Samstag, 21. Februar 2015

Whiplash

© Ascot Elite Entertainment Group

★★★★

"Yes, Whiplash is a primarily artificial construct that at times sacrifices its inner logic in order to get its parabolic point across. But it does so admirably and valiantly, with a level of accomplishment that suggests a writer-director far beyond Chazelle’s years and track record."

Ganze Kritik auf The Zurich English Student (online einsehbar).

Donnerstag, 19. Februar 2015

Inherent Vice

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat.

Kultautor Thomas Pynchon rettet Paul Thomas Anderson vor sich selber. Hat der von nicht wenigen als Genie verehrte Autorenfilmer bislang eher mit bemühend prätentiösem Kino auf sich aufmerksam gemacht, zeigt er sich in der Pynchon-Adaption Inherent Vice angenehm undogmatisch.

Es ist was faul im Hippie-Mekka Los Angeles. Der Titel dieser postmodernen Neo-Noir-Geschichte verrät es schon: Inherent Vice, "natürliche Mängel" – ein Begriff aus dem Versicherungs- und Archivierungswesen, der die fundamentale Eigenschaft aller Materialien beschreibt, irgendwann zu verderben. Fäulnis und Zerfall liegen im System selber verborgen. Wir befinden uns im Jahr 1970 und dort, wo noch kurz zuvor der Traum der freien Liebe und des auf Marihuana gründenden Weltfriedens die Nachkriegsgeneration verzauberte, gärt es inzwischen: In Vietnam tobt ein sinnloser Krieg, dem abertausende junge Amerikaner zum Opfer fallen; unter Präsident Nixon boomt der Neokonservatismus; es bilden sich nazistische Gegenreaktionen auf die Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre; die Hoffnung der Ära hat spätestens mit den Verbrechen von Charles Manson und seiner Hippie-Kommune in blanke Paranoia umgeschlagen. Der Traum ist geplatzt; was bleibt, sind Ruinen, Wracks, Desillusionierte, Verräter – Mittzwanziger, die im Drogenrausch des Summer of Love am Heroin hängen geblieben sind, Aktivisten, die von diversen Bundespolizeien als Informanten rekrutiert wurden.

Und mittendrin schlägt sich Privatdetektiv Larry "Doc" Sportello (Joaquin Phoenix) irgendwie durchs Leben. Stets den Joint im Anschlag, stolpert er in Inherent Vice in ein dicht gesponnenes Netz aus Intrigen, krummen Geschäften, Drogenschiebereien und Zahnarzt-Kartellen, in dem die Indizien schnell nicht mehr von bizarren Zufällen, roten Heringen und hanfbedingten Halluzinationen zu unterscheiden sind. Was mit einem Hilferuf seiner Ex-Freundin Shasta Fay Hepworth (Katherine Waterston) beginnt, verwandelt sich schnell in ein haarsträubendes Puzzle, in dem Doc an eine schier endlose Reihe zwielichtiger Figuren und deren Interessen gerät. LAPD-Inspektor und Möchtegern-Schauspieler "Bigfoot" Bjornsen (ein wunderbarer Josh Brolin) möchte Doc als Undercover-Agenten für seine Zwecke gewinnen; Ex-Kommunist Coy Harlingen (Owen Wilson) will sein altes Leben wieder haben; derweil Doc mit seinem Anwalt Sauncho Smilax (Benicio del Toro in einer Rolle, wie sie einst Peter Falk gespielt hätte) herauszufinden versucht, inwiefern ein Immobilienhai (Eric Roberts) in die Machenschaften der Organisation "Golden Fang" verwickelt ist.

