Donnerstag, 31. Oktober 2013

Elle s'en va

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat.

Ein Höhenflug des französischen Kinos ist der Emmanuelle Bercot mit ihrem dritten Film, der ziemlich holprigen Wohlfühl-Dramödie Elle s'en va, wahrlich nicht gelungen. Dass das Roadmovie aber dennoch in positiver Erinnerung bleibt, ist Hauptdarstellerin Catherine Deneuve zu verdanken.

Deneuve übernimmt hier die Rolle der Restaurantbesitzerin und ehemaligen Miss Bretagne Bettie, die sich von ihrem eigenen Leben überfordert fühlt. Sie ist unglücklich verliebt; ihrem Gasthaus droht die Insolvenz; mit ihrer Tochter (Camille Dalmais) hat sie sich überworfen; ihre Mutter (Claude Gensac, bekannt aus vielen Louis-de-Funès-Vehikeln) hört nicht auf, sich in ihre Angelegenheiten einzumischen. Eines Tages reisst Bettie der Geduldsfaden: Sie setzt sich ins Auto und fährt davon – mit unbestimmtem Ziel.

Die Geschichte, die Bercot und ihr Co-Autor Jérôme Tonnerre aus dieser Prämisse gewinnen, besteht, in bester Roadmovie-Manier, aus kleineren und grösseren Episoden, welche schlussendlich alle zur unausweichlichen Selbstfindung der Hauptfigur beitragen. "Das Leben geht weiter" lautet die optimistische Moral, welche am Ende von Betties Reise steht, nachdem sie, unter anderem, einem gut 30 Jahre jüngeren Mann verfallen ist, an einem Fototermin für Ex-Schönheitsköniginnen teilgenommen hat sowie ihren überdrehten Enkel Charly (Nemo Schiffman) quer durch Frankreich chauffiert hat.

Manche dieser Vignetten sind amüsant, andere melancholisch, wieder andere sind, primär dank Catherine Deneuves nuancierter Performance, unerwartet emotional. Doch sie vermögen nicht harmonisch ineinander zu greifen; zu lose sind die Impressionen von Betties Odyssee miteinander verbunden, zu abrupt die zahlreichen Wechsel im Tonfall. Bercots und Tonnerres fahriges Drehbuch verzichtet überwiegend auf erzählerische Stringenz und begnügt sich damit, dramaturgisch isolierte Szenen aneinander zu reihen.

Gemeinsam ist man weniger allein: Bettie (Catherine Deneuve) fährt mit ihrem Enkel (Nemo Schiffman) quer durch Frankreich.
© Xenix Filmdistribution
Dass dabei auch die Figurenzeichnung zu kurz kommt, überrascht nicht. Während eine Mehrheit der Nebenfiguren irritierend eindimensional gehalten ist, scheitert das Porträt der Beziehung zwischen Oma Bettie und Enkel Charly vor allem an der erratischen Charakterisierung des 11-jährigen Jungen, welcher im einen Moment altklug-pubertäre Sprüche von sich gibt, nur um im nächsten wie ein sechsjähriger Grundschüler Nonsens-Liedchen zu trällern. Der Grund dafür, dass der Versuch, sich Bettie zu nähern, hingegen zumindest stellenweise von Erfolg gekrönt ist, ist wiederum eher bei Deneuve als beim Duo Bercot/Tonnerre zu suchen: Das Schauspiel der "unnahbaren Blonden" – der Rolle, die sie in Filmen wie Repulsion oder Belle de Jour verkörpert hat – erkundet charakterliche Tiefen, die dem Skript wie auch den unablässigen Nahaufnahmen von Kameramann Guillaume Schiffman (The Artist) stets verborgen bleiben.

Man ist versucht, sich vorzustellen, wie Elle s'en va in den Händen erfahrenerer Filmemacher zu einer ernst zu nehmenden Tragikomödie hätte werden können, wie ein Jean Becker (Dialogue avec mon jardinier), eine Noémie Lvovsky (Faut que ça danse!) oder – würde er noch leben – ein Claude Berri (Ensemble, c'est tout) den Stoff mit ihren unverwechselbaren Stilen bearbeitet hätten. So aber bleibt Emmanuelle Bercots Film eine lediglich passable Angelegenheit, die jedoch, bei all ihre Defiziten, veredelt wird durch die sublime Präsenz der Catherine Deneuve.

