Donnerstag, 28. Februar 2013

Les Misérables

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.


Die 1980 uraufgeführte Bühnenbearbeitung von Victor Hugos historischem Epos Les Misérables gehört zu den erfolgreichsten Musicals aller Zeiten. Nun wurde das weltweite Phänomen im grossen Stil verfilmt. Herausgekommen ist ein langfädiges Edel-Singspiel.

Frankreich, 1815: Fast 20 Jahre hat Jean Valjean (der beherzte Hugh Jackman) wegen eines geringfügigen Diebstahls im Straflager verbracht. Auch nach seiner Begnadigung wird er seines Lebens nicht froh: Staat und Gesellschaft verstossen den Verurteilten. Als er eines Nachts einen gutmütigen Bischof bestiehlt, erhebt dieser keine Anklage und bewahrt ihn so vor einer erneuten Gefängnisstrafe. Inspiriert von diesem Akt der Barmherzigkeit, schwört sich Jean, fortan ein ehrliches Leben zu führen. Dieses ist ihm unter neuem Namen in einer neuen Stadt vergönnt, wo er binnen acht Jahren zum reichen Unternehmer und Bürgermeister aufsteigt. Als solcher hilft er der sterbenden Fantine (eine masslos theatralische Anne Hathaway) und adoptiert deren uneheliche Tochter Cosette. Durch das plötzliche Auftauchen seines alten Gefängniswärters Javert (Russell Crowe) sieht sich Valjean jedoch gezwungen, mit dem Mädchen nach Paris zu fliehen. 1832 sammeln sich dort die Studenten zur Junirevolte, unter ihnen der junge Marius (Eddie Redmayne), der sich in Cosette (Amanda Seyfried) verliebt.

Eines der grundlegenden Probleme des Musical-Genres ist der Einfluss, den spontane Gesangseinlagen auf den Fluss einer Geschichte ausüben. Fängt eine Figur an, opernhaft ihre Gefühle und Gedanken singend zu äussern, steht die Dramaturgie still. Entsprechend überraschend ist es, dass Les Misérables diese Schwierigkeit mühelos überwindet. Indem sich Regisseur Tom Hooper (The King's Speech) an das originale Konzept des Musicals von Alain Boublil, Claude-Michel Schönberg und Herbert Kretzmer – alle drei wirkten auch am Drehbuch mit – hält und überwiegend auf gesprochenen Dialog verzichtet, wird der Gesang zum narrativen Medium, wodurch die Handlung gar nicht erst unterbrochen werden kann.

Spiel mir das Lied vom Tod: Der Ex-Sträfling Jean Valjean (Hugh Jackman) versucht vergeblich, die arme Fantine (Anne Hathaway) zu retten.
Doch bekanntlich hat jede Medaille zwei Seiten. Während der Erzählfluss zwar davon profitiert, dass sich die Darsteller mittels – mitunter arg gestelztem – Sprechgesang austauschen, verliert die Victor Hugos Geschichte innewohnende Tragödie jegliche Geltung. Wenn Fantine im internationalen Hitsong "I Dreamed a Dream" von ihrem Elend singt, dann täuschen weder ihre schrille Alt-Stimme noch ihre prominent in Szene gesetzten Tränen über die offenkundige Künstlichkeit der Szene hinweg; die Emotion wirkt zu unecht, um wirklich zu bewegen.

An diesem Manko scheitert letztlich der ganze Film. Als nach rund der Hälfte der Laufzeit (geschlagene 158 Minuten) die Exposition endgültig abgeschlossen ist, stellt sich Langeweile ein. Die Handlung verlagert sich von Valjean und Javert auf die eher eindimensionalen Figuren Marius und Cosette; das oberflächliche Charakterdrama macht einer schleppenden Kriegsromanze Platz, in der Politisches wie Privates stets uninteressant bleibt. Einzig die opulenten Designs von Ausstattung und Kostümen vermögen in der zweiten Hälfte zu erfreuen, obgleich ihr Wert unter Danny Cohens unausgeglichener Kameraarbeit leidet. Ist die ganze Chose schliesslich zu Ende, bleibt die Erkenntnis, dass die Tragödie als Filmmusical einfach schlecht funktioniert (anders als die Oper in der Künstlichkeit der Bühnenwelt). Wie definierte doch Donald O'Connor in Singin' in the Rain einst die Aufgabe des Genres? "Make 'em laugh!".

