Donnerstag, 21. Oktober 2021

Cry Macho

© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc.

★★★

"Der 91-jährige Eastwood, einstmals der Film-Macho schlechthin, inzwischen zur lebenden Legende gereift, versucht, in einem stillen, geradezu provokant unspektakulären Hangout-Roadmovie, den amerikanischen Kult der rücksichtslosen Hypermaskulinität zu Grabe zu tragen."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema

Mittwoch, 20. Oktober 2021

The Last Duel

© Disney / © 2021 Twentieth Century Fox Film Corporation. All Rights Reserved.

★★★★

"So wie Kingdom of Heaven bereits versuchte, das klassische Bild der Kreuzzüge etwas zu differenzieren, dekonstruieren Holofcener, Damon und Affleck hier Stück für Stück die traditionelle romantische Darstellung von Rittertum und mittelalterlichem Abenteuergeist. Die heroischen Recken in glänzenden Rüstungen, die man aus dem Märchen und der Popkultur kennt, werden hier zu willenlosen Schachfiguren und staatlich finanzierten Mördern, die sich den Launen eines wohl nicht ganz zurechnungsfähigen Monarchen zu fügen haben. Die Hofdamen, die den Duellanten von der Tribüne aus zuwinken, sind erst das Eigentum ihrer Väter, dann jenes ihrer Ehemänner."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema

Dienstag, 19. Oktober 2021

Maximum Cinema Filmpodcast #35: "The Man Who Sold His Skin", "The French Dispatch", "No Time to Die"-Spoiler-Diskussion

© Olivier Samter

Folge 35 des Maximum Cinema-Podcasts ist randvoll mit Themen: Nachdem Lola vom südkoreanischen Netflix-Serienhit Squid Game erzählt, unterhalte ich mich mit ihr über das oscarnominierte tunesische Drama The Man Who Sold His Skin, und mit Daniel über Wes Andersons neuesten Wurf, die überkandidelte Anthologie-Erzählung The French Dispatch. Und zum Schluss schaltet sich Olivier zu, um mit Daniel und mir ausführlich und spoilerreich über No Time to Die, den neuen James-Bond-Film, zu diskutieren. Der Podcast ist auf allen gängigen Plattformen verfügbar.

Montag, 18. Oktober 2021

The French Dispatch

© Disney / © 2021 Searchlight Pictures

★★★★★

"Die Szenen von The French Dispatch sind Dioramen einer stilisierten, minutiös konstruierten Fantasiewelt, die vollgestopft sind mit kleinen visuellen Gags, einfallsreich platzierten Untertiteln, komplexen Grafiken, klassischem Slapstick, experimentell kommunizierten Zeitsprüngen und jeder Menge Hintergrundgeschehen. In Kombination mit dem kalkulierten Wechsel zwischen Farbe und Schwarzweiss sowie den wort- und geistreichen, in halsbrecherischem Tempo vorgetragenen Dialogen, die, in bester New Yorker-Manier, keine Gelegenheit auslassen, einem Satz ein schlau klingendes Adjektiv zu verpassen, entsteht so eine oftmals herrlich überfordernde, zu keinem Zeitpunkt langweilige Liebeserklärung ans Abenteuer Print-Journalismus."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema

Freitag, 15. Oktober 2021

Maximum Cinema Filmpodcast: ZFF-Special feat. OutCast (Teil 2)

© Olivier Samter

Nachdem Daniel und ich zuletzt im OutCast von OutNow zu hören waren, drehen wir im zweiten Teil des Gesprächs mit Nicolas Nater und Christoph Schelb den Spiess nun um und unterhalten uns über sechs weitere unserer Lieblingsfilme am 17. Zurich Film Festival. Die Episode ist auf allen gängigen Podcast-Plattformen verfügbar.

Mittwoch, 13. Oktober 2021

QUIET ON SET: Zurich Film Festival Recap

Just like last year, I joined Ewan Graf on the Quiet on Set podcast to look back at the Zurich Film Festival in the most detailed manner possible. Ewan and I recount our favourites, reflect on the festival's individual sections, and generally just have a great time talking about a barrage of movies. Listen to the episode on Anchor or wherever you get your podcasts.

Dienstag, 12. Oktober 2021

Memoria

Eine Frau (Tilda Swinton) liegt nachts in ihrem Bett, tief schlafend. Sie rührt sich nicht, ebenso wenig die Kamera. Die Sekunden verstreichen, vielleicht sogar eine Minute oder zwei. Zeit verliert im Kino ja bekanntermassen an Bedeutung, gerade in den Werken des thailändischen Slow-Cinema-Meisterregisseurs Apichatpong Weerasethakul, dessen neuester Wurf, Memoria, von diesem Bild eingeführt wird. Lange, starre Aufnahmen, mal von bewegungslosen Menschen, mal von stillen Naturszenerien, mal von bewegungslosen Menschen in stillen Naturszenerien gehören zu seinen stilistischen Markenzeichen.

Doch dann wird die Frau abrupt aus dem Schlaf – und das Publikum aus seiner Anfangstrance – gerissen: Ein dumpfer Knall, ein unheimliches, tiefes "Thwock!", setzt der nächtlichen Stille ein Ende. Die Frau, eine im kolumbianischen Medellín lebende britische Botanikerin namens Jessica, lauscht in die Nacht hinaus, steht auf, geistert durch ihre Wohnung, findet nichts. Das Geräusch, das Jessica später mit dem "einer riesigen metallenen Kugel, die in einen tiefen, von Meerwasser umgebenen Brunnen fällt", vergleichen wird, ist ein Jump-Scare in Reinform: Sein plötzliches Auftreten erschreckt, sein irrealer Klang beängstigt, das Fehlen einer Erklärung verunsichert – sowohl das Publikum als auch Weerasethakuls Protagonistin.

In der Folge wird Jessica den Knall immer und immer wieder hören, anscheinend unabhängig von der Tageszeit und ihrem Aufenthaltsort. Mithilfe des geheimnisvollen Tontechnikers Hernán (Juan Pablo Urrego) versucht sie, ihn am Computer zu rekonstruieren. Als sie eine befreundete Anthropologin (Jeanne Balibar) auf eine Exkursion aufs Land begleitet, erscheint ihr das Geräusch am Ufer eines gemütlich plätschernden Bachs gleich mehrmals; kurz darauf schliesst sie eine schicksalhafte Bekanntschaft mit einem exzentrischen Fischer (Elkin Díaz), der auch Hernán heisst.

Weerasethakuls Filmografie, von Tropical Malady (2004) bis Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives (2010), ist geprägt von Auseinandersetzungen mit dem kaum Fassbaren, mit emotionalen Verbindungen zwischen Individuen, mit dem metaphysischen Bezug des Menschen zur Natur. Folgerichtig sind es vor allem Geräusche und andere unsichtbare Schwingungen, die Weerasethakul hier umtreiben. Es sind Zufallsbegegnungen und die daraus resultierenden Gespräche, die Jessica auf ihrer Suche nach dem Ursprung ihrer Schlaflosigkeit voranbringen; doch verstehen kann sie ihre Lage erst, als sie ihre ganze Aufmerksamkeit der Welt, die sie umgibt, schenkt.

