Friday, 17 October 2014

Das grosse Museum

Das Museum ist eine Zeitblase, in dem sich die verschiedenen historischen Epochen die Hand reichen können – aber auch eine Institution der Gegenwart, die dem Besucher nur sehr eingeschränkte Sichten auf eine stilisierte und romantisierte Vergangenheit erlaubt. Es ist, wie Alexander Sokurov es in seinem Eremitage-Monument Russian Ark so elegant formuliert hat, eine Arche der Geschichte – aber auch ein Mausoleum, in dem die Errungenschaften anderer Zeiten weggeschlossen, konserviert, eingefroren werden. Seine gesellschaftliche Funktion wird wahlweise als Überwindung sozialer Unterschiede im Angesichte der Kunst sowie als Gegenüberstellung des Individuums mit seinen kulturellen Wurzeln beschrieben; Eisenstein argumentierte, der ideale Museumsbesuch fände alleine und bei Nacht statt.

Johannes Holzhausen lässt all diese widersprüchlichen Ansätze in seine Direct-Cinema-Dokumentation Das grosse Museum einfliessen und zeigt zugleich auf, dass dieser Nimbus des altehrwürdigen Kunst-Heterotopias ein hart erarbeiteter ist. Über zwei Jahre hat die Produktion des Films in Anspruch genommen; er kartografiert die Wiedereröffnung der habsburgischen Kunstkammer im Kunsthistorischen Museum Wien – in der jüngeren Vergangenheit von Arthouse-Filmern wie Lech Majewski (The Mill and the Cross) und Jem Cohen (Museum Hours) als Kulisse benutzt – vom Umbau bis zur offiziellen Gala-Einweihung.

Dazwischen ist Holzhausen mit seiner Kamera dabei, wie Deckenverzierungen aufgefrischt, Exponate restauriert und Parkettböden mit roher Gewalt aufgerissen und anschliessend neu verlegt werden, wie sich das Personal von Generaldirektorin und PR-Chef bis hin zur alt gedienten Raum-Aufseherin auf die neue Herausforderung vorbereitet. Trotz seiner ostentativ "neutralen" Verfahrensweise findet der Film gerade im bisweilen fast nonchalanten Umgang mit der Würde des Ortes Momente des feinen Humors: Hier ist eine Reinigungskraft mit einem Staubsauger im Schritt einer griechischen Statue zu Gange; dort jagt ein Angestellter auf der Suche nach einer Akte mit einem Kickboard durch das weitläufige Archivbüro. "Scheisse, Scheisse, Scheisse", murmelt ein junger Restaurator in breitem Wienerisch, als der Mechanismus eines ausgeklügelt automatisierten Modellschiffes aus dem 16. Jahrhundert zu klemmen scheint – bevor er es wenig später in seiner ganzen vergoldeten Pracht dem Direktor des British Museum vorführt.

Kunst muss leiden: Im Kunsthistorischen Museum in Wien wird umgebaut.
© Xenix Filmdistribution
In Das grosse Museum wird die Aussergewöhnlichkeit des KHM gleichzeitig herunter gebrochen und zementiert. Szenen, in denen in sterilen Sitzungszimmern über den Schriftsatz der neuesten Werbekampagne ("Die eckige Drei ist ein absolutes No-Go", "Mir gefällt das Wort 'gültig' nicht") oder die Umsatzrechnung ("Wir werden vom internationalen touristischen Publikum verglichen") debattiert wird, oder wo die KHM-Repräsentanten gezeigt werden, die während einer Auktion um ein die Sammlung vervollständigendes Verkaufsstück buhlen, haben etwas Ikonoklastisches. Indem dem Kinopublikum der fest im geschäftlichen Wettbewerbsalltag verankerte Kontext des Hauses bewusst wird, dessen Ausstellungsräume reichlich mit Werken von Rubens, van Eyck und Bruegel bestückt sind, geht zweifellos ein Stück der Gebäude-Mystik verloren.

