Thursday, 22 May 2014

Godzilla

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat.

Der König der Monster ist zurück: Exakt 60 Jahre nach dem japanischen Original, 16 nach dem ersten rein amerikanisch produzierten Katastrophenstreifen um die gigantische Urzeit-Echse, zieht Regisseur Gareth Edwards mit Godzilla sämtliche CGI-Register. Das Nachsehen haben die menschlichen Akteure.

In gewisser Hinsicht ist Edwards' 160-Millionen-Dollar-Produktion die Apotheose von Ishirō Hondas Godzilla (1954), auch bekannt als Gojira – ein Portmanteau aus den japanischen Wörtern "gorira" ("Gorilla") und "kujira" ("Wal"). Benutzte Hondas Kaiju-Meilenstein mit der durch Atombomben erweckten Titelfigur noch einen Mann im Gummianzug, der Modellhäuser und -wolkenkratzer in Grund und Boden stampfte, steht Edwards das ganze filmtricktechnische Arsenal des 21. Jahrhunderts zur Verfügung, um den Kern der Franchise – eine Parabel auf die Zerstörungskraft der Nuklearenergie – so fotorealistisch wie möglich auf die Leinwand zu bannen.Und tatsächlich brennt Edwards mit Godzilla ein fulminantes visuelles Feuerwerk ab.

Nach Roland Emmerichs gleichnamigem, an allen Ecken und Enden ungenügendem Eintrag (1998) in die "altehrwürdige" Nippon-Reihe besinnt sich der Brite auf deren Anfänge zurück: Die Erzählung wurde, anders als Emmerichs Machwerk, wieder an den pazifischen Feuerring – zwischen Manila und Las Vegas, den historischen Schauplatz der nuklearen Kriegsführung – verlegt. Edwards' Godzilla gleicht mit seiner bärenartigen Schnauze und seinen kurzkralligen Baumstamm-Beinen wieder weniger dem mit Rückenstacheln aufgemotzten Tyrannosaurus rex, der bei Emmerich in New York wütete, als der schwerfälligen, bulligen Monstrosität aus den Tokusatsu-Produktionen der japanischen Toho-Studios. Mit einer Grösse von gut 100 Metern gibt das oft mit den besinnungslosen, weder guten noch bösen Shinto-Gottheiten der Zerstörung verglichene amphibische Reptil eine beeindruckende Erscheinung ab. Sein ikonischer Schrei, mit dem er sich in Edwards' Film in den Kampf gegen zwei prähistorische Parasiten-Kreaturen – auch sie von akutem Gigantismus befallen – stürzt, geht durch Mark und Bein. Wenn bei der finalen Auseinandersetzung Alexandre Desplats Musikscore die atmosphärisch-verstörenden Kompositionen György Ligetis aus Kubricks 2001: A Space Odyssey zitiert, Gojira in Zeitlupe seinen atomaren Feueratem zum Einsatz bringt und dabei halb San Francisco in Schutt und Asche legt, wird in Sachen überzeugendem CGI-Spektakel sogar Guillermo del Toros Kaiju-Liebeserklärung Pacific Rim (2013) in den Schatten gestellt. Thematische Gravitas und beste Popcorn-Unterhaltung halten sich in diesen Szenen gekonnt die Waage.

 "The Return of the Kaiju": Godzilla (inzwischen ohne Mann im Kostüm, dafür mit CGI) läuft in San Francisco ein.
© 2013 Warner Bros. Ent.
Es ist entsprechend schade, dass diese Klasse in der Plot-Konzeption von Drehbuchautor Max Borenstein, wenn überhaupt, nur vereinzelt zu finden ist. Zu seinem Glück ist Godzilla allein bereits ein atemberaubendes wandelndes Symbol, sodass die Tatsache, dass sich die Raffinesse seines Skripts überwiegend auf kinematografische Selbstreflexivität – "In 1954, we awakened something", sagt der vom soliden Ken Watanabe gespielte Wissenschaftler Ishirō (!) Serizawa, wohl unterschwellig auch auf das von Gojira begründete Genre verweisend –, nicht allzu schwer ins Gewicht fällt. Auf der menschlichen Ebene jedoch werden die Skript-Schwächen umso schmerzlicher offenkundig: Ein Nuklearforscher (Bryan Cranston) wird nach dem Tod seiner Frau (Juliette Binoche) zum scheinbar paranoiden Eremiten, dem es aber dennoch gelingt, seinen im Militär aktiven Sohn (Aaron Taylor-Johnson) von der Existenz der gefährlichen Urzeit-Ungetüme zu überzeugen. Auch Sally Hawkins und David Strathairn sind in diesen oft in Klischees versinkenden Passagen dabei, mit begrenztem Einfluss auf das Geschehen. Letztendlich sind diese ersten zwei Drittel des rund zweistündigen Films aber ohnehin nur dazu da, überwunden zu werden. Was zählt, ist Godzilla – und der kommt seinen Verpflichtungen vortrefflich nach.

★★★½

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