Dienstag, 31. Juli 2012

Woody Allen: A Documentary

Nachdem er Woody Allen zwei Jahre lang begleitet hat, legt Robert Weide nun seine umfassende filmische Biografie des Kult-Regisseurs vor. In Woody Allen: A Documentary werden in gut zwei Stunden 50 Jahre Kinogeschichte mit Interviews, Clips, Anekdoten und bestem Allen'schen Humor aufgearbeitet – ein Muss.

Am 1. Dezember 1935 wurde Allan Stewart Konigsberg in New York geboren. Seinen Eltern, Nettie (1906–2002) und Martin (1900–2001) fiel er in frühen Jahren als lebhaftes, aktives, äusserst glückliches Kind auf. Doch im Alter von fünf Jahren, so geht die Anekdote, erfuhr das Kind von der Endlichkeit des Lebens. Erschlagen von der schieren Unfairness dieses Systems, änderte es seine Lebenseinstellung und wurde "grumpy and bitter", ganz seinem späteren komischen Alter Ego, welches in Annie Hall (1977) etwa das Leben in die Kategorien "Miserable" und "Horrible" einteilt. Filmemacher Weide lässt Freunde, Weggefährten, Arbeitskollegen und auch Woody Allen selbst zu Wort kommen und rekonstruiert den Werdegang des Meisters vom anonymen Gagschreiber zum scheuen Stand-Up-Comedian zum Theater- und Filmautoren zum international gefeierten Regisseur.

Die stringente Chronologie dieser Entwicklung fällt in Woody Allen: A Documentary zwar mehrmals einer Assoziation oder Ähnlichem zum Opfer – auch ist die 115-minütige Laufzeit wohl etwas üppig bemessen –, doch der Film zelebriert seine Hauptfigur in bester Dokumentarfilm-Manier. Martin Scorsese beschreibt Allen als ein Unikum, als jemanden, der das Kunststück vollbrachte, fast fünf Jahrzehnte lang nicht nur aktiv zu bleiben, sondern seine Beliebtheit in dieser Zeit zu behalten und immer wieder aufs Neue zu rechtfertigen. Dementsprechend inszeniert Weide die Karriere Allens, vor allem während der ersten 45 Minuten des Films, auch als Spiegel einer ganzen Epoche; er findet in seinem Thema eine Parabel für die Geschichte der amerikanischen Nachkriegsunterhaltung. Woody Allen führt den Zuschauer durch seine alte Brooklyner Nachbarschaft ("This is the house I grew up in. It doesn't look like much but... it wasn't"), wobei der ehemalige Standort des lokalen Filmtheaters natürlich nicht fehlen darf. Die Agenten Jack Rollins und Charles Joffe (gestorben 2008) sowie Kritiker wie der immer gern gesehene Leonard Maltin verweisen auf den kulturellen Mikrokosmos Greenwich Village im New York der Fünfziger- und Sechzigerjahre, von wo aus Allen den Sprung ins nationale Fernsehen schaffte; und sie interpretieren Annie Hall als eine veritable Revolution im Genre der Komödie.

Mit Leib und Seele Regisseur und Komiker: Woody Allen auf dem Set von Sleeper.
Es sind diese Exkurse, die den Film dermassen faszinierend machen. Veredelt wird die Dok durch die Fülle von Gesprächsgästen, zu denen auch Chris Rock, Martin Landau, Kameramann Gordon Willis und sogar Robert Lauder, ein katholischer Pfarrer, gehören; durch die feinen Details; durch die reichhaltigen Filmclips, die, in den richtigen Kontext gestellt, die gängige Meinung zu diesem und jenem Werk herausfordern – etwa die viel gescholtenen Experimente Interiors (1978), ein an Ingmar Bergman angelehntes Drama, und Stardust Memories (1980), eine zynische Farce nach Fellini –; und durch die Anwesenheit des Meisters selbst. Woody Allen: A Documentary zeigt, dass dieser auch mit 76 Jahren noch nichts von seinem schlagfertig-selbstkritischen Humor und seiner Intelligenz eingebüsst hat – siehe seine treffende Einschätzung, seine Komödien, speziell Manhattan (1979), den er eigentlich gar nicht mag, würden dem Prinzip der "ausländischen" Komödie folgt. Eine hervorragende Dokumentation, die dem grossen Komiker/Filmemacher/Stadtneurotiker vollauf gerecht wird.

