Thursday, 5 March 2015

American Sniper

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat.

An Clint Eastwoods neuestem Film hat sich eine hitzige politische Debatte entzündet: Rechte Kommentatoren sehen darin ein patriotisches Heldenepos, ihre linken Pendants werfen American Sniper impliziten Rassismus und eine Glorifizierung des Irakkriegs vor. Beide Lager schiessen meilenweit am Ziel vorbei.

Das Problem liegt wohl bei der Bewertung der Hauptfigur. American Sniper basiert auf der gleichnamigen Autobiografie des texanischen Navy-SEAL-Soldaten Chris Kyle, dem tödlichsten Scharfschützen der US-Militärgeschichte. Geriert sich dieser in seinem Buch als Verfechter christlich-amerikanischer Werte, der sich voller Stolz an seine über 160 "Abschüsse" erinnert und Iraker mitunter gerne als "Wilde" bezeichnet, erfährt er in Eastwoods Film – ursprünglicher Regiekandidat: Steven Spielberg – eine markante Psychologisierung, die seinen diffusen Machismo als Fassade eines gebrochenen Mannes interpretiert. An diesem Punkt scheiden sich die Geister von Politikern, politischen Kolumnisten und selbst Filmkritikern, die sich der unsinnigen Diskussion leider nur allzu bereitwillig ergeben haben. Konservative verehren Kyle als vorbildlichen Kriegshelden; für sie ist der Film ein verdientes Denkmal, das sich gegen Hollywoods linke Tendenzen durchgesetzt hat. Liberale, wenn sie nicht diese angebliche Heroisierung anprangern, nehmen Eastwood und Drehbuchautor Jason Hall die Vermenschlichung Kyles übel, den Umstand, dass American Sniper ihn nicht als rechtsextremen, waffenvernarrten Rassisten verurteilt, sondern in ihm eine letztlich tragische Figur sieht.

Man kann argumentieren, dass gewisse Szenen ein problematisch simples Kriegsbild vermitteln – besonders der wohl allzu triumphal vorgetragene Konkurrenzkampf, den sich Kyle (von Bradley Cooper mit herausragender Subtilität gespielt) mit einem irakischen Scharfschützen liefert. Doch das Drama unter einem rein politischen Gesichtspunkt lesen zu wollen, läuft allem entgegen, wofür Eastwood gerade in seiner distinguierten Regie-Karriere eingestanden ist. Chris Kyle zieht, frisch verheiratet (Sienna Miller glänzt in der Rolle seiner Ehefrau), nach dem 11. September 2001 voller Entschlossenheit, die amerikanische Freiheit an Euphrat und Tigris gegen die bösen Terroristen zu verteidigen, in George W. Bushs Nahost-Kriegssumpf – einem Einsatz, welcher damals in den USA von weiten Teilen der Bevölkerung frenetisch beklatscht wurde. Aber die klare Vorstellung von Gut und Böse, mit der dieser Krieg begonnen wurde und die tief in den Köpfen von Kyle und seinen Kameraden verankert ist, wird der weitaus komplexeren Realität eben doch nie gerecht. Von dieser Diskrepanz handelt American Sniper genauso wie The Outlaw Josey Wales, White Hunter Black Heart, Unforgiven, A Perfect World, Absolute Power, Mystic River, Flags of Our Fathers, Letters from Iwo Jima und J. Edgar – alle entstanden unter Eastwoods Regie – vor ihm.

"Man in War": Chris Kyle (Bradley Cooper) ist als Scharfschütze im Irak im Einsatz, während im heimischen Texas Frau und Kinder besorgt auf seine Heimkehr warten.
© 2014 Warner Bros. Ent.
Will man Eastwood und Hall überhaupt einen politischen Hintergedanken ankreiden, dann den, dass sie sich entschieden weigern, den Kriegsveteranen durch die ideologisch gefärbte Linse zu betrachten. Trotz grandios inszenierter Kampfsequenzen – ruhig, sachlich und erschütternd, vergleichbar mit Kathryn Bigelows Zero Dark Thirty – dreht sich der Film nicht primär um die Arbeit des "American Sniper", sondern um den Krieg, den er mit seinem eigenen Gewissen, seinen Erinnerungen an erschossene Frauen und Kinder, seiner Unfähigkeit, die Kampfzone mental zu verlassen, ausficht. Ob der reale Kyle, welcher 2013 von einem ebenfalls traumatisierten Veteranen erschossen wurde, nun ein unsympathischerer Zeitgenosse war als Coopers Verkörperung von ihm, spielt keine Rolle. Der Punkt ist, dass es nach dem entschmenschlichenden Krieg an Politik und Gesellschaft liegt, den Soldaten wieder Mensch sein zu lassen, ihm zu helfen statt ihn wahlweise zum Helden oder zum Monster zu stilisieren. Eastwood trifft einmal mehr ins Schwarze.

★★★★★☆

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