Jessica (Tilda Swinton) begibt sich auf die Suche nach dem Ursprung eines mysteriösen Knalls.
© EF NEON / © Sandro Kopp / © Kick the Machine Films, Burning, Anna Sanders Films, Match Factory Productions, ZDF-Arte and Piano

Der mysteriöse Knall, die ohne ersichtlichen Grund ausgelösten Autoalarme, das Stimmengewirr auf einem Universitätscampus, ein spontanes Jazzkonzert, der rauschende Wind in den Bäumen, das Brüllaffen-Geschrei aus dem Urwald, die Stimmen aus einer anderen Zeit, an die sich der ältere Hernán zu erinnern scheint: Diese omnipräsente Klangkulisse, brillant konzipiert vom Sounddesign-Team um Akritchalem Kalayanamitr und Javier Umpierrez, ist, in Weerasethakuls Vision, so etwas wie der Atmungsprozess des lebenden Planeten Erde.

Und was lebt, hat eine Geschichte, ein Erinnerungsvermögen, sowohl ein stoffliches als auch ein spirituelles: Jessica lässt sich von Jeanne Balibars Anthropologin 6'000 Jahre alte menschliche Skelette zeigen, die ein Tunnelbauprojekt zutage gefördert hat. Hernán wiederum zeigt ihr einen Stein, der, so der stille Fischer, die Spannung eines längst vergangenen Konflikts in sich trage.

Memoria spielt am Schnittpunkt von Wissenschaft, Esoterik und Naturphilosophie – dem schaurigen, vielleicht auch ein wenig tröstlichen Gedanken, dass der Mensch als Individuum nicht viel mehr ist als ein empfindungsfähiger Klumpen organischer Materie, eine winzige Ausbeulung im allumfassenden Erdorganismus, die früher oder später in ihre molekularen Einzelteile zerfallen wird. Der Geist wird sterben, die Bausteine werden überleben, mitsamt all den Sinneseindrücken, die seit Anbeginn der Zeit auf sie eingewirkt und sich auf der subatomaren Ebene eingebrannt haben.

Im Grunde versucht Weerasethakul nichts weniger, als die Idee zu visualisieren, dass nichts im Universum im Nichts verpufft – aber dass es zugleich unmöglich ist, sich Zugang zu diesem kosmischen Gedächtnis verschaffen. Es gilt, sich für diese Weltanschauung und ihre entschleunigte, zunehmend abstrakter werdende Inszenierung zu öffnen. Die Belohnung ist eine faszinierende Begegnung mit dem Unbeschreiblichen.

★★★★

Montag, 11. Oktober 2021

ONE FOR YOU: Zurich Film Festival 2021

For the latest episode of the One for You podcast, Olivia Tjon-A-Meeuw, Astrit Abazi, Mansi Tiwari, and I came together to discuss some of our favourite films from the 2021 Zurich Film Festival. Join us as we spotlight Kaouther Ben Hania's Oscar-nominated The Man Who Sold His Skin, Ana Lily Amirpour's New Orleans-set modern fantasy Mona Lisa and the Blood Moon, Sean Baker's darkly hilarious Red Rocket, and Ninja Thyberg's potentially traumatising Pleasure. Listen to the episode on Spotify or wherever you get your podcasts.

Sonntag, 10. Oktober 2021

Titane

© Agora Films

★★★★

"Man kann das alles als billige Provokation abtun; doch damit würde man weder Ducournaus technischem Handwerk noch ihrer thematischen Raffinesse gerecht, geschweige denn dem Potenzial des Kinos, unvergessliche Geschichten und Bilder zu vermitteln. Selbst wer der Auffassung ist, Ducournaus Extremismus überspanne den Bogen des guten Geschmacks, wird nicht abstreiten können, dass Titane mit seiner unbeirrbaren Schonungslosigkeit starke Gefühle hervorruft. In Zeiten, in denen stetig wachsende Monopolriesen die Kinokassen mit blassen Reissbrett-Blockbustern dominieren, ist das keine Selbstverständlichkeit."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema

Mittwoch, 6. Oktober 2021

OutCast: Episode 193 feat. Maximum Cinema

Der Maximum Cinema-Podcast wagt ein Crossover mit dem OutCast von OutNow: Daniel und ich lassen zusammen mit Nicolas Nater und Christoph Schelb das 17. Zurich Film Festival Revue passieren und tauschen uns über unsere Lieblings-Festivaltitel aus. Die Episode ist auf allen gängigen Plattformen verfügbar. Teil zwei des Gesprächs erscheint bald im Feed des Maximum Cinema-Podcasts.

Dienstag, 5. Oktober 2021

She Dies Tomorrow

Amy (Kate Lyn Sheil) is going to die tomorrow. She's sure of it. Indeed, there is already something ghostlike about her, in how she creeps and stalks and wanders around her newly bought, dimly lit, haphazardly furnished house, as if she was looking for somebody to haunt, but can't find anyone but herself.

In fact, it's difficult to tell whether it’s the knowledge of her impending demise that has put her into this state, or whether said demise is the logical end result of that state – a state in which she finds herself unable to keep up even a simple phone conversation with her friend Jane (Jane Adams), and in which she seems at her most relaxed when she's scouring the internet for urns.

Amy Seimetz's She Dies Tomorrow is, nominally, a horror movie, but it's a horror movie that's had its insides carved out: the trappings – the sombre mood of darkened rooms, the looming paranoia caused by distorted sounds half-heard just out of earshot – are still there, but there is no monster, no spirit, no external threat whatsoever. Nothing so tangible as to warrant worries about jump scare-ready intruders slinking into Jane’s home after she, all pyjama-clad panic, runs out into the night and forgets not just to lock but even close her front door. Perhaps the most unsettling image here is the surreal sight of Kate Lyn Sheil slowly approaching the camera with an unreadable facial expression, plunged in varying shades of garish neon strobe-lighting.

The haunting, meanwhile, to the extent that there is one, is a fascinating reversal of the conceptual horror of David Robert Mitchell's It Follows (2014) or the Ring franchise: whereas those films featured supernatural harbingers of death – a shapeshifting stalker and a girl crawling out of a television, respectively – Seimetz translates the horrific metaphor back into a subconscious rumbling, so to speak. The curse with which Amy infects Jane, and with which Jane then infects her circle of friends, is just the knowledge of the simple fact of death, likened by Jane to the sensation of feeling a cold arriving the night before its symptoms start to show: I am going to die tomorrow. Whether any of the characters are right in their apocalyptic premonition is left open, as one would expect from such an intriguingly abstract, occasionally overly ponderous art film that ultimately owes far more to David Lynch, Luis Buñuel, and Quentin Dupieux than to either Mitchell or The Ring (2002).

Amy (Kate Lyn Sheil) is convinced that she is going to die tomorrow.
© MMXX. NEON Rated, LLC. All rights reserved.
To Seimetz, who reportedly based the mumblecore-like awkwardness of Amy and Jane’s interactions with their surroundings on her own frustrating experiences of confronting acquaintances with her bouts of anxiety, the most interesting aspects of the wandering curse are the ways in which it disintegrates established social protocol, by making people fall out of their assumed personas.

For Amy, the spectre of death becomes an ambiguous liberator of sorts, leading her to both embrace the spontaneity her erstwhile boyfriend (Kentucker Audley) couldn't satisfy and to renounce her hard-won sobriety. Jane loses the will to impress her snippy sister-in-law (Katie Aselton) with her brusque professionalism and starts to sink ever deeper into a dishevelled depression; while her brother (Chris Messina), in all of his suburban affluence, seems to have unlearned how to deal with fear and quickly unravels emotionally. One extraordinary subplot sees a couple, played by Jennifer Kim and TV on the Radio frontman Tunde Adebimpe, pick over their emotions after admitting to each other that their relationship has been dead for a long time.