★★★★

Donnerstag, 26. Juli 2012

Bullhead

Erstmals seit dem Jahr 2000 und Dominique Derudderes Everybody's Famous! schaffte es 2012 wieder ein belgischer Film in die Endausscheidung für den Fremdsprachen-Oscar. Obwohl zweifellos ein Erfolg für die ganze Nation, ist Bullhead – der flämische Originaltitel lautet Rundskop – für belgische Staatsbürger eine eher zwiespältige Angelegenheit. Regisseur Michaël R. Roskam lässt, ähnlich wie Nicolas Winding Refn in Drive, die Filmhistorie subversiv in seine Gangster-Erzählung mit einfliessen und zeichnet ein düsteres Bild eines innerlich tief zerrissenen Landes.

Sein Geschäft ist die Rinderzucht. Schon als Kind wurde Jacky Vanmarsenille (Matthias Schoenaerts, der sich für die Rolle 27 Kilo Muskelmasse antrainierte) in die illegalen Machenschaften der limburgischen Landwirtschaft eingeführt. Den Tieren werden Wachstumshormone und andere Steroide gespritzt; Einschüchterungen und Preisabsprachen gehören zum Geschäft. Doch auch der hünenhafte Jacky ist auf Drogen angewiesen. Seit er im Kindesalter seine Hoden verlor, spritzt er sich Testosteron, nach dem er heute süchtig ist. Als die Familie Vanmarsenille mit einem dubiosen Rindfleischhändler aus Westflandern einen Handel eingeht, fühlt sich Jacky nicht mehr wohl; er misstraut der mafiösen Rindfleisch-Connection, die mitunter auch zwielichtige Wallonen ihre Drecksarbeit verrichten lässt. Eine Schlüsselrolle bei den Flamen spielt der schweigsame Diederik (Jeroen Percevall), die rechte Hand des mächtigen Händlers. Die Angelegenheit spitzt sich dramatisch zu, als ein auf die Hormon-Mafia angesetzter Polizist ermordet wird.

Michaël Roskam eröffnet seinen Film mit prächtigen Breitbildaufnahmen der Limburger Landschaft. Der Morgen dämmert, Vanmarsenilles Stimme ist zu hören. Kurz darauf erhält die Stimme ein Gesicht und – fast noch wichtiger – einen Körper. Jacky atmet schwer, sein Gang könnte etwas sicherer sein, doch man möchte mit ihm nicht den Weg kreuzen, wenn er wütend ist; äusserlich ist er ein Tier von einem Mann, muskelbepackt und scheinbar immer am Rande eines Wutausbruchs, ein Bulle, wie seine Zuchtrinder vollgespritzt mit Hormonen. Roskam und Hauptdarsteller Matthias Schoenaerts, dessen Leinwandpräsenz schlicht grossartig ist, schaffen es aber, in ihm einen durchaus menschlichen, tragischen Kern zu finden, den er sich nicht einmal selber eingesteht. Eine der gegen ihn und seine Geschäftspartner ermittelnden Polizistinnen folgt dem persönlichen Motto "Zufälle gibts nicht"; dabei beweist Jackys Leben das genaue Gegenteil. Wie wäre sein Leben verlaufen, wenn er nicht an den aggressiven Sohn eines Drogenhändlers geraten wäre? Was wäre geschehen, wenn er sich nicht mit der flämischen Mafia angelegt hätte? Fragen, die der Film nicht beantworten muss, weil sie letztendlich nebensächlich sind. Es sind lediglich weitere Dimensionen in Jackys Kampf mit sich selber.

Ein Leben mit dem künstlich gestählten Körper: Jacky Vanmarsenille (Matthias Schoenaerts).
Parallel zu den Einzelschicksalen, auf die er in Bullhead eingeht, inszeniert Roskam einen kompromisslosen, überaus brutalen Krieg der Interessen, Banden und, provokativerweise, Ethnien. Die Flamen tragen Schals von Club Brugge und fluchen über die Wallonen, die Wallonen tragen Sportjacken von Standard Liège und fluchen über die Flamen – "Diese Faschisten!" –, die Limburger trauen beiden nicht über den Weg. Dabei vertraut Roskam auf die Ästhetik der Siebzigerjahre, die Mise en scène erinnert an die ausstatterische Meisterleistung Maria Djurkovics in Tinker Tailor Soldier Spy: viele Schatten, verrauchte Hinterzimmer, prominente Brauntöne. Man wähnt sich in einem amerikanischen Mafia-Film des New Hollywood, einem Werk wie Francis Ford Coppolas The Godfather. Und doch wird Flämisch und Limburger Dialekt gesprochen, was die Illusion interessanterweise noch verstärkt; beides sind Sprachen, die freimütig mit englischen Einschüben operieren. Dabei wird aber auch offensichtlich, dass Roskams Qualitäten eher in seiner virtuosen Regie denn in der Entwicklung einer Erzählung liegen. Die Geschichte vermag ihre 124 Minuten Laufzeit nicht vollständig zu rechtfertigen und das Wechselspiel zwischen Handlung und Rückblenden in Jackys Kindheit sorgt für eine stellenweise allzu lose Dramaturgie. Diverses wirkt zusammengewürfelt.

