Wednesday, 2 November 2011

Abduction

Obwohl die Kinoadaptionen von Stephanie Meyers Twilight-Romanen internationale Kassenschlager sind, entwickeln sie sich für die mitwirkenden Darsteller doch langsam zu einem Karriere-Handicap. Die beiden Hauptakteure der Serie, Robert Pattinson und Kristen Stewart, haben schon länger begriffen, dass kreischende Früh-Teenager nicht die stabliste Fan-Basis bilden. Entsprechend versuchen sie – bislang eher mässig erfolgreich –, von ihrem Twilight-Image wegzukommen und ihr schauspielerisches Spektrum zu erweitern oder, in Stewarts Fall, zu schon früher errungenen Erfolgen zurückzukehren. Nun scheint auch Taylor Lautner, der in den Meyer-Verfilmungen Werwolf Jacob gibt, einen dahin gehenden Weg einzuschlagen. In Abduction, dem neuen Film des renommierten Regisseurs John Singleton (Boyz N the Hood), wandelt er nun auf den Spuren von Matt Damons Actionhelden Jason Bourne. Dumm nur, dass er sich für seinen erhofften Durchbruch im alle Demografien ansprechenden Kino einen der schlechtesten Filme des Jahres ausgesucht hat.

Nathan (Lautner) ist ein gewöhnliche
r 18-Jähriger, der niemandem speziell auffällt – was bei seinem durchtrainierten Körper, den schneeweissen Zähnen und seinen hirnrissigen Stunts doch eher seltsam wirkt. Die wichtigsten Personen in seinem Leben sind seine gleichaltrige Nachbarin Karen (Lily Collins), mit deren Freund (?) er mehrmals aneinandergerät, seine High-School-Kumpel und seine Eltern Kevin (Jason Isaacs) und Mara (Maria Bello). Nur etwas bedrückt ihn: Immer wieder wird er von einem realistisch anmutenden Traum heimgesucht, den niemand erklären kann. Eines Tages entdeckt er auf einer Internet-Datenbank für entführte Kinder sich selbst. Kurz darauf werden seine "Eltern" kaltblütig ermordet, woraufhin er mit Karen fliehen muss.

Abduction mag wie eine billige Kopie eines Teils der Bourne-Trilogie wirken, doch die Wahrheit ist noch um ein Vielfaches jämmerlicher; der Film ist vielmehr ein Quasi-Plagiat von D.J. Carusos Eagle Eye, der seinerseits stark bei der bisher einflussreichsten Action-Franchise des 21. Jahrhunderts abkupferte. Auch die dahinter stehende Absicht scheint bekannt, war Carusos – eigentlich ganz passabler – Streifen doch auf Shia LaBeouf (Transformers) zugeschnitten, um diesen als ernst zu nehmenden Schauspieler zu etablieren. Kurz gesagt: Singletons neuer Film ist ein Plagiat eines Plagiats. Doch das allein ist bei weitem noch nicht sein grösstes Manko – wie traurig.

