Mittwoch, 25. November 2020

Fireball: Visitors from Darker Worlds

© Apple TV+ © 2020 Apple Inc. All rights reserved.

★★★★

"Bald jedoch wird klar, dass Herzogs primäre Faszination weder den Meteoren an sich noch ihren makrohistorischen Auswirkungen gilt, sondern einmal mehr an den ganz kleinen Geschichten hängenbleibt. Wie schon in Rad der Zeit (2003), seiner Dokumentation über eine buddhistische Grossveranstaltung, ist das übergeordnete Thema von Fireball hauptsächlich ein Vehikel, um anhand von einzigartigen Begegnungen und unkonventionellen Gesprächen die schiere Vielfalt der menschlichen Existenz zu zelebrieren."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar)

Dienstag, 24. November 2020

Maximum Cinema Filmpodcast #13: Johnny der Depp, "Mank", "Hillbilly Elegy", "The Assistant" und "The Queen's Gambit"

© Olivier Samter

In Folge 13 des Maximum Cinema-Podcasts fragen Olivier, Daniel, Lola und ich uns, wie es nach der Entlassung von Johnny Depp mit der Fantastic Beasts-Reihe weitergeht, bevor wir uns mit drei Filmen auseinandersetzen: Olivier und ich sprechen über Mank, wir sind uns nicht einig über Hillbilly Elegy, wohl aber über The Assistant. Und zuletzt empfiehlt Lola die Netflix-Miniserie The Queen's Gambit. Der Podcast ist auf allen gängigen Plattformen verfügbar.

Samstag, 21. November 2020

Dick Johnson Is Dead

© Netflix

★★★★

"Kirsten Johnsons filmische Annäherung an den quälend langsamen Verlust ihres Vaters – einerseits körperlich, aber insbesondere geistig – existiert haargenau an der Schwelle zwischen lebensbejahender Freude und abgrundtiefer Traurigkeit, gerade weil es die Situation so verlangt: Dick ist sich im Klaren darüber, dass er dereinst, wie schon seine Frau, in Kirstens Augen blicken und darin nichts ihm Bekanntes wiederfinden wird – doch er ist gleichzeitig noch mehr als luzid genug, um über seine Lage Witze reissen zu können und seiner Tochter und seinen Enkelkindern damit wertvolle Erinnerungen zu schenken."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar)

Montag, 16. November 2020

Kajillionaire

© 2020 Focus Features

★★★★

"Indem sie ihren Figuren auf Augenhöhe begegnet, schafft es July, trotz aller Absurdität eine zärtliche, tief berührende Geschichte über Old Dolios Auseinandersetzung mit Liebe, Loyalität und Identität in einer Welt zu erzählen, in der es allzu oft nur ums nackte Überleben zu gehen scheint. Unglaublich die Sequenz, in der ein sterbendes Betrugsopfer die verdutzten Protagonist*innen dazu auffordert, in seinem Haus Familie zu spielen."

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Sonntag, 15. November 2020

ONE FOR YOU: "Hillbilly Elegy" & "Hale County This Morning, This Evening"


In the latest episode of the One for You podcast, Olivia Tjon-A-Meeuw and I discuss two markedly different explorations of rural America – Ron Howard's new Netflix melodrama Hillbilly Elegy, based on the bestselling memoir of the same name, and RaMell Ross' 2018 experimental documentary Hale County This Morning, This Evening. We liked one more than the other. Check out which one on Spotify or wherever you get your podcasts.

Donnerstag, 12. November 2020

Mank

© Netflix

★★★

"Doch obwohl sich Mank handwerklich auf höchstem Niveau bewegt – und der Film gerade Liebhaber*innen der Kinogeschichte immer wieder mit raffiniert eingebauten Details belohnt –, kann er sich niemals gänzlich von der fundamentalen Biopic-Problematik befreien. Die Finchers eröffnen, via der einnehmend widersprüchlichen Figur Herman Mankiewicz, einen durchaus anregenden Zugang zum überlebensgrossen Citizen Kane, fördern dabei aber kaum Neues zutage. Es entsteht nicht das Gefühl, Künstler oder Kunstwerk in einem neuen Licht zu sehen."

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Dienstag, 10. November 2020

Maximum Cinema Filmpodcast #12: Sean Connery, Quibi, "Frieden", "Borat Subsequent Moviefilm"

© Olivier Samter

Daniel, Lola, Olivier und ich erweitern unseren Diskussionshorizont in Folge 12 des Maximum Cinema-Podcasts, indem wir endlich einmal eine TV-Serie besprechen – und zwar die heiss erwartete SRF-Miniserie Frieden von Michael Schaerer und Petra Volpe. Zudem trauert Olivier um Sean Connery, Lola blickt auf die Viennale zurück, Daniel wundert sich über den Streaming-Anbieter Quibi, und wir besprechen das Borat-Sequel Borat Subsequent Moviefilm. Der Podcast ist auf allen gängigen Podcast-Plattformen verfügbar.

Mittwoch, 28. Oktober 2020

Maximum Cinema Filmpodcast #11: James-Bond-Marathon, 8 Hours of Horror, "Beyto", "Babyteeth" und "The Trial of the Chicago 7"

© Olivier Samter

In Folge 11 des Maximum Cinema-Podcasts stellen Olivier und ich je einen Kino-Spezialanlass vor, bevor sich Daniel und Lola dazugesellen, um über die Filme der Woche zu diskutieren. Dieses Mal geht es um das Schweizer Liebesdrama Beyto, den australischen Coming-of-Age-Film Babyteeth und Aaron Sorkins Gerichtsdrama The Trial of the Chicago 7. Ausserdem: Abschweifungen über Horrorfilme, Wörter wie Jekami und Haribo sowie Lolas Vorschau auf die diesjährige Viennale.

Dienstag, 27. Oktober 2020

Borat Subsequent Moviefilm: Delivery of Prodigious Bribe to American Regime for Make Benefit Once Glorious Nation of Kazakhstan

© Amazon Prime Video

★★★★

"Die erzählerische Erdung wirkt Wunder. Borat Subsequent Moviefilm ist 15 Minuten länger als sein Vorgänger, weist aber trotz aller Improvisation eine komödiantische und emotionale (!) Stringenz an den Tag, die Borat nie erreichte. Geskriptete Szenen, in denen Vater und 'nicht-männlicher Sohn' ihre Differenzen austragen, geben den ungeskripteten und ungeskriptet scheinenden Momenten den nötigen Kontext – die Besuche in seltsamen Clubs und Institutionen, wo der nicht aus dem Konzept zu bringende Baron Cohen und die kongeniale Maria Bakalova Unruhe stiften, werden Teil einer überraschend anregenden Dramaturgie."

