Thursday, 19 January 2012

Le gamin au vélo

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Mit seinem neuen Film drehte das belgische Brüderpaar Jean-Pierre und Luc Dardenne, nach eigener Angabe, für einmal keinen gesellschaftskritischen Film, sondern ein modernes Märchen. Dennoch fügt sich Le gamin au vélo problemlos ins bisherige Werk der Dardennes ein.

Der kleine Cyril (Thomas Doret), ungefähr zwölf Jahre alt, lebt in einem Kinderheim, in welches ihn sein Vater, Guy (Jérémie Renier), abgeschoben hat. Zwar wurde dem Jungen gesagt, das Ganze sei nur "temporär", doch sein alter Herr macht bislang keine Anstalten, ihn zu sich zu holen. Im Gegenteil, er hat sogar Cyrils geliebtes Fahrrad verkauft, Wohnung und Telefonnummer gewechselt und beschlossen, ein neues Leben anzufangen – ein Leben, in dem sein Sohn nicht figuriert. Mit dieser harten Realität konfrontiert, sucht sich Cyril andere Bezugspersonen. So findet das psychisch labile Kind in der Coiffeuse Samantha (Cécile de France) eine fürsorgliche Ersatzmutter, deren Bemühungen aber allzu oft nicht gewürdigt werden, und im Kleinkriminellen Wes (Egon Di Mateo) ein zweifelhaftes männliches Vorbild, welches ihn allerdings bloss für einen seiner Fischzüge einzuspannen versucht.

Wenn Le gamin au vélo ein grundsätzliches Problem hat, dann ist das zweifellos seine Hauptfigur. An Thomas Doret liegt es nicht; dieser liefert eine für sein Alter herausragende Performance, die sich durch Nuancen und Differenzierung auszeichnet. Ebenso ist Cyril ein sehr sorgfältig ausgearbeiteter Charakter, dessen Vielschichtigkeit erst nach und nach zum Vorschein kommt. Nein, das "Problem" an ihm, wenn man so will, ist sein hochgradig asoziales Verhalten. Obwohl dies zur Geschichte passt und immer wieder für spannende Konflikte sorgt, ist es schwer, sich der Figur emotional verbunden zu fühlen, anders als beispielsweise in François Truffauts thematisch ähnlichem Klassiker Les quatre cents coups (1959). Zwar wirkt sich dies niemals so gravierend auf den Filmgenuss aus wie etwa in Rolando Collas Giochi d'estate, baut aber doch eine gewisse Distanz zwischen Zuschauer und Film aus, die nie ganz überwunden werden kann.

Zusammen ist man weniger allein: Der vom Vater vernachlässigte Cyril (Thomas Doret) findet in Samantha (Cécile de France) eine Ersatzmutter.
Trotzdem weiss Le gamin au vélo zu gefallen. Die Dardennes (La promesse, Le fils) mögen hier eine ihrer Regie-Maximen brechen – erstmals wird, wenn auch sehr sparsam, so etwas wie Musikuntermalung verwendet –, doch ansonsten bleiben sie ihrem naturalistischen Stil mit seiner asketischen, an die Filme Robert Bressons gemahnenden Strenge treu. Sie folgen dem Alltag ihrer Charaktere, ohne auf Dramaturgie aus zu sein; der ganze Film wirkt angenehm ungezwungen und episodisch. Gefilmt wurde, wie bei den Brüdern üblich, mit viel natürlichem Licht und einer Handkamera, von Alain Marcoen bravourös geführt, die mit den Figuren mitwandert – oder -rennt – und den unruhigen Gemütszustand aller Beteiligten trefflich unterstreicht.

Selbst wenn das Herz des Kinogängers nicht wirklich warm wird mit dem Bengel ("gamin") Cyril, ist seine Geschichte sehens- und bedenkenswert. Die Dardennes beweisen einmal mehr ihr scharfes Auge für Details, physische wie psychische, und erzählen mit Le gamin au vélo ein interessantes, weil ambivalentes, und ausnehmend gut gemachtes Märchen aus dem politisch gebeutelten Belgien. Und da wäre sie dann doch, die gesellschaftskritische Komponente.

★★★★½

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