Tuesday, 25 July 2017

Valerian and the City of a Thousand Planets

Das moderne Kino hat nicht viele Regisseure im Angebot, die selbstbewusster auftreten als der Franzose Luc Besson. Hat er eine Idee, dann reizt er diese aus – egal wie abgedreht, schrill und gewöhnungsbedürftig das Endresultat auch sein mag. Viele seiner Werke geben seinem Vertrauen in die eigene Kreativität Recht: Besson hat Meisterstücke wie Le grand bleu (1988), Nikita (1990) und Léon (1994) gemacht; auch bei Kultfilmen wie Subway (1985) und The Fifth Element (1997) führte er Regie.

Doch gerade im neuen Jahrtausend wurden die Fragezeichen um den massentauglicheren Seelenverwandten von Leos Carax (Les amants du Pont-Neuf, Holy Motors) immer grösser. Er drehte kritische Flops wie Angel-A (2005) und Malavita (2013). Das Aung-San-Suu-Kyi-Porträt The Lady (2011) zeigte, dass Bessons Stärken mit seriösen Biopics nicht gedient ist. Und man darf annehmen, dass künftige Retrospektiven einen Bogen um seine Arthur-Trilogie, eine Adaption der von ihm selbst verfassten Kinderbücher, machen werden.

Kurzum: Besson liebt grosse, mutige Ideen; er liebt das Spektakel; und um seine Visionen verwirklicht zu sehen, nimmt er auch kritische und kommerzielle Flops in Kauf. Das ist bewundernswert – ausser man ist Produzent. So musste Besson für sein neuestes Projekt, die Weltraumoper Valerian and the City of a Thousand Planets, die rund 200 Millionen Euro, die zum Dreh nötig waren, sowohl aus der eigenen Tasche als auch via Crowdfunding bezahlen. Damit ist die Verfilmung der französischen Comicreihe Valérian et Laureline nicht nur der teuerste europäische Film aller Zeiten, sondern auch die teuerste Independent-Produktion, die das Kino je gesehen hat. Diese Statistik sagt vielleicht mehr über den Regisseur aus als jeder Karriere-Rückblick.

Wofür das Geld ausgegeben wurde, ist unübersehbar. Valerian ist ein knallbuntes CGI-Abenteuer voller kreativer Szenarien, das unterhält, überfordert und frustriert – ein typisches Besson-Vehikel, in dem das Brillante und das Haarsträubende oft nicht weit voneinander entfernt sind.

Die intergalaktischen Valerian (Dane DeHaan) und Laureline (Cara Delevingne) ermitteln auf der Raumstation Alpha.
© Pathé Films
Hauptschauplatz ist die intergalaktische Raumstation Alpha, in der im 28. Jahrhundert Hunderte von Spezies friedlich miteinander leben. Doch im tiefsten Innern der Station befindet sich eine gefährliche, unbewohnbare Zone, die stetig grösser zu werden scheint. Was es damit auf sich hat, versuchen die Spezialagenten Valerian (Dane DeHaan) und Laureline (Cara Delevingne) aufzudecken. Dabei stossen sie auf eine Verschwörung gegen ein mysteriöses, als ausgestorben geltendes Alien-Volk.

Diese simple Prämisse wird mit zahlreichen Umwegen und erzählerischen Komplikationen auf fast 140 Minuten gestreckt. Dass sich während dieser Zeit kaum Langeweile einstellt, spricht für den Film. Trotz einer stark an Disneys Zootopia (2016) erinnernden Geschichte, einer Spezialeffekt-Ästhetik, die auf Avatar (2009) und George Lucas' Star Wars-Prequels zurückzugreifen scheint, und einem Hang zum Selbstzitat – Stichwort The Fifth Element – steckt genug Eigenes in Valerian, um durchgehend zu unterhalten.

Die mysteriösen Vorkommnisse auf Alpha scheinen mit der Zerstörung eines fernen Planeten zusammenzuhängen.
© Pathé Films
Es stellt sich allerdings streckenweise die Frage, wie gewollt dieser Unterhaltungswert denn eigentlich ist. Besson mag sich weniger ernst nehmen als die Wachowski-Schwestern in ihrem stilistisch ähnlichen Machwerk Jupiter Ascending (2015), doch es fällt bisweilen schwer, zwischen einer gelungenen Szene und amüsiertem Unglauben darüber, dass eine besonders aberwitzige Szene den Schnittprozess überstanden hat, zu unterscheiden.

Für jede gute Vignette – wie etwa die Auftritte dreier geschäftstüchtiger Aliens, die wie eine Anlehnung an Donald Ducks Neffen wirken – enthält der Film mindestens eine zwar interessante, aber unausgereifte oder gar vollkommen unnötige Szene. Welche Rolle spielt der Verteidigungsminister (Herbie Hancock) in dem Ganzen? Was ist der Hintergrund des verrückten Piraten Bob (Alain Chabat), dessen Auftritt keine fünf Minuten dauert? Und was sollte Rihanna als amorphe Gestaltwandlerin, die als Stripperin für eine Figur namens Jolly the Pimp (Ethan Hawke) arbeitet?

Luc Bessons Tick, Trick und Track.
© Pathé Films
Valerian ist insofern Besson in Reinform, als er nach wie vor Probleme damit bekundet, gute und schlechte Einfälle voneinander zu trennen – oder wenigstens schlüssig zu entwickeln. Szenen, Actionmomente und Spezies-Exposition bleiben allesamt isolierte Elemente, die wenig bis gar nichts zur grundlegenden Handlung beitragen. Das Gut-gegen-Böse-Schema, auf das der Film letztendlich hinausläuft, ist weniger organisch als obligat; die Romanze zwischen Valerian und Laureline – gespielt von masslos überforderten Darstellern – entbehrt jeglicher Chemie oder erzählerischer Rechtfertigung.

Was das Experiment schliesslich fallieren lässt, ist Bessons Unschlüssigkeit, welchen Tonfall sein Film anschlagen soll. Zugegeben: Ernstes Kino kann mitunter lustig sein – und umgekehrt. Doch Valerian weiss nicht, in welchem Verhältnis seine ironisch-komödiantische Seite zu seinen unausgegorenen politischen Untertönen und seinem verwirrten Verständnis von Liebe stehen soll. Von einem Film mit einem Jolly the Pimp ist nur selten ein fundierter Kommentar über imperialen Genozid zu erwarten. Doch es macht Spass zuzusehen, wie er es versucht.

★★

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