★★

Mittwoch, 27. Februar 2013

Schweizer Kino und Kultur-Skepsis


"Hand aufs Herz! Kennen Sie die folgenden Filme? 

- Il Comandante e la cicogna
- Opération Libertad
- Rosie
- Sister 
- Verliebte Feinde
 
Nein? Dann sind Sie nicht allein. Oder kennen Sie diese Stars:

- Sibylle Brunner, Mona Petri, Sabine Timoteo? 
- Fabian Krüger und Kacey Mottet Klein?
 
Nein? Dann werden Sie sich wundern: Das sind die Nominierten für den Schweizer Filmpreis 2013. Der am 23. März in Genf vergeben wird. Wieder mal pseudointellektuelle Inzucht. So kommt der CH-Film nie aus seiner Krise."

Dieser Beitrag stammt aus der Feder von Helmut-Maria Glogger, erschienen im heutigen Blick am Abend. Es fallen bereits auf den ersten Blick mehrere Probleme ins Auge – selbst wenn vom allgemeinen Tonfall abgesehen wird: So steht etwa zu bezweifeln, dass allzu viele Leser, die Frage, ob sie L'enfant d'en haut (Sister) kennen, mit Nein beantworten werden, war doch der Film im vergangenen Jahr in aller Munde, sei es wegen des Silbernen Bären, den er erhalten hat, wegen der César-Nomination von Kacey Mottet Klein, seines Zeichens bereits ein Gewinner des Schweizer Filmpreises, oder aufgrund der Tatsache, dass der Film es bis unter die letzten neun Kandidaten für den Fremdsprachen-Oscar geschafft hat, eine Ehre, die seit 2006 und Fredi M. Murers Vitus keinem Schweizer Film mehr zuteil geworden war. Auch erscheint die Benutzung des Wortes "Stars" ein wenig fehl am Platze, wenn man sich darüber echauffiert, keinen der genannten Namen zu kennen.

L'enfant d'en haut
Nun könnte man sich fragen, warum man sich überhaupt mit einem derartigen Text näher befassen sollte. Nicht nur zeugt er von einer Armut an anderen Themen, die seinem Autor augenscheinlich zu schaffen machte; die Tatsache, dass er von Helmut-Maria Glogger verfasst wurde, dessen Populismus schon längst zur peinlichen Selbstkarikatur verkommen ist, sowie der boulevardeske Kontext, in dem er veröffentlicht wurde, scheint ihn von seriöser Analyse zu disqualifizieren.

Doch in einem Land wie der Schweiz, einem Land, in dem der Wert eines Studiums an seinem ökonomischen Nutzen gemessen wird, einem Land, in dem, so scheint es, viele Formen der Kunst und Kultur, seien sie nun "alternativer" Natur oder nicht, gegen ein tief sitzendes öffentliches Misstrauen zu kämpfen haben ("Und dafür zahlen wir Steuern!"), gibt ein Text wie dieser doch sehr zu denken. Seine Publikation, die von den Blick am Abend-Oberen abgesegnet worden sein muss, legt nahe, dass diese Meinung – wie auch die Art und Weise ihrer Äusserung –, wenn nicht mehrheits-, dann wenigstens salonfähig ist.

Opération Libertad
Das Schlüsselwort lautet dabei "pseudointellektuell", wobei die Vorsilbe im Grunde gar nicht nötig wäre. Selbst wenn Herr Glogger die für den Preis nominierten Filme – über deren Existenz er nach eigener Angabe ja offensichtlich nicht informiert war, wonach sein abgedrucktes, zehntausendfach zirkuliertes Urteil vermutlich auf einer kurzen Google-Suche basiert (was dies über die zweitgrösste Schweizer Gratiszeitung aussagt, soll hier wohlwollend ausgeklammert werden) – lediglich als "intellektuell" bezeichnet hätte, hätte dies dennoch einen pejorativen Anklang gehabt. Intellektuell, ob mit oder ohne griechisches Präfix, das ist, wie man es seinen Blick am Abend-Exkursen jeweils entnehmen kann, gleichbedeutend mit elitär, akademisch, mit ideologischem Subtext aufgeladen, wenig gesehen, nicht unterhaltsam, im Zweifel links ("Unterhaltung raus, SP-Politik rein", war sein Verdikt während der Kontroverse um den ersten Luzerner Tatort) – verwandt mit dem von Roger Köppel einst eingehend beschriebenen "Scheissfilm". Es ist spürbar, dass sich Herr Glogger seiner Sache sicher ist und der Meinung ist, mit seinen Stammtisch-Parolen dem Gros seiner Leser aus dem Herzen zu sprechen. Ob dies nun zutrifft oder nicht, Tatsache ist, dass sein Vertrauen in die oben angesprochene Schweizer Kultur-Skepsis bedenklich gross ist.