Genre purists might scoff at the suggestion that She Dies Tomorrow qualifies as a horror film, precisely because it internalises rather than externalises the existential angst that haunts its characters. But in doing so, Seimetz, amid all her neon-and-drone abstraction, viscerally captures a piercing, frighteningly recognisable, maybe even primeval sense of dread about things not being as they should be.

★★★★

Dienstag, 28. September 2021

Maximum Cinema Filmpodcast #34: "Bad Luck Banging or Loony Porn", "Titane", "Dune"

© Olivier Samter

In Folge 34 des Maximum Cinema-Podcasts geht es extrem zu und her: Radu Judes Berlinale-Gewinner Bad Luck Banging or Loony Porn zeigt sehr viel Haut und begeistert damit Lola und mich. In Titane zelebriert Regisseurin Julia Ducournau abstossende körperliche Gewalt, was Daniel vor den Kopf stösst. Und in Dune gibt es riesige Kulissen und noch riesigere Sandwürmer zu sehen – doch Daniel und ich werden uns nicht einig. Der Podcast ist auf allen gängigen Plattformen verfügbar.

Growing pains: Zurich Film Festival turns 17

"While it has successfully established itself within Switzerland as a celebration of film as a concept, it has yet to find its true calling as a film festival on the international stage. It is certainly too early to deem it a 'dispensable festival' – but then again, it’s never too early to start soul-searching."

Full article available at swissinfo

Sonntag, 19. September 2021

Bad Luck Banging or Loony Porn

© Xenix Filmdistribution GmbH

★★★★

"Diese Mischung aus oberflächlichem Schockieren, hinterlistigem Provozieren und kopflastigem Argumentieren kann hin und wieder etwas plump wirken, doch der satirische Biss von Bad Luck Banging ist unbestreitbar. Judes Rundumschlag gegen faschistisch-populistisches Gedankengut, den von der Pandemie befeuerten Egozentrismus und die Lügen, die man sich in ganz Europa über die eigene Geschichte erzählt, ist das spielerisch gallige Werk eines grossen Künstlers, dem endgültig der Kragen geplatzt ist."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema

Donnerstag, 16. September 2021

Dune

© 2021 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.

★★★

"Denis Villeneuve kann von Glück reden, dass Frank Herberts verzwicktes Fantasiegebilde auch 56 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung noch so viel Faszination ausübt, dass auch ein so mittelmässiger Film wie Dune einen nicht dazu bringen kann, das Interesse an der ihm zugrunde liegenden Geschichte zu verlieren."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema

Freitag, 10. September 2021

Free Guy

Warning: This review contains mild spoilers.

They say it's the notes you don't play that make the piece. In the case of Free Guy, Shawn Levy's emphatically middling, occasionally condescending action comedy about a video game background character taking life into his own hands, it's the notes it plays ever so briefly.

Starring Ryan Reynolds, whose on-screen shtick of playing varying shades of Deadpoolish self-awareness is starting to wear very thin, Free Guy is built around a surprisingly existential thematic core: Reynolds plays Guy, a non-playable bank teller in the virtual world of Free City, a Cyberpunk-like online game that rewards its players for committing in-game crimes and harassing NPCs like Guy in the process. But through an irregularity in the game's code, Guy suddenly finds himself disillusioned with his life as a figurative – and, unbeknownst to him, literal – non-entity and, spurred on by his infatuation with the real-life player Millie (Jodie Comer), starts playing the game himself.

"What if we don't exist?" is a question that has haunted western philosophy for at least half a millennium (and that has relatively recently been given an update in the form of "What if we live in a simulation?"), so it forming the premise of a Hollywood production with a nine-digit budget is nothing if not an intriguing proposition.

And indeed, there is a scene in Free Guy where Guy lays bare his existential angst to his best friend, chronically ineffective bank security guard Buddy (Lil Rey Howery): "If we're not real, we're not actually talking right now, ergo nothing matters," runs Guy's defeatist argument, which Buddy counters by pointing out that the very fact of the two NPCs talking to each other means that this moment is in fact real, whether they themselves are real or not.

Through the help of Millie (Jodie Comer), Guy (Ryan Reynolds) realises that he's a video game character.
© 20th Century Studios / Disney

It's quite a lovely, unexpectedly thoughtful two minutes, a quiet moment between two characters contemplating the philosophical implications of the unlikely situation they find themselves in. It's also the only scene in this 115-minute-long movie where writers Matt Lieberman (Scoob!) and Zak Penn (Ready Player One) offer any tangible engagement with their story's primary theme.

Of course, it would be folly to expect – or indeed want – a movie like Free Guy to exhaustively explore the Cartesian depths of human consciousness and its potential non-existence. But the scene in question stands in such stark contrast to the material that surrounds it, at least in thematic terms, that it doesn't seem all that frivolous to ask if Levy, Penn, and Lieberman could not have deigned to trust their audience with more than a couple of minutes of actual substance.

Again, this is not to say that Free Guy should have been a philosophical tract, or even a piece of Hollywood entertainment with the thematic weight of, say, The Truman Show (1998), one of the many films it liberally borrows visual and narrative cues from. What this is to say, however, is that this movie feels like the sobering epitome of "content," that infernally corporate term that's come to be used to denote virtually any piece of audiovisual art.

Here's a movie that's perfectly happy to be a piece of "content" – a competently assembled, dully executed remix of The Lego Movie (2014), Groundhog Day (1993), Deadpool (2016), and, yes, The Truman Show that can't seem to be bothered to bring anything even remotely noteworthy to the table, save, perhaps, for that one nod to Descartes and Spinoza. It's all slick, anonymous filmmaking, smooth, interchangeable narrative building blocks, and a mildly amusing line delivery every five minutes or so – perfectly adequate but almost aggressively forgettable.

Millie and fellow game designer Keys (Joe Keery) try to save Guy's game from being deleted.
© 20th Century Studios / Disney

Yet even though this film about an algorithm coming to life can often feel algorithmically generated itself, it is audacious enough to style itself as a champion of originality and individuality – juxtaposing its plucky real-world heroes, former indie game designers Millie and Keys (Stranger Things' Joe Keery), with a villainous video game mogul (a painfully unfunny Taika Waititi), who extolls the profitable virtues of endless sequels, spin-offs, and franchises. "That's what the people want!", he cackles, inviting us to scoff at his soulless vision of a popular culture that only ever gives its audience slightly repackaged versions of what they already know.

It's a nice sentiment, but one that is hard to truly take seriously from a movie that began life as a 20th Century Fox production, was finished under the auspices of the Walt Disney Company following its takeover of the former, and whose grand action climax sees Guy wielding Captain America's shield, the Hulk's fist, and Luke Skywalker's lightsaber, invoking the power of not one but both of Disney's biggest franchise cashcows.

It's in that scene that Free Guy crosses the line between boringly derivative content and patronising intellectual-property masturbation, lagging not far behind Warner Bros.' dystopian Space Jam: A New Legacy in how little stock it seems to put in its viewers' capacity for critical discernment. It may not be an abjectly terrible film, but it is a profoundly depressing experience.