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Donnerstag, 22. Oktober 2020

There Is No Evil

© Trigon Film

★★★★★

"Rasoulof erzählt, wie diese kafkaesken Verstrickungen das soziale Gefüge des Irans korrodieren. Von einem unspektakulären Tag im Leben eines unauffälligen Familienvaters (Ehsan Mirhosseini) arbeitet sich There Is No Evil vor zu einem intensiven Militär-Kammerspiel, einer reservierten Liebestragödie und schliesslich einem interkontinentalen Familiendrama. Der Bezug zur Todesstrafe wird mit jeder Geschichte abstrakter, das kollektive Trauma dafür umso konkreter."

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Montag, 19. Oktober 2020

Maximum Cinema Filmpodcast #10: ZFF-Rückblick, "Eden für jeden", "Never Rarely Sometimes Always" und "There Is No Evil"

© Olivier Samter

Das 16. Zurich Film Festival ist vorbei und Daniel, Olivier und ich sprechen über unsere Highlights, bevor wir ein paar ZFF-Titel mit Schweizer Kinostart besonders hervorheben: Daniel und Lola diskutieren über die Schrebergarten-Komödie Eden für jeden, Daniel und ich über das iranische Drama There Is No Evil und wir alle über den herausragenden Never Rarely Sometimes Always. Folge 10 des Maximum Cinema-Podcasts ist überall erhältlich, wo es Podcasts gibt.

Samstag, 17. Oktober 2020

QUIET ON SET: Zurich Film Festival 2020 – Deep Dive


I joined Ewan Graf and Michelle Bernet from the Quiet on Set podcast for an in-depth discussion of the 16th Zurich Film Festival. Listen as we gush about Never Rarely Sometimes Always and Nomadland, trash Antebellum, and struggle to nail down what the intriguing Shirley is going for! You can find the episode on Anchor or wherever you get your podcasts.

Freitag, 16. Oktober 2020

Favolacce

Die D'Innocenzo-Zwillinge Fabio und Damiano haben nicht viel Sympathie für den gehobenen Vorstadt-Mittelstand übrig. Das ist der vielleicht stärkste Eindruck, den ihr neuestes Werk, das flickenteppichartige Familiendrama Favolacce, hinterlässt.

Darin nehmen die Regisseure von La terra dell’abbastanza (2018) eine anonyme Reihenhaussiedlung irgendwo in der Römer Agglomeration ins Visier, in der die gutbürgerlichen Träume von Familienglück und wirtschaftlicher Unabhängigkeit buchstäblich in einer Sackgasse gelandet sind.

Bei den Placidos hängt der Haussegen schief, weil Mutter Dalila (Barbara Chichiarelli) die Hauptverdienerin ist, während Vater Bruno (Elio Germano) sich aufgrund seiner Arbeitslosigkeit in seiner Männlichkeit gekränkt fühlt. Doch man will sich vor den befreundeten Nachbarn, insbesondere dem grossspurigen Pietro Rosa (Max Malatesta), keine Blösse geben, also prahlt man beim gemeinschaftlichen Grillabend mit den eigenen Kindern Dennis (Tommaso Di Cola) und Alessia (Giulietta Rebeggiani), die, anders als die verschlossene Viola Rosa (Giulia Melilio), in der Schule brillieren.

Alles ist Oberfläche, alles ist Performance. Man übt sich trotz gegenseitiger Verachtung in freundlicher Nachbarschaftlichkeit, weil sich das eben so gehört. Fake it till you make it. Die Protaginist*innen der D'Innocenzos haben sich so sehr von ihren eigenen Emotionen entfremdet, dass Momente, die sich nicht mit antrainierten Floskeln bewältigen lassen, wie groteske Farcen wirken: Als Dennis beinahe an einem Stück Fleisch erstickt, macht ein bizarrer Weinkrampf die Runde am Esstisch, bevor Bruno wutentbrannt von dannen zieht.

Die einzigen Figuren, die noch so etwas wie ein Innenleben übrig haben, sind die Kinder der Siedlung – doch auch sie sind von der gelangweilten Frustration ihrer Eltern nicht unverschont geblieben. Viola und Alessia werden zum Spielball der elterlichen Erwartungen, derweil sich Dennis' aufkeimende Sexualität – unterstrichen von Paolo Carneras mitunter voyeuristischer Kameraführung – darin äussert, der hochschwangeren Vilma (Ileana D’Ambra) hinterherzustarren.

Das sommerliche Vorstadtidyll trügt.
© Filmcoopi / Pepito Produzioni / Amka Film Production
Zum Glück kleiden Fabio und Damiano D'Innocenzo ihren Pessimismus nicht ins Gewand einer handelsüblichen Tragödie, sonst wäre Favolacce wahrscheinlich ähnlich unerträglich in seinem selbstgerechten Bierernst wie Jeanette Nordahls Wildland, der im November in den Schweizer Kinos starten wird. Nein, das Regieduo inszeniert den Zerfall des Vorstadtidylls mit einem gesunden Sinn für schwarzen Humor, der selbst den verstörendsten Szenen – etwa einer unsachgemässen Verwendung von Schädlingsbekämpfungsmittel – noch eine entwaffnende Absurdität abgewinnen kann.

Diese Doppelbödigkeit ist von Anfang an Programm, als ein namenloser Erzähler beschreibt, wie er vom unvollendeten Tagebuch eines Mädchens zur folgenden, mit Nachdruck als fiktiv bezeichneten Geschichte inspiriert wurde. Doch die Rahmenhandlung erweist sich letztlich – trotz Max Tortoras hervorragender Voiceover-Leistung – als weitgehend wirkungsloser Kniff, als vorbeugender Verfremdungseffekt, um angesichts der Mischung von düsterer Satire und geradezu griechischer Tragik nicht der Geschmacklosigkeit bezichtigt zu werden.

Entsprechend fehlt Favolacce die letzte Konsequenz, um wirklich zu beeindrucken. Mit Samthandschuhen führen die D'Innocenzos ihr Publikum durch das ironisch gebrochene Geschehen: Auf eine Reihe ruhiger Sequenzen – quasi erzählerischer Leerlauf, der einen wohl in falscher Sicherheit wiegen soll – folgt ein Paukenschlag, ein Tabubruch mit Ansage, der im besten Fall kurz leeres Schlucken verursacht, letztlich aber kaum aufzuwühlen vermag. Die Provokation bleibt daher spitzbübisch und zahm, die lakonische Dekonstruktion der sich selbst zugrunde richtenden Bourgeoisie stimmungsvoll, aber inhaltlich kaum der Rede wert. Es ist ein ansprechendes Zweitwerk, aber der ganze grosse D'Innocenzo-Wurf lässt noch auf sich warten.