Man kann nicht behaupten, dass Abduction aufgrund eines massiven Defizits versagt. Vielmehr leidet das Projekt an einer Vielzahl von Unstimmigkeiten, Löchern und Mängeln, die das ganze Konstrukt letzten Endes zum Einsturz bringen. Dies fängt schon bei der selbst für Actionfilm-Verhältnisse allzu dünnen Story an. Der Film besteht zu einem schönen Teil aus Nathan und Karen, die von einem Ort zum nächsten fliehen. Hie und da treffen sie entweder auf einen Verfolger, den sie – stark wie sie eben sind – in einem dreiminütigen Kampf ausschalten; oder sie werden von einer der beiden jagenden Parteien angerufen, was zu kurzzeitiger Charakterentwicklung führt, welche ihrerseits aber weitestgehend wirkungslos bleibt, da es sich bei den Hauptfiguren um uninteressante, unsympathische und realitätsferne Abziehbildchen handelt. Dass Taylor Lautner als Hauptdarsteller überfordert und verloren wirkt – vielleicht weil ihm langsam bewusst wird, dass ein gestählter Körper einem das Schauspielern nicht abnimmt – und Lily Collins unsagbar schlecht spielt, macht die Sache nicht besser. Noch schlimmer ist aber ist die manipulative Darstellung von Nathans Eltern. Jason Isaacs und Maria Bello verbringen ihre immerhin ansehnliche Screentime grösstenteils damit, liebenswert-ironische Kommentare über ihren Sohn zu machen. Einen wirklichen Einfluss auf die Geschichte haben sie nicht. Der einzige Grund für ihre Existenz ist der Moment ihres Todes, der darauf angelegt ist, den Zuschauer Trauer empfinden zu lassen. Das Ableben eines Elternteils zum blossen "Plot Device" herabzustufen, mag zwar kein neueres Phänomen sein, doch eine Entschuldigung ist dies noch lange nicht. Es ist und bleibt ein Kunstgriff aus der untersten Schublade.

Aber selbst wenn man von diesem Stück Geschmack
losigkeit absieht, ist das Drehbuch von Shawn Christensen – seines Zeichens Mitglied der Rockband stellastarr* – kaum zu retten. Die Dialoge variieren zwischen banal-belanglos, schmerzhaft künstlich und fast schon belustigend unbeholfen. Auch die schwachen Bemühungen, lustig zu sein, laufen ins Leere. Im besten Fall unterhalten die Einzeiler mit ihrer kümmerlichen Qualität; im schlechtesten laden sie zu heftigem Kopfschütteln ein. Überdies scheint Christensen das heilige Prinzip "Show, don't tell" nicht bekannt zu sein. Mehrfach lässt er seine Figuren Dinge beschreiben, die Off-Screen passieren, und, in einem besonders dunklen Moment, verleitet er Nathan dazu, seiner Psychiaterin (gespielt von der armen Sigourney Weaver) einen Traum zu erzählen, den sie offensichtlich in- und auswendig kennt.

Doch auch die Leistung von Regisseur Singleton ist nicht über jeden Zweifel erhaben. Der Film ist dürftig inszeniert und lässt jegliche Form von Rhythmus und Timing vermissen. Es scheint mehr Zeit für die Produkteplatzierung als für die Erarbeitung eines kohärenten Erzählflusses aufgewendet worden sein; Apple, deren Produkte in einem Werbekatalog nicht prominenter hätten ausgestellt werden können, und die Stadt Pittsburgh, die offenbar nichts unversucht lässt, ihren Ruf als langweilige Stadt loszuwerden, werden sich bedanken. Überzeugen aber wenigstens Singletons Actionszenen? Immerhin will man in einem solchen Film auch visuell unterhalten werden. Leider versagt Abduction auch in dieser Hinsicht. Entweder sind einzelne Kampfsequenzen viel zu lang und hätten unbedingt einer Überarbeitung bedurft, oder sie verpuffen ohne auch nur ansatzweise mitzureissen. Erschwerend hinzu kommt die lächerliche Kampfphysik, der man nur zu gut die CGI-Behandlung ansieht.

Neue Fans wird sich Taylor Lautner mit seinem neuesten Film sicher nicht einhandeln. Wenn man zwölf Jahre alt ist und noch nie einen Actionfilm gesehen hat, dürfte einem
Abduction wie brutales, kerniges, hochspannendes Actionkino vorkommen. Allen anderen wird John Singletons weichgespülter Jason-Bourne-Abklatsch höchstens ein müdes Lächeln entlocken. Der Film ist infantil, plump und in seiner Selbstzufriedenheit hochgradig nervend. Abduction verkauft s
ein Publikum für dumm – sehr schön veranschaulicht durch die Information via Untertitel, dass die Story einen Abstecher nach "London, England" macht – und hat mittlerweile dennoch mehr als das Doppelte seines Budgets eingespielt. Darüber lässt sich eigentlich nur noch hohl lachen.

½★

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