★★

Dienstag, 7. September 2021

Maximum Cinema Filmpodcast #33: Malen nach Zahlen

© Olivier Samter

Folge 33 des Maximum Cinema-Podcasts steht ganz im Zeichen des gezeichneten Bildes: Olivier erzählt, worauf man sich an der 19. Ausgabe des Badener Animationsfilmfestivals Fantoche freuen kann; Daniel interviewt die scheidende Festivalleiterin Annette Schindler; und zu viert diskutieren wir über Paprika (2006), der am Festival im Rahmen der Satoshi-Kon-Retrospektive läuft. Und zum Schluss widmen sich Daniel, Lola und ich noch der Netflix-Dokumentation Bob Ross: Happy Accidents, Betrayal & Greed über den titelgebenden Fernsehmaler. Der Podcast ist auf allen gängigen Plattformen verfügbar.

Donnerstag, 26. August 2021

Maximum Cinema Filmpodcast #32: Sommerpause am Locarno Film Festival

© Olivier Samter

In der letzten Episode des Maximum Cinema-Podcasts fehlte ich locarnobedingt. Zum Ausgleich gebe ich in Folge 32 ausführlich Auskunft über meine Erfahrungen am 74. Locarno Film Festival, erzähle von der Locarno Critics Academy, beurteile den Gewinner des Goldenen Leoparden, den indonesischen Genremix Vengeance Is Mine, All Others Pay Cash, und rede mir ein Alberto-Lattuada-Trauma von der Seele. Der Podcast ist auf allen gängigen Plattformen verfügbar.

Montag, 23. August 2021

Locarno Film Festival 2021: MUBI interview with Edwin ("Vengeance Is Mine, All Others Pay Cash")

© Erieknjuragan

At the Locarno Film Festival, my fellow Locarno Critics Academy member Anna Babos and I talked to Edwin, the director of the Golden Leopard-winning Vengeance Is Mine, All Others Pay Cash. Our conversation, which goes into Indonesian history, macho culture, and the ambivalent pleasures of cinematic violence, is now available to read on the MUBI Notebook.

Samstag, 21. August 2021

Locarno Film Festival 2021: "Vengeance Is Mine, All Others Pay Cash"

© Eriek N Juragan / Locarno Film Festival

"Not only does this result in one of the most beautiful final shots in recent memory, a freeze frame that vitiates all macho posturing and allows itself to indulge in pure melancholy longing, it also offers an emphatic corrective to the one-sided gender politics this kind of genre cinema all too often espouses. As much as Vengeance Is Mine, All Others Pay Cash can feel like a magnificent throwback to the golden age of giallo and masala, make no mistake: this is bracingly modern filmmaking."

Full review available at Filmexplorer

Mittwoch, 18. August 2021

ONE FOR YOU: Locarno Film Festival 2021

In this very special episode of the One for You podcast, I join, Olivia Tjon-A-Meeuw, Mansi Tiwari, and Andri Erdin to talk about our thoughts about the 74th Locarno Film Festival: which films did we love? Which ones did we hate, and what do puppets and sleazy 1970s movies have to do with them? What's my take on the festival's big winner, the excellently titled Vengeance Is Mine, All Others Pay Cash? You can listen to the episode on Spotify or wherever you get your podcasts.

Dienstag, 17. August 2021

Dream Horse

© 2021 Impuls Pictures AG

★★

"Doch je länger das Ganze dauert, desto eklatanter wird, mit wie wenig narrativer und emotionaler Substanz Lyn und McKay hier operieren. Von der Ehe- und Identitätskrise über entfremdete oder gar tote Eltern bis hin zum scheinbar fatalen Reitunfall – nicht nur ist praktisch jeder Konflikt ein abgedroschenes Drama-Klischee, das inzwischen sogar in Parodieform altbacken wirkt: Die Lösung jedes einzelnen dieser Probleme lässt sich letztlich auf den geradezu messianischen Dream Alliance zurückführen."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema

Montag, 16. August 2021

Locarno Film Festival 2021: "Ida Red"

© Locarno Film Festival

★★

"Wer von einem Gangsterfilm aber mehr erwartet als einen hohen Blutzoll und ein paar kompetent inszenierte Schiessereien, ist bei Swabs Film an der falschen Adresse. Während die familiären Verstrickungen der Walkers nicht über schon zigmal gesehene Klischees hinauskommen, bleibt das Ausmass ihrer kriminellen Machenschaften zu vage, um wirklichzu packen."

Ganze Kritik auf Cineman

Mittwoch, 11. August 2021

Locarno Film Festival 2021: "Critics Academy weighs in on Locarno fare"

I joined my fellow Locarno Critics Academy members Phuong Le and Caitlin Quinlan to talk to swissinfo about our thoughts on the Locarno Film Festival up to this point. You can listen to our conversation here.

Dienstag, 10. August 2021

Locarno Film Festival 2021: "Locarno shows the two faces of Swiss cinema"

© DCM

"So where do we go now from here, given that the entire industry is currently trying to deal with the economic setbacks and logistical challenges caused by the first 18 months of the COVID-19 pandemic? Although it is always risky to hazard a guess, particularly when it comes to something as fickle as art, it seems reasonable to look at the most high-profile Swiss presences at this year’s Locarno Film Festival as a a kind of bellwether for the stylistic road ahead."

Full article available at swissinfo

Samstag, 7. August 2021

Locarno Film Festival 2021: "Little Solange"

Little Solange, Axelle Ropert’s low-key coming-of-age drama about a teenage girl struggling to deal with her parents’ failing marriage, is nothing if not insistent about making you notice the sadness its premise implies.

Chronicling roughly a year in the life of 13-year-old Solange Maserati (Jade Springer), Ropert frames her protagonist’s emotional journey as a slow descent into a kind of slow-motion apocalypse: her parents, theatre actor Aurélie (Léa Drucker) and music store owner Antoine (Philippe Katerine), inexorably drift apart, argument by argument, resentful glance by resentful glance. Her older brother Romain (Grégoire Montana) retreats ever further, first into his room, then into mournful silence, eventually to university in Spain. It’s as if the safe, happy world that Solange has known all her life is disintegrating before our very eyes, treasured family rituals sour into painful grievances, idealistic childhood dreams giving way to a future that seems filled only with quarrels, pain, and environmental destruction. (In one particularly memorable scene, Solange is established as an avid Greta Thunberg fan.)

On paper, Little Solange thus has all the trappings of an affecting family drama giving insight into teenage life in emotional turmoil. In practice, however, it struggles to make this appeal any more than theoretical, starting with the very first scene – a flash-forward to Solange struggling to read a Paul Verlaine poem out loud in French class: while opening a film with a preview of a narratively or emotionally significant moment out of context is a time-honoured tradition at this point, Ropert’s use of the trope seems arbitrary to the point of laziness in its limited outlook. Even without the knowledge of what is to follow, the reasons for Solange’s tear-glazed eyes and reluctance to speak are never less than obvious, and the scene, once it returns in the linear chronology of events, neither adds to our understanding of the opening, nor does it stand out as especially decisive or impactful.

Solange (Jade Springer) is struggling to deal with her parents' failing marriage.
© 2021 Aurora Films
This is a symptom of a larger issue in Little Solange, which is very good at parroting the language of the dourer style of Francophone social drama (think Stéphane Brizé or the Dardenne brothers) without the quality in writing to make these gestures convincing. Ropert’s script is awash with overbearing expository dialogue of the “As you know…” variety whilst both the central characters and their conflicts remain simplified outlines. It may be true in part that this is meant to reflect Solange’s limited, naïve perspective, but her own characterisation is equally lacking in depth or compelling nuance. Right up until the syrupy epilogue, which features a long-winded monologue explaining Ropert’s thesis statement, she remains little more than a cypher, a generic stand-in for generic teenagedom. No wonder the emotions of Little Solange never get off the page.

