Thursday, 17 November 2011

Restless

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Eine Romanze zu drehen, in der eine Krebskrankheit eine tragende Rolle spielt, ist heikel, da die Sache schnell ins allzu Kitschige abrutschen kann. Dass dies aber nicht immer der Fall sein muss, zeigt Gus Van Sant in Restless, einer hinreissenden Liebeskomödie mit leisen capraesken Anklängen.

Der Teenager Enoch (Henry Hopper) ist der Aussenseiter schlechthin. Seit seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen und er drei Monate im Koma lag, will sein Leben nicht mehr richtig funktionieren. Zur Schule geht er nicht mehr; die Beziehung mit seiner Ersatzmutter, seiner Tante, ist gespannt; und Freunde hat er sowieso keine mehr. Einzig der "Geist" eines japanischen Kamikazepiloten, Hiroshi (Ryo Kase), leistet ihm Gesellschaft. Eines von Enochs wenigen Hobbys ist das Besuchen von Beerdigungen fremder Leute. An einer solchen trifft er die an einem Hirntumor erkrankte Annabel (Mia Wasikowska), die ihn mit ihrer Lebensfreude und ihrer Liebe zur Natur (und Charles Darwin) anzustecken versucht.

Wer im Juni dieses Jahres Submarine von Richard Ayoade im Kino gesehen hat, wird unweigerlich diverse Parallelen zu Restless feststellen. Tatsächlich scheint Gus Van Sant in seinem neuen Indie-Film dem Briten Ayoade in seiner verqueren Darstellung jugendlichen Aussenseitertums nachzueifern. Überhaupt wurde dem Film allgemein vorgeworfen, nichts anderes als ein fantasieloser Abklatsch von Arthur Hillers Love Story für den jungen Erwachsenen des 21. Jahrhunderts zu sein. Ja, die Geschichte um eine durch Krankheit intensivierte Beziehung sowie das Credo, dass der Tod die Lebenden um ein Vielfaches härter trifft als die Sterbenden, erfinden das Rad nicht neu. Aber dass Innovation auch innerhalb eines bekannten Schemas möglich ist, ist beileibe kein Geheimnis.

Liebe, bevor es zu spät ist: Die krebskranke Annabel (Mia Wasikowska) tröstet ihren neu gefundenen Freund Enoch (Henry Hopper).
Allein schon mit Enoch und Annabel haben Van Sant und Autor Jason Lew ein hervorragendes Protagonistenpaar kreiert, welches ebenso sympathisch wie ungewöhnlich ist. Das Paar entzückt mit herrlich exzentrischen, aber dennoch nicht gänzlich unrealistischen Gesprächen und Unternehmungen. Zudem hat es Lew auch sehr gut verstanden, die eigentlich todtraurige Geschichte sorgfältig mit Humor auszustatten. So finden Enoch und Annie die Romantik im Makabren ("You can't just 'seppuku' yourself on my deathbed!") und im Lakonischen ("How are you?" – "Same old, same old, still dying"). Dass dies nicht geschmacklos wirkt, sondern den Film herzerwärmend und romantisch macht, ist sicherlich auch Henry Hopper und Mia Wasikowska, die hier mit ihrer Kurzhaarfrisur etwas an Jean Seberg erinnert, zu verdanken; die Chemie zwischen den beiden stimmt perfekt. Sie sind auch einer der Gründe, warum man Restless die vereinzelten Stellen, an denen er sich dem Kitschigen nähert, nur zu gerne verzeiht. Ein anderer ist der Umstand, dass selbst in diesen Momenten die Ehrlichkeit und die Anmut der zentralen Liebesgeschichte über die etwaige Rührseligkeit triumphiert, ganz im Stile der Romanzen eines Frank Capra (Mr. Smith Goes to Washington, It's a Wonderful Life) – "capracorny" eben.

Gus Van Sant präsentiert einen feinfühligen, warmen und melancholischen Film, der für einen kalten grauen Herbsttag bestens geeignet ist. Denn obwohl hier der Tod im Mittelpunkt steht, ist Restless vor allem eines: ein Aufsteller.

★★★★★

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