★★★

Sonntag, 4. Oktober 2020

ONE FOR YOU: "The Trial of the Chicago 7" & "The Cabinet of Dr. Caligari"


Just a few days after the release of One for You's bumper Zurich Film Festival special, it's back to business as usual: Olivia and I discuss Aaron Sorkin's wordy legal drama The Trial of the Chicago 7 and then counteract the verbiage by contemplating the silent Weimar classic The Cabinet of Dr. Caligari. You can listen to the episode on Spotify or wherever you get your podcasts.

Freitag, 2. Oktober 2020

The Trial of the Chicago 7

© Netflix/Ascot Elite/Cr. NIKO TAVERNISE/NETFLIX © 2020

★★★

"Dass Sorkins Inszenierung dieser hochgradig relevanten Themen hier so nebensächlich ist, dass der Film wahrscheinlich auch als Hörspiel funktionieren würde, fällt erstaunlich wenig ins Gewicht. Dafür sorgt neben Sorkins geschliffenem Drehbuch ein solider Cast, aus dem vor allem Mark Rylance und Sacha Baron Cohen herausstechen."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar)

Donnerstag, 1. Oktober 2020

ONE FOR YOU: Zurich Film Festival 2020 Special


One for You host Olivia Tjon-A-Meeuw has done the impossible and gathered all of her current co-hosts in one special episode about the ongoing Zurich Film Festival. You can listen to Olivia, Mansi Tiwari, Astrit Abazi, and me talking about festivals in times of pandemic, our ZFF favourites, and our not-so-favourites on Soundcloud or wherever you get your podcasts.

Mittwoch, 30. September 2020

Never Rarely Sometimes Always

Eine bearbeitete Version dieser Kritik ist auch auf Maximum Cinema erschienen.

Rückblickend mutet es fast schon grotesk an, unter welchen Vorwänden sich in der jüngeren Vergangenheit amerikanische Filme über ungewollt schwangere Teenager aus der Abtreibungs-Affäre zogen.

In Jason Reitmans Juno (2007) etwa wird die Frage, warum die rotzfreche Titelheldin mit ihrer aufgeschlossenen Weltanschauung und ihren liebevollen Eltern sich gegen einen Schwangerschaftsabbruch entscheidet, mit einer Schulfreundin aus der Welt geschafft, die vor einer Planned-Parenthood-Klinik einen einsamen Protest abhält und Juno darauf hinweist, dass das werdende Kind in ihrem Bauch bereits Fingernägel habe. "Babies have fingernails?", wundert sich Juno, bevor sie kurz darauf aus dem Wartezimmer stürzt, enthusiastisch bejubelt von ihrer Altersgenossin – einer witzigen Verharmlosung der lauten, oftmals beängstigend aufgebrachten Menschenmassen, die man vor so mancher US-Abtreibungsklinik findet und die Teil einer Bewegung sind, in deren Namen schon Mordanschläge auf Planned-Parenthood-Ärzt*innen verübt wurden.

Etwas würdevoller, aber nicht weniger unbefriedigend, nahm Micah Magees Petting Zoo (2015) die Hürde, die es für einen Film über eine komplette Teenager-Schwangerschaft zu nehmen gilt. Hier endet der erste Akt mit der Protagonistin, die ihren eher konservativen Eltern vorsichtig das Thema Abtreibung zu unterbreiten versucht: "You’re not having an abortion", so die klare Ansage ihres Vaters. Und der Film scheint sich damit zufriedenzugeben: Im weiteren Verlauf wird kein weiterer Gedanke an diese Verneinung der körperlichen Integrität der Hauptfigur verschwendet.

Keines der beiden Werke wird durch diesen Umgang mit Abtreibung zu Fall gebracht. Beide wollen Geschichten über junge Frauen erzählen, die letztendlich ein Kind zur Welt bringen. Und das Gegenstück zur konservativen "Pro Life"-Ideologie ist bekanntlich nicht "Pro Abortion", sondern "Pro Choice" – wer schwanger ist, soll selber entscheiden können, was mit dem eigenen Körper geschieht.

Doch sowohl Juno als auch Petting Zoo sind symptomatische Beispiele für eine Spielfilmbranche, die sich immer noch schwertut, sich seriös mit Abtreibung auseinanderzusetzen. Reitman und Drehbuchautorin Diablo Cody witzeln sich um das Thema herum; Magee erwähnt es und lässt es sogleich, beinahe peinlich berührt, wieder fallen.

Autumn (Sidney Flanigan) ist ungewollt schwanger.
© Universal Pictures Switzerland
Somit ist bereits die blosse Existenz von Eliza Hittmans Never Rarely Sometimes Always eine Wohltat: Autumn (Sidney Flanigan) ist 17 Jahre alt und schwanger – und will es nicht sein. Doch ihre Aussichten auf einen sicheren Schwangerschaftsabbruch sind im kleinstädtischen Milieu Pennsylvanias begrenzt. Die zuständige Praxis wirkt weniger wie eine medizinische Einrichtung und mehr wie Grossmutters Wohnzimmer. Die Frauen, die Autumn untersuchen, decken sie mit Beteuerungen ein, dass alle ihre Sorgen verflogen sein werden, wenn sie ihr Kind erst einmal in ihren Armen hält. Eine von ihnen fragt Autumn, ob sie "abortion-minded" sei und zeigt ihr daraufhin einen "Pro Life"-Film mit dem Titel "Hard Truth" – auf Videokassette.

Zusammen mit ihrer Cousine Skylar (Talia Ryder) nimmt Autumn die Recherche selber in die Hand, findet heraus, dass Minderjährige in Pennsylvania für Abtreibungen eine elterliche Erlaubnis vorweisen müssen, und organisiert ein Busticket nach New York, um von den liberaleren Gesetzen in jenem Staat Gebrauch zu machen. 

Im heimischen Pennsylvania braucht Autumn elterliche Erlaubnis für eine Abtreibung, also plant sie eine Busreise nach New York.
© Universal Pictures Switzerland
Doch Never Rarely Sometimes Always beschreibt keine ruhmreiche Flucht aus dem konservativen Hinterland ins urbane Paradies. Vielmehr illustriert Hittman in ihrer schonungslos direkten Art das Leben in einem Land, in dem Frauen nicht über ihren eigenen Körper verfügen können – eine gesellschaftliche Pathologie, in welcher der erschwerte Zugang zu sicheren Abtreibungen lediglich ein besonders gefährliches Symptom darstellt.

