Tuesday, 10 April 2012

Un cuento chino

Obwohl in Argentinien Immigration verfassungsgemäss begrüsst wird, beträgt der Ausländeranteil des Landes lediglich um die vier Prozent. Die Volksgruppe der Chinesen wiederum macht von diesen insgesamt zwei Millionen Menschen nur 9'000 Personen aus. Und dennoch ist der neue Film von Sebastián Borensztein ebendieser Minderheit gewidmet – an der Oberfläche zumindest. In seinem Innern ist Un cuento chino eine feinfühlige Tragikomödie, eine melancholische Parabel auf die Einsamkeit und das Fremdsein in der Welt.

Roberto (Ricardo Darín) hat seinen Tagesablauf fest im Griff. Morgens isst er Brot, ohne die Rinde, und trinkt Tee dazu; danach begibt er sich in sein Eisenwarengeschäft, wo er sich über hochnäsige Kunden und fehlende Schrauben in den Fabriklieferungen echauffiert; abends kommt ein reichhaltiges Fleischgericht auf den Tisch; anschliessend blättert er sich durch einen Stapel Zeitungen; und um Punkt 23 Uhr löscht er seine Nachttischlampe. Gegen diesen Lebensstil, der in seiner geregelten Schlichtheit an denjenigen Phileas Foggs erinnert, kommt auch die hübsche Mari (Muriel Santa Ana) nicht an, die schon lange von diesem Einzelgänger fasziniert ist. Durch einen Zufall trifft Roberto auf den jungen Chinesen Jun (Ignacio Huang), der ohne Geld und Spanischkenntnisse in Buenos Aires gestrandet ist. Der mürrische Eisenwarenhändler nimmt den hilflosen Flüchtling bei sich auf, was seinen Alltag gehörig durcheinander bringt.

Im internationalen Geschäft wird Sebastián Borenszteins dritter Film mit dem irreführenden Titel Chinese Take-Away vertrieben, dem zwar eine gewisse Ambiguität innewohnt, primär aber an eine heitere Mischung aus Intouchables und Soul Kitchen denken lässt. Ganz anders der spanische Originaltitel: "Cuento chino" bedeutet wörtlich "chinesische Geschichte", umgangssprachlich "Lügenmärchen", wobei sich nicht nur erstere Bedeutung auf den Film bezieht. Scheinbar erfundene Mären sind nämlich Robertos grösstes und wohl auch einziges Hobby: Er durchforstet die Zeitungen der spanischsprachigen Welt, der zweitgrössten neben der – was sonst? – chinesischen, nach morbiden, tragischen, ungewöhnlichen, Hauptsache unglaublichen, Geschichten. In seinen Fantasien projiziert Roberto sich selbst in diese Nachrichten, wobei er sich dabei von seinem eigenen, von nicht vermeidbaren, aber nichtsdestoweniger schmerzhaften Tragödien gezeichneten Leben zusehends entfremdet und dabei gleichzeitig den Sinn für die Gegenwart verliert.

Ohne Worte: Roberto (Ricardo Darín) versucht herauszufinden, wo Jun (Ignacio Huang) hingehört.
So wird Borenszteins Protagonist zum Fremden in seinem eigenen Alltag, der sich mithilfe eines anderen Fremden, dem in einem für ihn unbekannten Land verlorenen Jun, selber wiederfinden muss. Diese Brücke zwischen persönlichem Drama und funktionierender Völkerverständigung ohne eigentliches Verstehen mag etwas umständlich geschlagen werden – entsprechend fallen ein paar Szenen aufgrund ihres Tonfalls etwas aus dem Rahmen –, doch es ist Un cuento chino hoch anzurechnen, dass er nie mit erhobenem Zeigefinger den Zuschauer zu belehren sucht, sondern die Geschichte selbst diese Aufgabe übernehmen lässt. Ohne übertriebene Emphase wird etwa gezeigt, dass es auch zwischen zwei Chinesen eine unüberwindbare Sprachbarriere geben kann; oder dass das Festhalten an einer Gewohnheit den damit verbundenen Schmerz auch stärken statt lindern kann – ganz im Stile von Stéphane Brizés bewegendem Je ne suis pas là pour être aimé.

Überhaupt herrschen hier die leisen Töne vor, so wie man es etwa aus den französischen Charakterkomödien eines Jean Becker (Dialogue avec mon jardinier, La tête en friche) kennt. Wunderbar das Zusammenspiel von Ricardo Darín, unauffälliger und eben deshalb noch eindringlicher als im Oscargewinner El secreto de sus ojos, und Ignacio Huang, welche beide auch in gegenseitigem Unverständnis hervorragend harmonieren. Auch die Komik lebt vom Understatement, ja meist sogar vom nicht geäusserten oder nur gemurmelten Wort. So bedarf es beispielsweise einiges Talent, Robertos endlosem Warten in der chinesischen Botschaft eine komische Komponente abzugewinnen, doch Borensztein als Autor und Darín als Darsteller meistern diese Herausforderung vorzüglich. Die Krönung dieses Witzes auf Kosten des berüchtigten Bürokratieapparates der Volksrepublik – Robertos hinreissende Tirade gegen die "Beamtentrottel" – ist ein Hochgenuss. Und diese auf bescheidene Weise enorm komische Szene bleibt, trotz der durchwegs aufrecht erhaltenen Ernsthaftigkeit, kein Einzelfall.

Auch Mari (Muriel Santa Ana) interessiert sich für Jun – und Roberto.
Sebastián Borenszteins vorangegangener Film Sin memoria (2010) war ein mässig erfolgreicher Thriller. Sein neuer zeigt, wo seine wahren Qualitäten liegen. Mit seinem feinen Auge für die Kleinigkeiten, die persönlichen Tragödien und Glücksmomente der kleinen Leute, und einem Sinn für subtile Erzählung ist er in der Disziplin der Tragikomödie bestens aufgehoben. Einige inszenatorische Aspekte mögen ihm noch nicht vollumfänglich gelingen; doch er hat noch genug Zeit, seine Technik zu verfeinern und zu perfektionieren. Wenn der lustig-melancholische Un cuento chino ein Indikator ist, dann ist Borensztein auf dem besten Weg dazu.

★★★★½

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