Im Los Angeles der Manson-Paranoia versucht Privatdetektiv Doc Sportello (Joaquin Phoenix, links) einen kniffligen Fall zu lösen. LAPD-Inspektor Bjornsen (Josh Brolin) ist ihm dabei nur bedingt behilflich.
© 2014 Warner Bros. Ent.
Der immer wieder an Robert Altmans The Long Goodbye erinnernde Film, obschon keinesfalls eine sklavische Adaption, ist Pynchon in Reinform: undurchdringlich, bevölkert von grotesken Figuren mit noch groteskeren Namen, ein Musterbeispiel für die Grundidee des amerikanischen Literatur-Postmodernismus, dass Wahrheit subjektiv und echte Realitätserkennung nicht selten ein Ding der Unmöglichkeit ist. Zu sehen, wie Anderson, welcher allein für das hervorragende Drehbuch zeichnet, die Vision eines anderen auf die Leinwand bannt, ist nach den bleiernen There Will Be Blood und The Master eine wahre Wohltat; der abseitige Humor Pynchons ein willkommener Ersatz für die erzwungene Ernsthaftigkeit, mit der Anderson normalerweise operiert. So fällt es auch leichter, sich an seinen unbestrittenen filmhandwerklichen Qualitäten zu erfreuen – seinem Auge fürs Detail, seinem Sinn für Zeitkolorit. Trotz aller ironisch-satirischen Verfremdung ist das L.A. des Hippie-Hangovers in Inherent Vice, dank authentischer Dialoge, vorzüglicher Mise en scène und Robert Elswits zeitgemässer Kameraarbeit, ein Ort voller Leben und Charakter, in dessen skurrilen Endzeit-Wahnsinn man nur zu gerne zweieinhalb Stunden lang versinkt.

★★★★

Donnerstag, 12. Februar 2015

Jupiter Ascending

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat.

Ein Platz in der Filmhistorie ist Andy und Lana Wachowski dank ihres bahnbrechenden Cyberpunk-Meilensteins The Matrix sicher. Seit dessen Erscheinen 1999 hat das Geschwisterpaar jedoch kaum mehr zwingende Gründe geliefert, sich ihrer zu erinnern. Aktuellstes Beispiel: Jupiter Ascending.

Nebendarsteller Douglas Booth lag mit seiner vermutlich ehrerbietig gemeinten Aussage, die neueste Regiearbeit der Wachowskis sei eine Mischung aus The Matrix und Star Wars, gar nicht weit daneben. Statt der ich-bewussten Maschinen, welche im (unvorteilhaft gealterten) ersten Teil der Matrix-Trilogie die Erde als eine Art Farm zur Sicherung der eigenen Energie unterhalten, ist es hier das Alien-Adelsgeschlecht Abrasax (Booth sowie Eddie Redmayne und Tuppence Middleton), das seine extreme Langlebigkeit dem "Ernten" bewohnter Planeten verdankt – eine Ähnlichkeit, welche näher am Selbstplagiat als an Motiv-Kontinuität liegt. Die Parallelen zu George Lucas' Weltraum-Oper sind indes nicht etwa in detailreichen ausserirdischen Welten oder spektakulären Effekten zu finden, sondern beschränken sich auf Anleihen der bemühendsten Elemente der ohnehin überwiegend missratenen Star Wars-Prequels. Kreiste Episode I: The Phantom Menace dramaturgisch um nebulöse intergalaktische Handelsabkommen, spielen sich in Jupiter Ascending fürchterlich überhastet erklärte Erbfolge-Querelen und undurchsichtige Machenschaften mit kosmischer Rendite ab.

