Thursday, 8 June 2017

La mort de Louis XIV

Hinweis: Diese Kritik geht im Detail auf die letzten Szenen des Films ein.

"L'État, c'est moi", soll der französische König Louis XIV (1638–1715) einmal gesagt haben. "Der Staat bin ich." Historisch belegt ist die Äusserung zwar nicht, doch sie wurde – gemeinsam mit Marie Antoinettes apokryphem "Qu'ils mangent de la brioche" – zum geflügelten Wort, zur gefühlten Quintessenz des dekadenten Absolutismus, gegen den sich die Franzosen, 74 Jahre und zwei Monarchen nach dem "Roi Soleil", erhoben.

Das "Zitat" ist die Vollendung der mittelalterlichen Vorstellung der zwei Königskörper: des politischen, von dem vererbbare Macht und Autorität ausgeht, und des natürlichen, von dem man weiss, dass er eines Tages sterben wird. Der eine ist, so das Ideal, ewig und konstant, der andere flüchtig und vergänglich.

2016 präsentierte der katalanische Regisseur Albert Serra (Birdsong, Story of My Death) mit La mort de Louis XIV in Cannes einen hervorragenden, eigenwilligen Film über die Schnittstelle dieser beiden Körper – am überlebensgrossen Beispiel Louis XIV. (Ein regulärer Kinostart wurde dem Film nicht gewährt, doch dank der Bemühungen der Schweizer Cinémathèque brachte er es diesen Frühling zu einigen Spezialvorführungen.)

In den drei Jahrhunderten, die seit Louis' Tod vergangen sind, hat der Sonnenkönig nichts von seinem Symbolcharakter eingebüsst. Im Gegenteil: Das Narrativ über ihn hat sich so entwickelt – eine Entwicklung, an der er selber wohl durchaus Gefallen gefunden hätte –, dass es beinahe unmöglich geworden ist, ihn sich als blossen Menschen vorzustellen. Entschieden vermenschlichende Darstellungen, wie etwa Alan Rickmans – nichtsdestoweniger majestätische – Performance in seinem eigenen A Little Chaos (2014), sind quasi von vornherein zum Scheitern verurteilt, neigen sie doch fast zwangsläufig dazu, Louis, einen megalomanischen Kriegstreiber, romantisch-melancholisch zu verklären.

Lang lebe der König: Der im Sterben liegende Louis XIV (Jean-Pierre Léaud) gibt seinem Nachfolger Ratschläge mit auf den Weg.
© Capricci
Serra hingegen verwehrt sich der Emotionalisierung der Geschichte. Das Resultat ist ein radikal reduziertes Kammerspiel, das nicht im klassischen Sinne publikumsfreundlich sein mag, sich aber auch nicht durch selbst auferlegte Sperrigkeit als "künstlerisch wertvoll" profilieren will. La mort de Louis XIV zeigt, beschränkt auf einige wenige Räume in Louis' Privatgemächern in Versailles, die letzten Tage im Leben des Roi Soleil (gespielt von Jean-Pierre Léaud) – ein schmerzhaftes, trauriges Dahinsiechen des physischen Körpers, derweil seinem politischen Äquivalent weiterhin die ihm zustehende Etikette entgegengebracht wird.

Wie es von einem Monarchen zu erwarten ist, hören wir Louis, bevor wir ihn sehen. Während der Vorspann auf einen schwarzen Hintergrund projiziert wird, quietscht und klappert es aus den Lautsprechern. Bauarbeiten in Versailles? Ein Vorbote der industriellen Revolution, während derer Dämmerung der König das Zeitliche segnete? Nein, es ist ein Rollstuhl, der von zwei Dienern durch die royalen Gärten geschoben wird. Darin sitzt zusammengesunken seine Majestät; kleine Gesten und leises Murmeln genügen, um seinen Begleitern zu bedeuten, es solle angehalten werden, sodass er die Pracht seines Geländes geniessen kann.

Die Eröffnungsszene stellt eine Verwandtschaft zwischen Serras und Léauds Louis XIV und Percy B. Shelleys Ozymandias her: "Look on my works, ye Mighty, and despair!", steht in Shelleys Gedicht auf einer zerstörten Statue des grossen Pharaos. Die Ironie trifft auch auf den Sonnenkönig zu: Er, die personifizierte Macht, ist ein dem Untergang geweihtes Monument; seine Schöpfung, das Ancien Régime in seiner reinsten, absolutistischsten Form, wird das Jahrhundert nicht überdauern.

"Look on my works...": Was bleibt übrig vom Kunst- und Kulturmäzen Louis XIV?
© Capricci
Es folgen 110 Minuten, in denen das Publikum – man kann es ohne Übertreibung so ausdrücken – Louis dabei beobachtet, wie er langsam und bei lebendigem Leib verwest. Wundbrand lässt sein linkes Bein abfaulen; trotz der Salben, Tinkturen und Verbänden seiner Leibärzte Fagon (Patrick d'Assumçao) und Mareschal (Bernard Belin) färbt sich das königliche Gewebe zunehmend schwarz.

