Montag, 27. Februar 2012

Award Season: Academy Awards 2012


Bester Film: The Artist
Beste Regie: Michel Hazanavicius – The Artist
Bester Hauptdarsteller: Jean Dujardin – The Artist
Beste Hauptdarstellerin: Meryl Streep – The Iron Lady
Bester Nebendarsteller: Christopher Plummer – Beginners
Beste Nebendarstellerin: Octavia Spencer – The Help
Bestes Originaldrehbuch: Woody Allen – Midnight in Paris
Bestes adaptiertes Drehbuch: Alexander Payne, Nat Faxon, Jim Rash The Descendants
Bester fremdsprachiger Film: A Separation (Iran)
Bester Dokumentarfilm: Undefeated
Bester Animationsfilm: Rango
Beste Kamera: Robert Richardson – Hugo
Bester Schnitt: Kirk Baxter, Angus Wall – The Girl with the Dragon Tattoo
Beste Ausstattung: Dante Ferretti, Francesca Lo Schiavo – Hugo
Beste Kostüme: Mark Bridges – The Artist
Beste Musik: Ludovic Bource – The Artist
Bester Song: "Man or Muppet" (Bret McKenzie) – The Muppets
Bester Ton: Tom Fleischman, John Midgley – Hugo
Bester Tonschnitt: Philip Stockton, Eugene Gearty – Hugo
Beste Effekte: Rob Legato, Joss Williams, Ben Grossman, Alex Henning – Hugo
Bestes Makeup: Mark Coulier, J. Roy Helland – The Iron Lady
Beste Kurzdokumentation: Saving Face
Bester Animationskurzfilm: The Fantastic Flying Books of Mr. Morris Lessmore
Bester Kurzfilm: The Shore

Sonntag, 26. Februar 2012

Your Guide to the Oscars – Final Predictions


Yes, it’s that time of year again. Tomorrow night, the annual Academy Awards are held in Los Angeles for the 84th time, celebrating another year of exellence in film. So here is my list of the categories, my preferences, my predictions, and my comments. And since I’ve been following the race ever since the end of last November, many of my bets may actually be accurate – save for a radical change in Academy tendencies.

Ganzer Artikel auf The Zurich English Student (online einsehbar).

Samstag, 25. Februar 2012

Extremely Loud & Incredibly Close

Etwas mehr als zehn Jahre nach den Ereignissen des 11. Septembers 2001 ist in den USA die Erinnerung an die Angriffe auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington immer noch frisch, das Trauma noch längst nicht überwunden. Entsprechend sensibel reagieren gewisse Amerikaner auf fiktionalisierte Erzählungen, welche sich mit 9/11 auseinandersetzen; so klagte der grosse Literat John Updike Jonathan Safran Foers Roman Extremely Loud & Incredibly Close (2005) an, eine globale Tragödie für seine eigenen Zwecke zu missbrauchen. Von ähnlichen Stimmen wird nun auch das Erscheinen der Kinoadaption des Buches begleitet. Über Sinn und Unsinn dieser Diskussion lässt sich endlos debattieren; Tatsache ist, dass der neue Film von Erfolgsregisseur Stephen Daldry (Billy Elliot, The Reader) zwar mit den Verfehlungen der Vorlage zu kämpfen hat, sich aber als emotional stichhaltiges Drama um den Verlust eines Familienangehörigen aus der Sicht eines Kindes präsentiert.

Ein Jahr ist vergangen, seit Thomas Schell (Tom Hanks) bei den 9/11-Terroranschlägen ums Leben kam. Während seine Frau (Sandra Bullock) sich alle Mühe gibt, wieder ins Leben zurückzufinden, wird ihr scheuer Sohn Oskar (Thomas Horn), der möglicherweise am Asperger-Syndrom leidet, zunehmend verschlossener und unberechenbarer. Als dieser sich eines Tages im Schrank seines geliebten Vaters umsieht, entdeckt er in einem mit "Black" beschriebenen Umschlag einen kleinen Schlüssel. Da ihn Thomas früher immer auf Schnitzeljagden durch New York schickte – immer mit dem Ziel, ihn dazu zu bringen, sich mit Menschen zu unterhalten –, folgert Oskar, der Schlüssel würde dem Tod seines Vaters irgendeinen Sinn geben. Also macht er sich auf, alle 472 in der Stadt lebenden Blacks zu finden, wie das sich entfremdende Ehepaar Abby (Viola Davis) und William Black (Jeffrey Wright). Auf seiner Reise begegnet ihm auch der mysteriöse "Renter" (Max von Sydow), der namenlose Untermieter von Oskars Grossmutter, der kein Wort spricht und sich nur mittels Notizzetteln und auf seine Handflächen tätowierten Wörtern – "Yes" auf der einen, "No" auf der andern – mitteilt.

