Kinotickets etwas Gutes getan. Sinnlos, die besten Linien aus Der Knochenmann zitieren zu wollen - es sind schlichtweg zu viele. Man muss sich auf die Story und die Akteure beschränken, um etwas Vernünftiges darüber erzählen zu wollen.

Die Geschichte von Der Knochenmann, die sich in einigen wesentlichen Punkten vom Buch unterscheidet, ist im typischen Wolf-Haas-Stil angelegt: In einem vermeintlichen Hort der Unschuld - so wie in Komm, süsser Tod die Ambulanz und in Silentium die Kirche - liegt viel Schuld begraben. Der Hort der Unschuld ist diesmal ein kleines Wirtshaus im österreichischen Niemandsland nahe der slowakischen Grenze, die Schuld kommt erst durch zwei Irrtümer, die hier natürlich nicht verraten werden, ins Rollen. Soviel sei aber schon gesagt: Es darf gelacht werden - es sei denn, man verschluckt sich an den morbid-zynischen Vorgängen auf der Leinwand. Dass ein russischer Gangster, von Haus aus Frauenhändler und Zuhälter, mit dem Rollstuhl über einen verschneiten Pass fahren will und sein Autostoppversuch an seiner Nationalität ("I glaub, des is a Russ!" - "Fahr weita!") und sein Carjack-Versuch an der Tatsache, dass es sich dabei um ein Polizeiauto handelt, scheitert, ist noch etwas vom harmloseren Humor, der in Der Knochenmann zelebriert wird. Auch das Phlegma, welches fast schon Langeweile ausstrahlt, mit dem die Morde angegangen werden, ist durchaus einen diebischen Schmunzler wert. Doch auch das menschliche Interesse kommt in Murnbergers Film nicht zu kurz. Dass sich Brenner Hals über Kopf in eine Angestellte des Wirtshauses verliebt, ist ebenfalls Grundlage für einige herrliche Szenen. Leider verliert der Film ungefähr in der Mitte kurzzeitig an Fahrt, was einem zwar Zwerchfellentspannung verschafft, aber doch beklagenswert ist. Glücklicherweise dauert dieser Hänger nicht allzu lange, sodass man den Kinosaal mit einem zufriedenen Grinsen verlassen kann.

Doch es ist nicht nur das Drehbuch, welches Der Knochenmann zu einem hervorragenden Filmvergnügen macht. Jeder einzelne Schauspieler blüht in seiner Rolle richtiggehend auf. Kabarettist Josef Hader brilliert als ironischer Brenner, Josef Bierbichler meistert seine Aufgabe, eine höchst ambivalente Figur zu spielen, makellos, Birgit Minichmayr erscheint einem sehr sympathisch und Stipe Erceg begeistert als vom Pech verfolgter Mafioso. Die beste kleine Rolle hat sich einmal mehr Simon Schwarz als Berti, der langjährige Kumpel von Brenner, gesichert, der die wunderbare Linie "Brenner, ich bin menschlich enttäuscht von dir!" von sich geben darf.

In Der Knochenmann wird filmischer Minimalismus ins Extreme getrieben. Eine spannende Story voller überraschender Wendungen und morbider Szenen, exzellente Dialoge und ein Traumcast genügen, um den Kinogänger zu befriedigen. Grosse Spezialeffekte überflüssig. Da wird die stimmige Kameraführung von Peter von Haller fast zur Nebensache degradiert.

Der Knochenmann dürfte die Freunde des abseitigen Humors vollends zufriedenstellen. Wer Lust auf einen österreichischen Krimi der Extraklasse, in welchem Transvestiten, Frauenhändler, unfreiwillige Kannibalen, kaltblütige Mörder, Liebe und an den Fusssehnen aufgehängte Männer (während einige Meter weiter oben "Live Is Life" gesungen wird) vorkommen, hat, der darf Wolfgang Murnbergers neuen Film auf keinen Fall verpassen. Nicht zuletzt, weil die Winterlandschaft im ostösterreichischen Hinterland einen angenehmen Kontrast zum sich nun einstellenden Sommerwetter bildet.

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