In einem Punkt liegt die Kolumne allerdings vollkommen richtig: Das Schweizer Kino ist in einer Krise. Die grossen Zeiten von ernsthaften Künstlern wie Franz Schnyder, Leopold Lindtberg, Michel Soutter, Kurt Gloor, Alain Tanner oder Claude Goretta sind längst vorbei, die erfolgreicheren Produktionen der letzten Jahre (Grounding, Mein Name ist Eugen, Die Herbstzeitlosen, Giochi d'estate) können bestenfalls leidlich überzeugen und selbst die qualitativ hochstehenderen Erzeugnisse der Industrie (Sternenberg, Happy New Year, Stationspiraten) werden ausnahmslos durch überbeanspruchte cineastische Helvetismen getrübt. Dass sich der Geschmack der breiten Masse in Richtung der "dokumentarischen" Darstellung einer schamlos romantisierten Schweiz bewegt (Die Kinder vom Napf, Alpsegen), verbessert die Situation beileibe nicht.

Verliebte Feinde
Die Kritiker dieses neuen Schweizer Kinos, die im vergangenen Jahr Filme wie Nachtlärm oder Das Missen Massaker – das neueste Werk des gerne als grosse Hoffnung für die nahe Zukunft bezeichneten Michael Steiner – erleiden mussten, werden angesichts der Nominationen für den Schweizer Filmpreis aufatmen: Verliebte Feinde behandelt am Beispiel der Iris von Roten den in den Fünfzigerjahren aufkeimenden Feminismus; Opération Libertad spinnt ein Stück Schweizer Zeitgeschichte weiter; L'enfant d'en haut erzählt in der Tradition von Chabrol, Truffaut und Murer von den sozialen Ungleichheiten im modernen Europa – um nur drei der fünf Filme zu nennen. Intellektuell? Ja – und zwar im Sinne von intelligent, durchdacht und würdevoll.

Doch während wohl die meisten Kritiker den Stil einer Ursula Meier als grösste Zukunftshoffnung des nationalen Filmschaffens betrachten, glaubt Glogger, gerade darin dessen endgültigen Untergang zu erkennen. Der beschränkte Platz seiner Plattform erlaubt es ihm aber nicht, näher auf den von ihm gewünschten Gegenentwurf einzugehen, wobei bezweifelt werden darf, dass er einen solchen zur Hand hat. Und auch hier zeigt sich die traurige Salonfähigkeit der Schweizer Kultur-Skepsis (auch Antiintellektualismus würde passen): Sich mit einer Sache zu befassen, ist keine Voraussetzung dafür, gegen sie zu Felde zu ziehen und sie als "pseudointellektuelle Inzucht" zu diffamieren. Nachdenklich sollte einen dies schon stimmen.

Montag, 25. Februar 2013

Oscars 2013


Bester Film: Argo
Beste Regie: Ang Lee – Life of Pi
Bester Hauptdarsteller: Daniel Day-Lewis – Lincoln
Beste Hauptdarstellerin: Jennifer Lawrence – Silver Linings Playbook
Bester Nebendarsteller: Christoph Waltz – Django Unchained
Beste Nebendarstellerin: Anne Hathaway – Les Misérables
Bestes Originaldrehbuch: Quentin Tarantino – Django Unchained
Bestes adaptiertes Drehbuch: Chris Terrio – Argo
Bester fremdsprachiger Film: Amour (Österreich)
Bester Animationsfilm: Brave
Beste Dokumentation: Searching for Sugar Man
Beste Kamera: Claudio Miranda – Life of Pi
Beste Ausstattung: Lincoln
Beste Kostüme: Anna Karenina
Bestes Makeup: Les Misérables
Bester Schnitt: Argo
Beste Effekte: Life of Pi
Beste Filmmusik: Mychael Danna – Life of Pi
Bester Song: "Skyfall" (Adele, Paul Epworth) – Skyfall
Bester Ton: Les Misérables
Bester Tonschnitt: Skyfall und Zero Dark Thirty
Bester Kurzfilm: Curfew
Bester animierter Kurzfilm: Paperman
Beste Kurzdokumentation: Inocente

Sonntag, 24. Februar 2013

Oscars 2013: Die Prognosen


Zum 85. Mal werden heute in Los Angeles die Academy Awards verliehen. Und wie immer besteht die Freude an "Hollywood's Big Night" nicht ausschliesslich darin, stumm die Entscheidungen der AMPAS entgegen zu nehmen; das Prognostizieren der einzelnen Kategorien gehört ebenso zur schönen Oscar-Tradition des Filmkritikers.