Glückliche Zeiten: Thomas Schell (Tom Hanks) mit seinem Sohn Oskar (Thomas Horn).
Wer sich Extremely Loud & Incredibly Close zu Gemüte führt, wird sich selbst unweigerlich mit einigen kritischen Fragen bezüglich der Prämisse konfrontiert sehen. Warum muss Thomas am 11. September sterben, wenn ein Autounfall oder ein "regulärer" Flugzeugabsturz die Geschichte nicht massgeblich verändert hätten? Verliert der Film nicht an Realitätsbähe und Identifikationspotential, wenn die Hauptfigur kein normaler Zehnjähriger, sondern ein überbegabter kleiner Erwachsener, also durch und durch ein Kunstprodukt, ist? Dies sind Fragen, die wohl nur der Buchautor beantworten könnte, da eine werkgetreue Filmadaption mit diesen problematischen Grundvoraussetzungen wohl oder übel operieren muss. Diese arbeiteten Stephen Daldry und Autor Eric Roth, der sich in Hollywood mittlerweile als Experte für ebenso gefühlvolle wie skurrile Reisen etabliert hat – die Drehbücher zu Forrest Gump und The Curious Case of Benjamin Button stammen aus seiner Feder –, jedoch sehr elegant in ihre Verfilmung ein. Der Fokus liegt nicht auf 9/11 und die Beziehung zu Oskar ist, wenn nicht gerade innig, immerhin stabil genug, um mit ihm letzten Endes mitzufühlen. Auch ist es dem Film hoch anzurechnen, dass Kitsch und Rührseligkeit – immer schon eine kleine Schwäche Roths –, weitestgehend ausgewichen und stattdessen die emotionale Entwicklung seines Hauptcharakters betont wird. Dies geht löblicherweise so weit, dass die Kinderperspektive bis zum Schluss konsequent erhalten bleibt, sodass am Ende einige Fragen unbeantwortet bleiben, was allerdings nicht störend wirkt, sondern sich sehr harmonisch in die Erzählung einfügt.

Dennoch lassen Skript und Inszenierung in einigen formalen Punkten etwas zu wünschen übrig. Roth begnügt sich allzu oft damit, sein Quellenmaterial verbatim wiederzugeben, was zu einigen schmerzlichen Szenen führt, in welchen die Protagonisten, insbesondere Sandra Bullocks Linda Schell, gezwungen sind, künstliche Platitüden herunterzubeten ("Why do you want to come in here?" – "Because I want to tell you I love you"), die, richtig eingesetzt, auf Papier wohl einigermassen funktionieren, gesprochen ihre Wirkung aber verfehlen. Daldry hingegen, obwohl nicht nur ein erfolgreicher, sondern fraglos auch enorm begabter Regisseur, bekundet ungewohnte Probleme damit, seinem Film einen einheitlichen dramaturgischen Rahmen zu geben. Dass etwa diverse Passagen während der ersten Stunde, passend zu Oskars aufgewühltem Seelenzustand, in Hochgeschwindigkeit abgespielt werden, verliert stetig an Reiz, bis sich das Gefühl einer sich ewig wiederholenden Montagesequenz einstellt. Dadurch entsteht eine unangenehm verkrampfte, übertrieben ernste Atmosphäre, welche das Interesse des Zuschauers an Oskars Schicksal zu untergraben droht.

Ein stummer Begleiter: Der namenlose "Renter" (Max von Sydow) hilft Oskar bei seiner Suche.
Und genau in diesen Minuten erweist sich der Auftritt der Figur des geheimnisvollen Mieters als Retter in der Not. Kaum betritt Max von Sydow die Leinwand, entspannt sich die ganze Angelegenheit merklich; der Film wird lockerer; das bis dato eher lauwarme Verhältnis des Zuschauers zum Geschehen wird intensiver. An Renter an sich liegt dies nicht unbedingt, da auch dieser ein recht unrealistisches Konstrukt ist; es ist vielmehr die zurückhaltend-subtile, äusserst berührende und von feinem Witz durchsetzte Darbietung von Sydows, welche Extremely Loud & Incredibly Close davor bewahrt, in der eigenen Melancholie zu ertrinken. Ohne ein einziges Wort von sich zu geben, spielt der 82-jährige Starmime aus Schweden seine Kollegen mühelos an die Wand, obwohl diese ebenfalls beachtliche Leistungen erbringen, besonders Viola Davis und Jeffrey Wright. Jungschauspieler Thomas Horn wiederum, der nach seinem Sieg in der Kinderausgabe der Spielshow Jeopardy! von Produzent Scott Rudin angeheuert wurde, verdient sich durch die Art, seinen altklugen Text in einem nervigen Halbflüsterton vorzutragen, keine Sympathiepunkte, schlägt sich aber wacker für einen 14-Jährigen ohne Schauspielerfahrung.

