Saturday, 31 January 2009

Slumdog Millionaire

Auf dem heissen Stuhl: Der ehemalige Slumdog und jetztige Chai-Wallah (Tee-Servierer) Jamal (Dev Patel, links)
beeidnruckt auch den Morderator von Who Wants to Be a Millionaire? (Anil Kapoor).

5 Sterne

Er hat wieder zugeschlagen! Danny Boyle, gefeierter Macher von Filmen wie Trainspotting oder 28 Days Later, hat sich wieder hinter eine Kamera gesetzt. Doch will man ihm nach dem pekuniären sowie qualitativen Flop Sunshine das Vetrauen wirklich noch einmal schenken? Nun, Sunshine war das, was passiert, wenn man einem geizigen Schotten - oder in Boyles Fall Mancunian - zu viel Geld gibt - er dreht durch. Slumdog Millionaire entsteht, wenn man einen derartigen Regisseur nach Indien versetzt - er dreht ebenfalls durch, aber auf eine höchst angenehme Weise.

Slumdog Millionaire
erzählt eine sorgsam konstruierte Geschichte, die zwar gewöhnlich anmutet, in ihrer Form aber durch und durch neu ist. Der Film spielt auf drei Hauptzeitebenen und springt auf verschiedenste Weise von der einen in die nächste. Die äusserste Rahmenhandlung spielt auf einem Polizeirevier in Mumbai, wo sich der Hauptdarsteller und einige Polizisten die Aufzeichnung von Who Wants to Be a Millionaire? vom Vorabend - die zweite Ebene - ansehen. Die Polizisten verhören die Hauptfigur, wieso er all die Antworten wusste, was darin mündet, dass dieser ihnen seine Lebensgeschichte erzählt. Kompliziert? Keineswegs. Die Übergänge sind mühelos nachvollziehbar und verleihen dem Film auch die nötige Spannung - auch wenn das Ende im Prinzip auf der Hand liegt. Drehbuchautor Simon Beaufoy, bekannt dank seinem Skript zum Komödienhit The Full Monty, stützt sich hier auf Vikas Swarups Roman Q and A, hält sich aber nur sehr locker daran. Sein Skript zeichnet sich vor allem durch eine eindrückliche Geschichte, einen interessanten Nebenplot und auch genügend Humor aus. Auch die gelungenen Tempowechsel von rasant zu gemächlich, die wohl auch ein Stück weit den Regisseuren Danny Boyle und Loveleen Tandan zu verdanken sind, machen Slumdog Millionaire zu einem angenehmen Filmerlebnis. Einzig die etwas hastige Erklärung, wie Jamal in die Sendung kam, könnte als Stolperstein genannt werden, aber solange man es begreift, kann man sich auch nicht zu stark darüber aufhalten.

Schauspielerisch weiss man nicht, was man bemängeln sollte. Natürlich wird Freida Pinto als Latika in manchen Szenen etwas gar klischiert dargestellt, aber trotzdem spielen sie und ihr Schauspielpartner Dev Patel hervorragend. Übertroffen wird das Duo eigentlich nur noch von den Kindern, die hier für einmal als Mehrwert anzusehen sind. Besonders Ayush Mahesh Khedekar als junger Jamal und Azharuddin Mohammed als junger Salim, Jamals Bruder, erstaunen den Zuschauer mit ihrem ganzen Talent. Erwähnt werden sollten auch Madhur Mittal als älterer Salim und Irrfan Khan als Polizeichef, die beide mehr als nur überzeugen. Eigentlich müsste hier der ganze Cast, der auch den Screen Actors Guild Award für "Outstanding Performance by a Cast in a Motion Picture" gewonnen hat, aufgezählt und gelobt werden, denn jeder einzelne Schauspieler verdient eine Würdigung.

Ein weiterer lobenswerter Aspekt von Slumdog Millionaire ist Anthony Dod Mantles Kameraarbeit. Er arbeitete schon bei 28 Days Later mit Danny Boyle zusammen und seine teils etwas hektischen, aber nichtsdestoweniger kunstvollen Bilder, erinnern stark an sein Engagement in The Last King of Scotland. Seine Darstellung Indiens unterscheidet sich zwar vom Indien, welches wir in The Darjeeling Limited serviert bekamen, ist aber dennoch nicht minder eindrücklich und gleichzeitig etwas fremd. Auch A.R. Rahmans Musik ist mitreissend und stimmig und vermischt traditionelle indische Klänge mit moderneren Rhythmen. Die Rechnung geht auf. Auch Leute, die sich sonst nicht allzu stark auf die Musik eines Films konzentrieren, dürften dem Score von Slumdog Millionaire einiges abgewinnen. Vor allem die Szenen, in welchen sich Bild und Musik zu einer herrlichen Einheit zusammenschliessen - besonders am Anfang des Filmes, als die Slumdogs vor der Polizei fliehen - bleiben im Gedächtnis hängen.

Eine Frage, die einigen Kritikern im Kopf herumgeistern dürfte, ist die Frage nach der Heuchelei. Schlägt Danny Boyle Profit aus der Armut der indischen Bevölkerung? Die Frage muss jeder für sich beantworten. Letztlich spricht es zwar für sich, dass beide Hauptdarsteller aus nicht allzu ärmlichen Verhältnissen kommen, doch auf der anderen Seite wird im Film die Armut sehr sorgfältig thematisiert. Überhaupt wird das ganze Leben am Rande der Gesellschaft einfühlsam inszeniert und ein Gefühl der Verlogenheit kommt nie auf. Auf die Liebesgeschichte, die in Slumdog Millionaire erzählt wird, sollte man sich ohnehin mehr konzentrieren. Dev Patel und Freida Pinto geben ein herziges Paar ab und werden geschickt in die Handlung des Geldes und der indischen Mafia eingeflochten. Die Geschichte von Jamal und Latika ist letzten Endes das, was Slumdog Millionaire zu einem wunderschönen Märchen macht. Ein Märchen, welches in manchen Punkten nicht einmal so besonders realitätsfern ist.

Man kommt fast nicht umhin, Slumdog Millionaire zu mögen. Der Film von Danny Boyle und seiner Co-Regisseurin Loveleen Tandan erzählt eine hochinteressante Geschichte und verbindet sie mit gängigen Prolemen der indischen Gesellschaft. Dass sich in dieser Story noch eine Lebens- und eine Liebesgeschichte befinden, wirkt weder überladen noch gekünstelt. Im Gegenteil, es sind diese Facetten, welche Slumdog Millionaire zu einem hinreissenden Stück Film machen. Dass das Ganze zwar spannend gemacht ist, aber doch auf dem gängigen "Work yourself up"-Prinzip beruht, wollen wir Danny Boyle verzeihen. Und das will dann doch etwas heissen!

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