Sunday, 22 January 2012

The Girl with the Dragon Tattoo

Als Regisseur hat man es nicht einfach. Dreht man einen Film, der von allen Seiten überschwänglich gelobt wird, wird der darauf folgende mit grosser Wahrscheinlichkeit von der Kritik als Enttäuschung angesehen. Entsprechend gross war daher die Spannung, mit der David Finchers erstes Werk seit dem meisterhaften The Social Network erwartet wurde, handelte es sich dabei doch um die amerikanische Verfilmung des ersten Teils von Stieg Larssons international gefeierter Millennium-Romantrilogie. The Girl with the Dragon Tattoo, de facto auch ein Remake von Niels Arden Oplevs schwedischer Adaption, enttäuscht zwar nicht, doch das Gefühl, es fehle etwas, wird man dennoch nicht ganz los. 

Kurz nach dem Kinostart von Finchers nunmehr neuntem Film war vor allem ein Element davon in aller Munde. Ausgerechnet in einer Zeit, in welcher der gute alte Titelvorspann mehr und mehr verschwindet, schafft es eine derartige "Credit Sequence", die Massen zu beeindrucken und zu begeistern. Unterlegt mit Led Zeppelins "Immigrant Song" in der Industrial-Version von Trent Reznor und Atticus Ross (Oscar für The Social Network) mit der stimmlichen Unterstützung von Yeah-Yeah-Yeahs-Sängerin Karen O, wird in den ersten zwei Minuten auf intensivste Art und Weise eine eigene kleine Geschichte von Technologie, Gefangensein und Rache erzählt. Kein Zweifel, die Titelsequenz von The Girl with the Dragon Tattoo ist eine kreative Meisterleistung und macht sich das Stilmittel hervorragend zu eigen. Dass dies bei Fincher nichts Neues ist, ist wohlbekannt, zählt der aus dem Hirn seines Protagonisten herauszoomende Anfang von Fight Club doch zu den berühmtesten Vorspännen der jüngeren Kinogeschichte. Der diesbezüglich fundamentale Unterschied zwischen den beiden Buchverfilmungen liegt allerdings darin, dass bei der Palahniuk-Adaption ein offensichtlicher Zusammenhang zwischen Credits und Story besteht; hier wirkt das Ganze eher wie Selbstzweck. Natürlich ist das Ganze stilsicher, mitreissend und cool aufgezogen, doch dabei kommt der Bezug zu Larssons Krimi etwas abhanden.

Der Plot desselben wurde, abgesehen von einer Änderung am Schluss, treu übernommen. Der schwedische Enthüllungsjournalist und Mitinhaber des "Millennium"-Magazins Mikael Blomkvist (Daniel Craig) wurde von einem seiner Opfer erfolgreich auf 600'000 Kronen verklagt. Resultat: Ruf dahin, Feindbild von Presse und Industrie. Zu seiner Überraschung jedoch bittet ihn der legendäre Magnat Henrik Vanger (Christopher Plummer), dessen Geschäfte Schweden zum Sprung in die Moderne verhalfen, zu sich. Vanger will, dass Mikael sich des Falls seiner Nichte Harriet annimmt, die 1966 spurlos verschwunden ist und, nach Vangers Vermutung, von einem Familienmitglied ermordet wurde. Im Zuge seiner Ermittlungen wird Mikael immer mehr mit den dunklen Geheimnissen der Industriellenfamilie vertraut, zu denen Alt-Nazis, berüchtigte Trunkenbolde und mutmassliche Triebtäter gehör(t)en. Hilfe erhält der bald schon überforderte Journalist von der Person, die ihn auf Bitten von Vangers Anwalt Dirch Frode (Steven Berkoff) ausspioniert hat: der soziopathischen Hackerin Lisbeth Salander (Rooney Mara), die ihrerseits mit ihrem perversen staatlichen Vormund, dem Anwalt Nils Bjurman (Yorick van Wageningen), zu kämpfen hat.