In der Schule wird Autumn als "Slut" ausgegrenzt, derweil ihre männlichen Klassenkameraden für ihren Playboy-Lebensstil gefeiert werden. An ihrem Supermarkt-Arbeitsplatz werden sie und Skylar von ihrem Chef sexuell belästigt. In New York müssen sie sich von einem Typen helfen lassen, der Skylars sichtliches Desinteresse an ihm partout ignoriert. Das herzzerreissende Bild von Autumn, die sich den eigenen Bauch grün und blau boxt, um eine Fehlgeburt auszulösen, steht sinnbildlich für eine Kultur, die nicht nur von frauenfeindlichen Mechanismen dominiert ist, sondern Frauen sogar dazu erzieht, die verzweifelte Wut auf diese Machtlosigkeit gegen sich selber zu richten.

Autumn wird von ihrer Cousine Skylar (Talia Ryder) begleitet, mit der sie unter anderem die Avancen von Jasper (Théodore Pellerin) bewältigen muss.
© Universal Pictures Switzerland
Hittman und Kamerafrau Hélène Louvart lassen sich in ihrer Darstellung dieses Zustands weder von erzählerischen noch visuellen Schnörkeln ablenken. Die eine oder andere dramatische Verkürzung in Hittmans Drehbuch – so etwa die etwas schablonenhafte Charakterisierung des Supermarkt-Vorgesetzten – ist zu verkraften, weil die Geschichte als Ganzes auf maximale Effizienz abzielt: Jede Szene ist zielführend, ein notwendiger Schritt auf der Reise von Autumn und Skylar. Die klassischen Ablenkungen des Teenager-Roadmovie-Genres werden gänzlich ausgelassen; selbst der Besuch in einer Spielhalle ist vorab ein verbissener Versuch, in der City That Never Sleeps wach zu bleiben, zur eigenen Sicherheit.

Louvart, die bereits in Hittmans Beach Rats (2017) die Kamera führte und spätestens seit ihren Arbeiten für Alice Rohrwacher (Corpo celeste, Lazzaro felice) die Meisterin der körnigen Lo-Fi-Ästhetik ist, benutzt gedämpfte Farben und lange, einfache Einstellungen, um diesen nachgerade physischen Kampf um die eigene körperliche Integrität in stimmiger Sachlichkeit zu bebildern.

Autumn wird auf ihrer Abtreibungs-Odyssee mit der ernüchternden Realität des ganz alltäglichen Frauenhasses konfrontiert.
© Universal Pictures Switzerland
Doch gerade darin liegt die Brillanz ihres Beitrags. Louvarts formal auffälligster Kniff ist ein minutenlanger Blick auf Autumn in einem persönlichen Gespräch mit einer Planned-Parenthood-Fachfrau. Die Kamera bewegt sich kaum, der Fokus liegt auf Sidney Flanigans grandiosem Schauspiel und Hittmans erschütterndem Dialog – das Fehlen von klassischem cinematografischem Bombast legt den aufwühlenden Kern der Sache frei. Das Resultat ist die titelgebende Szene – in ihrer geballten emotionalen Schlagkraft vergleichbar mit jener von Céline Sciammas Meisterwerk Portrait de la jeune fille en feu (2019) –, in der das nüchterne Fragebogen-Mantra "Never, rarely, sometimes, always" den schieren Horror der kulturellen Misogynie freilegt.

Während Juno und Petting Zoo Teenager-Schwangerschaft letztlich als erweiterte Metapher für das Erwachsenwerden benutzen, verfolgt Never Rarely Sometimes Always also ein konkreteres Projekt. Auch hier ist der lange Weg zur gewünschten Abtreibung zwar ein Schlüssel zu einem grösseren Diskurs. Doch Hittman gelingt es mithilfe einer eindrücklich simplen Erzählung, die Zusammenhänge zwischen Abtreibungsstigma und dem ganz alltäglichen Frauenhass aufzuzeigen – und das, ohne das Trauma ihrer Protagonistinnen zu einem distanzierten Lehrstück abzuwerten.

★★★★★

Mittwoch, 23. September 2020

Maximum Cinema Filmpodcast #9: ZFF-Programm, "Kiki’s Delivery Service", "I’m Thinking of Ending Things" und Rückblick auf Allianz Drive-In Cinema»

© Olivier Samter

Nur eine Woche nach Episode 8, bei der ich ferienbedingt nicht dabei war, kommen Daniel, Lola, Olivier und ich wieder zusammen, um in Folge 9 das Programm des 16. Zurich Film Festivals genauer unter die Lupe zu nehmen (Stichwort: Schnitzel). Ausserdem an der Tagesordnung stehen Diskussionen über Hayao Miyazakis Ghibli-Animationsklassiker Kiki's Delivery Service und Charlie Kaufmans Netflix-Kuriosum I'm Thinking of Ending Things.

Mittwoch, 16. September 2020

Hexenkinder

© Calypso Film AG, Edwin Beeler

★★★★

"Es ist kein erbauliches Bild des eigenen Landes, das sich dem Schweizer Publikum hier bietet, auch weil Hexenkinder nicht davor Halt macht, den Fall des Ingenbohler Netzwerks in einen umfassenden Kontext zu stellen. Denn für Beeler, der sich in seinem Schaffen schon mit dem Sonderbundskrieg (Grenzgänge, Der vergessene Krieg) und, im Rahmen der Doku-Anthologie L’histoire c’est moi (2004), mit Nazis in der Schweiz auseinandersetzte, ist das Schicksal seiner Hauptfiguren nicht nur eine bedauernswerte Episode in der finsteren Vergangenheit."

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Montag, 7. September 2020

I'm Thinking of Ending Things

© Cr. Mary Cybulski/NETFLIX © 2020

★★★★

"I’m Thinking of Ending Things ist ein beängstigender Film über Männer, die das Leben und die Werke von Frauen für sich beanspruchen. Über die absurde Hilflosigkeit, Teil eines grossen Ganzen und letztlich trotzdem auf sich allein gestellt zu sein. Doch es ist auch ein faszinierender, bisweilen erschreckender, stellenweise aber auch seltsam erbaulicher Film über die Erkenntnis, dass jede Äusserung, jede Tat, vielleicht sogar jeder Gedanke und jedes Gefühl nur eine plumpe Annäherung an ein vorgefasstes Ideal ist – eine Imitation von etwas, das man bereits erlebt, gesehen, gehört oder gelesen hat."

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Samstag, 5. September 2020

The Personal History of David Copperfield

© Ascot Elite Entertainment Group


★★★★

"Dickens beanspruchte tausend Seiten für diese Reise, Iannucci nicht einmal zwei Stunden. Es überrascht nicht, dass der Film ins Straucheln gerät, sobald es auf das Ende – und damit auf die Auflösung jedes noch so überkandidelten Handlungsstrangs – zugeht. Das lässt sich jedoch mühelos verkraften. Nach der etwas blutleeren schwarzen Komödie The Death of Stalin (2017) zeigt sich Iannucci in seiner Inszenierung ungewohnt experimentierfreudig und legt ein hochgradig vergnügliches Ensemblestück voller Wortwitz und Slapstick vor."