★★★

Mittwoch, 30. Oktober 2013

About Time

Dass Zeitreisen der Dreh- und Angelpunkt von Richard Curtis' erster Liebeskomödie seit einem Jahrzehnt sind, entbehrt, auch angesichts seines verunglückten nostalgischen Ausflugs in die wilden Sechzigerjahre in The Boat That Rocked (2009), nicht einer gewissen Ironie, besteht sein angestammtes Territorium doch aus den romantischen Verwicklungen der zeitgenössischen gehobenen englischen Mittelklasse.

Seine einschlägigen Werke – der weihnächtliche Ensemble-Film Love Actually sowie die Drehbücher zu Four Weddings and a Funeral und Notting Hill – verliehen Curtis den Ruf, ein Meister seines Genres zu sein, welcher das Kunststück vollbracht hat, trockenen britischen Humor mit ungehemmter Emotionalität zu verheiraten. Zwar ist ein Grossteil seines Schaffens eher unvorteilhaft gealtert, doch ein Publikum hat er mit seiner bieder-braven Art, welche einzig in den sozialrealistisch angehauchten Passagen von Notting Hill je gebrochen wurde, noch immer gefunden.

Dies wird sich auch mit About Time nicht ändern, wobei sich das "Schüchterner junger Mann trifft charmante Frau seines Lebens"-Narrativ inzwischen etwas zu bekannt anfühlt – trotz der übernatürlichen Variabel. Der schüchterne junge Mann der Gleichung ist hier der 21-jährige Tim Lake (Domhnall Gleeson), dessen Vater (Bill Nighy) ihn in ein Geheimnis einweiht: Alle Männer der Familie Lake können rückwärts durch die Zeit reisen, wenngleich auch nur innerhalb ihres eigenen Lebens ("You can't kill Hitler or shag Helen of Troy, unfortunately"). Diese Fähigkeit nutzt der durchschnittliche Tim ("too tall, too skinny, too orange") dazu, die hübsche Amerikanerin Mary (Rachel McAdams) zu bezirzen.

Was man dem Film zugute halten kann, ist, dass er es nicht, wie so viele andere Romanzen, dabei belässt, Tim um die Gunst von Mary kämpfen zu lassen und nach ihrer Vermählung den Vorhang fallen zu lassen. Vielmehr folgt Curtis' Erzählung einer anekdotischen, chronologisch lose definierten Struktur, wie sie in der britischen Tragikomödie etwa von Mike Leigh gerne verwendet wird. Kaum ein Drittel der Laufzeit ist Tims Werben um Mary gewidmet; Hochzeit, Schwangerschaft und familiäre Tragödien (mit obligater Beerdigung) werden ebenso schnell wie abrupt in den Plot eingewoben.

Dabei kommt Tims Fähigkeit, peinliche Momente rückgängig zu machen und unliebsame Szenarien fast nach Belieben manipulieren zu können, primär die Rolle einer moralisierenden Instanz zu. Hie und da mögen sich spannende Auseinandersetzungen mit der Macht von Zufall und Timing über Entscheidungen und Einstellungen andeuten, doch nach und nach weichen diese den altbekannten Predigten über genügsames, bewusstes Leben. Der Vergleich mit Groundhog Day liegt nicht weit. Da Tim jedoch, anders als Bill Murray in Harold Ramis' Genre-Meilenstein, frei über die Wiederholung von Erlebnissen entscheiden kann, ist der Kniff hier dramatisch weitaus weniger überzeugend. Neben zahlreichen Verstössen gegen die klar etablierte Zeitreise-Logik scheint About Time mit seinen diversen Déjà vus mitunter auch ein wenig an Ort zu treten.

"You're a time traveller, Tim": Tim Lake (Domhnall Gleeson) erfährt von seinem Vater (Bill Nighy), dass er in die Vergangenheit reisen kann.
© Universal Pictures
Von diesem nur sporadisch funktionierenden, der Science-Fiction entlehnten Topos abgesehen, bewegt sich Curtis jedoch eindeutig auf vertrautem Boden. About Time spielt in einer simplen, typisch Curtis'schen Welt, deren Akteure luxuriöse Villen in einem arkadischen Anglo-Griechenland – so jedenfalls wird dem Zuschauer Cornwall präsentiert – oder schicke Appartements im unnatürlich sauberen London bewohnen, wo Geldnot ein Fremdwort ist, Beziehungskrisen sich auf halb lächelnd geführte Dispute beschränken und sich beinahe alles auf abgedroschene Montage-Sequenzen reduzieren lässt, begleitet von verträumt-überschwänglichen Pop-Balladen, von denen einzig Ron Sexsmiths wundervolles "Gold in Them Hills" nachzuhallen vermag. Liebenswert-verschrobene Figuren dominieren wie gewohnt das Geschehen – vom vergesslichen, inhaltlich irrelevanten Onkel Desmond (Richard Cordery) bis zum raubeinig-charmanten Theaterautor Harry (Tom Hollander).