Als menschliche Protagonistin in diesem haarsträubenden Stück Mumpitz agiert Jupiter Jones (die manieriert spielende Mila Kunis), eine russische Einwandererin, die in Chicago ein eher unbefriedigendes Leben führt – bevor sie eines Tages vom ausserirdischen Ex-Polizisten und Kopfgeldjäger Caine (Channing Tatum in einem unerklärlichen Rückschritt nach Foxcatcher) vor einer Horde böser Aliens gerettet wird. Eine wilde Verfolgungsjagd durch die Stadt führt sie zu Caines einstigem Vorgesetzten Stinger (Sean Bean, welcher oftmals seine Linien aus Game of Thrones zu reziklieren scheint), der Jupiter eröffnet, dass sie die wichtigste Variable im Kampf zwischen den Abrasax-Geschwistern ist. Die Welt, in die sie die beiden genmutierten Retorten-Soldaten einführen, ist proppenvoll von halbherzig etablierten Mythologien, kaum je gezeigten fremden Planeten und Raumstationen sowie hirnrissigen, gleichermassen unscharf skizzierten Entstehungsgeschichten. Das Ganze könnte über einen gewissen altbackenen Charme verfügen – vergleichbar Andrew Stantons unterbewertetem John Carter –, würde die Wachowski-Farce, mit Ausnahme einiger schrecklicher Witzversuche, nicht darauf beharren, mit heiligem Ernst die zynische Kalkulation des Kapitalismus anprangern zu wollen.

Weltraum-Seifenoper: Die Erdenbewohnerin Jupiter (Mila Kunis) erfährt dank dem Soldaten Caine (Channing Tatum) von ihrer Rolle in einem intergalaktischen Konflikt.
© 2014 Warner Bros. Ent.
So aber tappen Andy und Lana (vormals Larry) Wachowski in die gleiche Falle wie in ihrer nur geringfügig besseren Romanverfilmung Cloud Atlas (2012), welche in sechs zeitlich weit auseinander liegenden, thematisch aber eng miteinander verschlungenen Geschichten mit Hilfe bedeutungsschwangerer Dialoge und lächerlich kostümierter Schauspieler so etwas wie eine philosophische Botschaft zu vermitteln versuchte. Zwischen Ambition und Endresultat klafft ein unüberwindbarer Graben; die hohen, wie in The Matrix in einer comichaften Handlung verborgenen Ansprüche zeugen angesichts des schwachsinnigen Rests eher von Selbstüberschätzung denn von satirischem Biss. (Siehe die deplatzierte, an Brazil angelehnte Bürokratie-Persiflage, welche einzig und allein dazu dient, Gaststar Terry Gilliam eine Plattform zu bieten.)

Doch auch als blosses Science-Fiction-Spektakel versagt Jupiter Ascending praktisch auf der ganzen Linie. Muss die frustrierend passive Jupiter nicht gerade in einer desorientierenden, nicht enden wollenden Knall- und Explosions-Orgie aus einer misslichen Lage befreit werden, werden grauenvoll klischierte, absolut nichts sagende Gespräche geführt, welche auch von einem irrwitizig chargierenden Eddie Redmayne – nahe an Jeremy Irons' berüchtigter Darbietung in Dungeons & Dragons – nicht gerettet werden können. 2015 mag noch keine zwei Monate alt sein, doch schon jetzt dürfte Jupiter Ascending als Favorit auf den Titel des schlechtesten Films des Jahres feststehen.

Donnerstag, 5. Februar 2015

Foxcatcher

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat.

Im auf wahren Begebenheiten beruhenden Foxcatcher erzählt Regisseur Bennett Miller nicht nur ein subtiles, unterschwellig brodelndes Charakterdrama um Ambition, Rivalität und Hybris; er findet darin auch eine beklemmende Parabel auf die Illusion des amerikanischen Traumes.

Miller ist ein Spezialist des faktenbasierten Kinos. 1998 legte er mit der Dokumentation The Cruise über einen New Yorker Fremdenführer ein gefeiertes Debüt vor. 2005 rekonstruierte er in Capote mit einem grandiosen Philip Seymour Hoffman in der Titelrolle die Entstehungsgeschichte von Truman Capotes Tatsachenbericht In Cold Blood. 2011 drehte er in Zusammenarbeit mit Aaron Sorkin, dem Autor des Facebook-Porträts The Social Network, das Sportdrama Moneyball, in dem neuartige Scouting-Methoden den amerikanischen Traditionssport schlechthin zum Sprung ins 21. Jahrhundert zwingen.