Best Picture
  • Amour
  • Argo
  • Beasts of the Southern Wild
  • Django Unchained
  • Life of Pi
  • Lincoln
  • Les Misérables
  • Silver Linings Playbook
  • Zero Dark Thirty

Prognose: Argo
Alternative: Lincoln
Präferenz: 1. Amour, 2. Zero Dark Thirty, 3. Argo, 4. Life of Pi, 5. Lincoln, 6. Silver Linings Playbook, 7. Beasts of the Southern Wild, 8. Django Unchained, 9. Les Misérables

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Best Director
  • Michael Haneke – Amour
  • Ang Lee – Life of Pi
  • David O. Russell – Silver Linings Playbook
  • Steven Spielberg – Lincoln
  • Benh Zeitlin – Beasts of the Southern Wild

Prognose: Steven Spielberg
Alternative: Ang Lee
Präferenz: 1. Michael Haneke, 2. David O. Russell, 3. Ang Lee, 4. Steven Spielberg, 5. Benh Zeitlin

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Best Actor in a Leading Role
  • Bradley Cooper – Silver Linings Playbook
  • Daniel Day-Lewis – Lincoln
  • Hugh Jackman – Les Misérables
  • Joaquin Phoenix – The Master
  • Denzel Washington – Flight

Prognose: Daniel Day-Lewis
Alternative: Hugh Jackman
Präferenz: 1. Daniel Day-Lewis, 2. Bradley Cooper, 3. Denzel Washington, 4. Hugh Jackman, 5. Joaquin Phoenix

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Best Actress in a Leading Role
  • Jessica Chastain – Zero Dark Thirty
  • Jennifer Lawrence – Silver Linings Playbook
  • Emmanuelle Riva – Amour
  • Quvenzhané Wallis – Beasts of the Southern Wild
  • Naomi Watts – The Impossible

Prognose: Jennifer Lawrence
Alternative: Emmanuelle Riva
Präferenz: 1. Emmanuelle Riva, 2. Jennifer Lawrence, 3. Quvenzhané Wallis, 4. Jessica Chastain, N/A: Naomi Watts

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Best Actor in a Supporting Role
  • Alan Arkin – Argo
  • Robert De Niro – Silver Linings Playbook
  • Philip Seymour Hoffman – The Master
  • Tommy Lee Jones – Lincoln
  • Christoph Waltz – Django Unchained

Prognose: Tommy Lee Jones
Alternative: Christoph Waltz
Präferenz: 1. Robert De Niro, 2. Tommy Lee Jones, 3. Christoph Waltz, 4. Alan Arkin, 5. Philip Seymour Hoffman

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Best Actress in a Supporting Role
  • Amy Adams – The Master
  • Sally Field – Lincoln
  • Anne Hathaway – Les Misérables
  • Helen Hunt – The Sessions
  • Jacki Weaver – Silver Linings Playbook

Prognose: Anne Hathaway
Alternative: Sally Field
Präferenz: 1. Jacki Weaver, 2. Helen Hunt, 3. Amy Adams, 4. Sally Field, 5. Anne Hathaway

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Best Original Screenplay
  • Wes Anderson, Roman Coppola – Moonrise Kingdom
  • Mark Boal – Zero Dark Thirty
  • John Gatins – Flight
  • Michael Haneke – Amour
  • Quentin Tarantino – Django Unchained

Prognose: Quentin Tarantino
Alternative: Michael Haneke
Präferenz: 1. Michael Haneke, 2. Wes Anderson, Roman Coppola, 3. Mark Boal, 4. Quentin Tarantino, 5. John Gatins

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Best Adapted Screenplay
  • Lucy Alibar, Benh Zeitlin – Beasts of the Southern Wild
  • Tony Kushner – Lincoln
  • David Magee – Life of Pi
  • David O. Russell – Silver Linings Playbook
  • Chris Terrio – Argo

Prognose: Chris Terrio
Alternative: Tony Kushner
Präferenz: 1. David O. Russell, 2. Chris Terrio, 3. David Magee, 4. Tony Kushner, 5. Lucy Alibar, Benh Zeitlin