Und obwohl Curtis seine Geschichte auf nie und nimmer zu rechtfertigende 123 Minuten streckt, bleibt die zentrale Beziehung zwischen Tim und Mary sträflich unterentwickelt. Trotz des ideal besetzten Domhnall Gleeson und einer sympathischen Darbietung von Rachel McAdams bleibt die Paarung zu plump, um ihre volle Wirkung zu entfalten, auch weil sich Curtis allzu oft damit begnügt, Mary als stereotype Traumfrau-Schablone zu inszenieren – schüchtern, humorvoll, von der eigenen Schönheit nicht überzeugt –, Zeitlupe und goldene Beleuchtung inklusive, sowie Tims Annäherungsversuche auf unbeholfene Cringe-Comedy zu reduzieren. Tatsächlich ist das wahre emotionale Zentrum des Films eher in der Vater-Sohn-Dynamik zwischen Gleeson und Bill Nighy zu finden, deren gemeinsame Szenen echt anzurühren vermögen.

Mit subtilem Einsatz seiner Zeitreise-Fähigkeit gelingt es Tim, das Herz der Amerikanerin Mary (Rachel McAdams) zu erobern.
© Universal Pictures
Getrübt wird das grundsätzlich gefällige Seherlebnis letztlich aber durch die verdriessliche Normativität, welche About Time hinter seiner fidelen Formelhaftigkeit verbirgt. Zwar ist auch dies in Curtis' Werk keine Neuheit, doch noch selten hat der Autor und Regisseur Anpassung und Konventionalität dermassen explizit als Tugenden dargestellt. Nicht nur ist Heirat für ihn noch immer die Apotheose wahrer Liebe; diesmal geht er gar mit missionarischem Eifer gegen Andersdenkende vor. "Nothing prepares you for the indifference of friends who don't have children", sinniert Tim via Voiceover nach der Geburt seiner ersten Tochter; die Entscheidung der Kinderlosigkeit wird als lachhafte Naivität abgetan.

Ihren Höhepunkt erreicht Curtis' zweifelhafte Liebeserklärung an die Norm jedoch in Form von Tims jüngerer Schwester Kit Kat (Lydia Wilson), eine enthusiastische Exzentrikerin, von Tim als "my favourite person in the whole world" eingeführt, eine Idealistin mit einer Vorliebe für violette Pullover und nackte Füsse. Um soziale Rituale und Protokolle kümmert sie sich nicht. Mit ihr kennt Curtis keine Gnade: Zunächst dichtet er ihr eine Depression an, gefolgt von exzessivem Alkoholkonsum; ihr Unbehagen London gegenüber wird als nicht nachvollziehbare Spinnerei behandelt, ihr Entschluss, von Männern nichts mehr wissen zu wollen, als delirische Absage an das Leben. (Die Implikationen von letzterer "Verfehlung" sind gleich auf mehreren Ebenen heikel: Zum Einen wird insinuiert, dass eine Frau ohne Mann in ihrem Leben keine vollendete Persönlichkeit sein kann; zum anderen, dass Homosexualität aus der Enttäuschung mit dem anderen Geschlecht entwächst.) "We have to fix her", beschliessen Tim und Mary; der freieste Geist in About Time (vielleicht mit Ausnahme von Tims Vater) muss "repariert" werden. Exzentrik, so der Film, ist nur tolerierbar, wenn sie die bürgerliche Norm nicht herausfordert. Dies ist die Botschaft des in Formeln und Konventionen festgefahrenen Films.

★★

Donnerstag, 24. Oktober 2013

The Butler

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat.


50 Jahre nach Martin Luther Kings legendärer "I Have a Dream"-Ansprache während des "Marschs auf Washington" erzählt Lee Daniels, der nach Spike Lee wohl einflussreichste afroamerikanische Filmemacher, in The Butler die Geschichte der schwarzen Bürgerrechtsbewegung.

