Thursday, 6 October 2011

Le Havre

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

2006 schloss der finnische Kino-Minimalist Aki Kaurismäki mit Laitakaupungin valot (Lights in the Dusk) seine "Verlierer-Trilogie" ab. Jetzt kehrt er triumphal zurück: Le Havre ist ein stiller, lakonischer und trotz allem hoffnungsvoller Film, der unverkennbar Kaurismäkis Handschrift trägt.

Als Aki Kaurismäki 1994 nach vierjährigem Aufenthalt in Portugal ins heimische Finnland zurückkehrte, schwor er sich, seine Filme nur noch in seinem Heimatland zu drehen. Diesen Vorsatz konnte er 17 Jahre lang halten, bevor er ihn nun mit Le Havre brach. Die Entscheidung ist nachvollziehbar: Der Film ist ein, so der Regisseur, Autor und Produzent Kaurismäki, "unrealistischer" Beitrag zum Thema der afrikanischen Einwanderung nach Europa – der beste jüngerer Zeit –, welche die Finnen bekanntermassen nur marginal betrifft. Doch unter Kaurismäkis Regie und mit Kameramann Timo Salminens Auge wird selbst das nordfranzösische Le Havre zu einem Setting, das dem Helsinki aus Kauas pilvet karkaavat (Drifting Clouds) oder Laitakaupungin valot verblüffend ähnelt.

Der Fokus von Le Havre liegt aber nicht auf der Stadt, sondern auf den illustren Figuren, von denen sie, das Fischerviertel im Speziellen (wie viele Schauplätze im Œuvre des Regisseurs im Stil der Fünfzigerjahre gehalten), bewohnt wird. So auch Marcel Marx (André Wilms), Ex-Autor, Schuhputzer, Bohémien und Weiterführung einer Figur aus Kaurismäkis La vie de bohème (1992), der dort mit seiner kranken Frau Arletty (die Französisch radebrechende Kati Outinen in ihrem elften Kaurismäki-Film) ein kleines Häuschen bewohnt. Als aus einem Flüchtlingscontainer ein illegaler Immigrant aus Gabun, ein Junge namens Idrissa (Blondin Miguel), entkommt, nimmt Marcel diesen bei sich auf. Doch der melancholische Kommissar Monet (Jean-Pierre Darroussin) ist Idrissa auf den Fersen.

Neue Herausforderung für den Bohème: Marcel Marx (André Wilms) nimmt sich des afrikanischen Flüchtlings Idrissa (Blondin Miguel) an.
Kaurismäkis Filme sind seit jeher Geschmackssache. Action, Dramatik, Tempo – Fehlanzeige! Vielmehr kreiert der Autor in seinen – nur selten über 90-minütigen – Werken faszinierende Mikrouniversen; kleine Welten, die von kleinen Leuten, denen das klassisch "Heldenhafte" völlig abgeht, bevölkert werden. Auch wirken diese Figuren häufig, als warteten sie auf etwas, dessen exakter Natur sie sich nicht einmal selbst richtig sicher sind – Samuel Becketts En attendant Godot lässt grüssen. Le Havre bildet da keine Ausnahme. Nicht nur begeistert die gewohnt feinfühlige Charakterzeichnung; der Film strahlt auch eine Ruhe aus, die kaum je gestört wird; die Dialoge sind knapp und gemächlich gehalten; die Story schlendert betulich voran und keine der Figuren lässt sich je zu einem Gefühlsausbruch hinreissen.

Auch seine viel gerühmte Lakonik hat Kaurismäki in den fünf Jahren Spielfilm-Drehpause nicht verlernt. Sei es ohne Worte, sei es mit kurzen, leicht absurden Linien, der Humor, den er aus seinen zugeknöpften Charakteren gewinnt, ist nach wie vor unvergleichlich. Das antiklimaktische Ende wiederum ist auf seine eigene Art wunderschön, entspricht der Selbsteinschätzung des Regisseurs ("ein alter Mann mit weichem Herzen") und zeigt, wie jeder Film von Aki Kaurismäki, dass Melancholie und Hoffnug untrennbar miteinander verbunden sind. Le Havre ist eine wundervolle Ode ans Einfache und zutiefst Menschliche.

★★★★★½

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