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Best Foreign Language Film
  • Amour (Österreich)
  • Kon-Tiki (Norwegen)
  • No (Chile)
  • A Royal Affair (Dänemark)
  • War Witch (Kanada) 

Prognose: Amour
Alternative: Kon-Tiki
Präferenz: Amour

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Best Animated Feature Film
  • Brave
  • Frankenweenie
  • ParaNorman
  • The Pirates! In an Adventure with Scientists
  • Wreck-It Ralph

Prognose: Wreck-It Ralph
Alternative: Frankenweenie
Präferenz: N/A

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Best Documentary Feature
  • 5 Broken Cameras
  • The Gatekeepers
  • How to Survive a Plague
  • The Invisible War
  • Searching for Sugar Man

Prognose: Searching for Sugar Man
Alternative: The Invisible War
Präferenz: N/A

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Best Cinematography
  • Roger Deakins – Skyfall
  • Janusz Kamiński Lincoln
  • Seamus McGarvey – Anna Karenina
  • Claudio Miranda – Life of Pi
  • Robert Richardson – Django Unchained

Prognose: Roger Deakins
Alternative: Claudio Miranda
Präferenz: 1. Claudio Miranda, 2. Janusz Kamiński, 3. Roger Deakins, 4. Robert Richardson, N/A: Seamus McGarvey

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Best Production Design
  • Anna Karenina
  • The Hobbit: An Unexpected Journey
  • Life of Pi
  • Lincoln
  • Les Misérables

Prognose: Life of Pi
Alternative: Lincoln
Präferenz: 1. Life of Pi, 2. Lincoln, 3. Les Misérables, 4. The Hobbit: An Unexpected Journey, N/A: Anna Karenina

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Best Costume Design
  • Anna Karenina
  • Lincoln
  • Mirror Mirror
  • Les Misérables
  • Snow White and the Huntsman

Prognose: Anna Karenina
Alternative: Les Misérables
Präferenz: Lincoln

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Best Makeup and Hairstyling
  • Hitchcock
  • The Hobbit: An Unexpected Journey
  • Les Misérables

Prognose: Les Misérables
Alternative: The Hobbit: An Unexpected Journey
Präferenz: The Hobbit: An Unexpected Journey

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Best Editing
  • Argo – William Goldenberg
  • Life of Pi – Tim Squyres
  • Lincoln – Michael Kahn
  • Silver Linings Playbook – Jay Cassidy, Crispin Struthers
  • Zero Dark Thirty – Dylan Tichenor, William Goldenberg

Prognose: Argo
Alternative: Zero Dark Thirty
Präferenz: 1. Silver Linings Playbook, 2. Zero Dark Thirty, 3. Argo, 4. Life of Pi, 5. Lincoln

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Best Visual Effects
  • The Avengers
  • The Hobbit: An Unexpected Journey
  • Life of Pi
  • Prometheus
  • Snow White and the Huntsman

Prognose: Life of Pi
Alternative: The Avengers
Präferenz: 1. Life of Pi, 2. The Avengers, 3. Prometheus, 4. The Hobbit: An Unexpected Journey, N/A: Snow White and the Huntsman

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Best Original Score
  • Mychael Danna – Life of Pi
  • Alexandre Desplat – Argo
  • Dario Marianelli – Anna Karenina
  • Thomas Newman – Skyfall
  • John Williams – Lincoln

Prognose: Mychael Danna
Alternative: John Williams
Präferenz: 1. Mychael Danna, 2. John Williams, 3. Alexandre Desplat, 4. Thomas Newman, N/A: Dario Marianelli

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Best Original Song
  • Chasing Ice – "Before My Time" (J. Ralph)
  • Life of Pi – "Pi's Lullaby" (Mychael Danna, Bombay Jayashri)
  • Les Misérables – "Suddenly" (Claude-Michel Schönberg, Alain Boublil, Herbert Kretzmer)
  • Skyfall – "Skyfall" (Adele, Paul Epworth)
  • Ted – "Everybody Needs a Best Friend" (Walter Murphy, Seth MacFarlane)

Prognose: "Skyfall"
Alternative: "Pi's Lullaby"
Präferenz: "Skyfall"

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Best Sound Mixing
  • Argo
  • Life of Pi
  • Lincoln
  • Les Misérables
  • Skyfall