Dennoch ist die Nomination für den Oscar vollauf verdient. Bullhead orientiert sich am klassischen Gangster-Kino des Kalten Krieges, stellt dessen Konventionen aber auf den Kopf und interpretiert sie mit einem so kaum je gesehenen Milieu, frisch wirkenden Figuren in bekannten Konstellationen und einem speziell auf das Land Belgien zugeschnittenen Subtext neu. Der Konflikt der Landesgruppen schwingt im belgischen Film schon seit geraumer Zeit mit, doch noch selten war das Porträt derart schonungslos, tief greifend, vernichtend – und faszinierend.

★★★★

Hasta la vista

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Es ist eine oft verdrängte Tatsache, dass auch Menschen mit körperlichen Behinderungen das Bedürfnis nach Sex verspüren. In seinem tragikomischen Roadmovie Hasta la vista greift Geoffrey Enthoven dieses heikle Thema auf und liefert einen wichtigen Beitrag zur Integration Behinderter.

Ein Blinder, ein Tetraplegiker und ein Krebskranker... Was sich anhört, wie der Beginn eines zynischen Witzes, ist die Prämisse von Hasta la vista. Der vom Hals an abwärts gelähmte Philip (Robrecht Vanden Thoren) hat einen Traum: Er will Sex. Und er hat eine klare Vorstellung, wie er das bewerkstelligen will: Ein Freund hat ihm von einem Bordell erzählt, das sich auf eine körperlicht handicapierte Klientel spezialisiert hat. Zwar liegt das rollstuhlgängige Freudenhaus in Spanien, doch davon lässt sich der junge Mann nicht beirren. Mit seinen besten Freunden, dem fast blinden Jozef (Tom Audenaert) und dem wegen eines unheilbaren Hirntumors an den Rollstuhl gefesselten Lars (Gilles De Schrijver), will er die Reise wagen. Ein Pfleger wird als Begleitperson gefunden, den Eltern wird die Lüge von einer Weintour aufgetischt. Kurz vor der Abreise jedoch verschlechtert sich Lars' Zustand, weshalb dessen Eltern ihm die Fahrt verbieten. Doch Philip und Jozef lassen ihren Freund nicht im Stich: Sie helfen Lars dabei, im Geheimen Vorbereitungen zu treffen; mit der burschikosen Claude (Isabelle de Hertogh) wird eine neue Pflegerin gefunden. Die Fahrt gen Süden kann beginnen.

Obwohl Hasta la vista, trotz seiner Thematik, nicht viel mit dem französischen Hit Intouchables verbindet, dürfte auch die belgische Dramödie dem allzu empfindlichen Kinogänger Mühe bereiten. Das Autorentrio Pierre De Clercq, Mariano Vanhoof und Asta Philpot zeigt keinerlei Berührungsängste mit Humor der deftigeren Sorte und schreckt auch vor unverblümten Behindertenwitzen nicht zurück – so etwa Lars' Bemerkung, als er während einer Nacht im Zelt Philip mit einem Camper vergleicht, der kürzlich von einem Bären verschleppt und ohne Arme und Beine aufgefunden wurde: "Bei dir würde das ja keinen grossen Unterschied machen". Dem Film ist es ein grosses Anliegen, Leute wie Philip, Lars und Jozef als normale Menschen mit normalen Wünschen und Bedürfnissen, aber auch Fehlern und unsympathischen Seiten zu verstehen. So gehen Humor und Ernsthaftigkeit oft Hand in Hand: Als Flamen mokieren sich die Hauptfiguren über Holländer und Wallonen und ziehen auf übelste Art und Weise über Claude her, die ihrerseits schwer an ihrer eigenen "Behinderung" – ihrer Vergangenheit – zu tragen hat.

