Friday, 4 November 2011

The Adventures of Tintin

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Nach fünf kleineren Verfilmungen wurden die Tim & Struppi-Comics des Belgiers Georges Remi, besser bekannt als Hergé, nun erstmals von Hollywood aufgegriffen. The Adventures of Tintin ist herrlich nostalgisches Abenteuerkino für alle Altersklassen.

Auf einem Flohmarkt in Brüssel stösst der junge Reporter Tintin (Jamie Bell) auf ein Modell des legendären Segelschiffs "Unicorn" aus dem 17. Jahrhundert. Kaum gekauft, schon buhlen zwielichtige Gestalten darum. Als das prächtige Modell tatsächlich verschwindet, ruft das die beiden schusseligen Detektive Thomson und Thompson (Simon Pegg/Nick Frost) auf den Plan, die dem Fall aber nicht gewachsen scheinen. Also beschliesst Tintin, der Sache mit seinem treuen Hund Snowy selbst auf den Grund zu gehen. Es stellt sich heraus, dass die "Unicorn" der Schlüssel zu einem sagenhaften Schatz ist, der irgendwo verborgen liegt. Zusammen mit dem trinkfesten Captain Haddock (Andy Serkis) begeben sich Tintin und Snowy auf ein halsbrecherisches Abenteuer.

Das Universum, das Hergé in seinen Comics geschaffen hat, ist in vielen Punkten nicht nur ein Produkt seiner Entstehungszeit – den Dreissiger- und Vierzigerjahren –, sondern auch eine romantische Rückbesinnung auf das, rückblickend zumindest so interpretierte, abenteuerlustige 19. Jahrhundert, wie es in den Romanen Robert Louis Stevensons, Herman Melvilles und Jules Vernes geschildert wurde. Demnach ist das Altmodische ein Faktor, der bei jeder filmischen Adaption vorhanden sein muss. Dies haben die Produzenten Kathleen Kennedy, Peter Jackson und Steven Spielberg, der auch gleich auf dem Regiestuhl sass, in The Adventures of Tintin hervorragend umgesetzt. Die Geschichte um verlorene Schätze, berüchtigte Piraten, versteckte Hinweise sowie die Suche danach bis in die exotischsten Ecken der Erde – entsprechend finden sich zahlreiche Reminiszenzen an Spielbergs Indiana Jones-Reihe – wird, mit Ausnahme der von James Camerons Avatar salonfähig gemachten Performance-Capturing-Technik, von der Moderne "gestört". Selbst der Titelvorspann erweist dem klassischen Zeichentrickfilm seine Reverenz.

Schatzsuche ahoi: Der bärbeissige Captain Haddock (Andy Serkis) und der junge Tintin (Jamie Bell) trotzen im Beiboot den Gefahren der Hochsee.
Doch obwohl der Film durch seine mitreissenden, aufregend gefilmten Actionszenen, John Williams' Musik und seinen Retro-Charme besticht, ist er doch nicht ohne Mängel. So fällt etwa die Exposition eine Spur zu temporeich und gehetzt aus; Tintins ewige Kommentare nerven mitunter etwas; das 3D wäre nicht unbedingt nötig gewesen; und das Ganze hinterlässt, bei aller Nostalgie, kaum einen bleibenden Eindruck. Die Ausnahme stellt Andy Serkis' Performance als Captain Haddock dar. Serkis, der dieses Jahr schon als Affe Caesar in Rise of the Planet of the Apes brillierte, verdient sich hier – einmal mehr – einen Platz im Pantheon der grossartigen Motion-Capture-Schauspielleistungen. Mit seinem mal bedrohlichen, mal melancholischen, mal freundlichen, aber immer virtuosen Knurren (in perfektem schottischem Dialekt) verleiht er dem Film einige willkommene Ecken und Kanten.

Eine bessere Hollywood-Verfilmung von Hergés Geschichten hätte man sich wohl nicht wünschen können. The Adventures of Tintin bleibt dem originalen Material treu, wird aber auch Uneingeweihte problemlos überzeugen können. Spielberg bietet wieder einmal bestes Unterhaltungskino alter Schule.

★★★★½

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