★★

Donnerstag, 5. August 2021

Locarno Film Festival 2021: "Beckett"

© Netflix

★★

"Tatsächlich jedoch ist das Problem von Beckett nicht seine Nähe zum niederschwelligen Genrekino. Gerade während der ersten Stunde, in der Beckett herausfinden will, warum er quasi über Nacht vom ruinenfotografierenden Touristen zum Gejagten im Stil von Jason Bourne geworden ist, gelingt es Filomarino und Autor Kevin A. Rice, das Publikum mit einer paranoiden Atmosphäre und anregenden Mystery-Elementen bei der Stange zu halten. Doch je länger Beckett dauert, desto mehr verrennt er sich in chaotisch zerschnittenen Actionszenen und thematischen Ambitionen, welche fast schon verzweifelt über die Groschenroman-Prämisse hinauszuweisen versuchen."

Ganze Kritik auf Cineman

Mittwoch, 28. Juli 2021

The Green Knight

© 2021 Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

★★★★★

"Mit diesen grossen ästhetischen und erzählerischen Gesten, deren selbstverständliche Seltsamkeit wohl auch so manches Publikumsmitglied irritieren wird, demonstriert The Green Knight, dass er die grundlegende Faszination des Geschichtenerzählens weitaus besser versteht als die meisten aktuellen Aushängeschilder des klassischen Hollywood-Erzählkinos. Lowerys Bilderchronik von Gawains Wanderschaft durch ein mystisch überhöhtes englisches Mittelalter folgt keiner klassischen Dramaturgie und wirft mit ihren regelmässigen narrativen Abschweifungen deutlich mehr Fragen auf als sie beantwortet. Doch damit gelingt es dem Film auch, den bis heute bestehenden Reiz des legendenumrankten Quellenmaterials freizusetzen."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema

Dienstag, 27. Juli 2021

Maximum Cinema Filmpodcast #30: I Think You Should Leave, "Space Jam: A New Legacy"

© Olivier Samter

Pünktlich zu Folge 30 sind wir beim Maximum Cinema-Podcast wieder komplett – und laden zur extralangen Folge: Daniel interviewt Rominga Inauen und Marcel Wolfgramm zum Allianz-Kinosommer. Lola, Olivier und ich schimpfen über Space Jam: A New Legacy. Daniel und ich schwärmen von The Green Knight, wobei ich eine spontane Mittelenglisch-Lektion abhalte. Und zum Schluss bewerfen wir uns in der Diskussion über die Netflix-Sketch-Show I Think You Should Leave with Tim Robinson mit sehr vielen Zitaten. Der Podcast ist auf allen gängigen Plattformen verfügbar.

Montag, 19. Juli 2021

Locarno Critics Academy 2021

Vom 4. bis 14. August findet das 74. Locarno Film Festival statt – und ich werde nicht 'nur' als Kritiker dabei sein, sondern als eines von zehn Mitgliedern der vom Festival organisierten Locarno Critics Academy, einem internationalen Filmjournalismus-Workshop. Ich freue mich schon sehr darauf, mich mit meinen Academy-Kolleg*innen auszutauschen und, mit Stift und Notizblock bewaffnet, Locarno unsicher zu machen!

Mittwoch, 14. Juli 2021

First Cow

© Sister Distribution / © Allyson Riggs / A24 Films

★★★★★

"First Cow handelt, wie alle Filme von Kelly Reichardt, vom Gestrandetsein: vom Kampf, als einsames Individuum ein Spielball von äusseren Umständen zu sein, die man kaum beeinflussen kann; aber auch von den kleinen Gesten der Freundschaft und des Mitgefühls, welche dieser emotionalen Last entgegenwirken können. Es ist eine schlichte, aber zutiefst empathische Liebeserklärung an die unspektakulären Freuden und Hoffnungen im Leben – und zugleich ein klarsichtiges Drama über die gesellschaftlichen und historischen Kräfte, die dafür sorgen, dass man sich an Männer wie den Chief Factor erinnert, solche wie Cookie und Lu aber im Nebel der Geschichte verschwinden."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema

Dienstag, 13. Juli 2021

Maximum Cinema Filmpodcast #29: Schwarzenegger-Nostalgie, Titanenkampf in 4DX, Hollywoodkino mit Biss

© Olivier Samter

Zusammen mit Daniel und Lola schwärme ich in Folge 29 des Maximum Cinema-Podcasts ein wenig von Arnold Schwarzenegger und The Terminator, bevor wir uns den grossen Themen der Woche widmen: Wir haben uns Adam Wingards Monster-Klopperei Godzilla vs. Kong angeschaut – Lola sogar in 4DX – sowie, quasi zum intellektuellen Ausgleich, Shaka Kings oscarprämiertes Drama Judas and the Black Messiah. Der Podcast ist auf allen gängigen Plattformen verfügbar.

Samstag, 10. Juli 2021

Minari

© Photo by Melissa Lukenbaugh, Courtesy of A24 / Im Verleih von PATHÉ FILMS AG

★★★★★

"Folgerichtig ist Minari – trotz Lachlan Milnes betörenden Aufnahmen von Sonnenuntergängen und spriessenden Pflanzen, trotz den verträumt-sphärischen Klängen von Emile Mosseris grandiosem Musikscore, trotz den Momenten, in denen Anne und David aufgrund ihres Aussehens mit rassistischer Ignoranz konfrontiert werden – weder eine nostalgische Verklärung von Jacobs Unternehmergeist noch ein didaktisches Lehrstück, das den Alltag der Yis auf einen einzigen langen Kampf gegen amerikanischen Rassismus reduziert."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema

Sonntag, 4. Juli 2021

Judas and the Black Messiah

© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.

★★★★

"Judas and the Black Messiah ist Hollywoodkino aus dem Bilderbuch – von Sean Bobbitts punktuell eindringlicher Bildsprache über die streckenweise etwas fransige Erzählung bis hin zum Übermass an Texttafeln zum Schluss. Doch King und seine Co-Autoren haben es geschafft, diesen Modus, in dem im Kino oftmals zur politischen Mässigung aufgerufen wird (siehe The Trial of the Chicago 7), mit mitreissendem progressivem Furor aufzuladen und Fred Hampton und seiner Vision der Black Panther Party ein ebenso substanzielles wie zugängliches Denkmal zu setzen."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema

Dienstag, 29. Juni 2021

Maximum Cinema Filmpodcast #28: Sommer, Sonne und Demenz

© Olivier Samter

Daniel, Olivier und ich lassen es in Folge 28 des Maximum Cinema-Podcasts bei zwei Filmen (und einem inzwischen von der Realität überholten EM-Witz) bewenden: Nach einer Konversation über Godzilla und mehr oder weniger persönliche Updates nehmen wir Florian Zellers oscarprämiertes Demenz-Drama The Father sowie Pixars sommerlichen Italien-Trip Luca unter die Lupe. Der Podcast ist auf allen gängigen Plattformen verfügbar.

Mittwoch, 23. Juni 2021

The Father

Von Romanzen wie The Notebook (2004) über Sexkomödien wie Friends with Benefits (2011) bis hin zu Arthouse-Dramen wie The Roads Not Taken (2020): Demenz ist eine beliebte Filmthematik. Nicht nur bedient die Krankheit mit ihrer schrittweisen Zerstörung von Identität und Bewusstsein eine menschliche Urangst; sie ist dermassen verbreitet, dass es wohl nur wenige Menschen gibt, in denen der Gedanke an sie nicht eine starke emotionale Reaktion auslöst. Wie gemacht für ein Medium, das von grossflächiger Publikumsmanipulation lebt.

