Thursday, 30 October 2014

Class Enemy

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat.

Der Slowene Rok Biček, 29, lotet in seinem ersten Langspielfilm aus, wo die Grenze zwischen emotionalem Versagen und moralischer Schuld liegt. Trotz begrenzter charakterlicher Tiefe liefert Class Enemy einen spannenden Blick auf die im Mikrokosmos Gymnasium herrschenden Dynamiken. 

Das erste Bild von Class Enemy zeigt die 17-jährige Sabina (Daša Cupevski), wie sie an ihrem Platz sitzt, alleine, umgeben von ihren schwatzenden Kameraden aus der Abschlussklasse einer slowenischen Mittelschule. Nicht allzu viel Zeit wird vergehen, bevor sich der Teenager das Leben nimmt und ihre Mitschüler im strengen Lehrer Robert Zupan (Igor Samobor) den Verantwortlichen ausmachen, welcher nach dem schwangerschaftsbedingten Ausscheiden der regulären Deutsch- und Klassenlehrerin Nuša (Maša Derganc) deren Amt übernommen hatte. "Wir vermissen ihr Lachen und ihre Energie", ist allenthalben in der Klasse zu hören; Zupan, der auch wegen seines Insistierens auf der Unterrichtssprache Deutsch bald einmal als "Nazi" beschimpft wird, habe mit seinem "Terror" Sabina "die Lebensfreude geraubt". Da aber dem Zuschauer gleich zu Beginn wohl die wahre Stellung gezeigt wird, die Sabina unter ihren Kollegen und Kolleginnen eingenommen hat – integriert, gemocht, aber wahrscheinlich nicht das Herz der Klassengemeinschaft –, muss er im Konflikt zwischen Schülern und Lehrer (und Rektorat) einen kritischen Blick walten lassen. Während Zupans kühle Distanziertheit sowie seine eher konfrontativen pädagogischen Methoden sicher nicht Musterbeispiele des korrekten Verhaltens, gerade in einer Ausnahmesituation, sind, ist auch die Reaktion seiner Schützlinge alles andere als gerechtfertigt.

Rok Biček, der sich thematisch auf den Spuren von Ilmar Raag (The Class), Laurent Cantet (Entre les murs) und Thomas Vinterberg (Jagten) bewegt, sieht im Selbstmord Sabinas ein Ereignis, welches bei allen Beteiligten die Frustration mit dem Alltag und Ressentiments gegenüber dem Schulbetrieb als solchem an die Oberfläche drängt. Für Tadej (Jan Zupančič), der gerne mit pubertärer Selbstüberzeugtheit über die "liberale, schwulenliebende slowenische Elite" herzieht, ist seine Klassenkameradin ein Opfer des notenorientierten Bildungssystems, vertreten durch Robert Zupan und Rektorin Zdenka (Nataša Barbara Gračner); Luka (Voranc Boh), dessen Mutter gerade erst verstorben ist, scheint sich unterbewusst an die Hoffnung zu klammern, dem Tod einen Sinn zu geben, indem er einen lebenden Schuldigen dafür finden kann; Nik (Jan Vrhovnik), so wirkt es, ist angetan von nichts Anderem als der blossen Idee der Rebellion. Und auf der Gegenseite steht Robert, der der Situation mit Humanismus und Rationalismus begegnen will – er behandelt Thomas Mann ("Der Tod eines Mannes ist eher eine Angelegenheit seiner Hinterbliebenen denn seine eigene") –, deswegen des Nazismus bezichtigt wird und sich so in seiner leicht arroganten Meinung über seine "undisziplinierte, unkonzentrierte, schwatzhafte" neue Klasse bestätigt sieht. 

Deutschlehrer Robert Zupan (Igor Samobor) wird nach dem Selbstmord einer Schülerin von seinen Schützlingen der Mitschuld bezichtigt.
© trigon-film
Biček navigiert während des Films elegant und neutral zwischen beiden Fronten hin und her, wenngleich man letzten Endes doch eher geneigt ist, mit Zupan, welcher von Igor Samobor vorzüglich interpretiert wird, zu sympathisieren – hauptsächlich deshalb, weil die Figurenzeichnung der Schülerschaft kaum über Stereotypen hinauszugehen vermag. Tadej ist die ernsthaft vorgetragene Karikatur eines Jungkonservativen; Luka steuert nicht viel mehr zur Geschichte bei, als wiederholt das Klassenzimmer zu verlassen; Nik ist der coole Musiker, Primož (Dan David Natlačen Mrevlje) der Streber, Špela (Špela Novak) die intrigante Zicke. (Noch schlimmer trifft es die Eltern eines chinesischstämmigen Schülers – einer Stimme der Vernunft –, welche lediglich der komödiantischen Auflockerung dienen.) Derartigen Misstönen zum Trotz ist Biček mit Class Enemy ein feinfühliges Psychodrama gelungen, das auf eine aussichtsreiche Regie-Zukunft hoffen lässt.

★★★★½

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