Prognose: Les Misérables
Alternative: Skyfall
Präferenz: Life of Pi

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Best Sound Editing
  • Argo
  • Django Unchained
  • Life of Pi
  • Skyfall
  • Zero Dark Thirty

Prognose: Life of Pi
Alternative: Skyfall
Präferenz: Zero Dark Thirty

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Best Short Film, Live Action
  • Asad
  • Buzkashi Boys
  • Curfew
  • Death of a Shadow
  • Henry

Prognose: Curfew
Alternative: Asad
Präferenz: N/A

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Best Short Film, Animated
  • Adam and Dog
  • Fresh Guacamole
  • Head Over Heels
  • Maggie Simpson in "The Longest Daycare"
  • Paperman

Prognose: Paperman
Alternative: Adam and Dog
Präferenz: Maggie Simpson in "The Longest Daycare"

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Best Documentary, Short Subject
  • Inocente
  • Kings Point
  • Mondays at Racine
  • Open Heart
  • Redemption

Prognose: Inocente
Alternative: Mondays at Racine
Präferenz: N/A

Donnerstag, 21. Februar 2013

The Master

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Sprechen Kritiker von Paul Thomas Anderson, schreiben sie ihm gerne die Rolle des grossen amerikanischen Autoren zu, des cineastischen Erben von Twain, Fitzgerald und Faulkner. The Master, der neue Film des Regisseurs, zeigt einmal mehr, dass in diesen Vergleichen prätentiöses Auteurkino mit grosser Kunst verwechselt wird.

USA, 1950: Der psychisch labile Weltkriegsveteran Freddie Quell (Joaquin Phoenix) versucht vergebens, sein Leben in geregelte Bahnen zu lenken. Ziellos irrt er durchs Land, wobei ihm seine Wutausbrüche und Alkohol-Eskapaden Stelle um Stelle kosten. Eines Abends findet er sich auf der Jacht des charismatischen Autoren Lancaster Dodd (Philip Seymour Hoffman) wieder, der ihn zu einer Schifffahrt von San Francisco nach New York einlädt. Dodd führt zusammen mit seiner Frau Peggy (Amy Adams) die esoterische Gruppierung "The Cause", deren Mitglieder in Gesprächstherapien vergangene Leben aufarbeiten und sich dadurch angeblich von Traumata befreien. Freddie ist fasziniert von Dodd, genannt "Master", der wiederum Gefallen am rast- und ruhelosen Herumtreiber findet und ihn unter seine Fittiche nimmt.

Der 2012 verstorbene Filmkritiker Andrew Sarris prägte in seinem grossen Werk The American Cinema, einer Evaluierung der Regisseure, die das US-Kino mitgestaltet haben, den Begriff "Strained Seriousness". Dieser, so Sarris, umschreibe "talentierte, aber unstete Regisseure, die der Todsünde der Anmassung verfallen sind". Ihre Filme seien "ambitioniert", würden aber ihre Grösse nicht durch wahres Wachstum, sondern durch künstliches Aufblähen erreichen. Auf kaum einen zeitgenössischen Regisseur passt diese Beschreibung besser als auf Paul Thomas Anderson. Während Werke wie Boogie Nights oder Magnolia dank eines reichen Fundus an illustren, manchmal sogar sympathischen Figuren überzeugen konnten, fallierte There Will Be Blood wegen seiner Gefühlskälte und der hemmungslos chargierenden Darsteller (vorab Daniel Day-Lewis und Paul Dano). The Master scheitert aus nämlichen Gründen.

Auch hier verfolgt Anderson seinen Stil, die Narration nach der Hälfte der Laufzeit mehr oder minder enden zu lassen und seine Figuren im von ihm geschaffenen Handlungsrahmen treiben und miteinander interagieren zu lassen. Dass dies funktionieren kann, hat die Filmgeschichte zur Genüge bewiesen; doch The Master fehlen die emotionale Zugkraft und die Dringlichkeit des Themas, welches die Biografien John Steinbecks, Jason Robards' und des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard in sich vereint. Der Film ist ein schwergewichtiges, statisches Monstrum, in dem sich bedeutungsschwangere Bilder und Szenen scheinbar willkürlich mit alltäglichen Belanglosigkeiten abwechseln.