Das ist denn auch die Kehrseite der Medaille: Es bedarf nicht viel, um die Präsenz von Demenz in einem Film wie einen billigen Griff in die emotionale Trickkiste wirken zu lassen. Friends with Benefits benutzte sie als unmotiviertes tragisches Gegengewicht zur locker-flockigen Beziehungsfarce; The Iron Lady (2011) heischte damit Mitleid für die umstrittene Margaret Thatcher; Honig im Kopf (2014) verarbeitete die Verwirrung eines Demenzkranken zu einer heiteren Komödie mit sentimentalem Anstrich.

Insofern ist es Florian Zellers The Father hoch anzurechnen, dass er sich in seiner Darstellung eines dementen Rentners damit zurückhält, die Krankheit allzu rührselig oder gar geschmacklos auszuschlachten. Im Gegenteil: Zellers Adaption seines eigenen Theaterstücks steht den emotional eher kühlen Erzählexperimenten eines Christopher Nolan letztlich wohl näher als einem gewissenhaft-empathischen Alzheimer-Drama wie Sarah Polleys Away from Her (2006) oder Richard Glatzers und Wash Westmorelands Still Alice (2014).

Im Zentrum von The Father steht Anthony, gespielt von Anthony Hopkins: ein kultivierter Mann um die 80, der sich mit Händen und Füssen dagegen wehrt, wegen seiner angeblich nachlassenden mentalen Kapazitäten aus seiner Londoner Stadtwohnung ausziehen zu müssen. Aber ist es überhaupt seine Wohnung oder die seiner Tochter Anne (Olivia Colman)? Bleibt Anne nun mit Ehemann Paul (Rufus Sewell) an Ort und Stelle, oder zieht sie zu ihrem neuen Freund nach Paris? Wer sind diese anderen Menschen, welche immer wieder in die Rollen von Anne (Olivia Williams) und Paul (Mark Gatiss) zu schlüpfen scheinen? Und warum wird Anthony jeden Abend Hühnchen zum Essen vorgesetzt?

Anthony (Anthony Hopkins) ist demenzkrank und fühlt sich in den eigenen (?) vier Wänden zunehmend verloren.
© Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Anders als etwa Sally Potter, deren The Roads Not Taken die scheinbare geistige Abwesenheit demenzkranker Menschen zu einer Art Seelenwanderung uminterpretierte, inszeniert Zeller das Vergessen als surreal-kafkaesken Horror. Anthony verschanzt sich – und wirkt gefangen – in den eigenen (?) vier Wänden, umgeben von Menschen, die er entweder nicht kennt oder, wenn er sie kennt, nicht versteht, weil sie ihm nichts als widersprüchliche Information einzuflössen scheinen. Manchmal kommen ihm inmitten einer Konversation die Gesprächspartner*innen abhanden; Tageswechsel sind kaum erkennbar; die neue Pflegerin (Imogen Poots), die tagsüber ein Auge auf Anthony halten soll, stellt sich mehrmals vor.

The Father ist eine clevere Visualisierung der allumfassenden, mal beängstigenden, mal aufreibenden, mal ärgerlichen Verwirrung, die mit altersbedingtem Gedächtnisverlust einhergeht – auch weil Zeller den räumlich begrenzten Schauplatz auf eine Art und Weise in Szene setzt, die eine eindeutige Orientierung praktisch verunmöglicht. Welcher Korridor in welches Zimmer mündet, wohin Figuren genau gehen, wenn sie das Blickfeld von Ben Smithards Kamera verlassen – all das bleibt, auch dank kreativer Setdesign-Spielereien, bis zum Schluss ein Rätselraten.

Anthonys Tochter Anne (Olivia Colman) ist von ihrem verwirrten Vater überfordert.
© Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Allerdings stösst irgendwann auch das Mystery-Konzept im Umgang mit Demenz an seine erzählerischen Grenzen. Zwar liefert der grosse Anthony Hopkins, wie es zu erwarten war, eine herausragende, inzwischen zu Recht oscarprämierte Performance zwischen aufbäumendem Draufgängertum und kindlicher Verlorenheit ab – und schafft so in gewissen Momenten ein wirksames Gegengewicht zu Zellers ausgefeiltem Verwirrspiel. Doch allzu oft erinnert The Father an eine spannende, aber blutleere Drehbuch-Übung – ein Eindruck, der von einem an sich hochkarätigen Restcast unterstrichen wird, der weit hinter seinem Potenzial zurückbleibt. Olivia Colman bleibt enttäuschend farblos, Mark Gatiss und Olivia Williams haben kaum Zeit, ihre unheimlich distanzierten Figuren einzubringen. Einzig Rufus Sewell, der in Anthonys Augen zur Karikatur eines Bösewichts wird, schafft es vereinzelt, sich mit Hopkins ein anregendes Schauspielduell zu liefern.

Demenz bleibt also ein kniffliges Filmthema. Mit Ausnahme der letzten fünf Minuten verzichtet The Father weitgehend auf die Tränendrüsen-Sentimentalität, mit welcher der Krankheit in der Regel begegnet wird. Zellers Entschluss, die Erfahrung seiner dementen Hauptfigur als beunruhigendes, subjektives Mysterydrama zu inszenieren, schlägt aber zu weit in die andere Richtung aus: Der Trick ist bewundernswertes, ja beeindruckendes Schreibhandwerk, das emotional jedoch leider nicht zu packen vermag.

★★★

Montag, 14. Juni 2021

ONE FOR YOU: "Nomadland" & "The Rider"

In the last episode of the One for You podcast before the start of the summer break, Olivia and I delve into two of director Chloé Zhao's three feature films: first, we discuss her Oscar-winning roadmovie Nomadland, starring Frances McDormand, followed by lots of praise for 2017's revisionist western The Rider. Listen now on Spotify or wherever you get your podcasts.

Mittwoch, 9. Juni 2021

Nomadland

© The Walt Disney Company Switzerland. All Rights Reserved.

★★★★★

"Der amerikanische Traum befindet sich in Nomadland in Konflikt mit sich selbst: Persönliche Freiheit scheint die Antithese zur kapitalistisch geprägten 'Leistungsgesellschaft' zu sein. Der Preis der finanziellen Sicherheit ist es, sich zu Tode zu arbeiten – wobei selbst hier, dank eines haarsträubend breitmaschigen sozialen Sicherheitsnetzes, das Überleben niemals gänzlich gesichert ist. Wer bedingungslos unabhängig sein will, muss sich, so die Implikation, für ein Leben in prekärer Armut entscheiden."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema

Dienstag, 1. Juni 2021

Maximum Cinema Filmpodcast #26: "Being Sascha", "Monster", "Nemesis"

© Olivier Samter

Lola, Olivier und ich wagen uns in Folge 26 des Maximum Cinema-Podcasts ohne Daniel an eine Diskussion von Manuel Gübelis Kurzdokumentarfilm Being Sascha, dem auf Netflix lancierten Gerichtsdrama Monster von Anthony Mandler und dem dokumentarischen Essay Nemesis von Thomas Imbach. Zudem: Gespräche über Studienwochen, Baustellen und verschrobene Angewohnheiten. Der Podcast ist auf allen gängigen Plattformen verfügbar.