Lars (Gilles De Schrijver, links), Jozef (Tom Audenaert, Mitte) und Philip (Robrecht Vanden Thoren) warten auf den Bus, der sie ins spanische Bordell bringen soll.
Die grösste Stärke des vielleicht etwas allzu formelhaften Films ist sein ungleiches, aber letztlich überaus sympathisches Hauptdarsteller-Ensemble, welches mehrfach an das famose Duo Josef Hader/Alfred Dorfer in Paul Harathers Indien erinnert. Gilles De Schrijvers Lars, von seinem näher rückenden Tod deprimiert und verunsichert, kann einige exzellente Szenen für sich verbuchen, insbesondere seine wenigen, dafür umso traurigeren, Gespräche mit seiner jüngeren Schwester Yoni (Kimke Desart). Tom Audenaert und Isabelle de Hertogh fungieren als ruhende Pole zwischen Lars und dem draufgängerischen Philip. Dieser wird seinerseits von Robrecht Vanden Thoren grossartig dargestellt; Thoren, obgleich nur stimmlich und mimisch agierend, blüht in seiner Rolle förmlich auf und verleiht ihr eine ungeahnte Dynamik. Seine Darbietung fasst Hasta la vista trefflich zusammen: Wir mögen behindert sein, aber wir sind Menschen – im Guten wie im Schlechten.

★★★★

Mittwoch, 25. Juli 2012

The Lorax

Das Werk des legendären Kinderbuchautors Theodor Geisel, besser bekannt unter dem Pseudonym Dr. Seuss, umfasst mehr als 60 Bücher, von denen einige über die Jahre Kultstatus erreicht haben, etwa Horton Hears a Who, How the Grinch Stole Christmas!, The Cat in the Hat oder Yertle the Turtle. Eine seiner weniger bekannten, dafür umso umstritteneren Publikationen erschien 1971. In The Lorax prangert der grosse Erzähler die Gier von Konzernen und deren rücksichtslose Umweltverschmutzung an – parallel zur sich während der Siebzigerjahre langsam formierenden Naturschutzbewegung. Eine der Reaktionen auf die 45-seitige Geschichte war eine Gegendarstellung in Buchform, herausgegeben von der nationalen Interessengemeinschaft der Parkettboden-Hersteller, welche ihrerseits für ihre laxe Haltung gegenüber bedrohten Arten und ihre plumpe Art der Propaganda kritisiert wurde. Insofern hat die neue, computeranimierte Adaption von The Lorax mehr mit dieser Version als mit Geisels originaler Vision gemeinsam.

Thneedville ist eine herrliche Stadt: Alles besteht aus Kunststoff, die Bäume lassen sich per Fernbedienung steuern, die Skipiste liegt gleich neben dem Badestrand und frische Luft kann vom mächtigen Geschäftsmann O'Hare (Stimme: Rob Riggle) gekauft werden. Einzig der junge Ted (Zac Efron) findet nur begrenzt Gefallen an all den technischen Annehmlichkeiten. Seit ihm die hübsche Audrey (Taylor Swift) gesagt hat, dass sie denjenigen, der in ihrem Garten einen echten Baum pflanzt, sofort heiraten würde, ist er fieberhaft auf der Suche nach einer Möglichkeit, ihren Wunsch wahr werden zu lassen. Seine Grossmutter (Betty White) erzählt ihm deshalb die Geschichte des Once-lers (Ed Helms), der ausserhalb der hohen Stadtmauern wohnt und offenbar alles über Bäume weiss. Also macht sich Ted auf zum geheimnisvollen Einsiedler, dessen Haus mitten in einer schmutzigen, baumlosen Einöde steht, und lässt sich erläutern, wie es dazu kommen konnte. Einst war der Once-ler nämlich ein aufstrebender Geschäftsmann, der im nun brach liegenden Tal ein spezielles Produkt – den "Thneed" – herstellen wollte. Als er den ersten Truffula-Baum fällte, erschien der Lorax (Original- und deutsche Synchronstimme: Danny DeVito), ein orangefarbenes, schnauzbärtiges Wesen, das für die Bäume spricht. Derweil ist O'Hare Ted bereits auf den Fersen, da das Pflanzen von Bäumen das Luftgeschäft des Trillionärs unnötig machen würde.