Meister und Jünger: Freddie Quell (Joaquin Phoenix, rechts) findet Halt in der esoterischen Sekte von Lancaster Dodd (Philip Seymour Hoffman).
Getragen wird das Ganze von zwei höchst unterschiedlichen Darbietungen, deren schiere Wucht die ohnehin schon skizzenhaften Nebenfiguren endgültig zur Staffage degradieren. Auf der einen Seite steht der hervorragende Philip Seymour Hoffman, stets eine dominante Leinwandpräsenz, der das zwielichtige Enigma des Lancaster Dodd punktgenau interpretiert. Ihm gegenüber agiert Joaquin Phoenix, dessen Manierismen ein Paradebeispiel für die berüchtigten Auswüchse der Schauspielmethode nach Stanislavski und Strasberg sind: Phoenix schreit, lallt und verzieht sein Gesicht im Glauben, so die Figur Freddie Quell konturenreicher darstellen zu können. Tatsächlich aber wirkt dieses frenetische Gebärdenspiel bestenfalls aufgesetzt, mitunter geradezu lachhaft.

Die wahre Tragödie dieses mängelbehafteten cineastischen Kunsthandwerks besteht darin, dass es den reichen Subtext von The Master überschattet. So wie Terrence Malick in seinen Epen den Weg der Natur dem der Gnade gegenüberstellt, so prallen hier zwei Menschenbilder aufeinander. Der wilde, unberechenbare Freddie vertritt jene animalische Seite des Menschen, welche "The Cause" auszurotten versucht. Der Scharlatan Dodd hingegen brüstet sich damit, in höheren Sphären zu schweben. Freddies triebgesteuerter Lebensentwurf bewegt sich demnach näher an der Wirklichkeit als Lancasters religionsorientierter, der leblosen Objekten eine grössere Bedeutung andichtet – auch der Meister ist nur ein Sklave. Frei ist, wer sich darauf einlässt. Kein Zweifel, The Master hat etwas zu sagen, doch Paul Thomas Andersons Prätention hindert ihn daran, sein Potential zu erfüllen.

★★

Sonntag, 17. Februar 2013

Post Tenebras Lux

Der Mexikaner Carlos Reygadas gehört zu den populärsten Vertretern des radikal kontemplativen und assoziativen Weltkinos. Seine Filme experimentieren mit gesellschaftlichen Tabus, Sehgewohnheiten, mitunter auch den Grenzen des guten Geschmacks. Post Tenebras Lux, sein erster Film seit 2007, ein enigmatisches, minimalistisches Impressionismus-Kunstwerk, überspannt den Bogen.

Juan (Adolfo Jiménez Castro) und Natalia (Nathalia Acevedo) leben mit ihren gemeinsamen Kindern Rut (Rut Reygadas) und Eleazar (Eleazar Reygadas) auf einem wohnlichen Anwesen in den mexikanischen Wäldern. Doch das Ehepaar hat seit geraumer Zeit mit Problemen zu kämpfen: Während er sich Abend für Abend Pornografie aus dem Internet herunterlädt, hat sie die Lust am Sex verloren. Auch ein Besuch in einem belgischen Swingerclub erweist sich als wenig hilfreich. Derweil wird der Faulpelz Seven (Willebaldo Torres) beauftragt, einen grossen Baum zu fällen, da der angeblich den Boden verseucht, indem er mit dem ihm umgebenden Geäst intime Beziehungen unterhält. Um sein langweiliges Leben etwas aufregender zu gestalten, beschliesst Seven, das Haus von Juan und Natalia auszuräumen.

Bestünde Post Tenebras Lux nur aus seinen ersten beiden Sequenzen, dann wäre Carlos Reygadas' Nachfolgewerk zum plautdietschen Drama Silent Light (Original: Stellet Lijcht) ein Meisterwerk surrealer Auteur-Vision. Der Film beginnt mit der kleinen Rut Reygadas, die, umgeben von Hunden, Kühen und Eseln, in der Abenddämmerung über ein weitläufiges Feld in der mexikanischen Pampa rennt. Am Horizont sammeln sich Wolken, das Mädchen ruft nach seiner Familie, während sich Alexis Zabés Kamera, ähnlich derjenigen Emmanuel Lubezkis (The Tree of Life), scheinbar schwerelos durch das Geschehen bewegt und die auch im weiteren Verlauf benutzte, den Bildrand verzerrende Doppellinse Menschen und Gegenstände kubistisch verdoppelt. In diesen ersten zehn Minuten entwirft Reygadas eine rohe, archaische Welt, die, von Kinderaugen betrachtet, eine entrückte, poetische Dimension erhält.

