Thursday, 14 March 2013

Night Train to Lisbon

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Peter Bieris Roman Nachtzug nach Lissabon, veröffentlicht unter dem Pseudonym Pascal Mercier, avancierte nach seiner Erscheinung 2004 zum Weltbestseller. Bille Augusts biedere Verfilmung enttarnt den Stoff, wenn auch ungewollt, als reine Hochstapelei.

Wieder einmal hat der geschiedene Lateinlehrer Raimund Gregorius (Jeremy Irons) eine schlaflose Nacht verbracht, wieder einmal schleppt er sich lustlos in sein Berner Gymnasium. Doch auf dem Weg dahin bewahrt er eine junge Frau davor, sich von der Kirchenfeldbrücke in den Tod zu stürzen. Dies ist für Raimund der Startschuss zu einer unglaublichen Entdeckungsreise: Im Mantel der Frau findet er nebst einem Buch des portugiesischen Philosophen Amadeu de Prado (Jack Huston) zwei Zugfahrkarten nach Lissabon. Instinktiv tritt er die Reise an und forscht in Portugals Hauptstadt nach der Geschichte de Prados, die von Liebe, Freundschaft, Verrat, Tod, Literatur und der Salazar-Diktatur geprägt war.

Nachtzug nach Lissabon wurde seit seiner Veröffentlichung in 32 Sprachen übersetzt; die deutsche Originalfassung verkaufte sich bis heute insgesamt zwei Millionen Mal. Auf dem Papier scheint die Kinoadaption diesen beachtlichen Zahlen durchaus gerecht zu werden: Fünf Produktionsfirmen ermöglichten ein stattliches Budget; mit Bille August (Pelle the Conqueror, The Best Intentions) wurde ein mehrfach preisgekrönter Regisseur mit weltweitem Renommee verpflichtet; das Schauspiel-Ensemble ist durchsetzt von grossen Namen wie Irons, Bruno Ganz, Tom Courtenay, Charlotte Rampling und Christopher Lee. Doch diese grossspurige Internationalität ist nur das erste von etlichen Mankos, welche Night Train to Lisbon belasten.

Während die Tatsache, dass im Sinne von Hauptdarsteller Irons Englisch kurzerhand zur Berner Amtssprache erhoben wird – eine Umstellung, der sich auch "unser" Hanspeter Müller-Drossaart fügen muss –, zwar noch amüsiertes Schmunzeln evoziert, zumal der Besuch der Bundesstadt recht kurz ausfällt, wiegt die Entscheidung, Engländer, Deutsche, Franzosen und Schweizer mit der Aufgabe zu betrauen, Portugiesen zu spielen, um einiges schwerer. Dies führt zu einem surreal-grotesken Panoptikum an Akzenten, in dem die ordnende Hand Augusts offenkundig versagt hat. So erhebend es sein mag, Mimen wie Christopher Lee – oder auch dem angenehm gedämpft auftretenden Jeremy Irons – dabei zuzusehen, wie sie sich trotz dieses missglückten Kunstgriffs zu entfalten wissen, so desillusionierend ist es, hochbegabte Darsteller wie Bruno Ganz, Martina Gedeck oder Tom Courtenay als geradezu lächerliche Fehlbesetzungen zu erleben.

Im Bann der Literatur: Lateinlehrer Raimund Gregorius (Jeremy Irons) reist wegen eines Buches nach Lissabon.
© Frenetic Films
Unterstützt wird dieses schauspielerische Scheitern durch die blutleere Erzählung, welche die Autoren Greg Latter und Ulrich Herrmann aus den Tiefen von Bieris 500-seitigem Wälzer gehoben haben. Night Train to Lisbon kettet sich an seine Vorlage: Dialogzeilen werden verbatim übernommen – daran leidet besonders die Darbietung Charlotte Ramplings –, die Handlung wird Punkt für Punkt abgearbeitet, den Figuren fehlen Motivation und Schattierungen. Wäre die Geschichte nicht auf zwei Zeitebenen gestellt, stünde die Handlung wohl komplett still.

In diesem unfilmischen Rahmen zeigen sich dann auch die Schwächen von Bieris Prosa. Plötzlich erscheinen seine philosophischen Exkurse, getarnt als die Gedanken de Prados, über das Leben und die grausame Ewigkeit als banale Allgemeinplätze. Die melancholische Suche des schöngeistigen Gregorius nach dem Unantastbaren erinnert auf einmal an The Words und The Woman in the Fifth – genauso hochgestochen, genauso aufgeblasen, genauso leer. So ist der wohl grösste Wert, der sich aus Night Train to Lisbon ziehen lässt, die Ermutigung, seine Vorlage neuerlicher kritischer Evaluierung zu unterziehen.

★★½

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