Rettet den Samen! Ted (Stimme: Zac Efron) und Audrey (Taylor Swift) wollen einen echten Baum pflanzen.
Wenn auf das Motiv und die Aussage von Dr. Seuss' Geschichte eingegangen wird, wird oft das 22-minütige TV-Special aus dem Jahr 1972 als eine Art Begleitwerk erwähnt. Der Kurzfilm verfeinert die politische Komponente der Erzählung mit Montagen, Liedern und einigen wichtigen Dialogen zwischen dem Lorax und dem Once-ler. Berühmt geworden ist dabei sicherlich das Argument des Magnaten, ohne seine Thneed-Fabrik würden hunderte Menschen arbeitslos, woraufhin der kleine Baumbeschützer zugibt, dass dies ein Problem sei und auch er nicht wisse, wie es zu lösen ist. Dem Fernsehtrickfilm ist es gelungen, die umweltbewusste Botschaft des Originals beizubehalten, die Debatte aber eingehender und realistischer anzugehen; nicht der Fortschritt an sich hinterlässt den Schaden, sondern zu viel unbedachter Fortschritt in zu kurzer Zeit. Nun, 40 Jahre später, sind Umweltthemen wie Artensterben, Verschmutzung und globale Erwärmung – allesamt oft politisch unterstützt – aktueller denn je und verdienen es, einem kindlichen Publikum näher gebracht zu werden.

Doch die von Chris Renaud (Despicable Me) und Kyle Balda (Animationstechniker bei A Bug's Life, Toy Story 2 und Monsters, Inc. sowie beim Videospiel-Klassiker Day of the Tentacle) inszenierte und von Cinco Paul und Ken Daurio geschriebene, starbesetzte CGI-Verfilmung gibt sich anscheinend nicht die geringste Mühe, Geisels Sinn und Geist wiederzugeben. The Lorax ist auf seine Art ein anschauliches Beispiel für den sprichwörtlichen Hollywood-Zynismus, für die Ideale, die angesichts der Möglichkeit schnellen Geldes allzu rasch über den Haufen geworfen werden – und damit ist nicht nur die veritable Flut an Werbeverträgen gemeint, von Waffel-Restaurants bis Geländewagen, welche die Produzenten im Vorfeld abschlossen. Renaud und Balda verfolgen in ihrer Adaption eine einfache Botschaft: Bäume sind cool. Die Balance zwischen wirtschaftlichem und wissenschaftlichem Fortschritt und dem Respekt vor der bedrohten Natur, die Rolle des Menschen in seiner Umwelt, das Plädieren für Nachhaltigkeit, das Warnen vor Ignoranz gegenüber den Fehlern der Vergangenheit – alle diese Motive werden so entweder im Quellenmaterial angesprochen oder sie liessen sich zumindest daraus ableiten. Stattdessen werden sie hier vereinfacht, eingestampft und auf eine simple, weltfremde Parole reduziert, deren pädagogischer Wert vernachlässigbar ist und die nicht der geringsten kritischen Analyse standzuhalten vermag.

Der junge Once-ler (Ed Helms) fällt die Truffula-Bäume, um seine Thneeds herzustellen.
Bäume sind cool. Nicht schön, eindrucksvoll oder etwa wichtig. Sie sind cool. Der einzige Grund, weshalb Ted die Reise zum Once-ler auf sich nimmt, ist Audrey. Dadurch verliert der Film jegliche dramatische Spannung, vor allem als Ted den letzten Truffula-Samen ohne grössere Probleme erhält und damit Audreys Herz gewinnt. Der finalen Verfolgungsjagd durch Thneedville fehlt ein konkreter Zweck, ein Beleg für ihre Wichtigkeit. Die Stadt ist in keinster Weise auf echte Bäume angewiesen; die frische Luft, sprich der Sauerstoff, des bösen O'Hare – eine neu kreierte Figur, die auf eine Dystopie in einem Comic von Carl Barks zurückzugehen scheint – geht nicht zur Neige; und die beiden jungen Protagonisten sind bereits ein Paar. Niemand würde verlieren, wenn Thneedville weiterhin ohne echtes Blattwerk auskommen müsste; es wird nicht erklärt, warum es im Kontext des Film-Universums so essentiell wäre.

The Lorax ist kein ethisches Plädoyer für einen sorgsamen Umgang mit Flora und Fauna; er ist ein lautes, buntes, leicht vermarktbares, uninspiriertes Spektakel für Kinder mit einer besonders kurzen Aufmerksamkeitsspanne, das allem Anschein nach nicht an seine eigene, im Grunde gut gemeinte, aber letztlich sinnlose Botschaft glaubt. Die ursprüngliche Geschichte wird abgekürzt; die "Charakterentwicklungen" spielen sich in Nebensätzen ab; der Lorax wird zum unsympathischen Verfremdungseffekt degradiert; der Streifen wird mit peinlichen Musiknummern, einer unnötigen, oberflächlich behandelten Liebesgeschichte und unlustigen Running Gags auf Spielfilmlänge gestreckt; die Figuren sind eindimensional, langweilig und werden, im Falle der Tiere, die der Lorax beschützt, ihrer originalen Bestimmung beraubt; nach thematischer Subtilität sucht man vergebens – Erinnerungen an ein gewisses Büchlein der Parkettboden-Industrie werden wach.