Doch in dieser Entmystifizierung findet Holzhausen auch eine neue Art, sich der Kunst zu stellen und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Dem Zuschauer wird ein neuer Blick auf jene Gegenstände gewährt, welche er sonst nur als unantastbare, in Glasvitrinen und hinter unsichtbaren Alarmauslösern verbarrikadierte Kostbarkeiten kennt; in Das grosse Museum werden sie fassbar, ja geradezu lebendig. Königskronen werden dem Ausstellungskontext entrissen, ihr Samtbezug auf Unreinheiten untersucht; Statuen verlieren vorübergehend ihren Kopf; in Gemälden werden die Grabungen mikroskopisch kleiner Käfer rekonstruiert. Dass der Kunstdiskurs auch hinter den Mauern des Kunsthistorischen Museums noch nicht abgeschlossen ist, belegt die Szene, in der zwei Kunsthistorikerinnen mit einem Emissär des belgischen Rubenianums darüber diskutieren, wie viel von Peter Paul Rubens tatsächlich in einem kleinen Bild steckt.

In der habsburgischen Kunstkammer werden zahllose Schätze ausgestellt. 
© Xenix Filmdistribution
Zwischen ästhetischem und menschlichem Inventar findet hier ohnehin eine Annäherung statt: Während die Kunstwerke im Laufe der Kunstkammer-Vorbereitung aus ihrer teils jahrhundertealten Starre gezerrt werden, ist das Museums-Management äusserst erpicht darauf, dass jeder Angestellte die "stilvolle und zeitlose" Institution, in deren Namen er arbeitet, perfekt widerspiegelt; die humane Präsenz soll zur Verlängerung des Gebäudes werden. Wer in den Ruhestand geht, wird selber zu einem Fall für die Archivierung: Die Arbeitsakte wird zu einer verschlossenen Mappe, welche im labyrinthischen Kellergewölbe des KHM, unweit Hunderter von nicht ausgestellten Objekten, in ein Regal eingeordnet wird. Ganz nach Eisenstein "verschmelzen" Mensch und Kunst miteinander.

Einziger Wermutstropfen in diesem faszinierenden Film ist die Tatsache, dass sich Holzhausen, wie es scheint implizit, mit fremden Federn schmückt. Nicht nur das übergreifende Konzept, sondern sogar spezifische Passagen von Das grosse Museum scheinen direkt aus Nicolas Philiberts La ville Louvre aus dem Jahr 1990 entlehnt zu sein. Auch dort wurde umgebaut; auch dort wurde vor an Wänden angelehnten Gemälden – stellenweise fast mit identischen Worten – über deren Inszenierung beraten; auch Philibert richtete die Kamera verschmitzt auf nervöse, leicht genervte Warentransporteure; auch er verwandelte die menschlichen Akteure zum Schluss in Exponate. Die nachhallendste Entsprechung ist diejenige von Holzhausens Kickboard-Bürohengst: Philibert (wenn auch mit verdächtig kontinuierlichem Schnitt) sah einem Louvre-Mitarbeiter dabei zu, wie er auf Rollschuhen durch die Gänge flitzte.

Das Museum – Mausoleum und Archiv.
© Xenix Filmdistribution
Das grosse Museum ist also ein verkapptes Remake. Holzhausen hat La ville Louvre nach eigener Angabe gesehen, doch das läge bald 20 Jahre zurück; sein Einfluss beschränke sich auf "nebulöse Erinnerungen". Die frappierende Ähnlichkeit der beiden Werke spricht aber – leider – eine andere Sprache. Kunst, das lässt sich in beiden feststellen, beruht auf inspirierenden Präzedenzen und auf Aneignungen, die längst nicht alle als proper bezeichnet werden können. Doch mindestens den Gefallen einer Erwähnung im Abspann oder auf der Film-Website hätte Holzhausen Philibert erweisen sollen. Da man nach einer solchen aber vergeblich sucht, hinterlässt sein ansonsten makelloser Film einen leicht bitteren Nachgeschmack.

★★★★½

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