Thursday, 10 July 2014

Out of the Furnace

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat. 

Out of the Furnace ist im wahrsten Sinne des Wortes "grosses" Kino – grosse Namen, grossen Themen, grosse Emotionen. Im Milieu der gebeutelten Stahlindustrie Pennsylvanias zeichnet Scott Coopers zweiter Film ein düsteres amerikanisches Stimmungsbild. 

Vergleicht man Coopers neues Werk mit seinem Regiedebüt, dem mit zwei Oscars (Hauptdarsteller und Song) ausgezeichneten Musikdrama Crazy Heart (2009), fallen einem durchaus inhaltliche Ähnlichkeiten auf. Beide erzählen vom Niedergang einer Figur, einer Lebensart, eines Landes, von einer kathartischen Katastrophe, vom Versuch einer Erlösung. Jeff Bridges' Country-Sänger Otis "Bad" Blake tingelte in Crazy Heart durch Bowling-Bahnen, billige Spelunken und triste Bars; den Frust darüber, bei Grossanlässen zum Aufwärm-Akt degradiert worden zu sein, kontert er mit exzessivem Alkoholkonsum, der ihn an den Rand des physischen und mentalen Verderbens drängt. Out of the Furnace handelt vom verantwortungsbewussteren Russell (Christian Bale, nach seinem Schauspiel-Meisterstück in American Hustle mit einer dezenteren, aber keineswegs unterlegenen Darbietung), einem Stahlarbeiter aus dem grauen Industrie-Nest North Braddock, Pennsylvania, der versucht, seinem unsteten Bruder Rodney (Casey Affleck), einem traumatisierten Irakkriegs-Veteranen, ein geregeltes Leben schmackhaft zu machen. Doch das Schicksal will es anders: Das Stahlwerk steht vor der Schliessung; Russell baut einen Autounfall, wandert ins Gefängnis und verliert seine Freundin (Zoë Saldana) an einen Polizisten (Forest Whitaker); derweil Rodney seine halbmafiöse Vaterfigur (Willem Dafoe) dazu überredet, ihn in die finsteren Appalachen-Wälder New Jerseys zu schicken, um dort an den illegalen Strassenkämpfen des psychopathischen Harlan DeGroat (Woody Harrelson) teilzunehmen.

Doch obwohl sich dieser keinem klassischen dramatisch minutiös strukturierten Plot folgende Film – Russells Gefängnisstrafe etwa nimmt knapp 15 Minuten Laufzeit ein, bevor er wieder entlassen wird – narrativ Crazy Heart zu gleichen scheint, verbinden ihn stärkere Bande mit anderen Werken: Coopers Darstellung der dem Untergang geweihten Industrielandschaften des amerikanischen Nordostens evoziert David O. Russells fulminantes Boxerdrama The Fighter (2010); die Krise der US-Industrie und ihrer Arbeiter – welche stellvertretend für eine ganze Gesellschaft stehen – wurde im vergangenen Jahr auch von Alexander Payne in der magistralen Tragikomödie Nebraska beleuchtet; wie Andrew Dominiks prätentiöser Killing Them Softly benutzt Cooper den Wahlkampf 2008 als zeitlichen Hintergrund; den Topos der Hinterwäldler-Drogenszene kennt man aus Debra Graniks Winter's Bone (mit dem sich Out of the Furnace in Dickon Hinchliffe den Score-Komponisten teilt). Die nachgerade biblischen Familienverstrickungen im Zentrum der Erzählung wiederum erinnern an Derek Cianfrances eindrückliches Drama The Place Beyond the Pines; ebenso die atemberaubende natürliche Schönheit North Braddocks – bei Cianfrance war es Schenectady, New York –, konterkariert durch die rauchenden Kaminschlote und die menschlichen Verbrechen, welche hier in Szene gesetzt werden.

"Real Steel": Eine unglückliche Verkettung von Ereignissen zwingt Stahlarbeiter Russell (Christian Bale) dazu, das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen.
© Ascot Elite
Explizite sozipolitische Kommentare behält sich Cooper allerdings vor. Sein Film bleibt stets im Parabelhaften verankert; er zeichnet sich primär durch seine getragene Atmosphäre und eine Art proletarische Schwermut aus. Rodney träumt davon, der eigenen Versehrtheit zu entfliehen; Russell versucht sich mit dem Verlust seiner Freundin zu arrangieren; auf einem Jagdausflug mit seinem Onkel (Sam Shepard) entsagt er der Gewalt, nur um später zu einem scheinbar kaltblütigen Rächer zu werden, wobei sich der Zuschauer dabei ertappt, innerlich diese Form der archaischen, westernartigen Selbstjustiz gut zu heissen. Von klaren Antworten auf die von ihm aufgeworfenen moralischen und emotionalen Probleme sieht Out of the Furnace weitgehend ab. Cooper belässt es dabei, diese Fragen stimmungsvoll und hochgradig ästhetisch in den Raum zu stellen. Zwar schafft es sein Film nicht ganz, einen zu einer tief greifenden Diskussion zu animieren, doch gebührt ihm Lob dafür, über die Grenzen einer in sich geschlossenen Erzählung hinaus zu denken.

★★★★½

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