Und dennoch: "L'État, c'est moi". Unter den Augen seines Kammerdieners Blouin (Marc Susini) empfängt der zumeist liegende – aber stets prunkvoll gekleidete und mit typisch überdimensionierter Perücke ausgestattete – Louis Minister, für deren Projekte er Geld locker machen solle, und Adlige, die seinen Mahlzeiten beiwohnen und jeden Bissen eifrig beklatschen. Leidet er nachts an Wallungen, beharrt er darauf, dass kühlendes Wasser von Blouin persönlich in einem kristallenen Glas serviert wird. Selbst seine durchdringenden Schmerzensschreie sind von einer monarchischen Entrücktheit.

Serra inszeniert das innere Heiligtum der französischen Krone als klaustrophobischen Vorhof zur Hölle: fensterlos, sichtlich stickig, zugestellt mit barocken Möbeln, die ungehinderte Bewegungen so gut wie unmöglich machen. Für Louis ist es ein Ort unmenschlicher Schmerzen; für Fagon und Mareschal einer des ewigen Wartens: Wann stirbt seine Majestät denn endlich? Und wer wird für seinen Tod verantwortlich gemacht werden? Die langen, starren Einstellungen von Kameramann Jonathan Ricquebourg unterstreichen die Qualen, die sich im Versailler Spätsommer an und unter der Oberfläche abspielen.

Weder die königlichen Leibärzte noch Medizinprofessoren der Sorbonne können den dahinsiechenden Monarchen retten.
© Capricci
Und im Zentrum dieses faszinierenden, hypnotischen Geschichtsstücks brilliert Jean-Pierre Léaud, das Gesicht der Nouvelle Vague, der seit seinem Debüt im Alter von 15 Jahren, als Antoine Doinel in François Truffauts Les quatre cents coups (1959), zu einer Art Schutzpatron des Weltkinos geworden ist. Nach Auftritten bei Filmemachern wie Cocteau, Godard, Eustache, Pasolini, Rocha, Rivette, Bertolucci, Breillat, Kaurismäki, Varda, Assayas, Tsai Ming-Liang und Lvovsky – um nur ein paar der bedeutendsten zu nennen – spielt Léaud hier in einem Werk mit, welches thematisch der Inbegriff des von der Nouvlle Vague verhassten "Cinéma de papa"-Kostümfilms sein könnte.

Doch so wie sich Serra den Konventionen widersetzt, geht auch Léaud auf unkonventionelle Art und Weise an die Rolle des Louis XIV heran. Sein Louis bleibt stets eine unnahbare Persönlichkeit; ein König, der sich seiner Existenz im goldenen Käfig zwar bewusst ist – illustriert durch den einzigen Moment, in dem die Kamera durch ein (vergittertes) Fenster blickt –, sich aber kaum gegen dieses Leben auflehnt. Noch während der letzten Ölung kommt er dem zuständigen Pfarrer keinen Zentimeter entgegen; selbst der halb komatöse Louis strahlt so viel Macht aus, dass Fagon sich entschuldigt, wenn er bei der Zwangsernährung seines Königs einen Tropfen verschüttet.

Louis erhält Besuch von seinen geliebten Hunden.
© Capricci
Léauds Schauspiel ist von einem einnehmenden Minimalismus – sehr im Sinne des Films, stark im Kontrast zu Ausstattung und Thematik. Oftmals sagt er kein Wort und vermittelt nur durch Blicke, Bewegungen, und kleine Zuckungen im Gesicht eine Ahnung von Louis' Innenleben. Das Bild von Léaud, wie er in Kissen, Decken und seiner eigenen Perücke zu versinken droht, hat ikonisches Potenzial. Die wenigen Momente, in denen Serra einen Bruch in der königlichen Fassade zulässt – ein Besuch von Louis' Hunden sowie eine Audienz seines fünfjährigen Urenkels und designierten Thronfolgers – haben etwas berührend Melancholisches an sich, doch anders als Rickman in A Little Chaos lässt Léaud seine Darbietung davon nicht dominieren. Es bleiben isolierte Momente der Menschlichkeit in einem Film – und einem Leben – der distanzierten Königlichkeit.

Denn was am Ende übrig bleibt, so resümiert La mort de Louis XIV, ist der König, und nicht der Mensch. Kaum ist Léauds aussergewöhnliche Performance vorbei, greifen Fagon, Mareschal und andere zum Skalpell, weiden den nun von der royalen Aura verlassenen Körper aus und beginnen damit, die einzelnen Organe auf Aussergewöhnliches und Unzulängliches hin zu prüfen. Der natürliche Körper löst sich auf in seine Einzelteile, welche als Belege für die Signifikanz des politischen dienen ("Der Darm des Königs war doppelt so lang wie ein normaler"). Entsprechend liegen die letzten Worte dieses eigenartigen, eindringlichen, irgendwie wunderschönen Films auch bei Fagon, der mit einer fast beiläufigen Bemerkung die entmenschlichenden Mechanismen der Monarchie demonstriert: "Nächstes Mal machen wir es besser." Oder: Der König ist tot. Lang lebe der König.

★★★★★

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