Thursday, 10 October 2013

Gangs of Wasseypur – Part 2

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat.


Im zweiten Teil seines insgesamt fünfstündigen Verbrecher-Epos Gangs of Wasseypur wechselt der indische Independent-Regisseur Anurag Kashyap den Protagonisten und mit ihm die Gangart. Der Film wird getragener und zynischer – und büsst dabei nichts von seiner Klasse ein.

Im ostindischen Wasseypur, wo sich die Clans der Khans, der Qureshis und der Singhs seit den Vierzigerjahren bekriegen, ist eine neue Ära angebrochen: Der mächtige Sardar Khan (Manoj Bajpai), dessen Ziel es war, den politisch vernetzten Magnaten Ramadhir Singh (Tigmanshu Dhulia) auszuschalten, wurde von den Schergen Sultan Qureshis (Pankaj Tripathi) ermordet. Als kurz darauf auch sein heissblütiger Erstgeborener Danish (Vineet Kumar Singh), sein designierter Nachfolger, erschossen wird, liegt es am melancholischen Ganja-Kiffer Faizal (Nawazuddin Siddiqui) – von seiner Familie verachtet, von seinen Feinden belächelt –, die Ehre seiner Familie wiederherzustellen und den von Ramadhir orchestrierten Tod seines Grossvaters Shahid zu rächen.

Auf der formalen Ebene macht sich dieser Generationenwechsel gleich in mehrerlei Hinsicht bemerkbar: Zeichnete sich Gangs of Wasseypur – Part 1 noch durch sein berauschend übersetztes Tempo aus, ganz der feurigen Passion Sardars entsprechend, dominiert in Part 2 eine an Faizal ausgerichtete, tranceartigere Atmosphäre, in der schwelgerische Zeitlupenaufnahmen (von Rajeev Ravi unverändert hervorragend eingefangen) und ironische Verfremdungseffekte keine Seltenheit sind; derweil die Mischung aus poppigen Bollywood-Klängen und indischer Folklore auf der Tonspur neu von elektronischen Beats und psychedelischen Loops durchsetzt ist. Darüber hinaus verändert sich mit Faizal auch der Tonfall: Sein Humor ist hintersinniger (und bisweilen auch absurder) als derjenige Sardars; die Gewaltakte werden kälter und emotionsloser.

Analog dazu findet die implizite Chronik des modernen Indiens, welche Kashyap in Teils eins begonnen hat, hier einen neuen Fokus. Die jüngere Generation – Faizal, seine jüngeren Brüder Perpendicular (Aditya Kumar) und Definite (Zeishan Quadri), der abgefeimte Unternehmer Shamshad Alam (Raj Kumar Yadav) –, welche ab der Jahrtausendwende in Wasseypur die Macht übernimmt, orientiert sich in ihren kriminellen Akten nicht mehr ausschliesslich an Prinzipien und geschäftlicher Strategie, sondern eifert den Stars der florierenden Mumbaier Filmindustrie nach. "Alle spulen in ihren Köpfen die Filme ab, verhalten sich wie ihre Helden", spottet Ramadhir Singh, der seine Langlebigkeit seiner Abneigung gegenüber dem Kino zuschreibt. Während er Rivalen beseitigt und Zwischenhändler manipuliert, eignen sich seine junge Konkurrenten Filmposen an und färben sich ihre Haare, um wie die Schauspieler Sanjay Dutt oder Salman Khan auszusehen. "Solange es in Indien das Kino gibt", so Singh, "bleiben alle Vollidioten". (Kashyaps einschlägige Szenen – etwa als Faizal seiner zukünftigen Ehefrau im Bollywood-Stil den Hof macht – bewegen sich stets auf der Grenze zwischen Persiflage und Hommage.)

Im Ganja-Kiffer Faizal (Nawazuddin Siddiqui) findet der Clan der Khans einen neuen, gnadenlosen Anführer.
© polyband
Ansonsten führt der Film, welcher mehrmals unverhofft Aspekte aus Part 1 in veränderter Form wieder aufgreift, das fort, was bereits den ersten Teil zu einem fesselnden Erlebnis gemacht hat: Mit faszinierender Detailverliebtheit porträtiert Kashyap die von Shakespeare'schen Intrigen geprägten Bandenkriege von Wasseypur anhand der Dutzenden von involvierten, einem letztendlich aber bestens vertrauten Figuren. Ihren überstilisiert brutalen Höhepunkt erreicht die Tragödie der jahrzehntelangen Fehde zwischen Khans und Singhs in der furiosen Schlusssequenz, einer westernähnlichen Schiesserei in einem Krankenhaus, in welcher wenigstens Faizal seinen Frieden und sein Lächeln wiederfindet. Es ist das ebenso befriedigende wie wuchtige Ende eines in seiner ganzen 320-minütigen Pracht atemberaubenden Werkes.

★★★★★☆

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