Thursday, 18 September 2014

The Wind Rises

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat.

Eine Ära geht zu Ende: Nach elf Filmen gab der japanische Animationsmeister Hayao Miyazaki, Mitbegründer des weltberühmten Studio Ghibli, im August 2013 seinen Rücktritt bekannt. Sollte sich dieser bestätigen, so hat er mit The Wind Rises ein grandioses Altersopus hinterlassen.

Wozu braucht diese Welt Kunst? Wenn es möglich ist, diese leider immer noch allzu häufig gestellte Frage in Form eines Films zu beantworten, dann hat es Miyazaki mit seiner Biografie des japanischen Flugzeugdesigners Jiro Horikoshi (1903–1982), dem führenden Ingenieur hinter den gefürchteten Weltkriegs-Kampffliegern Mitsubishi A5M und Mitsubishi A6M Zero, geschafft. The Wind Rises – der Titel ist von der Linie "Le vent se lève! Il faut tenter de vivre!" aus Paul Valérys Gedicht "Le Cimetière marin" abgeleitet – ist ein zutiefst bewegendes cineastisches Gedicht, eine abwechselnd erhebende und melancholische Ode ans Schöpfertum, dessen Werke den kühnsten Träumen Form zu geben und Flügel zu verleihen vermögen, schliesslich aber von der pragmatisch gesinnten Menschheit wieder zurecht gestutzt und an den profanen Utilitarismus gekettet werden.

Der vom Fliegen begeisterte Jiro (gesprochen von Hideaki Anno, selber ein bedeutender Anime-Künstler) entschliesst sich im Kindesalter dazu, wie sein Idol, Flugpionier Giovanni Battista Caproni (Nomura Mansai), Flugzeuge nicht steuern, sondern entwerfen zu wollen. Verrichtet er als arrivierter Mitsubishi-Designer seine Arbeit aber im Namen der Ästhetik, sind Vorgesetzte, Regierung und deutsche Bündnispartner jedoch nur an einem interessiert: Wie lassen sich die Horikoshi-Modelle bewaffnen? Während einer Sitzung gibt Jiro zu bedenken, sein neuester Entwurf würde sich ohne eingebaute Gewehre erheblich flinker bewegen, was seine Kollegen in brüllendes Gelächter ausbrechen lässt. (Neben allem anderen ist The Wind Rises auch ein Film darüber, wie sich Japan zwischen den Weltkriegen darum bemühte, den Weg in die Moderne zu finden.)

Dass Technik eine autonome Kunstform ist, dass ihre inhärente Schönheit erst unter politisch-ideologischem Missbrauch dem oft beklagten zerstörerischen Potential weicht – all dies beschreibt der Pazifist Miyazaki mit beeindruckender Subtilität. Ein blutrotes Feuerband am Horizont genügt ihm, eine Parallele zwischen dem verheerenden Kanto-Erdbeben von 1923 – eine fantastische, beängstigende, an Szenen in Isao Takahatas Grave of the Fireflies erinnernde Sequenz, in der Bilder und Tondesign perfekt ineinander greifen – und dem Kriegsschrecken zu ziehen, den Jiros Flieger ab den Dreissigerjahren in alle Winkel des pazifischen Raumes brachten.

"Jiro Dreams of Flying": Jiro Horikoshi (Stimme: Hideaki Anno) stellt seine Leidenschaft für das Entwerfen von Flugzeugen in den Dienst der japanischen Regierung.
© Frenetic Films
Doch der dramaturgisch bisweilen etwas unstete Film erzählt nicht vom moralischen Scheitern seines Protagonisten, der sich trotz grosser Liebe zu seiner tuberkulosekranken Ehefrau Nahoko (Miori Takimoto) nie ganz von seiner zeitraubenden Arbeit lösen kann. Vielmehr porträtiert Miyazaki mit Jiro den archetypischen Künstler, welcher dazu gezwungen ist, seine frei schwebenden Träume mit den Anforderungen der Realität zu vereinen. So ist The Wind Rises letztlich auch ein anmutiges Selbstporträt, in dem das vielleicht prominenteste Motiv aus Miyazakis Schaffen – das Fliegen – endgültig ins Zentrum gerückt und ästhetisch perfektioniert wird. Nach den Titelfiguren in Nausicaä of the Valley of the Wind, My Neighbor Totoro, Kiki’s Delivery Service und Porco Rosso, der Heldin des Oscargewinners Spirited Away sowie allen Beteiligten im unterbewerteten Meisterstück Castle in the Sky erhebt sich nun der Meister in Gedanken selber in die Höhe. Das Resultat sind farbenprächtige Tableaux von berückender Schönheit; The Wind Rises rangiert unter den visuell begeisterndsten Ghibli-Werken. "Ein Künstlerleben", meint Caproni einmal zu Jiro, "währt zehn gute Jahre". Miyazakis währte deren 35. 

★★★★★½

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