Extremely Loud & Incredibly Close ist weder eine virtuose Aufarbeitung des amerikanischen 9/11-Traumas, noch ein schamloses Ausnützen der Tragödie. Den grössten Vorwurf, den man dem Film in dieser Hinsicht machen kann, ist der, dass er auch gut und gerne ohne den reisserisch anmutenden Hintergrund auskäme. Ansonsten ist Stephen Daldrys vierte Regie-Arbeit ein nicht allzu bemerkenswertes Drama, welches vor allem dank einer soliden Entwicklungsgeschichte und einer sensationellen Performance Max von Sydows in guter Erinnerung bleibt.

★★★★

Donnerstag, 23. Februar 2012

Young Adult

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Erstmals seit Juno arbeiten Regisseur Jason Reitman und Autorin Diablo Cody wieder zusammen. Wie schon im Publikumsliebling von 2007 geht es in Young Adult, einem Coming-of-Age-Film der angenehm anderen Art, um die Crux des Erwachsenwerdens.

Mavis (Charlize Theron) ist 37 Jahre alt, frisch geschieden und wohnt mit Hündchen Dulce in einem Appartementkomplex in der amerikanischen Midwest-Metropole Minneapolis. Ihren Lebensunterhalt verdient sie sich als Ghostwriterin einer sich unaufhaltsam dem Ende zuneigenden, weil nicht mehr zeitgemässen, Serie von Teenager-Romanen. Durch ein E-Mail ihrer alten Flamme Buddy (Patrick Wilson) wird sie unversehens aus dem ewig gleichen Trott – schreiben, in Fast-Food-Restaurants herumhängen, nichtige Liebesaffären hinter sich bringen – gerissen: Ihr High-School-Liebhaber ist gerade Vater geworden und hat das Foto des Säuglings an alle seine Mail-Kontakte verschickt. Mavis deutet dies als ein Zeichen, dass Buddy sich nach ihr sehnt; also packt sie einen Koffer und kehrt an ihren Heimatort, die gesichtslose Kleinstadt Mercury, zurück. Überzeugt davon, dass das glückliche Leben ihres Ex-Freundes nur eine Scharade ist, versucht Mavis, ihn zurückzugewinnen. Derweil der seit einem brutalen Schläger-Übergriff gehbehinderte Matt (Patton Oswalt), der gleichzeitig mit Mavis zur Schule ging, vergeblich versucht, sie zur Vernunft zu bringen.

Jason Reitman scheint sich darauf spezialisiert zu haben, sich in seinen Filmen eher unsympathischen Protagonisten zu widmen. Tabak-Lobbyist Nick Naylor (Thank You for Smoking, 2005) und der mietbare "Entlasser" Ryan Bingham (Up in the Air, 2009) waren beides aalglatte Zyniker, welche in ihren jeweiligen Voiceovers nicht einmal versuchten, ihren Charakter schönzureden; Mavis Gary schlägt in eine ähnliche Kerbe, auch wenn ihr der hinterhältige Charme der beiden Männer fehlt, was es nicht ganz einfach macht, sich in sie hineinzufühlen. Doch Charlize Theron entdeckt in ihrer im Teenageralter hängen gebliebenen Zicke – man kann es nicht anders sagen – ungeahnte Tiefen, besonders in ihren Gesprächen mit dem ruhigen Matt, grossartig gespielt von Stand-Up-Comedian Patton Oswalt, dessen Ehrlichkeit und bescheidene Zufriedenheit Mavis' Gebäude von Lebenslügen trefflich kontrastieren.

Mittdreissigerin Mavis Gary (Charlize Theron) stattet ihrem Heimatort einen Besuch ab.
Trotz seiner schwierigen Hauptfigur funktioniert Young Adult als Charakterstudie hervorragend, nicht nur dank Therons Schauspielleistung, sondern auch dank Diablo Codys lebensechtem Drehbuch. Wie in Juno stellt sie auch hier ihr Gespür für feine Charakterzeichnung, schräge Dialoge und unangenehme Situationen unter Beweis – etwa wenn Mavis Buddy ihre Liebe eingesteht, überzeugt davon, dass diese auf Gegenseitigkeit beruht, und lauthals beginnt, Pläne für die Zukunft zu schmieden, ohne auf die Proteste ihres naiven Gegenübers einzugehen. Ein mittelmässiges Skript hätte Mavis leicht der Lächerlichkeit preisgegeben; doch durch Codys Qualitäten als Autorin wird Mavis zu einer bemitleidenswerten Figur, deren Entfremdung von ihren Altersgenossen – Erinnerungen an Daniel Cloves' Comic Ghost World (plus Verfilmung) werden wach –, hervorgerufen durch ihre Weigerung oder Unfähigkeit, sich dem Leben zu stellen, äusserst tragisch wirkt, sodass jeder Lacher auch einen kleinen Stich ins Herz verursacht.