Am Abend des 4. Novembers 2008, als feststand, dass er mit einer beträchtlichen Mehrheit zum ersten dunkelhäutigen Präsidenten der USA gewählt worden war, hielt Barack Obama in Chicago seine Siegesrede – eine rhetorische Meisterleistung, mitreissend in ihrer populistischen Inbrunst. Darin figurierte auch eine damals 106-jährige Frau namens Ann Nixon Cooper, anhand deren Biografie Obama die Veränderungen aufzeigte, welche sich in Amerika seit ihrer Geburt abgespielt hatten. Besonderes Aufsehen unter Analysten erregte dabei die Passage: "She was there for the buses in Montgomery, the hoses in Birmingham, a bridge in Selma, and a preacher from Atlanta who told a people that 'We Shall Overcome'". In einem einzigen Satz hatte der "President-elect" die Bewegung zusammengefasst, als deren vorläufiger Höhepunkt sein Wahlsieg in die Annalen eingehen würde.

Regisseur Lee Daniels, dessen Romanverfilmung Precious zwei Monate nach Obamas Wahl uraufgeführt wurde und ihm in der Folge zu internationalem Renommee verhalf, hat mit The Butler nun – mehr oder minder jedenfalls – diesen einen Satz in einen 130-minütigen Streifzug durch die Geschichte des modernen "Black America" verwandelt. Hierbei wird Cecil Gaines (Forest Whitaker mit einer soliden, wenngleich nicht sonderlich bemerkenswerten Darbietung), basierend auf dem historischen Eugene Allen (1919–2010), zum Avatar des schwarzen Durchschnittsamerikaners: Seine Kindheit verbringt er auf einer Baumwollfarm in Georgia, welche er als Teenager verlässt, um sich zum Butler ausbilden zu lassen; Anfang der Fünfzigerjahre wird er als Bediensteter ins Weisse Haus aufgenommen, wo er bis 1987 arbeitet.

Danny Strongs Drehbuch kontrastiert Cecils Nähe zum politischen Zentrum der USA, wo die Präsdenten Eisenhower (Robin Williams), Kennedy (James Marsden – erstaunlicherweise der überzeugendste Akteur im präsidialen Maskenball), Johnson (Liev Schreiber), Nixon (John Cusack) und Reagan (Alan Rickman) die die schwarze Gemeinschaft emanzipierenden Gesetze verabschieden, mit dem Leben seines Sohnes Louis (David Oyelowo), der aus dramaturgischer Opportunität bei den wichtigsten Episoden des Civil-Rights-Movements stets beteiligt ist: Er sitzt am für Weisse reservierten Tresen im Woolworth von Greensboro (die kraftvollste Szene des Films); er tourt mit den Freedom Riders durch die rassistischen Südstaaten; er gehört zum inneren Zirkel Martin Luther Kings; er tritt den Black Panthers bei. So verbindet Strong Makro- mit Mikrogeschichte, denn diese Diskrepanz führt zu Konfrontationen innerhalb der Familie Gaines, worunter auch Cecils Ehefrau Gloria (Talkmasterin Oprah Winfrey – augenscheinlich auf der Suche nach einem Oscar) leidet.

"In Which We Serve": Über drei Jahrzehnte lang arbeitet Cecil Gaines (Forest Whitaker) als Butler im Weissen Haus.
© Frenetic Films
Der Reiz von The Butler liegt darin, Prominenten (in weiteren Rollen agieren Mariah Carey, Terrence Howard, Vanessa Redgrave, Lenny Kravitz, Jane Fonda und der famose Cuba Gooding Jr.) beim Nachspielen historischer Ereignisse zuzusehen. Dies ist zwar leidlich unterhaltsam, vermag dem Film aber nicht zu emotionaler Zugkraft zu verhelfen. Strongs Forrest Gump-Struktur ist mit Daniels' hohen Ansprüchen, einen Meilenstein des afroamerikanischen Kinos zu schaffen, nicht kompatibel; die pathetisch-sentimentalen Dialoge sowie der Verzicht auf tiefer greifende Auseinandersetzungen untergraben die Ernsthaftigkeit des Projekts. Politische Veränderungen werden in Lee Daniels' The Butler (so der vermessene US-Verleihtitel) erzielt, indem ein Präsident Cecil eine Frage stellt und sich von dessen bescheidener Antwort beeindruckt und inspiriert zeigt. Daniels und Strong mögen aus lobenswerten Motiven gehandelt haben, doch die Pioniere und Protagonisten der Bürgerrechtsbewegung verdienen ein kraftvolleres filmisches Denkmal.