"I'm the Lorax, and I speak for the trees!" – Der Lorax (Danny DeVito) will die Zerstörung des Waldes verhindern.
Gute politische Absichten generieren nicht zwangsläufig gute Filme, besonders wenn die vermittelte Botschaft, wie bei The Lorax, praktisch bedeutungslos ist. Bäume mögen cool sein, doch dadurch lassen sich Kinder nicht überzeugen, Rücksicht auf die Natur zu nehmen, auch weil Massenkonsum und Umweltverschmutzung weitaus dringendere und vom Einzelnen einfacher zu bekämpfende Probleme sind. The Lorax ist ein zynischer, einfallsloser und vollkommen überflüssiger Film, der nicht nur bereits als Fernsehspecial existiert, sondern auch als herausragendes animiertes Kinoabenteuer für Kinder und Erwachsene. Sein Name? WALL-E.

Donnerstag, 19. Juli 2012

The Woman in the Fifth

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Mysteriöse Handlungen und offene Enden, gekonnt eigesetzt, führen unter Zuschauern zu anregenden Diskussionen und fruchtbaren Reflexionen über das Gesehene. The Woman in the Fifth setzt diese Elemente weniger gekonnt ein – man erhält einen guten, aber hochgradig frustrierenden Film.

Der amerikanische Literaturprofessor und Schriftsteller Tom Ricks (Ethan Hawke) reist nach Paris, um seine sechsjährige Tochter Chloé (Julie Papillon) zu besuchen. Doch seine Ex-Frau Nathalie (Delphine Chuillot) will ihn nicht sehen und verbietet ihm jeglichen Kontakt mit Chloé. Als Tom kurz darauf in einem Bus einschläft, wird ihm sein ganzes Gepäck gestohlen. Verzweifelt begibt er sich in ein schäbiges Hotel und bittet darum, dort übernachten zu dürfen. Der Besitzer (Samir Guesmi) bietet ihm einen Deal an: Wenn er eine seltsame, aber einfache Arbeit verrichtet, darf er ein Zimmer haben. Tom soll sich fortan sechs Stunden pro Nacht in einen Raum setzen, einen Bildschirm im Auge behalten und jene, welche die korrekte Losung sagen können, hereinlassen. Dafür bekommt er jeweils 50 Euro. Auf einer Party lernt Tom zudem die geheimnisvolle Witwe Margit (Kristin Scott Thomas) kennen, mit der er eine Affäre beginnt.

Der polnische Regisseur Paweł Pawlikowski, der mit Last Resort (2000) und My Summer of Love (2004) international auf sich aufmerksam machte, gibt sich in seinem vierten Spielfilm alle Mühe, dem Literatur-Motiv von Douglas Kennedys Romanvorlage gerecht zu werden. Der Zuschauer sieht sich in The Woman in the Fifth in die Rolle eines beobachtenden Schriftstellers versetzt: Ryszard Lenczewskis Kamera verweilt auf Details; sie folgt den heimlichen Blicken, die Tom seiner Tochter auf dem Spielplatz zuwirft; ihr Blick schweift von Objekt zu Objekt; das immer wieder eingesetzte Teleobjektiv verdichtet das Geschehen. Toms enigmatische Reise durch das Paris der Noveaux Riches einerseits, dem der Immigranten aus Nordafrika und Osteuropa andererseits – vom Postkarten-Paris bleibt lediglich der Eiffelturm übrig, stets hinter einem dunstigen Schleier verborgen –, wird zu einer gediegen prosaischen Reise in seinen angeschlagenen Geist.