Samstag, 22. Mai 2021

Ammonite

© Ascot Elite

★★★★

"Lee zielt hier nämlich nicht auf ein schwelgerisches Rührstück ab. Im Gegenteil: Gerade die Momente im ausgedehnten Mittelteil, in denen sich sein Drehbuch den Konventionen der Filmromanze ergibt, wirken wie ungelenke vorauseilende Konzessionen an ein Publikum, dem Ammonite als Ganzes zu düster, zu kalt, zu deprimierend ist."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema

Dienstag, 18. Mai 2021

Maximum Cinema Filmpodcast #25: "Mein Leben und der Notenschnitt", "The Mitchells vs. the Machines", "I Care a Lot"

© Olivier Samter

Wie gut waren Daniel, Lola, Olivier und ich in der Schule? Die SRF-Dokumentation Mein Leben und der Notenschnitt von Luzius Wespe lässt uns in Folge 25 des Maximum Cinema-Podcasts in Erinnerungen schwelgen – und Fragen über den Leistungsdruck stellen, dem sich Kinder ausgesetzt sehen. Dann sind wir uns uneins darüber, wie gut der abgefahrene Sony-Animationsfilm The Mitchells vs. the Machines ist, und J Blakesons popfeministische Kapitalismussatire I Care a Lot irritiert und fasziniert mit Ecken und Kanten. Der Podcast ist auf allen gängigen Plattformen verfügbar.

Dienstag, 4. Mai 2021

Maximum Cinema Filmpodcast #24: Generationenkrieg, Wonder Woman, Kurzfilm-Knatsch, Mads Mikkelsen

© Olivier Samter

Nach sage und schreibe 24 Folgen wird der Altersunterschied zwischen Daniel und Olivier, Lola und mir endlich zum zentralen Thema. Anlass dafür gibt in Episode 24 die Diskussion über Thomas Vinterbergs Midlife-Crisis-Tragikomödie Another Round (Druk), der bei Daniel besser ankommt als beim Rest. Danach geht es um Wonder Woman 1984 von Patty Jenkins, der bei den meisten Kritiker*innen durchfällt, und den kontroversen oscarprämierten Kurzfilm Two Distant Strangers, der für eine hitzige Debatte sorgt. Zudem: Wer findet heraus, wie viele verschiedene Aussprachen von Mads Mikkelsens Namen in dieser Episode versteckt sind?

Sonntag, 2. Mai 2021

ONE FOR YOU: Kill Bill


In the latest episode of the One for You podcast, Olivia and I are all about revenge: we discuss Quentin Tarantino's blood-soaked genre mash-up double header Kill Bill, talk through our feelings regarding the cult auteur in general, reflect on how much movie remixing is too much, and constantly reiterate that, if nothing else these films are pretty cool. Listen now on Spotify or wherever you get your podcasts.

Sonntag, 25. April 2021

Love and Monsters

© Paramount / Netflix

★★★★

"Es ist ein Jammer, dass «Love and Monsters» ausserhalb von Nordamerika nur auf Netflix verfügbar ist, ist die zweite Regiearbeit des Südafrikaners Michael Matthews (Five Fingers for Marseilles) doch genau die Art von lockerer, weitgehend eigenständiger Popcorn-Unterhaltung, die in den letzten Jahren von den grossen, verflochtenen Franchisen zunehmend von den Kinoleinwänden verdrängt worden ist: ein Film, der eine nicht sonderlich anspruchsvolle Geschichte erzählt, seine sympathischen Figuren eine komplette emotionale Reise durchlaufen lässt und sein Publikum so nach 109 kurzweiligen Minuten im Gefühl zurücklässt, ein in sich geschlossenes Werk gesehen zu haben."

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Donnerstag, 22. April 2021

A Page of Madness

© Film Preservation Associates, Inc.

★★★★★

"Es steht ausser Frage, dass A Page of Madness mit seiner fesselnden, bisweilen anregend desorientierenden Bilderflut ein grosses Werk der Filmhistorie ist und es verdient, als Schlüsselwerk des späten Stummfilms zu gelten – auch wenn die Shinkankakuha-Schule ihre grossen Träume letztlich nicht erfüllen konnten. Denn so wie ihre bekannteren Zeitgenoss*innen aus der Weimarer Avantgarde machte auch ihnen schliesslich der Lauf der Geschichte einen Strich durch die Rechnung."

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Dienstag, 20. April 2021

Maximum Cinema Filmpodcast #23: Der doppelte Miyazaki

© Olivier Samter

In Folge 23 des Maximum Cinema-Podcasts befassen Daniel, Lola, Olivier und ich uns mit den Simpsons mit Schweizer Beteiligung und dem sechsfach oscarnominierten Drama Minari von Lee Isaac Chung. Im Zentrum der Episode steht aber Anime-Grossmeister Hayao Miyazaki: Wir würdigen den Studio-Ghibli-Mitbegründer mit einer Diskussion über Ponyo (2008) und die ihm gewidmete Dokuserie 10 Years with Hayao Miyazaki, in der auch sein Sohn Gorō eine tragende Rolle spielt. Die Folge ist auf allen gängigen Podcast-Plattformen verfügbar.

Sonntag, 18. April 2021

ONE FOR YOU: Mad Max


Back in 2015, Australian maverick director George Miller took a lot of people by surprise by releasing Mad Max: Fury Road, a much belated fourth entry into his vehicular action-centric Mad Max series, which was quickly hailed as one of the best action movies of all time. Fury Road introduced both Olivia Tjon-A-Meeuw and me, and, we suspect, many others as well, to the "Road Warrior" Max Rockatansky – which is why we thought it was high time sit down and watch the three films that came before. And lo and behold: they are also extremely good! So settle in and listen to the latest episode of the One for You podcast to hear an hour's worth of discussion on Fury Road, Mad Max (1979), Mad Max 2 (1981), and Mad Max Beyond Thunderdome (1985). The episode is available on Spotify or wherever you get your podcasts.

Dienstag, 13. April 2021

Maximum Cinema Filmpodcast: Das MXC-Oscar®-Special 2021

© Olivier Samter

In der Nacht auf den 26. April werden die 93. Academy Awards – die Oscars – vergeben. Aus diesem Anlass blicken Daniel, Lola, Olivier und ich in dieser Spezialfolge des Maximum Cinema-Podcasts zurück auf unsere Diskussionen über die favorisierten Filme im Rennen und beleuchten, wer wo die besten Siegeschancen hat. Die Episode ist auf allen gängigen Podcast-Plattformen verfügbar.

Samstag, 10. April 2021

The Empty Man

© 2020 20th Century Studios. All Rights Reserved / Walt Disney Studios

★★★★

"Prior kombiniert Nihilismus mit wesensverwandten Denkansätzen – der Prolog spielt im buddhistisch geprägten Bhutan, Amanda und ihre Clique gehen auf eine Highschool, die nach dem Sprachphilosophen Jacques Derrida benannt ist – und verdichtet diese Bezüge zu einer alles durchziehenden Urangst: vor der Leere des Universums, vor der Vorstellung, dass jedweder 'Sinn' darin eine menschengemachte Illusion ist."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema

Dienstag, 6. April 2021

Maximum Cinema Filmpodcast #22: "Capone", "Burrow", "Promising Young Woman"

© Olivier Samter

In Folge 22 des Maximum Cinema-Podcasts sorgen drei Filme für viel Gesprächsstoff: Capone irritiert Daniel, Olivier und mich mit wenig Tiefgang und viel Make-up, während Lola eine Lanze für Josh Tranks Gangsterdrama bricht; beim Pixar-Kurzfilm Burrow sorgt schon die Inhaltsangabe für Uneinigkeit; und in Emerald Fennells oscarnominiertem Promising Young Woman geben das irreführende Marketing und die ungewöhnliche Herangehensweise an Traumata zu reden. Die Episode ist auf allen gängigen Podcast-Plattformen verfügbar.