★★

Mittwoch, 23. Oktober 2013

The Look of Love

Paul Raymond, der "King of Soho", eine der schillerndsten Gestalten im Grossbritannien der Sechziger- und Siebzigerjahre, erhält mit Michael Winterbottoms The Look of Love ein unspektakuläres, seltsam begeisterungsarmes Biopic. Seltsam deshalb, weil sich gerade Winterbottom in der Vergangenheit immer wieder als eigenwilliger Auteur erwiesen hat, der kulturelle Zeitgeschichte (24 Hour Party People) ebenso ungewöhnlich und faszinierend inszeniert hat wie grosse britische Literatur (A Cock and Bull Story nach Laurence Sternes Tristram Shandy).

The Look of Love jedoch fehlt die Dringlichkeit, ein Hinweis darauf, warum sich sein Regisseur dazu entschieden hat, die Geschichte des Clubeigners, Erotik-Magazin-Pioniers und Immobilien-Magnaten Raymond, der 2008 83-jährig starb, cineastisch aufzuarbeiten. Winterbottom arbeitet sich ziemlich geradlinig durch die Chronologie der Karriere Raymonds (überzeugend gespielt vom Komiker Steve Coogan), von 1958, als er im Londoner Stadtteil Soho einen erfolgreichen privaten Strip-Club eröffnete, bis 1993, als Debbie (Imogen Poots), seine Tochter und Erbin in spe, einer Kokain- und Heroin-Überdosis zum Opfer fiel. Der Film ist nüchtern erzählt, durchsetzt mit beabsichtigt nostalgisch-antiquitiert wirkenden Montagesequenzen und fast gänzlich frei von dramatischen Höhepunkten.

Doch gerade darin könnte sein subversives Potential liegen. Es fällt schwer, The Look of Love für seinen Mangel an klassischer dramatischer Spannung zu massregeln, weil er offenbar nicht aktiv nach dieser sucht. Vielmehr hat Winterbottom einen Film gedreht, der sich ganz auf der Wellenlänge seiner schamlosen, ungerührten und oft gefühlskalten Hauptfigur bewegt. Von seinem kontinuierlich ergrauenden, jeweils im Stil der entsprechenden Dekade frisierten Haarschopf abgesehen, verändert sich Raymond während der 100 Minuten Laufzeit kaum. Er bleibt stets das undurchdringliche, unbewegte und unbewegliche Zentrum eines selbstzerstörerisch dekadenten Geschäfts. Kollegen, mit denen er sich jahrelang mittels Publicity-Stunts und immer gewagteren Fotostrecken in seinen Herrenmagazinen gegen die "engstirningen, puritanischen Bastarde" des britischen Establishments auflehnte, verprassen ihr verdientes Geld, verfallen den Drogen und verlieren, manchmal ohne es zu merken, die Kontrolle über ihr eigenes Leben.

Sohos König Midas: Paul Raymond (Steve Coogan) wird mit seinem Erotik- und Immobilien-Imperium zu einem der mächtigsten Männer Grossbritanniens.
© Rialto Film AG
Raymond, so The Look of Love, ist anders. Zwar folgt auch er diesem Lebensstil, doch er ist sich im Klaren darüber, dass er ihn nur überleben kann, wenn er sich ihm nicht gänzlich ergibt. Er schnupft Kokain, doch er legt Wert darauf, es von verlässlichen Quellen geliefert zu bekommen; er verbringt seine Nächte mit vier bis fünf Frauen in seinem Bett, doch sein Vertrauen gilt, wenn überhaupt, nur einer erlesenen Gruppe von Verwandten und Bekannten. Er überlebt den Exzess, doch den Preis, den der ehrgeizige Unternehmer, unverkennbar eine Midas-Figur, dafür zahlt, ist der der Einsamkeit und der Langeweile; die Liebe tauscht er früh in seiner Karriere für den Schein von Liebe, den "Look of Love", ein. Kaum eine Szene vergeht, ohne dass nicht irgendwo mindestens ein nackter Frauenkörper zu sehen ist; Drogen werden in The Look of Love in einem Masse konsumiert, wie man es seit Fear and Loathing in Las Vegas nicht mehr gesehen hat. Für den Zuschauer, wie wohl auch für Raymond, wird dieses Milieu bald repetitiv. Kalkulation seitens Winterbottoms? Ausschliessen lässt sich dies nicht.

