Tuesday, 30 April 2013

Los amantes pasajeros

Nachdem er sich in seinem letzten Projekt in die dramatischen Tiefen des Psychothrillers nach Hitchcock, Chabrol und Fassbinder vorgewagt hat, wendet sich Pedro Almodóvar nun der "leichten, sehr leichten Komödie" zu. Diese Beschreibung, vom Regisseur selbst in Umlauf gebracht, charakterisiert den luftig leeren Los amantes pasajeros perfekt.

Zwar wird man, wie bei jedem Film Almodóvars, auch hier zwischen den Zeilen fündig, wenn man danach sucht, doch bleiben die satirischen Seitenhiebe und Anspielungen auf das skandalgebeutelte spanische Königshaus, die ewig marode Infrastruktur und die korrupte Intrigenwirtschaft von Politik und Hochfinanz zahme Nebenschauplätze. In seinem Kern bleibt Los amantes pasajeros ein lockerer Versuch, die rasanten, schnell- und scharfzüngigen Dialoge der amerikanischen Screwballkomödie auf die heissblütige mediterrane Gesellschafts-Farce anzuwenden.

Im Zentrum steht dabei ein klassisches Narrenschiff, ein Flugzeug, dessen Reise nach Mexiko sich wegen eines Defekts (ausgelöst durch das Bodenpersonal: Antonio Banderas und Penélope Cruz) in die verzweifelte Suche verwandelt, eine leere Landebahn im Pleiteland Spanien zu finden. An Bord befinden sich eine sedierte Touristenklasse und eine hochgradig neurotische Business Class: bestehend aus einem paranoiden Ex-Pornosternchen (Cecilia Roth), einem feigen Schauspieler (Guillermo Toledo), einem Medium (Lola Dueñas), einem frisch verheirateten Drogenschmuggler-Pärchen (Miguel Ángel Silvestre, Laya Marti), einem landesweit gesuchten Geschäftsmann (José Luis Torrijo) sowie einem zwielichtigen Mexikaner (José Maria Yazpik). Weiter als diese suggestive Figurenkonstellation zieht Almodóvar seine Satire bewusst nicht.

Dafür stellt er dieser illustren Truppe eine umso schrillere Kabinencrew gegenüber: Die Aufgabe, den verwöhnten, quengelnden Passagieren das Kreisen über den spanischen Flughäfen so angenehm wie möglich zu gestalten, fällt den drei homosexuellen Stewards Joserra (Javier Cámara), Ulloa (Raúl Arévalo) und Fajardo (Carlos Areces) zu; unterstützt werden sie dabei von den beiden Piloten (Antonio de la Torre, Hugo Silva) nur halbherzig. Als auch ihre sorgfältig choreografierte Karaoke-Einlage die Stimmung nicht zu heben vermag, schütten sie die an Bord vorhandenen Alkoholika ineinander und verabreichen das Gebräu der ganzen ersten Klasse. Die Hemmschwelle fällt, Geheimnisse werden verraten und sexuelle Fantasien ausgelebt.

Narrenschiff über den Wolken: Ein technischer Defekt verwandelt den geplanten Flug nach Mexiko in eine schlüpfrige Farce.
© Pathé Films AG
Man könnte sich nun fragen, was mit Pedro Almodóvar seit La piel que habito passiert ist, weshalb er das fruchtbare Terrain des Dramatischen wieder verlassen hat, um eine substanz-, ja belanglose Komödie mit schwulen Stereotypen und schlüpfrigen Witzen zu drehen. Denn wirklich geglückt kann man Los amantes pasajeros nicht nennen: Dramaturgie und Dekor erinnern entfernt an François Ozons 8 femmes, doch dem Ganzen fehlt dessen Schärfe. Auch erreicht der Film trotz seines munteren Tempos und seiner durchaus gelungenen rasanten Dialoge niemals den Unterhaltungswert einer Screwballkomödie à la Howard Hawks, Frank Capra oder George Cukor.

Was also will Almodóvar mit seinem neuen Film erreichen? Wie kommt es, dass sich der grosse Erzähler des modernen spanischen Kinos plötzlich mit einer seichten Seifenoper in Spielfilmläge begnügt? Vielleicht ist Los amantes pasajeros mit seinem augenzwinkernd überzeichneten Erzählton und seinem künstlich inszenierten Handlungsraum, der mehr und mehr zum reinen Studio wird, eine Liebeserklärung an seine Genre-Vorbilder. Vielleicht war es Almodóvar ein Anliegen, die sanfte Subversion von Shakespeares Liebestollerei A Midsummer Night's Dream ins heutige Spanien zu verlegen. Doch letztendlich ist wohl die einfachste Erklärung die richtige: Pedro Almodóvar wollte eine oberflächliche Komödie drehen und hat dies nach bestem Wissen und Gewissen auch getan. Ein Meisterwerk ist ihm damit beileibe nicht gelungen; amüsant ist der schnell vergessene Flug aber allemal.

★★★½

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