Freitag, 2. April 2021

Raya and the Last Dragon

Vor 500 Jahren wurde das Land Kumandra von den Druun heimgesucht, bösen Geistern, die Menschen in steinerne Statuen verwandeln. Doch dank eines letzten Aufbäumens der mächtigen Drachen konnte das Ende der Welt verhindert werden: Sie opferten sich, um eine magische Kugel zu erschaffen, mit denen die Druun gebannt werden konnten. Kumandra war gerettet, nicht aber der Frieden unter seinen Bewohner*innen: Es entbrannte ein Streit um die Drachenkugel, und das Land, das an einem drachenförmigen Fluss liegt, spaltete sich in fünf regionale Stämme auf – Heart, Fang, Spine, Talon und Tail.

Raya (gesprochen von Kelly Marie Tran) ist die Tochter von Benja (Daniel Dae Kim), dem Anführer des Heart-Stammes und Beschützer der Drachenkugel. Als Benja Delegationen aller anderen Stämme zu einem Bankett einlädt, um die 500-jährigen Differenzen endlich beizulegen, verschuldet Raya eine Katastrophe: Sie zeigt Namaari (Gemma Chan), der Prinzessin von Fang, die Kammer, in der die mächtige Kugel aufbewahrt wird; das Artefakt zerbricht in fünf Teile, jeder Stamm reisst sich ein Stück unter den Nagel. Und zu allem Überfluss werden die Druun dadurch von ihrem Bann erlöst und terrorisieren Kumandra von neuem.

Weitere sechs Jahre später befindet sich Raya auf der Suche nach dem sagenumwobenen "letzten Drachen", mit dessen Hilfe sie ihren Fehler ausbügeln und Kumandra einen will. Doch wie sich herausstellt, entspricht dieser Drache nicht ihren Vorstellungen: Sisu (Awkwafina) ist nicht der erhoffte Druun-Schreck, von dem in den Legenden die Rede ist, sondern ein unbeholfener Schussel.

Wer erklären will, worum es in Raya and the Last Dragon geht, braucht einen langen Atem. Der 59. Film aus der Animationsschmiede von Walt Disney Pictures mag, Abspann nicht eingerechnet, keine 95 Minuten dauern – doch das Fantasy-Epos von Don Hall (Big Hero 6) und Carlos López Estrada (Blindspotting) wartet mit so viel fiktivem historischem Hintergrund, so viel Erzählstoff und mythologischen Andeutungen auf, dass es bisweilen wie der Zusammenschnitt einer Disney+-Serie wirkt.

Die Welt ist aus den Fugen – und Raya (Stimme: Kelly Marie Tran) versucht, sie wieder geradezubiegen.
© Disney
Es steht ausser Frage, dass das Drehbuchduo Adele Lim (Crazy Rich Asians) und Qui Nguyen hier konzeptuell Grosses geleistet hat: Mit Kumandra wird hier eine reichhaltige, lebendige Welt geschaffen, die sowohl in den diversen kulturellen, philosophischen und religiösen Traditionen Ost- und Südostasiens verwurzelt ist, als auch in der jüngeren Popkultur, die sich von denselben Quellen hat inspirieren lassen – vom breiten Kanon ostasiatisch geprägter Young-Adult-Fiction bis hin zum Nickelodeon-Serienhit Avatar: The Last Airbender (2005–2008).

Doch diese Welt erhält keinen Platz, um sich zu entfalten: Raya and the Last Dragon erzählt eine videospielähnliche Item-Sammel-Geschichte nach Schema F: Raya und Sisu reisen von liebevoll ausgearbeitetem Ort zu liebevoll ausgearbeitetem Ort und nehmen es dort in knapp gehaltenen zehnminütigen Sequenzen mit Gegenspieler*innen mit regionsspezifischen Fähigkeiten auf, um schliesslich ein weiteres Stück Drachenkugel zu ergattern. Zeit, um die Lokalitäten etwas näher kennenzulernen, bleibt kaum je, denn es wartet stets schon die nächste Destination.

Raya bittet Sisu (Awkwafina), den letzten Drachen, um Hilfe.
© Disney
Neu ist diese Erzählstruktur nicht, schon gar nicht im Animationsfilm. Allein 2020 folgten sowohl das DreamWorks-Sequel Trolls World Tour als auch die chinesisch-amerikanische Produktion Over the Moon einer ähnlichen Handlung; das Gleiche gilt für einige der besten Werke der jüngeren US-Animation. Doch ein Coraline (2009) oder ein Inside Out (2015) verstanden es, ihre Schauplätze überschaubar und der Filmlänge angemessen zu halten. Wo es sich jene Filme erlaubten, näher auf Figuren, Konflikte und thematische Motive einzugehen, rennt Raya unerbittlich seinem Plot hinterher, auf Kosten der Figurenzeichnung: Die Titelheldin ist eine farb- und tiefenlose Protagonistinnen-Schablone, deren einzige erkennbare Charaktereigenschaft der Wille ist, die ihr vom Skript zugedachte Mission zu erfüllen. Und auch die Mitstreiter*innen, die Raya auf ihrer Reise begegnen – darunter ein einsamer Krieger (Benedict Wong) und eine Baby-Meisterdiebin (Thalia Tran) – dienen vorab als Mittel zum Zweck oder scheinen als kalkulierte Publikumslieblinge mit Aussicht auf eine Spin-off-Serie gedacht zu sein.

Auf der Suche nach den Bruchstücken der magischen Drachenkugel kommt Raya die gewiefte Namaari (Gemma Chan) in die Quere.
© Disney
Das ohnehin schon überladene Fantasy-Actionabenteuer tut sich auch keinen Gefallen damit, seine mythologisch-historischen Versatzstücke mit zeitgenössischen komödiantischen Einlagen "anzureichern", ausgehend von Awkwafinas Casting als Sisu. Die New Yorker Schauspielerin, Komikerin und Rapperin, die vor allem für ihre urkomischen Leistungen als Charakterdarstellerin in Ocean's Eight (2018) und Crazy Rich Asians (2018) bekannt ist, spielt hier weniger eine klar definierte Rolle, als dass sie eine Leerstelle im Drehbuch mit ihrer eigenen Comedy-Persona ausfüllt – was nach ihrer grossartigen dramatischen Darbietung in Lulu Wangs wunderbarem The Farewell (2019) besonders enttäuschend ist. "I'm not the best dragon", warnt Sisu Raya bei ihrem ersten Treffen. Warum genau, bleibt weitgehend ein Rätsel – ausserhalb der Tatsache, dass Sisu, wie die meisten von Awkwafinas Film- und Bühnenfiguren, ein ungelenkes Plappermaul mit akuter Witzelsucht ist.

Es ist diese fehlgeleitete Kombination aus oberflächlich erzähltem Epos und einer familienfreundlichen Version linkischer Impro-Comedy Marke Judd Apatow (Trainwreck, The King of Staten Island), wo Sprüche über Gruppenprojekte geklopft und Meta-Kommentare über peinliche Situationen gemacht werden, an welcher der Film letzten Endes zerbricht. Raya and the Last Dragon wirkt nicht wie eine kohärente Vision, sondern wie eine Sammlung einfach zu vermarktender Einzelteile, die in einem Disney-Marktforschungslabor zu einem franchisentauglichen Monstrum zusammengepappt wurden.

★★