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Mittwoch, 2. September 2020

Schwesterlein

© Vega / Praesens Film

★★★

"Starke Darbietungen von Nina Hoss, Lars Eidinger, Jens Albinus und Marthe Keller – vier der besten Darsteller*innen, die das deutschsprachige Kino derzeit zu bieten hat – heben ein unspektakuläres, gewollt theaterhaftes Drehbuch über den melodramatischen Durchschnitt, können letztlich aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Chuat und Reymond hauptsächlich vorgefasste Handlungselemente abhaken. Das ist das Problem mit Schwesterlein: Das Ganze ist kompetent gemacht, hinkt aber – wie so viele andere Schweizer Produktionen – dem internationalen Kinogeschehen weit hinterher."

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Dienstag, 1. September 2020

Maximum Cinema Filmpodcast #7: "Tenet", "The Batman"-Trailer, "The Personal History of David Copperfield" und Fantoche-Interviews

© Olivier Samter

Nach monatelangem Warten können Daniel Frischknecht, Olivier Samter und ich in Episode 7 des Maximum Cinema-Podcasts endlich über Christopher Nolans Tenet reden – Gesprächsstoff liefert der "Inception auf Steroiden" jedenfalls genug. Zudem unterhalten wir uns über den ersten Trailer zu The Batman, Olivier stellt die diesjährige Ausgabe des Animationsfilmfestivals Fantoche vor und spricht zu diesem Zweck mit Dustin Rees und Géraldine Cammisar, und zuletzt erzähle ich, warum mir The Personal History of David Copperfield so gut gefallen hat.

Sonntag, 23. August 2020

ONE FOR YOU: "Sibyl" & "Kingdom of Heaven" (Director's Cut)


In my latest appearance on the One for You podcast, Olivia and I find ourselves at a bit of a loss for words regarding the French drama Sibyl, which we make up for by talking a lot about the medieval politics on show in the 194-minute director's cut of Ridley Scott's 2005 epic Kingdom of Heaven. You can listen to the episode on Spotify or on the podcast app of your choice.

Samstag, 22. August 2020

Undine

© Filmcoopi Zürich AG

★★★

"Die metaphorische Stossrichtung ist für Petzold, zu dessen Werk die sogenannte 'Gespenster-Trilogie' gehört, kein Neuland: Die Geschichte lässt niemanden los, und ihre Echos verhallen niemals – gerade in Deutschland nicht. Trotz dieser weitreichenden historischen Dimension bleibt der narrative Ausblick von Undine enttäuschend beschränkt."

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Freitag, 21. August 2020

Tenet

© Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.

★★★

"Aber Nolan ist immer noch Nolan: Obwohl er seinen eigenen Hang zum eigentümlichen Erzählstil überreizt, lohnt sich der Blick auf das Resultat allemal. «Tenet» bietet trotz seines allzu theoretischen Rahmens zweieinhalb Stunden der Unterhaltung – nicht zuletzt dank seiner grossartig inszenierten Actionsequenzen, die einmal mehr die Vorzüge von Nolans Philosophie illustrieren, so oft wie möglich zugunsten von Stunts und praktischen Effekten auf CGI zu verzichten."

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Dienstag, 18. August 2020

Maximum Cinema Filmpodcast #6: "Scott Pilgrim vs. the World", "Artemis Fowl", "Animal Crackers" und Interview zu "Volunteer"

© Olivier Samter

In Episode 6 des Maximum Cinema-Podcasts gibt es Tickets für die Premiere von Christopher Nolans Tenet am 26. August zu gewinnen. Zudem feiern Olivier Samter und ich das zehnjährige Jubiläum von Edgar Wrights Scott Pilgrim vs. the World, von dem Daniel Frischknecht bis vor Kurzem noch nie etwas gehört hat. In den aktuellen Filmkritiken mache ich meinem Ärger über Disneys Romanverfilmung Artemis Fowl Luft, und Olivier erzählt von der chaotischen Produktionsgeschichte des neuen Netflix-Animationsfilms Animal Crackers.

Dienstag, 11. August 2020

Days of the Bagnold Summer

© Ascot Elite Entertainment Group

★★★★

"Innerhalb dieses konventionellen Rahmens jedoch glänzt der Film mit seinem sympathischen Sinn für Humor und seiner feinfühligen Darstellung der zentralen Mutter-Sohn-Beziehung. Days of the Bagnold Summer handelt vom Ineinandergreifen von Pubertät und Midlife-Crisis; davon, wie jugendliches Rebellieren dazu führen kann, dass ein Elternteil den eigenen Lebenswandel zu hinterfragen beginnt – und damit den eigenen Nachwuchs noch mehr verunsichert."

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Freitag, 7. August 2020

Trailer: "Judas and the Black Messiah"



"Im Rahmen einer virtuellen Pressekonferenz standen Regisseur Shaka King (Newlyweeds), die Produzenten Charles D. King (Sorry to Bother You) und Ryan Coogler (Black Panther) sowie Hamptons Sohn, der Black-Panthers-Aktivist Fred Hampton Jr., der CNN-Journalistin Laura Coates kürzlich Rede und Antwort zum Film. Einen Balanceakt zwischen bildgewaltiger Unterhaltung und gewichtigem politischen Kino habe man hinlegen wollen, so Coogler und Charles D. King – eine ebenso respektvolle wie publikumswirksame Aufarbeitung der Themen, die Hampton zeit seines Lebens umtrieben."

Ganzer Artikel auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Dienstag, 4. August 2020

The Souvenir

© A24 / Agatha Nitecka

★★★

"Diese Vision ist anregend, franst in der Praxis aber leider etwas aus. Zwar überzeugen sowohl Honor Swinton Byrne – Tilda Swintons Tochter – als auch Tom Burke mit faszinierend enigmatischen, aber zu keinem Zeitpunkt vagen Darstellungen; und auch das visuelle Konzept, mit seinen körnigen, grau-blauen Bildern von gestreng-ordentlichen Innenräumen, weiss zu begeistern. Doch Hoggs Mischung aus impliziter Figurenentwicklung und reservierter Beobachtung aus der Distanz wirkt mitunter etwas gar kalt."