★★★★½

Samstag, 18. Februar 2012

War Horse

Steven Spielberg, nicht selten als einer der besten Regisseure aller Zeiten genannt, sicher der finanziell erfolgreichste, nahm sich nach dem 2008 erschienenen, kritisch gefloppten Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull eine dreijährige Auszeit, in der er es beim Produzieren beliess. Im vergangenen Jahr erfolgte gleich ein doppeltes Comeback. Zuerst adaptierte er drei von Hergés Tintin-Geschichten im grossen Stil, gefolgt von War Horse, der für sechs Oscars nominierten Verfilmung von Michael Morpurgos Kinderbuch von 1982 und der darauf basierenden Bühnenfassung von 2007. Dieser ist nicht, wie von Morpurgo erhofft, ein "ikonischer Film über den Ersten Weltkrieg, womöglich so grossartig wie All Quiet on the Western Front", sondern vielmehr ein Lehrstück über Spielbergs grösste Schwächen und Stärken.

Im südwestenglischen Devon kommt zu Beginn der 1910er Jahre ein Fohlen zur Welt. Mit dabei bei der Geburt ist der Teenager Albert Narracott (Jeremy Irvine), der vom Neugeborenen sogleich fasziniert ist, dessen Annäherungsversuche aber von der Mutter des Tieres immer wieder gestört werden. Als das junge Vollblut später versteigert wird, bietet Alberts Vater, der arme Bauer Ted (Peter Mullan), energisch mit, nur um seinen Pächter (David Thewlis) zu übertrumpfen. Das Prachtspferd geht in den Besitz der Narracotts über, die aber eher auf einen kräftigen Ackergaul angewiesen wären. Albert übernimmt die Verantwortung dafür, seinen Schützling, den er Joey "tauft", innert eines Monats zu zähmen und ihn zum Pflügen zu bringen – andernfalls bringt seine Mutter (Emily Watson) Joey zu seinen ursprünglichen Besitzern zurück. Zwar gelingt dem Jungen nach einigen Mühen die Zähmung, doch ein Unwetter zerstört die Ernte der Narracotts. Da kommt dem vor lauter Geldnot verzweifelnden Ted der Ausbruch des Ersten Weltkrieges gerade recht: Er verkauft das Pferd an die britische Armee, wo es beim sympathischen Captain Nicholls (Tom Hiddleston) landet. Dieser gerät unter der Führung seines Vorgesetzten und Freundes, Major Jamie Stewart (der wie gewohnt erstklassige Benedict Cumberbatch), bei einem Angriff auf ein deutsches Heerlager in Frankreich in einen Hinterhalt und stirbt; Stewart wird gefangen genommen. Joey und Topthorn, das Pferd des Majors, werden derweil von den Deutschen eingefangen und begeben sich auf eine vierjährige Odyssee durch das kriegsgeschundene Europa.