Insofern erzählt dieses Biopic nicht von den Höhen und Tiefen im Leben seines Protagonisten, sondern von den Katastrophen und den gescheiterten Existenzen, welche ihn in seiner Laufbahn umgaben, von den flüchtigen Bekanntschaften (auf der Meta-Ebene symbolisiert durch Kurzauftritte von Matt Lucas, David Walliams und Stephen Fry) und den eben nur scheinbar innigen Beziehungen, die er pflegte. Winterbottoms Annäherung an dieses Konzept – welches mitunter an die Filme des Duos Rob Epstein/Jeffrey Friedman erinnert – besteht darin, die in der Erzählung vorhandene Dramatik zu zeigen, doch sie, ganz im Sinne Raymonds, an sich abprallen zu lassen, während der Blick auf Raymond selber dennoch stets der Blick eines Aussenstehenden ist; fiktive Fernsehdokumentationen sowie ein sein Leben Revue passieren lassender Raymond bilden die Rahmenhandlungen. Das daraus resultierende Seherlebnis ist herausfordernd und bisweilen auch ein wenig frustrierend, doch The Look of Love ist einer jener Filme, welche mit Verzögerung eine gewisse Faszination verströmen.

★★★

Montag, 21. Oktober 2013

Filth

© Ascot Elite

★★★

"In spite of its very obvious flaws, the absence of any properly conceived side characters being one of them, Filth is an effective – and surprisingly watchable – black comedy that remains intriguing throughout. It is particularly the second half that proves to be quite affecting, as reality starts to crumble around Bruce, giving way to genuinely unsettling jump scare hallucinations."

Ganze Kritik auf The Zurich English Student (online einsehbar).

Samstag, 19. Oktober 2013

Le thé ou l'electricité

Mehr als 120 Jahre, nachdem in den Metropolen Europas die ersten von Elektrizität betriebenen Strassenbahnen die Boulevards, welche des Abends im Schein elektrischer Laternen strahlten, eroberten, wirkt in einem kleinen marokkanischen Bergdorf eine einfache Glühbirne wie ein kleines Wunder. Ifri, gelegen an einem Hang in den Höhen des Atlas-Gebirges, besteht aus knapp zwei Dutzend Steinbarracken, deren Bewohner, überwiegend Schaf- und Ziegenhirten, bis vor kurzem ganz auf ein Leben ohne moderne Annehmlichkeiten eingestellt waren.

Doch im Zuge der Modernisierungspläne der marokkanischen Regierung kamen staatliche Arbeiter nach Ifri, um den verdutzten Berglern die Nachricht zu überbringen, ihr Dorf würde schon bald ans nationale Stromnetz angeschlossen. Beigewohnt hat dieser Entwicklung, welche, von der ersten angespannten Besprechung zwischen staatlichen Elektrikern und Dorfältesten bis zum ersten Aufflackern eines Fernsehers, drei Jahre in Anspruch nahm, der belgische Dokumentarfilmer Jérôme Le Maire.

Le thé ou l'electricité ist der Versuch, diesen epochalen, längst zur Seltenheit gewordenen Moment einzufangen, in dem eine (vergleichsweise) ursprüngliche Gesellschaft in die Moderne überführt – oder, sollte man der Sache kulturpessimistisch gegenüber stehen, gedrängt – wird. Schon im bedeutend grösseren Marktflecken, dem letzten grösseren Ort vor Ifri, wo die armen Bauern ihrem Handel nachgehen und am Basar das breite Angebot an Mobiltelefonen bestaunen, bemerkt ein Staatsangestellter, man befinde sich "in einer ganz anderen Welt". Nicht nur dem europäischen Touristen, auch dem urbanen Marokkaner sind die "typisch arabischen" Basare fremd und exotisch.