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Montag, 3. August 2020

Maximum Cinema Filmpodcast #5: "The King of Staten Island", "Unhinged" und "The Roads Not Taken"

© Olivier Samter

In Episode 5 des Maximum Cinema-Podcasts beschäftigen sich Daniel Frischknecht, Olivier Samter, Lola Funk und ich gleich mit drei neuen Filmen: Wir fragen uns, ob in The King of Staten Island die Mischung aus Komödie und Drama funktioniert, ob das Russell-Crowe-Vehikel Unhinged ein guter Exploitation-Film ist, und ob die Darstellung von Demenz in The Roads Not Taken gelungen ist.

Mittwoch, 29. Juli 2020

The King of Staten Island

In den letzten 20 Jahren hat wohl kaum jemand die amerikanische Filmkomödie so nachhaltig verändert wie Judd Apatow. Während sich um die Jahrtausendwende diverse Humorphilosophien langsam zu Tode liefen – darunter die überzeichnete Unflätigkeit eines Eddie Murphy und der aufwändige Slapstick des Frat Packs um Ben Stiller und Owen Wilson –, liess sich der Regisseur und Drehbuchautor vom Fernsehen leiten: Er übertrug in The 40-Year-Old Virgin (2005) und Knocked Up (2007) die lakonische Ausschlachtung von peinlichen Situationen, wie man sie aus TV-Sitcoms wie Seinfeld, Curb Your Enthusiasm oder Ricky Gervais' The Office kannte, auf die Grossleinwand und erntete damit kritischen Beifall und klingelnde Kinokassen.

Hollywood spurte: Die klassische 90-minütige Komödie mit einem traditionellen Witzverständnis wurde zunehmend durch die Apatow'sche Dekonstruktion abgelöst. Die Filme wurden länger, der Humor abstrakter; kuriose Schimpfwortkombinationen und Cameo-Auftritte von Berühmtheiten, die ihr eigenes Image unterliefen, hatten Hochkonjunktur. Eine besonders einflussreiche Strategie, die Apatow selber in This Is 40 (2012) und Trainwreck (2015) auf die Spitze trieb, war, Darsteller*innen minutenlang improvisieren zu lassen und den Schnitt so lange wie möglich hinauszuzögern: Die unangenehmen Pausen, die sich unweigerlich zu häufen begannen, wenn aus einer Szene die komödiantische Luft raus war, wurden selbst zu einem essenziellen Quasi-Gag.

Diese – keinswegs unnötigen – Innovationen avancierten rasch zum inflationär verwendeten Stilmittel. Die Erhebung der faktischen Witzverweigerung zum humoristischen Konzept führte zu einer veritablen Flut von Filmen, die Fremdscham und allzu detaillierte Popkultur-Referenzen zur zentralen Quelle von Lachern erklärten: Late Night (2019) und Long Shot (2019) sind nur die jüngsten Beispiele dieses Trends, der auch vor gelungeneren Komödien wie etwa Michael Showalters The Big Sick (2017) nicht Halt macht.

Scott (Pete Davidson) ist 24 Jahre alt, depressiv und wohnt bei seiner Mutter (Marisa Tomei) auf Staten Island.
© Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.
Dass sich seine Werke als stilbildend erwiesen haben, ist nicht spurlos an Apatow vorbeigegangen. Spätestens seit Funny People (2009) – einer zweieinhalbstündigen Tragikomödie über einen depressiven, krebskranken Stand-Up-Comedian – haben seine Filme einen ambitionierten Hang dazu, nicht jugendfreie Blödel-Komik mit ernsthaften Elementen anzureichern. Auf einen ersten Akt, in dem in aller Regel genüsslich mit ungehobelten Sprüchen und verschmitzten Verweisen auf Sex und Fäkalien jongliert wird, folgt früher oder später ein markanter Tonfallwechsel: Der pubertäre Humor bleibt zwar bestehen, muss sich fortan aber das Rampenlicht mit dem Porträt einer Person teilen, die sich mit den Verpflichtungen des Erwachsenseins herumschlägt.

In This Is 40 etwa sieht sich Paul Rudd mit seiner Midlife-Crisis konfrontiert, während in Trainwreck Amy Schumer über die langfristige Nachhaltigkeit eines party- und sexorientierten Lebensstils nachdenkt. Leider fehlt Apatow jedoch das nötige Feingefühl für diese emotional anspruchsvollen Spielereien: This Is 40 und Trainwreck sind plumpe, oberflächliche Musterbeispiele für einen Regisseur, der sich erzählerisch und thematisch überwirft.

Insofern ist The King of Staten Island wohl ein ungewöhnliches Projekt. Obwohl Apatows Filme häufig nicht allzu weit von der Realität entfernt sind – This Is 40 ist eine Überhöhung seines eigenen Ehelebens, derweil in Amy Schumers Drehbuch zu Trainwreck viel von ihrer Stand-Up-Persona steckt –, ist King wohl jener mit der diffizilsten Thematik. Denn neben Apatow war auch der aus Saturday Night Live bekannte Komiker Pete Davidson am Skript beteiligt, das eine fiktionalisierte Version seines eigenen, mühseligen Werdegangs erzählt.

Scott geht den meisten Menschen in seinem Umfeld auf die Nerven, inklusive seiner Schwester (Maude Apatow).
© Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.
Davidson spielt hier ein Alter Ego namens Scott – ein 24-jähriger Staten Islander, der noch bei seiner Mutter (Marisa Tomei) wohnt, viel kifft, gerne mit seinen Kumpeln rumhängt und davon träumt, eines Tages ein Restaurant/Tattoostudio zu eröffnen. Dass es in seinem Leben nicht vorwärts zu gehen scheint, schreibt er einem Kindheitstrauma zu: Sein Vater, ein Feuerwehrmann, starb bei einem Einsatz, als Scott sieben Jahre alt war. Das ist denn auch die konkreteste Parallele zwischen Davidson und seinem Protagonisten: Davidsons Vater kam ebenfalls im Dienst ums Leben, beim Terroranschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001.

Das klingt nicht nach einem idealen Rahmen für kotzende Kinder, unausgegorene Raubüberfälle und Sprüche über Davidsons blassen Teint ("You look like an anorexic panda"). Und tatsächlich scheitert The King of Staten Island, wie so manches Apatow-Vehikel, letztlich an der wenig überzeugenden Mischung aus vulgärer Komödie und aufrichtigem Drama.

Im Vergleich zu Apatows letzten beiden Komödien kommt dies aber wenigstens merklich bodenständiger daher: Wirkten This Is 40 und Trainwreck wie geradezu provokant triviale Geschichten aus der sich selbst bemitleidenden Hollywood-Oberschicht – reichlich ausgestattet mit prahlerischen Cameo-Auftritten –, belässt es King bei einem überschaubaren Cast und einer Handlung mit grösserem Identifikationspotenzial.