Der Schriftsteller Tom (Ethan Hawke) trifft in Paris die geheimnisvolle Übersetzerin Margit (Kristin Scott Thomas).
Die literarischen Bezüge sind dabei stets präsent. Während der subtil spielende Ethan Hawke durch die ihm fremde Stadt irrt, schreibt er an Hart Crane angelehnte Briefe, in denen er einen utopischen Wald, eine romantische Gegenwelt, entwirft; er arbeitet in einem anonym wirkenden, geradezu kafkaesken Komplex, dessen Geheimnisse hinter verschlossenen Türen liegen; er findet in Margit eine an die Frauengestalten klassischer britischer Schauerromane erinnernde Partnerin. Pawlikowski beruft sich auf das Bild der Literatur als Ausprägung des Wahnsinns. Dabei gelingt es ihm hervorragend, mit Bildinhalt und -komposition zu spielen, und er schafft eine faszinierende Atmosphäre des Rätselhaften und Poe'schen Grauens. Doch das sorgfältig aufgebaute Konstrukt fällt letztendlich mit der antiklimaktischen "Auflösung" in sich zusammen. Das blosse Fehlen einer Erklärung der Vorgänge ist nicht das Problem des Films – im Gegenteil, eine eindeutige Auflösung wäre äusserst unstimmig gewesen –; vielmehr ist es die schiere Einfallslosigkeit des Endes. Ein klischeehaftes, nur begrenzt aussagekräftiges Schlussbild genügt auch als offener Endpunkt nicht. Die Erzählung wird gestoppt, aber nicht beendet. Zurück bleibt eine frustrierende Leere.

★★

Donnerstag, 12. Juli 2012

Cosmopolis

Als der amerikanische Autor Don DeLillo, der ewige Geheimfavorit auf den Literaturnobelpreis, 2003 seinen dystopischen Roman Cosmopolis als Reaktion auf die wenige Jahre zuvor geplatzte Technologie-Blase veröffentlichte, schlugen ihm teils herablassende, teils wütende Kritiken entgegen. Die einen werteten seine apokalyptische Vorstellung eines dem Untergang geweihten New Yorks als literarische Aufarbeitung des 9/11-Traumas; die anderen sahen darin einen ungelenken und blauäugigen Versuch, den Kapitalismus anzugreifen. Börsencrash und Occupy-Bewegung haben nun jedoch zu einer Reevaluierung des Werkes geführt, wozu auch David Cronenbergs ambitionierte Verfilmung zählt. Die werkgetreue Adaption ist nicht nur der mit Abstand politischste Film des kanadischen Regisseurs, sie darf ohne weiteres zu den radikalsten und wichtigsten Beiträgen zur finanziellen Weltlage gezählt werden.

Eric Packer (Robert Pattinson) ist 28 Jahre alt und nennt ein mehrere Milliarden schweres Finanzimperium sein Eigen. An einem Apriltag aber steht ihm der Sinn nach etwas ganz Banalem: Er will sich bei einem spezifischen Coiffeur die Haare schneiden lassen. Dessen Salon liegt am anderen Ende der Stadt, doch Eric interessiert das nicht. Er setzt sich in eine hochmoderne Stretchlimousine und lässt sich durch die Stadt chauffieren. Doch die Reise zieht sich, denn New York befindet sich im Ausnahmezustand: Infolge eines Besuchs des Präsidenten sind zahlreiche Strassen abgeriegelt, der Verkehr steht still. Gleichzeitig findet ein zur Massenveranstaltung gewordener Beerdigungszug für einen berühmten Musiker statt und in Manhattan ist eine antikapitalistische Demonstration im Gange. Die Sache wird zusätzlich verkompliziert, als Erics Sicherheitschef Torval (Kevin Durand) die Nachricht erhält, das Leben seines Schützlings sei durch zwei "ernstzunehmende Bedrohungen" in Gefahr. Das hält Eric aber nicht davon ab, sich auf seiner Odyssee mit seiner neuen Frau (Sarah Gadon), seiner Geliebten (Juliette Binoche), seinem Geschäftspartner (Jay Baruchel), seinem Hausarzt, der ihm mitteilt, er habe eine asymmetrische Prostata – was bedeutet das? –, und seiner Finanzberaterin (Samantha Morton) zu treffen und sein ganzes Vermögen mit einer riskanten Spekulation aufs Spiel zu setzen.

