Tuesday, 17 January 2012

The Match Factory Girl

Ein echtes Original des europäischen Independentfilms ist der Finne Aki Kaurismäki. Seit 1981 hat der Mann mit den vielen Attributen sauertöpfischer Kettenraucher, selbsternannter Alkoholiker, humanistischer Sozialist 16 Kinofilme, von denen nur sechs länger als 90 Minuten dauern, elf Kurzfilme und zwei Dokumentationen gedreht. Kaurismäkis Werk besteht zu einem schönen Teil aus Trilogien, welche thematisch mehr oder minder miteinander verknüpft sind – Begründung: "Wenn ich Filme in eine Trilogie einordne, kann ich nicht nach zweien aufhören". Die bekannteste seiner Serien ist die der "Verlierer" (Drifting Clouds, The Man Without a Past – Oscarnomination 2003 –, Lights in the Dusk); eher obskur ist im Vergleich die "Proletarische Trilogie", deren stärkster Bestandteil der tiefschwarze The Match Factory Girl (1990), oder Tulitikkutehtaan tyttö, ist – ein typischer, man ist versucht zu sagen: archetypischer, Film aus dem Werk Aki Kaurismäkis. 

Beneiden kann man Iiris (Kati Outinen, Kaurismäkis Lieblingsschauspielerin) wirklich nicht. Sie geht einer langweiligen Arbeit in einer Streichholzfabrik nach, wo sie eine der wenigen menschlichen Teile der Produktion ist; sie wohnt in einer trostlosen Wohnung in einem freudlosen Quartier Helsinkis, die sie mit ihrer Mutter (Elina Salo) und ihrem Stiefvater (Esko Nikkari) gegen Miete teilt – obwohl sie selbst für Unterhalt, Kochen, Putzen und Waschen aufkommen muss –; und wenn sie abends ausgeht, hat keiner der Männer Augen für sie. Doch eines Tages, der Langeweile und Eintönigkeit überdrüssig, gibt sie ihr Geld für ein schönes Kleid aus und landet prompt mit einem Mann (Vase Vierikko) im Bett. Dieser will aber nach der gemeinsamen Nacht nichts mehr von Iiris wissen. Also beschliesst das Mauerblümchen, zum Racheengel zu mutieren zu nehmen.

Iiris (Kati Outinen, links) mit ihrer Familie.
Klassische Heldenrollen sucht man in den Filmen Aki Kaurismäkis vergebens. Vielmehr fasziniert ihn das Einfache, das quasi Unsichtbare, die im Alltäglichen steckende Skurrilität. Viele seiner Akteure verbringen einen schönen Teil ihres Lebens in Kneipen oder Bistros, rauchen, trinken Bier und lassen hin und wieder einen kurzen Dialogfetzen fallen. Und doch verliebt man sich in diese Charaktere, da sie einen einerseits mit ihrer ureigenen Art zum Lachen bringen und da sie einem andererseits in ihrer Unvollkommenheit durchaus vertraut vorkommen. So verzichtet Kaurismäki denn auch häufig auf klar umrissene oder wenigstens ausgeprägte Antagonisten; ist im wunderbaren La vie de bohème noch die staatliche Willkür ein Feindbild, wenn auch ein relatives, ist ein solches im 59-minütigen Take Care of Your Scarf, Tatiana, einem melancholischen urbanen Märchen, nur sehr schwer auszumachen. In The Match Factory Girl finden sich zwar Antagonisten – der sich der Verantwortung entziehende reiche "Liebhaber", die antriebslosen, stetig mit leeren Augen fernsehenden Eltern –, doch diese stehen letztlich in keinem grossen Gegensatz zur Hauptfigur, da Iiris durch ihre Erlebnisse selber zu einer unredlichen Person, und damit zu einer echten Antiheldin, einer Femme fatale aus dem klassischen Film Noir, wird. Sie, die geschlagene Arbeiterin, wird, ganz im Einklang mit der "proletarischen Trilogie", in gewisser Weise zum Symbol ihrer sozialen Klasse, welche sich ohne grosses moralisches Dilemma an ihren Unterdrückern rächt. Diese Wandlung wird in einen hervorragenden Schlussakt, der gleichermassen lakonisch wie schwarzhumorig ist, verpackt.

Kaurismäkis Minimalismus – vergleichbar allenfalls mit der cineastischen Philosophie eines Robert Bresson oder Jim Jarmusch – äussert sich auch in anderen Punkten, etwa in Timo Salminens grossartiger, spartanischer Kameraarbeit, welche alles aufs absolute Notwendige reduziert. Die Kamera, immer auf Augenhöhe, ist starr, bewegt sich nur in Ausnahmefällen. Ebenso zeichneten sich Kaurismäkis Filme noch nie durch lange, eloquente Dialoge aus – ein Projekt wie Juha, ein Stummfilm, fügt sich da nahtlos ein – und The Match Factory Girl bleibt dem Schema treu. Wenn geredet wird, dann praktisch nur in den ausschliesslich Katastropen gewidmeten Fernsehnachrichten, welche sich Iiris' Eltern in einer Endlosschlaufe anzusehen scheinen. Dialoge, wenn sie denn stattfinden, beschränken sich weitgehend auf Einzeiler, die manchmal nicht einmal erwidert werden. Daraus entsteht die für Kaurismäki so typische Atmosphäre der Einsam- und Trostlosigkeit, die Entfremdung der Figuren ist greifbar. Dies ist teils auch Kati Outinens Iiris zu verdanken, welche sich von ihrer Umwelt im Grunde genommen kaum abhebt; wie alle anderen liefert auch sie sich ein Starrduell mit der Kamera. Doch am Ende ist es nur sie, welcher der Ausbruch aus dem den Ostblock evozierenden Helsinki gelingt. Nach klassischen Massstäben ist das Ende von The Match Factory Girl kein fröhliches, doch beim knorrigen Finnen auf dem Regiestuhl herrschen eben andere Gesetze und ein zwar konsequentes, wenngleich ambivalentes Ende wird zum Silberstreifen, zur etwas verqueren Erlösung.

Iiris nach der gemeinsamen Nacht mit dem reichen Fremden.
Viele listen Tulitikkutehtaan tyttö als einen der besten Filme seines Regisseurs auf – wer könnte es ihnen verdenken? Mit wenigen filmischen Extravaganzen und noch weniger Dialog wird hier, wie so oft bei Kaurismäki, ein Mikrokosmos der Verlierer, der "Have Beens and Never Weres" erschaffen. Iiris mag keine Sympathieträgerin wie Marcel Marx (André Wilms) in Le Havre, Rodolfo (Matti Pellonpää) in La vie de bohème oder der Namenlose (Markku Peltola) in The Man Without a Past sein, doch hassen mag man sie auch nicht so recht. Wie all die anderen unvergesslichen Charaktere in Kaurismäkis Universum ist auch sie eine arme, verlorene Seele – Hans Christian Andersens Mädchen mit den Schwefelhölzern nicht unähnlich , die, so minimalistisch und phlegmatisch wie nur möglich, ihre Langeweile vergessen will. Und in den Händen von Finnlands (Anti-)Starregisseur werden solche Geschichten zu wahren cineastischen Höhepunkten.

★★★★★½ 

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