Henrik Vanger (Christopher Plummer, links) führt Mikael Blomkvist (Daniel Craig) in seinen Auftrag ein.
Je nach Quellenmaterial tendieren Werke aus David Finchers Filmografie zu Längen von über 130 Minuten (Fight Club, Zodiac, The Curious Case of Benjamin Button), die man ihnen allerdings kaum je anmerkt. Dies ist auch beim knapp 160-minütigen The Girl with the Dragon Tattoo der Fall, welcher kurzweiligste Thriller-Unterhaltung bietet; das Ganze ist spannend genug aufgezogen – Kompliment an Autor Steven Zaillian –, sodass die zweieinhalb Stunden wie im Flug vergehen. Als Zuschauer hat man sogar das Gefühl, nicht das erste Mal bei diesem Regisseur, ewig weiterschauen zu können. Tatsächlich wäre eine längere Laufzeit dem Projekt gut bekommen. Dass der Film von drei Studen heruntergekürzt wurde, macht sich besonders in der ersten halben Stunde bemerkbar. Der erste Akt wird viel zu schnell abgewickelt, die kaum je länger als fünf Sekunden dauernden Einstellungen sorgen für eine für Kirk Baxters und Angus Walls Schnitt ungewohnte Nervosität, mit der in die Geschichte eingeführt wird. Doch auch das Ende des fesselnden, über weite Strecken unaufgeregten, aber äusserst dichten Films stellt eine Antiklimax zum Rest dar. Im Epilog verzettelt sich Zaillian plötzlich, sodass der zuvor stringente Plot auf einmal auszufransen beginnt und den vorangegangenen 135 Minuten ein wenig die Durchschlagskraft raubt – eine Kraft, die The Girl with the Dragon Tattoo als Ganzem etwas abzugehen scheint, was ihn auch weniger eindringlich macht als Fincher-Meisterstücke wie Se7en, Fight Club oder The Social Network.

Ansonsten aber gefällt die Larsson-Vefilmung und ist weit davon entfernt zu enttäuschen. Die packende, spannungsreiche Inszenierung wird von technischen und schauspielerischen Höchstleistungen ergänzt. So übertrifft sich Jeff Cronenweth mit seiner Kameraarbeit wieder einmal selbst, während das Duo Reznor/Ross das Geschehen, passend zur expliziten Gewaltdarstellung, mit einem roheren, martialischeren, weniger geschliffenen Score als man es in Finchers letztem Film gehört hat, musikalisch begleitet. Vor der Kamera gefällt Daniel Craig als unsicherer Möchtegern-Wallander Blomkvist; Christopher Plummer begeistert nach seiner grossartigen, mehrfach ausgezeichneten Darbietung als spät geouteter Homosexueller in Mike Mills' Beginners auch als jovialer Henrik Vanger; und Stellan Skarsgård wandelt in der Rolle von Henriks Neffen Martin erfolgreich auf dem schmalen Grat zwischen sympathisch und unheimlich. Wer aber am stärksten in Erinnerung bleibt, ist Rooney Mara als Lisbeth Salander. Mara, die schon in der brillanten Eingangssequenz von The Social Network als Mark Zuckerbergs Noch-Freundin mit ihrer Bestimmtheit bestach, hatte von allen Akteuren die schwierigste Aufgabe, da sie die als Salander zur Ikone gewordene Noomi Rapace ersetzen musste. Sie ist um einiges zierlicher und mädchenhafter als Rapace; entsprechend ist auch ihre Lisbeth eine andere als die der 32-jährigen Schwedin. Mara konzentiert sich weniger auf die gepiercte und tätowierte Rächerin, sondern mehr auf die dahinter verborgene Soziopathin, die sich den Fängen der Staatsgewalt zu entziehen versucht. Mit dieser Akzentuierung des Tragischen ist Mara Rapace mindestens ebenbürtig.

Lisbeth Salander (Rooney Mara) kümmert sich um den verletzten Mikael.
Die Meinungen der Kritiker zu The Girl with the Dragon Tattoo sind geteilt. Einige sehen in ihm ein fast fehlerloses Meisterwerk, andere ärgern sich über ein bestenfalls fantasiearmes, schlimmstenfalls langweiliges Remake. Beides sind extreme Ansichten, die wahrscheinlich daher rühren, dass der Film, die Adaption eines der am meisten verkauften Bücher der letzten Jahre, verschiedenste Erwartungen schürte. Was einem Fan Stieg Larssons zusagt, kann einem Anhänger David Finchers leicht zuwider sein. Tatsache ist, dass der neue Film des im vergangenen Jahr von der Academy zu Unrecht verschmähten Filmemachers in vielen Bereichen auftrumpfen kann – Kamera, Schauspiel, Musik, Schnitt, Spannungsbogen –, aber nicht, wie diverse andere Werke des Regisseurs, restlos begeistern kann. Im grossen Zusammenhang von Finchers Œuvre wird The Girl with the Dragon Tattoo, ähnlich wie etwa Zodiac, wohl nicht als Klassiker in Erinnerung bleiben. Für sich allein aber ist der düstere Krimithriller zweifelsohne ein unterhaltsames, einen Kinobesuch lohnendes Stück Film.

★★★★½

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