Der Kapitalist, eingesargt in der Stretchlimousine: Der Multimilliardär Eric Packer (Robert Pattinson) lässt sich im Schritttempo durch New York chauffieren.
New York gehört zu den lautesten Städten der Welt. In den von Wolkenkratzern gesäumten Strassenschluchten sammeln sich Baulärm, Verkehrsgeräusche, das Treiben von Hunderttausenden von Menschen. Doch Eric Packers Limousine ist immun dagegen: Sie ist "proustifiziert", mit Kork ausgekleidet wie das Studierzimmer des französischen Autors, völlig schalldicht; jede Form von Aussenlärm wird geschluckt. Das opulente, mit Computern, Panzerverkleidung, einem Sicherheitssystem, sogar einer Toilette ausgestattete Luxusvehikel ist mehr als ein Refugium des superreichen Magnaten. Es ist eine Gegenwelt, ein Vakuum; die Existenz der sie umgebenden Stadt ist unwichtig, ja kaum bemerkbar. Mit einem die Filme der Neunzigerjahre evozierenden Weitwinkelobjektiv wird die Weite des eingeengten Raumes angedeutet. Es herrscht eine klinische, gespenstische Stille, das einzig wirklich Hörbare sind die Gespräche, die Eric mit seinen Besuchern führt. Diese drehen sich um Geld, um Firewalls, um riskante Börsengeschäfte, um Statistiken und Zahlen, bedeutungslosen Sex – die Limousine ist, wie Eric selber, frei von Gefühlen (einzig der Tod eines von ihm verehrten Rappers entlockt ihm eine menschliche Regung), also flüchtet er sich in zynische Exzesse. Er, der archetypische Kapitalist, sieht zu, wie sein Imperium in sich zusammenfällt, zuckt dabei aber nicht mit der Wimper. Er spielt mit dem Gedanken, sich ungeheure Schmerzen zuzufügen, nur um endlich etwas zu spüren. Gleichzeitig aber ist er getrieben von einer arroganten Egozentrik und einer unstillbaren Gier: Ihm wird ein Bild von Mark Rothko angeboten, Eric will die ganze – unverkäufliche – Rothko-Kapelle. Er wacht mit dem Gefühl auf, seine Haare schneiden zu müssen, also muss er sie sich von seinem Hauscoiffeur schneiden lassen, ungeachtet der gegebenen Bedingungen des Tages.

Auf der Suche nach neuen Gefühlen: Eric im Haus des mysteriösen Benno (Paul Giamatti).
Cronenberg übernimmt DeLillos Dialoge oft Wort für Wort, um die Tragödie und die Irrationalität des Finanzkapitalismus zu illustrieren. Dies führt zwar mehrfach zu irritierend gestelzten, ausgedehnten Austauschen, die durch die unterkühlten schauspielerischen Darbietungen noch unterstützt werden; doch das Gefühl, dass es sich dabei um eiskaltes Kalkül des Regisseurs handelt, lässt sich nicht abschütteln. Cronenberg erweitert DeLillos Vision einer entmenschlichten Geschäftswelt durch distanzierte Dialoge und "leere" Gesichtsausdrücke. Der Kapitalismus wird gnadenlos zerlegt und seziert. In der Limousine wird fast beiläufig über Geld und seine Wertlosigkeit philosophiert; die von Samantha Morton gespielte Finanztheoretikerin (!) wiederholt fortwährend den Satz "I understand none of this" und weist darauf hin, dass auch eine Ratte ein valables Zahlungsmittel sein könnte, solange sich nur genug Menschen darauf einlassen würden. Die anarchistischen Demonstranten berauben Erics Karosse ihres oberflächlichen Glanzes, während sie in Anlehnung an Marx' Kommunistisches Manifest die Parole "A specter is haunting the world. The specter of capitalism." verbreiten. Cronenberg enttarnt das System aus Daten, Devisen, Dividenden als eine einzige grosse Illusion, ein Nichts, dessen wahnwitzige Wankelmütigkeit jeglichen Fortschritt lähmt – die amerikanische Börse stockt wegen einer einzelnen Pause in einer Rede des Finanzministers; er beruft sich auf das marxistische Postulat des sich selber übersättigenden Kapitalismus – "wealth for its own sake"; und als Eric schlussendlich seinem potenziellen Mörder gegenübersteht, zieht er die logische Konsequenz. "I wanted you to save me" sind die letzten Worte des Films. Paul Giamatti spricht sie, während er Eric eine Waffe an den Kopf hält. Die Heilsverkündung des Kapitalismus ist die Aussicht, allen zu finanziellem Wohlstand zu verhelfen, sie ist seine einzige Existenzberechtigung. Hält er sein Versprechen nicht, ist sein Anspruch, das allgemein gültige System zu sein, verwirkt; er muss zerstört werden.

Cosmopolis ist ein wuchtiges Stück politisches Kino. David Cronenberg verfolgt seine – und Don DeLillos – Mission kompromisslos; er liefert keine Psychologisierung der parabelhaften Hauptfigur; er verzichtet auf versöhnliche Töne. Es ist ein überaus parteiischer Film, der auf hochgradig komplexe Art und Weise die globale antikapitalistische Revolution ausruft. Predigt er das Offensichtliche? Gut möglich, doch wie die gegen ihn vorgebrachten Vorwürfe, er sei "hohl", "oberflächlich" und "pseudointellektuell" zeigen, haben allzu viele Menschen das Offensichtliche noch nicht verstanden.

★★★★