Tuesday, 31 December 2013

Only Lovers Left Alive

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat.


In seinem ersten Film seit 2009 widmet sich Jim Jarmusch dem für ihn an sich untypischen Thema einer Vampirromanze. Doch der Outlaw des amerikanischen Indie-Kinos weiss auch in diesem Genre zu begeistern: Only Lovers Left Alive ist ein stimmiges Charakterstück von melancholischer Schönheit.

Ein Hauch von Midnight in Paris liegt über Only Lovers Left Alive. Wie Woody Allen in seiner leichtfüssigen Zeitreise-Komödie scheint sich Jarmusch – mehr noch als im unterbewerteten The Limits of Control, in dem er eine Figur über Aki Kaurismäkis La vie de bohème philosophieren liess – in seinem elften Spielfilm daran zu erfreuen, historische, literarische und cineastische Referenzen in sein Drehbuch einfliessen zu lassen. Seine Hauptfiguren, das sich innig liebende, jahrhundertealte Vampir-Paar Adam (Tom Hiddleston), lethargisch-depressiv, und Eve (Tilda Swinton), verträumt-proaktiv, erinnern in ihrer Konstellation an die menschlichen Akteure in John Miltons Genesis-Neuinterpretation Paradise Lost. Eves bester Freund ist der ebenso legendäre wie illustre elisabethanische Theaterautor Christopher Marlowe (John Hurt), ebenfalls ein Blutsauger; Adam, einst ein Freund von "Shelley and Byron and some of those French arseholes", sammelt ikonische Gitarren, schmückt sich mit dem Pseudonym "Dr. Faust", wird von einem gewissen "Dr. Watson" (Jeffrey Wright) mit Blutkonserven beliefert und hat sich in seiner Wohnung einen Schrein für seine Idole eingerichtet: Bilder von Mark Twain, Samuel Johnson, Baruch Spinoza, Frank Kafka, Bo Diddley, Oscar Wilde, Billie Holiday und Neil Young pflastern seine Wand.

Doch anders als bei Allen, der mit seinem Schauplatz, dem Paris der Zwanzigerjahre, einen eindeutig auszumachenden Grund hatte, seine Erzählung unter anderen mit F. Scott Fitzgerald und Luis Buñuel auszustaffieren, ist der genaue Zweck von Jarmuschs Anspielungen nicht leicht zu verorten, nicht zuletzt deshalb, weil sie sich nicht direkt auf den ohnehin spärlichen Plot – Adams Suizidgedanken, eine drohende Blutkonserven-Knappheit sowie der Besuch von Eves wilder Schwester Ava (Mia Wasikowska) – beziehen. Handelt sich dabei um blosse intellektuelle Spielerei, um den Versuch, etwa dem filmhistorisch bewanderten Publikum einen Lacher zu entlocken, wenn Adam von Dr. Watson "Caligari" genannt wird? Oder verfolgt er immer noch jenes Motiv, welches er in The Limits of Control, welcher seine narrativen Geheimnisse nie Preis gab, auskostete; dass die Macht des Autors erst dann offensichtlich wird, wenn er seinem Adressaten Informationen vorenthält?

Seit Jahrhunderten schon sind die Vampire Adam (Tom Hiddleston) und Eve (Tilda Swinton) unsterblich ineinander verliebt.
© filmcoopi
Beide Lesarten mögen wenigstens teilweise zutreffen (wenngleich der Film eher an Mystery Train denn an Limits gemahnt), doch Jarmusch wäre nicht Jarmusch, wenn seine Arbeit nicht auf einer tieferen Ebene berühren würde. Only Lovers Left Alive ist zuallererst ein betörendes impressionistisches Kunstwerk, dessen Brillanz in seiner elegischen Langsamkeit, seinem lakonisch-skurrilen Grundton und seiner grandiosen, von psychedelisch-verzerrten E-Gitarren-Klängen unterstützten Atmosphäre liegt. Mit subtiler Grazie – und herausragenden Bildkompositionen – kontrastiert Jarmusch den Stillstand und den Ennui des ewigen Lebens mit der schmerzlichen Schönheit der Liebe von Adam und Eve und verhilft so dem Konzept des Vampirs, durch die unselige Twilight-Reihe seiner Ernsthaftigkeit, seiner unheimlichen Romantik, ja seiner Würde beraubt, zu neuer poetischer Kraft.

★★★★★½

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