Le Maires vorzüglich fotografierter Film lebt von solchen – bedauerlicherweise viel zu dünn gesäten – Miniaturen, subtilen Verweisen darauf, dass sich die Welt nicht in klar umrissene Kategorien einteilen lässt. Elektrizität, so eine der impliziten Moralbotschaften in Le thé ou l'electricité, wird Ifri nicht von heute auf morgen in eine strahlende Zukunft katapultieren – auch wenn die Regierungsgesandten den Dörflern die neue Technik auf diese Art und Weise schmackhaft zu machen versuchen ("Bei Licht werden die Kinder besser lernen! Ihr entwickelt euch weiter!"); derweil im Dorf Einigkeit darüber herrscht, dass die Wiederaufnahme eines abgebrochenen Strassenbauprojekts substantiellere Vorteile mit sich bringen würde.

Ein Bergdorf im Atlas: Ifri.
© Cinélibre
Unterminiert wird die Dokumentation leider von Le Maires bestenfalls zweifelhafter Selektion durchgehend undatierter Aufnahmen sowie jenen Szenen, welche mit ihren raffinierten Kamerawinkel-Wechseln und ihren geschliffen wirkenden Dialogen der Inszenierung schon gefährlich nahe zu kommen scheinen. Nicht selten wirkt Le thé ou l'electricité wie eine undeklarierte Tatsachen-Nachstellung, vergleichbar mit Danis Tanovics An Episode in the Life of an Iron Picker (während das Thema an sich eher den halbdokumentarischen deutschen Publikumsliebling Die Geschichte vom weinenden Kamel in Erinnerung ruft).

Irritierender ist allerdings die moralisierende Manipulation, welche Le Maire in den letzten zehn Minuten des (zu langen) 90-minütigen Films vollzieht. Beschränkte er sich zuvor noch auf eine mehr oder minder neutrale Darstellung der Geschehnisse – Fly-on-the-Wall- und Interview-Sequenzen, in denen, weder explizit noch implizit, ein abschliessendes Urteil über die Elektrifizierung Ifris gefällt wird –, verabschiedet er sich schlussendlich von jeglicher dokumentarischer Integrität. Detailaufnahmen weit aufgerissener Augen und verstört starrender Kinder, während im Off Fernsehgeräusche zu hören sind, unterstreichen die ärgerlich dogmatische Moral, welche Le thé ou l'electricité unterschwellig zu vermitteln scheint: Mit der Ankunft des Fernsehens verschwindet die Harmonie aus dem idyllischen Ifri. Am Ende sind die dörflichen Steinpfade leer gefegt – bedeutungsschwangere Einstellungen, die mittels Parallelmontage mit Bildern von fernsehenden Dörflern verschaltet werden.

Ifri soll ans marokkanische Stromnetz angeschlossen werden.
© Cinélibre
Dass Technik diesen Effekt zeitigen kann, liegt durchaus im Bereich des Möglichen. So zeigt etwa eine der besten Szenen des Films, wie sich die jungen Erwachsenen von Ifri auf der Schafsweide treffen und sich, statt ein Auge auf die Herden zu werfen, mit ihren neu erworbenen Mobiltelefonen beschäftigen ("Heute habe ich Empfang!"). Die Installation des Stromnetzes schürt schwelende Konflikte: Wer kann sich Licht im ganzen Haus leisten? Werden sich die Dorfreichsten mit ihren vielen Steckdosen brüsten? Werden sie Geld dafür verlangen, bei ihnen fernzusehen? Am Ende scheint die oft geäusserte Linie "Der einzige Gott ist Allah" tatsächlich an Gültigkeit verloren zu haben; der technologische Fortschritt verdrängt nicht die Religion, er wird selber zur Religion, der Fernseher zum Altar.

Diesen Konflikt zwischen Tradition und Moderne aber in eine reine Dichotomie zu verwandeln – "Tee oder Elektrizität", das traditionelle Getränk oder die neumodische Verlockung –, zeugt nicht nur von schlechtem Geschmack (zumal sich viele Bewohner Ifris trotz allem über die neuen Annehmlichkeiten freuen), sondern von einem fast schon herablassenden, dem Rest des Films diametral entgegengesetzten Weltbild, in dem genügsame Armut ("Man überlebt wenigstens") als moralischer eingestuft wird als eine fortschrittsorientiertere Gesellschaft. Hier überschreitet Le Maire die Grenzen seiner Autorität. Denn dies aus der Geschichte von Ifri abzuleiten, wäre schon ein heikles Unterfangen gewesen, wenn Le thé ou l'electricité von einem Marokkaner gemacht worden wäre.

★★