Und nun also Foxcatcher – die Geschichte der Brüder Mark (Channing Tatum) und Dave Schultz (Mark Ruffalo), welche bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles beide eine Goldmedaille im Ringen gewinnen und daraufhin vom sportbegeisterten Krösus John du Pont (Steve Carell) darum gebeten werden, sich auf seinem Anwesen, genannt "Foxcatcher", unter seiner Führung auf Olympia 1988 vorzubereiten. Dave lehnt aus familiären Gründen ab, doch der jüngere Mark erhofft sich vom Szenerie-Wechsel die Chance, endlich aus dem Schatten seines Bruders treten zu können.

Was in der Folge geschieht – Weltmeistertitel, Foxcatcher-Expansion, Wahnsinn, ein Verbrechen –, arbeitet Miller mit Hilfe eines soliden Skripts von Dan Futterman und E. Max Frye minutiös auf. Ohne grosse Gesten entwickelt Foxcatcher die sich verschiebenden Beziehungen unter den Figuren; viele Szenen leben nicht vom Dialog, sondern von aufgeladenem Schweigen. Die eindringlich aufspielenden Darsteller deuten durch Blicke, Pausen und Bewegungen Gedanken und Motivationen an, die erst viel später offenkundig werden. Gerade Steve Carell, der nach seinen Leistungen in Little Miss Sunshine und Dan in Real Life nun endgültig sein beträchtliches Talent ausserhalb des reinen Komödiengenres unter Beweis stellt, ist eine einnehmende, unheimliche Präsenz – ein vom eigenen Reichtum Geblendeter, der alles will, alles kann ("Ornithologist, philatelist, philanthropist"), alles darf und selbst in seinen grosszügigen Momenten wie ein eiskaltes, gnadenloses Raubtier wirkt.

Der steinreiche Sportfanatiker John du Pont (Steve Carell, links) nimmt Mark Schultz (Channing Tatum), Olympiasieger im Ringen, unter seine Fittiche.
© Ascot Elite Entertainment Group
Coach du Pont, der Schosshund seiner missbilligenden Mutter (Vanessa Redgrave), ist es auch, der dem Film seine sozialkritische Note verleiht. Miller, ganz der scharfsinnige Ikonoklast, erzählt hier von der Absurdität des "American Exceptionalism", von der Legende der Meritokratie Amerika, in der Athleten wie Mark oder Dave zwar dank Selbstinitiative und harter Arbeit reüssieren, letztendlich aber dennoch dem Joch des Mammons unterworfen sind – selbst während der individualistischen Reagan-Jahre. Du Pont, ja der ganze leere, tot scheinende Foxcatcher-Komplex, ist ein Überbleibsel aus der alten Welt; der Geldadel, blind gegenüber seinen eigenen Einschränkungen, beherrscht in den angeblich klassenlosen Vereinigten Staaten Politik, Kultur und Gesellschaft. Foxcatcher, obschon nicht ganz so packend wie Moneyball, ist eine zeitgemässe Dekonstruktion der US-Oligarchie, welche die eigene Allmächtigkeit der Welt als Gipfel des Patriotismus verkauft.

★★★★

Mittwoch, 4. Februar 2015

Birdman or (The Unexpected Virtue of Ignorance)

Wer sich zum Kern von Alejandro González Iñárritus Birdman vorarbeiten will, sieht sich mit einem dichten Geflecht aus Ironie, Selbstreflexivität und postmoderner Anspielungswut konfrontiert, welches das ganze Konstrukt im Grunde gegen jedwede Kritik immunisiert. Wirken gewisse Figuren geradezu grobschlächtig simpel gestrickt, lässt sich dies als beabsichtigter Kommentar auf ihre pathologische Oberflächlichkeit lesen. Möchte man sich über die streckenweise hölzern-theaterhaften Dialoge aufhalten, muss man die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass hier, wie etwa in Vanya on 42nd Street von Louis Malle oder La Vénus à la fourrure von Roman Polanski, lediglich Film und Bühne ineinander fliessen.