Als anschliessend der Sturm losbricht und nur noch Blitze die Finsternis erhellen, wird der Filmtitel Wort für Wort eingeblendet – "Post tenebras lux" bedeutet "Licht nach der Dunkelheit" – und der Zuschauer findet sich in einer abgedunkelten Wohnung wieder, die plötzlich von Licht erfüllt wird: Eine schemenhafte, neonrot leuchtende Teufelsgestalt, komplett mit Ziegenkopf und -beinen, tritt durch die Tür, einen Werkzeugkasten in der Hand. Es ist eine Szene, die sich jeglicher rationalen Erklärung entzieht und damit zur freien Assoziation einlädt. Der CGI-Beelzebub ist dermassen grotesk, dass es fast unmöglich ist, davon nicht fasziniert zu sein. In bester surrealistischer Tradition fordert Reygadas sein Publikum mit einem Bild heraus, das es in dieser Form noch nie zu Gesicht bekommen hat. Vage erinnert die Figur in ihren linkischen Bewegungen an den Auftritt des Affenmenschen Boonsong (Jeerasak Kulhong) im thailändischen Film Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives.

Im Swingerclub versucht Natalia (Nathalia Acevedo), die Freude am Sex wieder zu finden.
Solche Momente, in denen Reygadas sich auf das bizarre Genie eines Apichatpong Weerasethakul oder die Tradition des "Dritten Kinos" nach Glauber Rocha (Antônio das Mortes) beruft, sind es, die aus Post Tenebras Lux herausstechen. Vereinzelte Einstellungen und Kompositionen sind komplexe kleine Kunstwerke; andere provozieren und attackieren die Sinne. Insgesamt aber greifen diese Elemente nicht ineinander. Handlung und Subtext schweben frei im Raum, ohne greifbare Bezugspunkte. Der philosophische Kern des Films bleibt ebenso nebulös wie die Konflikte der Protagonisten. Sind die ersten zehn Minuten noch Ausdruck künstlerischer Vision, dann führt das, was folgt, zum Tod derselben.

Reygadas klammert sich an Strohhalme, die weder die Emotionen noch den Intellekt zu befriedigen vermögen: Mal scheint er die menschliche Obsession mit der Selbstfindung zu thematisieren; mal erforscht er die Omnipräsenz des Sexuellen; dann wieder kehrt er zum Ursprung zurück und zeigt die Welt vom Standpunkt eines Kindes aus. Die wohl greifbarste Idee inmitten dieser Ansammlung von abstrakten Ansätzen ist in einer Verschaltung zweier Szenen zu finden und handelt sprechenderweise von der Natur der narrativen Geschichte: Während Rut nach einem Gutenacht-Märchen verlangt, in dem Planeten eine Rolle spielen, erheitert Eleazar seinen Vater mit einer Nacherzählung eines Spider-Man-Abenteuers. Reygadas rechtfertigt demnach seinen losen Plot mit einem Verweis darauf, dass eine klassische Geschichte eine kindliche Angelegenheit ist.

Kunst in der Natur: die nebelverhangenen Wälder Mexikos.
Zwar ist die Tatsache, dass sich Surrealismus durch keine kritische Annäherung ausser einer psychoanalytischen erklären lässt, spätestens seit Un chien andalou, dem Kurzfilm-Meisterwerk von Luis Buñuel und Salvador Dalí, unbestritten. Doch die Weigerung des Films, etwas fundamental Substantielles von sich zu geben, liesse sich leichter verschmerzen, wenn er sich auf seine wenigen interessanten Punkte beschränken würde. Leider aber enthält Post Tenebras Lux auch bedeutungsschwangere Szenen sowie Sequenzen und Abschweifungen von nachgerade beleidigender Banalität – Füllmaterial scheint das passende Wort zu sein. Wenn der Film etwa Tolstoy, Dostoyevsky und Chekhov zitiert, dann emuliert er allenfalls deren Gravitas, nicht aber deren Gehalt.

Kunst kann vieles sein. Sie kann verstören, provozieren, amüsieren, bewegen, anregen. Post Tenebras Lux hätte das Potential, all dies in sich zu vereinen, wenn sein Regisseur nicht an den Glauben gekettet wäre, er müsse sein Publikum frustrieren, indem er legitime philosophische Ansätze in einem inerten Film ertränkt, der jede Reflexion über das Gesehene in einer Sackgasse enden lässt. Wie passend, dass die ganze Farce mit einem Mann ihr Ende findet, der sich seinen eigenen Kopf abreisst. Besser hätte Reygadas den Effekt seines Films nicht antizipieren können.

★★