Wednesday, 6 November 2013

Leviathan

Wie nicht wenige andere ambitionierte Filmwerke, so beginnt auch Leviathan mit einem Bibelzitat: "He maketh the deep to boil like a pot / He maketh the sea like a pot of ointment / He maketh a path to shine after him / One would think the deep to be hoary / Upon earth there is not his like / Who is made without fear", steht in verschnörkelten Lettern auf der Leinwand. Die Stelle stammt aus dem Buch Hiob und beschreibt das Meeresungeheuer Leviathan, den Schrecken aus der Tiefe, der Tier und Mensch ins Verderben zieht.

In der absolut einzigartigen Dokumentation der Anthropologen und Harvard-Dozenten Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel jedoch ist das Untier kein Wesen aus Fleisch und Blut. Vielmehr beziehen sich Titel und Eingangszitat auf den Schauplatz des Films: einen mittelgrossen Fischkutter, ein stählernes Ungetüm, welches in gleichmässigem Tempo durch den Nordatlantik pflügt und dessen Schleppnetze dazu beitragen, Nordamerika mit Nahrung aus dem Meer zu versorgen. So lautet jedenfalls die Implikation, denn Leviathan fehlen die Texttafeln, die erörternden Voiceovers, die narrative Struktur, die Botschaft, welche über die Jahre zu festen Grössen im Dokumentarfilm-Genre geworden sind.

Und gerade weil dieses Ehrfurcht gebietende Kunstwerk praktisch auf sämtliche diesbezüglichen Erläuterungen und Abstraktionen verzichtet, handelt es sich dabei um einen wahrhaft dokumentarischen Film. Castaing-Taylor und Paravel platzieren ihre wasserdichten Digitalkameras in Netzen, halten sie, an Stangen und Seilen befestigt, über Bord, reichen sie den sich auf Deck abrackernden Arbeitern, immer dicht am Geschehen; Überblick ist unmöglich. Die daraus resultierenden Bilder sind kaum bearbeitet; die Tonspur ist mit Ausnahme gewisser notwendiger Mischpult-Eingriffe unverfälscht. Regentropfen und Salzwasser verschmieren die Linse; an Bord summt, ächzt und dröhnt es wie in einer Fabrikhalle. Die Einblicke in den Fischerei-Alltag sind ungekürzt; geschnitten wird erst, wenn der Seemann seine Dusche beendet hat, wenn der Fischer alle gefangenen Muscheln und Krabben vom Boden aufgesammelt hat, wenn der vom Tageswerk erschöpfte Kranführer vor dem Fernseher eingeschlafen ist (eine in ihrer untypischen Bewgungslosigkeit überwältigende Szene). Es ist nur schwer vorstellbar, einen Film zu machen, welcher der "Realität" näher kommt.

Paradoxerweise gelingt den beiden Regisseuren damit aber just das Gegenteil von vollendetem Cinéma vérité: Indem sie mit ihrem radikalen Naturalismus die Künstlichkeit des "normalen" Kinos aufdecken, wirkt ihr kompromissloser Dokumentarismus abstrahiert, ja übernatürlich. Unterstützt durch das Fehlen einer wertenden Stimme oder einer stringenten Dramaturgie, öffnet sich so der Raum für eine Vielzahl von Interpretationen, von denen sich die meisten wohl höchstens marginal mit den Intentionen von Castaing-Taylor und Paravel verbinden liessen.

"He maketh the deep to boil like a pot"
© Independencia Distribution
Leviathan zeigt, wie der Mensch im Laufe seiner Entwicklung selber zu jenem Monster geworden ist, welches er einst in den düsteren Untiefen der See vermutete. Ist in einigen Sequenzen zwar noch schwach der Einfluss des Avantgarde-Experiments Moods of the Sea (1941) von Slavko Vorkapich und John Hoffman zu spüren, bewegt sich der Film überwiegend eher in die Richtung von Le sang des bêtes (1949), Georges Franjus erschütterndem Kurzporträt der Schlachthöfe von Paris. Wenn an Deck des Kutters die Netze geleert werden, befindet sich der Zuschauer mitten unter den gefangenen Fischen. Mit weit aufgerissenen, glasigen, aufgeblähten Augen liegen sie da, manche tot, manche noch zuckend und zappelnd, an der Luft ertrinkend; einigen hängen Organe zum Maul heraus. Knöcheltief waten die Fischer durch zum Tod verdammte Fischleiber – ein Prozess, wie er sich täglich vielfach wiederholt.

Castaing-Taylor und Paravel sind mit ihren Kameras dabei, wenn den teils noch nach Luft ringenden Fischen die Köpfe abgetrennt werden, wenn Rochen lebendig zerhackt werden, wenn am Ende des industriell-routinierten Massakers die unverwertbaren Reste über Bord gespült werden und sich die stets präsenten, das Schiff umkreisenden Möwen, gleichsam wie Todesengel, auf die Abfallprodukte stürzen. Der mechanische Leviathan, dessen Motorengeräusche unter Wasser tatsächlich zum monströsen, bestialischen Geheul verzerrt werden, wird selber zum Zentrum eines ureigenen Nahrungskreislaufs, dem mitunter auch Menschen und Vögel zum Opfer fallen – so etwa die Möwe, welche mit einem gebrochenen Flügel verzweifelt versucht, abzuheben und schlussendlich, so müssen wir es annehmen, von Bord in ihr Verderben springt.

Weiss gefiederte Todesengel.
© Independencia Distribution
Doch Leviathan ist ein zu übersinnliches Erlebnis, um ihm eine derart profane Botschaft gegen den menschlichen Raubbau an der Natur anzudichten. Vielmehr scheint sich der Film einen neuen, differenzierteren Blick auf die sprichwörtliche Geissel der sieben Meere zu erlauben. Leviathan ist kein Wesen, welches ausserhalb natürlicher Gesetzmässigkeiten existiert, seine Helfer – hier versinnbildlicht durch die Schiffsbesatzung – keine Teufelsanbeter; auch sie sind dem Ozean mit all seinen Tücken und Launen ausgesetzt. Im Abspann werden gesunkene Kutter genannt; als Cast werden neben den Fischern auch die im Film vorkommenden Spezies genannt, gleichberechtigt in alphabetischer Reihenfolge aufgelistet.

Der Prozess, welchen die beiden Regisseure hier aufzeigen, hat indessen weder Anfang noch Ende. Während der Kinogänger zu Beginn erst langsam erkennen muss, dass er dem nächtlichen Einholen eines Netzes beiwohnt, zelebriert der Schluss sein symbolisches Ableben: Die Kamera schiesst durch die Wogen, an schemenhaften, geistergleichen Rochen vorbei; derweil das unheimliche Grollen der Schiffsschraube immer lauter wird, bis man, so scheint es, in diese hineingezogen wird. Als schliesslich auch der Abspann sein Ende findet, kreisen in der Ferne noch immer die Möwen, die aasfressenden Boten des todbringenden Ungeheuers. Leviathan ist reines Kino: Man muss ihn erleben, um ihn fassen zu können.

★★★★★☆

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