Doch Iñárritu lässt es nicht bei dieser Verschränkung von Theater und Kino – welche unterstrichen wird durch die digital erzeugte Illusion, Birdman sei in einer einzigen Einstellung gefilmt – bewenden: Sein Film, untermalt von Antonio Sánchez' stimmig-expressivem Schlagzeug-Score, überschreitet auch, symbolisch und buchstäblich, die Grenze zur dem Publikum vertrauten Realität. (Insofern hätte es nicht überrascht, wenn Iñárritu und Kameramann Emmanuel Lubezki auf die 3-D-Technik zurückgegriffen hätten.) Symbolisch, weil Michael Keaton – Tim Burtons Batman –, umgeben von anderen Comicverfilmungs-Veteranen wie Emma Stone (The Amazing Spider-Man) und Edward Norton (The Incredible Hulk), in die Rolle des Riggan Thomson schlüpft, eines abgehalferten Actionstars, dem um 1990 als Blockbuster-Superheld Birdman Hollywood zu Füssen lag und der sich nun am Broadway mit einer Bühnenadaption von Raymond Carvers Kurzgeschichte What We Talk About When We Talk About Love der gehobenen Kultur zuwenden möchte. Buchstäblich, weil Riggan sich wiederholt in Diskussionen mit der Birdman-Stimme in ihm verwickeln lässt, die sich schlussendlich auch direkt an den Kinozuschauer wendet und diesem eine Vorliebe für krachende Action statt "philosophisches Gefasel" ankreidet.

Der Film verfügt dank seines vielschichtigen Spiels mit erfundener und tatsächlicher Realität über einen doppelten Boden, der es ihm erlaubt, so zu wirken, als würde er alles oder nichts von dem, was er und seine Charaktere so treiben, Ernst nehmen. In weniger kompetenten Händen hätte dies schnell zu einer seelenlosen Meta-Etüde degenerieren können, einer Peer Gynt'schen Lauchzwiebel voller Schichten, aber ohne Kern. Doch der doppelte Boden hält: Birdman gelingt es, nicht zuletzt auf Grund seines erfrischend lockeren Umgangs mit dem eigenen Anspruch, einem seinen raffinierten Schwindel überzeugend als wundersamen Zaubertrick zu verkaufen, der sich, bei allem Augenzwinkern – ein angenehmer Kontrast zur leicht dogmatischen Ernsthaftigkeit eines Black Swan –, mit seriösen Themen perzeptiv auseinandersetzt.

Der einstige Actionstar Riggan Thomson (Michael Keaton) will nicht nur seine Karriere, sondern auch seine Beziehung zu seiner Tochter Sam (Emma Stone) retten.
© 2014 Twentieth Century Fox Film Corporation
So findet sich in Iñárritus Drehbuch – entstanden unter der Mitarbeit von Armando Bo, Nicolás Giacobone und Alexander Dinelaris Jr. – etwa die spannende und unumgänglich selbstreflexive Interpretation, dass Kunst an sich effektiv nichts anderes ist als ein aufwändiger Zaubertrick, der sein Publikum im Erfolgsfall in seinen Bann zu ziehen vermag und, in seltenen erlesenen Momenten, etwas über das Leben in seiner Gesamtheit zu sagen hat. Ganz der postmodernen Weltanschauung entsprechend, verlieren dabei sämtliche Distinktionen zwischen hoher und tiefer Kultur ihre Bedeutung. Für die hochnäsige Feuilleton-Kritikerin Tabitha Dickinson (Lindsay Duncan), die Riggans Stück ungesehen zu zerreissen gedenkt – der vielleicht eindimensionalste Charakter des Films –, ist dies unerträglich; für Roland Barthes, der standesgemäss von einem Interviewer zitiert wird, ist es selbstverständlich.