Am liebsten hängt Scott mit seinen Kumpeln am Strand von Staten Island herum.
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Scott ist, auch dank einer nuancierten Performance von Pete Davidson, ein durchaus sympathischer Protagonist, den man als Zuschauer*in gerne reüssieren sehen würde. Seine Probleme sind nicht die eines überprivilegierten Profis aus der Entertainment-Branche, sondern diejenigen eines depressiven Mittelstands-Millennials, der den Einstieg ins Erwachsenenleben verpasst hat. Sein Umfeld besteht nicht aus Drehbuchautor*innen, Promi-Fitnessgurus und Sportprominenz, sondern aus seinen Kiff-Kumpanen, seiner Freundin (Bel Powley), seiner Mutter und deren neuem Partner (hervorragend: Bill Burr). Die einzigen Cameos, die sich Apatow erlaubt, sind ein wunderbar seltsamer Auftritt des Rappers Action Bronson sowie eine Feuerwehrmann-Nebenrolle für Steve Buscemi, der wie Davidson Senior am 11. September für die New Yorker Feuerwehr im Einsatz stand.

Unter diesen Voraussetzungen funktioniert auch die implizite Komik, mit der sich Apatow einen Namen gemacht hat, etwas besser als zuletzt. Zwar überzeugen das peinlich berührte Schweigen und die halbherzigen Witzansätze noch immer nicht restlos, doch gerade während der ersten halben Stunde – bevor der Film den obligaten Tonfall-Spurwechsel vollzieht – laden die einfühlsamen Darbietungen dazu ein, müdere Kalauer nicht als Drehbuchschwäche, sondern als stimmige Charaktermomente aufzufassen.

Ray (Bill Burr) ist der neue Partner von Scotts Mutter – sehr zu dessen Leidwesen.
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Dass King letztlich aber vielleicht doch am Skript kranken könnte, suggeriert der besagte Übergang ins Dramatische. Scotts Kampf gegen Ray, seinen Stiefvater in spe, wird zum Hauptschauplatz seiner Lebenskrise, zeichnet sich aber vor allem durch repetitive Szenen – Streit, Beziehungssabotage, Streit, Beziehungssabotage – und abgedroschene Anzeichen persönlichen Wachstums aus. Die Binsenweisheiten, die Scott schlussendlich zum Optimismus bekehren – Kameradschaft ist wichtig, Arbeit kann erfüllend sein, alle tragen Verantwortung füreinander, man muss den Menschen ihr Glück gönnen –, stehen sinnbildlich für die emotionale Oberflächlichkeit, mit der Apatow, Davidson und Co-Autor Dave Sirus in ihrem Drehbuch zu Werke gehen. Am Ende der zähflüssigen 137 Minuten könnte es klarer nicht sein, dass das Wohlwollen gegenüber den Figuren in erster Linie das Verdienst ihrer Darsteller*innen ist.

Das mag genügen, um The King of Staten Island zu Apatows menschlich ansprechendstem Werk seit mehr als einem Jahrzehnt zu machen; doch die tiefgreifenden Widersprüche seines Schaffens werden damit nicht aufgelöst. Er hat auch in seinem sechsten Spielfilm noch kein passendes Rezept gefunden, um seine dramatischen Aspirationen innerhalb einer dreckigen Cringe-Komödie auszuleben. Vielleicht ist er einfach nicht der richtige Mann dafür.

★★

Mittwoch, 22. Juli 2020

Maximum Cinema Filmpodcast #4: Ennio Morricone, "Hamilton" und "The Old Guard"

© Olivier Samter

In Episode 4 des Maximum Cinema-Podcasts blicken Daniel Frischknecht, Lola Funk, Olivier Samter und ich auf das Werk des kürzlich verstorbenen Filmkomponisten Ennio Morricone zurück, besprechen das ebenso erfolgreiche wie umstrittene Hit-Musical Hamilton, das neu auf Disney+ verfügbar ist; und wir unterhalten uns über die Höhen und Tiefen von Gina Prince-Bythewoods Netflix-Actionfilm The Old Guard.

Sonntag, 19. Juli 2020

The Roads Not Taken

© Filmcoopi

★★

"Diese Momente der fast gelungenen Kommunikation sind die Höhepunkte eines Films, der insgesamt zu stark von emotionaler Kurzschrift lebt. Der demente Leo wird mit fast schon voyeuristischem Eifer auf jede nur erdenkliche Weise gedemütigt, doch Javier Bardem stehen wegen der pathologischen Apathie seiner Figur keine sonderlich aussagekräftigen Reaktionen zur Verfügung."

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Montag, 13. Juli 2020

Family Romance, LLC

© MUBI / Lena Herzog

★★★★

"In einer fünfminütigen Einführung, die Herzog für die Arthouse-Streaming-Plattform MUBI aufgenommen hat, erzählt in seinem markanten, bayrisch akzentuierten Englisch voller Stolz: 'Some reviewers, professional ones, believed that the film must be a documentary. But of course, it’s all staged.' Das ist denn auch der Clou von Family Romance, LLC: In der Manier von Abbas Kiarostamis doppelbödigen Performance-Filmen – insbesondere Close-Up (1990), Copie conforme (2010) und Like Someone in Love (2012) – sucht Herzog nach der Wahrheit in der Fälschung."

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Sonntag, 12. Juli 2020

ONE FOR YOU: "The Old Guard" & "Certain Women"


After a number of guest appearances on the One for You podcast, I have joined fellow film critic Olivia Tjon-A-Meeuw as a regular rotating co-host. In my debut in this capacity, Olivia and I talk about Gina Prince-Bythewood's Netflix action film The Old Guard and Kelly Reichardt's Montana elegy Certain Women. You can listen to the episode on Spotify or on the podcast app of your choice.

Donnerstag, 9. Juli 2020

Scoob!

“Scooby-Doo” and all related indicia are trademarks and copyright of Hanna-Barbera Productions © 2020 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved

★★

"Während Scoob! sich in seinen ersten zehn Minuten ziemlich erfolgreich als eine Adaption verdingt, die sich mit den Eigenheiten des Quellenmaterials auseinandersetzt, bedient der Rest austauschbare Kinderfilmelemente, die wenig bis gar nichts mit dem zu tun haben, was Scooby-Doo zu einem Klassiker des Samstagmorgen-Cartoons gemacht hat."

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Dienstag, 7. Juli 2020

Maximum Cinema Filmpodcast #3: (No) Will Ferrell Special

© Olivier Samter

In Episode 3 des Maximum Cinema-Podcasts sprechen Lola Funk, Olivier Samter, ein mysteriöser Gast und ich über Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga, Burhan Qurbanis Neuverfilmung von Alfred Döblins "Jahrhundertroman" Berlin Alexanderplatz sowie die anhaltende Blockbuster-Krise in Zeiten von COVID-19.

