Thursday, 22 November 2012

Killing Them Softly

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

In den ideologisch gespaltenen USA bahnt sich eine Identitätskrise an, die sich schon seit dem Ende der Bush-Ära ankündigt. Im Gangsterfilm Killing Them Softly versucht der Neuseeländer Andrew Dominik, der amerikanischen Malaise auf den Grund zu gehen. Er scheitert.

New Orleans, 2008: Während John McCain und Barack Obama um den Einzug ins Weisse Haus wetteifern – Bildschirme und Plakatwände künden von nichts anderem –, findet die Unterwelt ihre eigenen Wege, in Zeiten der Finanzkrise über die Runden zu kommen. So etwa die kleinkriminellen Frankie (Scoot McNairy) und Russell (Ben Mendelsohn), welche das Mafia-Pokerturnier von Markie Trattman (Ray Liotta) überfallen. Dieser hat einst ein von ihm selber organisiertes Turnier ausrauben lassen, also setzen die beiden Kumpel darauf, den Verdacht erneut auf Markie lenken zu können. Da die ehrenwerte Gesellschaft in Gelddingen keinen Spass versteht, hetzt sie Trattman tatsächlich den Auftragsmörder Jackie Cogan (Brad Pitt) auf den Hals, der, so erzählt er es jedenfalls seinem Fahrer (Richard Jenkins), an die Unschuld seines Opfers glaubt. Um ein reines Gewissen zu bewahren, lässt Jackie den Killer Mickey (James Gandolfini) aus New York einfliegen, der aber, wie sich schnell herausstellt, völlig ausser Form ist.

Herrschen in Amerika harte Zeiten, dann dienen Outlaws als Projektionsfläche für die Stimmung der Nation. Als 1929 die Börse zusammenbrach, fanden die Menschen in Bankräubern wie John Dillinger oder dem legendären Pärchen Bonnie und Clyde neue Helden. Die mörderische Bande der Brüder Frank und Jesse James genoss in den schwierigen Jahren nach dem verheerenden Bürgerkrieg hohes Ansehen. Andrew Dominik ist die Materie demnach nicht fremd: 2007 begeisterte seine düstere, zweienhalbstündige Western-Elegie The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford mit einer nuancierten, stimmigen Aufarbeitung des Titel gebenden Vorfalls und einem kritischen Blick auf die Auswüchse amerikanischen Personenkults. In Killing Them Softly, der Adaption eines Romans von George V. Higgins, lässt er die linksliberale Vision kollektiven Zusammenhalts auf die zynische Weltsicht eines Mörders wie Jackie Cogan treffen, die da heisst: "In Amerika ist jeder auf sich gestellt" – die Kaltblütigen überleben, Schwache wie Frankie, Russell, Markie und Mickey haben das Nachsehen.

Adel und Abschaum: Der gefragte Killer Jackie Cogan (Brad Pitt, links) redet dem kleinkriminellen Frankie (Scoot McNairy) ins Gewissen.
Inszeniert wird dieser existenzielle Konflikt mit beachtlichem cineastischem Flair: Die oft mit Sepiatönen veredelten Bilder zeichnen ein akkurates Milieu-Porträt; die Schauspieler, mehrere von ihnen mit ausgiebiger Mafiafilm-Erfahrung, agieren ausnahmslos souverän. Es ist letztlich Andrew Dominiks an Hochmut grenzender Ehrgeiz, der Killing Them Softly zum Scheitern verdammt. Zum einen wären da die Defizite des Regisseurs, der vergeblich versucht, Martin Scorseses Klassiker des modernen Gangsterdramas, vorab Goodfellas, mit der wortlosen Intensität von Filmen wie No Country for Old Men oder Drive zu vermischen. Das Resultat sind mühsame, schleppende Szenen, welche dramaturgisch stillzustehen scheinen; tatsächlich fühlt sich der gut 90-minütige Streifen länger an als The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford.

Obendrein versagt Dominik auch als Drehbuchautor: Die penetranten Einspieler des Wahlkampfs 2008 sollen Atmosphäre und satirischen Subtext schaffen, wirken aber hochgradig prätentiös und selbstgefällig. Auch der Plot greift nicht: Ohne jeden Rhythmus wird Szene an Szene gereiht. Ebenso enttäuschend die Dialoge: Seien es die allzu vulgären Austausche zwischen Russell und Frankie, seien es Jackies pseudophilosophische Exkurse, sie alle gaukeln dem Zuschauer eine Tiefe vor, die sich bei genauerem Hinsehen als das entpuppt, was Killing Them Softly wirklich ist: Leeres Gewäsch.

★★½

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