Thursday, 8 May 2014

Snowpiercer

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat.


Es ist ein fulminantes englischsprachiges Debüt, das der Südkoreaner Bong Joon-ho mit Snowpiercer abliefert. Die dystopisch-surrealistische Science-Fiction-Satire orientiert sich an George Orwell und Terry Gilliam und trumpft mit Originalität, Intelligenz und bisweilen wahnwitziger Radikalität auf.

Manche Regeln haben sich über die Jahre in den meisten Filmgenres als Standards etabliert. Gehört etwa der Protagonist einer revolutionären Bewegung an, dann ist diese vom Zuschauer als ehrenhaft zu verstehen – es sei denn, sie entwickelt sich in eine unlautere Richtung, woraufhin Figur wie Publikum sich von der Bewegung, nicht aber vom Grundgedanken, abwenden. Moralisch zutiefst verwerfliche Taten wie der Swift'sche Kannibalismus – das Verspeisen von Kleinkindern – oder der gezielte, gewaltsame Tod einer schwangeren Frau sind Vergehen, die, sofern sie überhaupt vorkommen, den Schurken vorbehalten sind. Regisseur und Drehbuchautor Bong Joon-ho, bekannt für Memories of Murder (2003) und den Kaiju-Monster-Streifen The Host (2013), und Produzent Park Chan-wook, der renommierte Filmemacher hinter der berühmt-berüchtigten Vengeance-Trilogie (Sympathy for Mr. Vengeance, Oldboy, Sympathy for Lady Vengeance), lassen diese Regeln in ihrer Adaption des französischen Graphic Novel Le Transperceneige nicht gelten; ihre Revolution ist nicht glorios, ihre Helden assen einst anderer Leute Kinder, ein Protagonist streckt eine schwer bewaffnete Schwangere per Wurfmesser nieder. 

Snowpiercer ist ein unterschwellig perzeptives Stück Film voller Tabubrüche und provokant-abstruser Momente. Angesiedelt im Jahr 2031 – die Umkehr von seinem Erscheinungsjahr 2013, analog zu George Orwells 1948 verfasstem Roman 1984 –, handelt er vom Titel gebenden Zug, der, seit 17 Jahre zuvor eine neue Eiszeit die Menschheit an den Rand des Aussterbens gebracht hat, die wenigen Überlebenden rund um den Globus transportiert, ohne jemals anzuhalten.Während im hinteren Teil des kilometerlangen Gefährts die Arbeiterschicht in menschenunwürdigen Verhältnissen leben, geniesst vorne, so erzählt man sich, die herrschende Klasse ein Leben in Saus und Braus. Und obwohl vergangene Revolutionen scheiterten, etwa unter der Führung des alten Gilliam, gespielt von John Hurt – Hauptdarsteller in Michael Radfords Orwell-Verfilmung Nineteen Eighty-Four – und wohl benannt nach Terry Gilliam, Regisseur der bizarren Kult-Orwell-Variation Brazil (1985), wird nun mit Curtis (Chris Evans) an der Spitze ein neuer Versuch gestartet. 

Die Menschheit lebt in einem Zug – und Curtis (Chris Evans) führt die Revolution der benachteiligten "Hinterschicht" an.
© Ascot Elite
Mit vereinten Kräften kämpft sich die unterdrückte Masse, darunter auch Chris' Freunde Edgar (Jamie Bell) und Tanya (Octavia Spencer) sowie der eigenbrötlerische Techniker Namgoong (Song Kang-ho) und dessen Tochter (Go Ah-sung), voran, um sich an der tyrannischen Ministerin Mason (die herrlich stimmig chargierende Tilda Swinton mit schulmeisterlichem Yorkshire-Dialekt) zu rächen und die Lokomotive einzunehmen, die sich unter der Kontrolle des von den begüterten Passagieren vergötterten Wilford (Ed Harris, womöglich in einer Rückbesinnung auf seine Rolle in The Truman Show) befindet. Auf dem Weg dahin begegnen den Helden verrückte Wissenschaftler, äxteschwingende Regierungstruppen – es entbrennt ein grandioser, im ostasiatischen Stil inszenierter Kampf –, singende Schulkinder und die drogenabhängige Zug-Bourgeoisie.

Doch der ästhetisch brillant realisierte Snowpiercer ist in seinen politischen Ambitionen mehr als blosses Eisenstein'sches Revolutionskino. Mit gnadenloser Schärfe hinterfragt Bong die Nützlichkeit des marxistischen Klassenkampfs, indem er Curtis' Rebellenzug eine korrumpierte Quelle und Wilford plausible Argumente für seine Position andichtet. Veränderung, so das Fazit, ist nur mit radikalem Wandel, mit einem abrupten Systemwechsel zu erreichen. Realismus und Utopismus stehen sich gegenüber: Der Status quo ist beklagenswert, aber stabil; die Alternative könnte ebenso gut im Glück wie im Verderben enden. Wie dies zu lösen ist, überlässt Bong, mit Hilfe seines minimalitisch expressiven Schlussbildes, der Einschätzung des Zuschauers.

★★★★★☆

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