Samstag, 4. Juli 2020

Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga

© Elizabeth Viggiano/NETFLIX 2020

★★

"Doch so viel Herzblut auch im Kern dieses Projekts stecken mag, so wenig gelingt es Regisseur David Dobkin (Wedding Crashers) und das EBU-Produktionsteam, dieses spürbar zu machen. Eurovision wirkt wie ein zweistündiger Kompromiss zwischen verschiedenen Ansätzen, die sich letztlich nicht vereinen lassen."

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Mittwoch, 24. Juni 2020

Maximum Cinema Filmpodcast

© Olivier Samter

Maximum Cinema hat einen neuen Podcast auf die Beine gestellt, in dem ich zusammen mit Olivier Samter, Lola Funk und Daniel Frischknecht Knörr alle zwei Wochen über das Neueste aus der Filmwelt sprechen werde. Die ersten beiden Episoden sind bereits auf allen üblichen Podcast-Plattformen verfügbar: In Folge 1 breite ich mich vor einer längeren Diskussion über COVID-19 und die Schweizer Kinolandschaft über meine derzeitige Werner-Herzog-Faszination aus, während Lola, Olivier, Daniel und ich uns in Folge 2 mit Richard Jewell, Da 5 Bloods und der Online-Ausgabe des Locarno Festivals befassen.

Dienstag, 16. Juni 2020

Da 5 Bloods

© David Lee/Netflix

★★★★

"Letztlich mögen diese überwältigende Dichte an Referenzen und Diskursen sowie der immer explosiver werdende Plot den Rahmen des Films sprengen; doch auch das ist Lee in Reinform: Da 5 Bloods ist eine engagierte, empathische und zornige Auseinandersetzung mit all den sich überlagernden Ungerechtigkeiten, die sich Amerika seit seiner Entstehung hat zuschulden kommen lassen."

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Montag, 8. Juni 2020

Notre dame

© Frenetic Films



"Es ist fast schon beeindruckend, mit wie vielen Mitteln Donzelli und Charbit hier versuchen – und daran scheitern –, ihr Publikum zum Lachen zu bringen. Stummfilm- und Musicaleinlagen, instabile Lügengebilde, Feministenwitze, bizarrer Slapstick, nackte Hintern, durchgeknallte Nebenfiguren – die beiden ziehen alle Register und provozieren damit vor allem Augenverdrehen."

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Samstag, 30. Mai 2020

Clint Eastwood: Eine widersprüchliche Ikone wird 90

© 2020 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.

"Um mit der 65-jährigen Schauspiel- und 49-jährigen Regiekarriere von Clint Eastwood fertigzuwerden, reicht eine Stimme nicht aus. Also habe ich kurzerhand meinen Vater, den Eastwood-Fan und langjährigen Luzerner Filmkritiker Urs Mattli, aus dem Ruhestand geholt, um mit ihm über das Geburtstagskind zu plaudern. Herausgekommen ist eine Mischung aus Geschichtslektion, Karriere-Durchleuchtung und Filmempfehlungsliste."

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Donnerstag, 21. Mai 2020

Une colonie

© Outside the Box

★★★

"Somit bleiben sowohl Jimmy als auch der programmatische Titel letztlich leere Gesten in einem anderweitig allzu gewöhnlichen Drama. Dass die wohlbekannten Stationen der Handlung aber dennoch überwiegend funktionieren, ist den beiden Jungschauspielerinnen im Zentrum von Une colonie geschuldet. Émilie Bierre überzeugt mit ihrer Interpretation von Mylias Kampf, Camille trotz ihrer Unsicherheit und ihrer pubertären Ausbrüche eine gute Schwester zu sein."

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Montag, 18. Mai 2020

Switzerlanders

© Praesens Film

★★

"Das sind grosse Worte für ein Werk, das an genormter, hemdsärmeliger Biederkeit kaum zu überbieten ist. Ein paar zerhackstückelte Aufnahmen des 'Fridays for Future'-Umzuges, eine Stammtisch-Tirade über Lithiumbatterien, eine Bestandsaufnahme der schwindenden Alpengletscher und ein Harry-Hasler-Verschnitt, der gegen 'das linke und grüne Pack' in Zürich wettert – und das war es dann auch schon in Sachen Aktualitätsbezug. Der Rest von Switzerlanders bedient mehrheitsfähige Gemeinplätze, die zu keinem Zeitpunkt ein spezielles Gefühl von Zeit und Ort evozieren."

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Freitag, 15. Mai 2020

Roman J. Israel, Esq.

© Sony Pictures Entertainment, Netflix / 2017 Columbia Pictures Industries, Inc., CCP Inner City Film Holdings, LLC, Bron Creative Corp., Macro Content Fund I, LLC and IN Splitter, L.P.

★★★

"Entsprechend ist Roman J. Israel – ganz im Sinne seiner faszinierend widersprüchlichen Hauptfigur – eine lohnenswerte Enttäuschung. Getragen von einer einnehmenden Darbietung von Denzel Washington, stösst der Film zahlreiche essenzielle Gedankengänge an, ohne aber sein beträchtliches Potenzial zu erfüllen. Die Bausteine eines grossartigen Werks sind da, doch Gilroy vermag sie nicht zusammenzusetzen."

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Donnerstag, 30. April 2020

A Beautiful Day in the Neighborhood

© Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH

★★★★

"Vielmehr geht es Heller darum, ihr Publikum, wie Lloyd, von seinem antrainierten Argwohn gegenüber aufrichtig kommunizierten Emotionen zu befreien und zum Kern des Phänomens Mister Rogers vorzudringen, der so relevant wie eh und je ist. Dass der geduldige Moderator mit seinen zerzausten Handpuppen und simpel gestrickten Lebensweisheiten ein aussergewöhnlicher Mensch war, steht ausser Frage – doch er war, wie er selbst immer wieder zu sagen pflegte, weder ein Wunderheiler noch ein Heiliger."

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Dienstag, 28. April 2020

Dr. Mabuse, der Spieler

Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden

★★★★★

"Langs Flair für das mitreissende visuelle Geschichtenerzählen ist durchgehend evident. Die Eröffnungsszene – ein gewagter Raubüberfall auf einen Zugpassagier, der über viele Ecken in eine Börsenpanik mündet – und die finale Schiesserei, welche die Brutalität unzensierter früher Hollywood-Gangsterfilme wie Little Caesar (1931) und Scarface (1932) vorwegnimmt, sind ebenso eindrückliche Beispiele dafür wie die vielen kleinen Witze und Spielereien, für die Lang inmitten von Mord und Totschlag immer wieder Platz findet."

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