Kunst ist Wahrheit und Lüge zugleich: Dieser verschachtelte Widerspruch verdichtet sich in Birdman zur Figur des Mike Shiner (Norton, bisweilen auf den Spuren seiner Rolle in Fight Club), der als selbstverliebter Stanislavski-Strasberg-Darsteller nur auf der Bühne er selbst sein kann und abseits davon zu genuinen Gefühlen unfähig ist. Der Film lässt aber offen, ob es sich dabei um die grundlegende Tragik oder die narzisstische Affektiertheit seines Berufs handelt. In einer der besten Szenen wankt indes Riggan in einen Schnapsladen, während auf der Strasse hinter ihm ein Schauspieler Macbeths "Tomorrow and tomorrow and tomorrow"-Soliloquie in die Nacht hinaus schreit, in der nicht nur die vergängliche menschliche Existenz mit dem Bühnendasein eines Mimen und seiner Figur verglichen wird, sondern auch der Urheber erzählender Kunst – Gott, der Autor, der Interpret – als "fool" und "idiot" bezeichnet wird. Die Soliloquie bildet in vielerlei Hinsicht das Herzstück des Films. Sie vereint den postmodernen Zusammenbruch von Hierarchien – das hehre Leben geht Hand in Hand mit der profanen Unterhaltung –, die Beziehung zwischen Fiktion, ihrem Vermittler und dessen Realität sowie die Flüchtigkeit menschlichen Daseins in sich.

Riggans ohnehin angeschlagene Psyche wird vom narzisstischen Theatermimen Mike Shiner (Edward Norton) arg auf die Probe gestellt.
© 2014 Twentieth Century Fox Film Corporation
Letzteres ist es auch, worum sich Riggans Geschichte mit all ihren Verästelungen letztendlich dreht. Der Konflikt mit seiner Birdman-Persona, sein Versuch, das Verhältnis zu seiner Tochter (Stone), zu seiner Ex-Frau (Amy Ryan) und zu seiner Freundin und Co-Schauspielerin (Andrea Riseborough) zu retten, die Verbissenheit, mit der er und sein Anwalt (Zach Galifianakis) um das Gelingen des Carver-Projekts kämpfen – all das ist ein Ausdruck von Riggans Angst, der Welt, wenn überhaupt, nur als maskierter Hampelmann in Erinnerung zu bleiben. Zwar verweist der Film mit einem diesbezüglichen Monolog Emma Stones wohl mit zu viel Nachdruck auf diese Dimension der Erzählung, doch der Punkt verliert deswegen kaum an Überzeugungskraft.

Die häufige Erwähnung von Popkultur-Phänomenen wie Facebook, Twitter, iPhone-Journalismus, Hunger Games, Iron Man und X-Men mutet auf den ersten Blick wie plumpe Spezifität mit technophobem Anstrich an, erweist sich jedoch allmählich als gerissener Kommentar auf das Paradox, dass sich die 2010er Jahre darauf spezialisiert zu haben scheinen, alles aufzuzeichnen und gleichzeitig alles zu vergessen. Nicht wenige, wenn nicht alle, Anspielungen, und vielleicht sogar Birdman selber, werden in einigen Jahrzehnten obskure Referenzen sein – "hohes" Kulturgut für die Tabitha Dickinsons der Zukunft. Sich in diesem Klima selber unsterblich machen zu wollen, wie Riggan es verzweifelt versucht, ist ein Schrei ins Nichts. Doch Iñárritus unvollkommener, aber endlos faszinierender Film, emotional getragen von Michael Keatons grandioser, trotz aller Ironie tief empfundener Darbietung, ist es wert, dass man sich an ihn erinnert.

★★★★★

Dienstag, 3. Februar 2015

The Imitation Game

© Ascot Elite Entertainment Group

★★★

"So this is by no means a bad film. It is an accomplished narrative feature in the famously reserved British way – expertly filmed and edited, rigorously doing away with any kind of narrative frills, sporting immaculate costumes and sets. But a movie can only be so streamlined before it starts to veer towards featurelessness."

Ganze Kritik auf The Zurich English Student (online einsehbar).