Zuhause auf dem Hof: Noch sind Albert (Jeremy Irvine) und Joey glücklich vereint.
Nach diversen Filmen über den Zweiten Weltkrieg – Empire of the Sun, Schindler's List, Saving Private Ryan – wandte sich Spielberg in War Horse nun erstmals dem Ersten, dem "grossen Verlustkrieg" zu, dem brutalen Ende des imperialistischen Zeitalters. Doch anders als in den früheren Werken liegt hier der Fokus nicht auf Personen, die aufgrund des Krieges eine Veränderung durchmachen; die einzige Konstante, dem Quellenmaterial entsprechend, ist Joey, der mit seinem Kameraden Topthorn im 20-Minuten-Takt den Besitzer wechselt. Selbst Albert, die eigentliche menschliche Hauptfigur verschwindet während des ausgedehnten zweiten Aktes spurlos aus der Geschichte. Diese ist aus zahlreichen Nebenplots zusammengesetzt, die offenkundig um ein möglichst ausgeglichenes Bild vom Leben an der Westfront bemüht sind. Joey und Topthorn treffen nacheinander auf deutsche Deserteure (David Kross und Leonard Carow), einen französischen Bauern (Niels Arestrup) und dessen Enkelin sowie einen von seinem Gewissen geplagten deutschen Frontsoldaten und Pferdefreund (Nicolas Bro). Zwar gelingt es den Autoren, Richard Curtis und Lee Hall, trotz dieses Erzählstils eine gewisse Stringenz zu halten, doch vor einigen einschneidenden Problemen sind auch sie nicht gefeit. So wirkt es beispielsweise störend, dass in War Horse Vertreter jeder Nationalität Englisch sprechen und sich die Kriegsparteien nur durch ihre überzeichneten Akzente unterscheiden. Auch enden die verschiedenen Episoden teilweise recht unbefriedigend, weil vage und knapp – wenn sie denn überhaupt an ein Ende geführt und nicht halbherzig übergangen werden. Doch die grösste Schwäche des Drehbuches ist eine, die man nicht zum ersten Mal in einem Film Spielbergs vorfindet: Das Ganze leidet an kompletter Vorhersehbarkeit. Nicht nur der Ausgang der übergeordneten Geschichte ist von Anfang an offensichtlich; auch Details wie ein Geburtstagsgeschenk oder dem Tod geweihte Charaktere vermögen nicht zu überraschen.

Ein Kriegspferd: Wildfang Joey in einer englischen Kaserne.
Und dennoch – es mag paradox klingen – findet sich in War Horse auch die inszenatorische Klasse Spielbergs. Denn trotz des vorhersehbaren Plots und seiner Überlänge (150 Minuten), langweilt War Horse nicht; die Inszenierung ist stilsicher, elegant, während der Kriegsszenen sogar grandios. Tatkräftig unterstützt wird der Regisseur dabei von seinem langjährigen Mitarbeiter John Williams, dessen grossartige Musik höchstes Lob verdient, sowie von Kameramann Janusz Kamiński, der zwar die Farbstilisierung in der Tradition von Gone with the Wind in der finalen Szene masslos übertreibt, ansonsten aber mit brillanten Bildern und vorzüglicher Beleuchtung begeistert. Vom Technischen abgesehen, ist es zudem nahezu unmöglich, sich der emotionalen Komponente des Films zu entziehen. Machen sich Spielberg und seine Autoren des Kitsches, des Pathos, des Betätigens emotionaler Knöpfe, der Manipulation schuldig? Jawohl, und das immer wieder; aber das Schicksal der Protagonisten – primär jenes von Joey und Topthorn – geht trotzdem ans Herz, ob man Pferde nun mag oder nicht. Der Film bedient sich des altgedienten Prinzips der alles überdauernden Freundschaft und fährt damit ausserordentlich gut. War Horse lebt von einem den Zynismus des Zuschauers überwindenden Charme, der sich in mal humanistischen – ein Engländer und ein Deutscher befreien im verstummten, von Leichen übersäten Niemandsland ein in Stacheldraht verheddertes Pferd –, mal traurigen – Topthorns Ende –, mal triumphalen – Joeys ungebremster Galopp durch eine zerstörerische Schlacht –, immer hervorragend aufgezogenen Szenen niederschlägt.

Ob man den neuesten Kassenerfolg des Produzentenduos Spielberg/Kennedy mag oder nicht, hängt stark von der Gewichtung der einzelnen Aspekte ab. War Horse leidet an teilweise eklatanten Fehlern, schafft es aber stets, diese mit wunderschönen Aufnahmen, bewegender Musik, mitreissender Inszenierung und präzis gesetzten Gefühlsmomenten auszugleichen. Gewährt man dem Film Einlass in sein Herz, wird man feststellen, dass auch Kitsch und Pathos einen Platz darin haben – und dass es im zeitgenössischen Kino wohl keinen gibt, der daraus das Beste so effektiv herauszuholen vermag, wie Steven Spielberg.

★★★★

Donnerstag, 16. Februar 2012

Hugo

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Altmeister Martin Scorsese, dessen Werke sich oft durch einen rauen Ton und brutale Gewalt auszeichnen, drehte mit Hugo seinen ersten Familienfilm. Dieser mag formal unvollkommen sein, strotzt aber vor Begeisterung und Liebe, denn es geht um Scorseses grosse Leidenschaft: das Kino.

Paris, 1930: Der Waisenjunge Hugo Cabret (Asa Butterfield) lebt alleine in einem grossen Bahnhof und kümmert sich ums Funktionieren der dortigen Uhren. In seiner Freizeit versucht er, einen Roboter, den sein mittlerweile verstorbener Vater (Jude Law) einst in einem Museum fand, zu reparieren. Die dazu benötigten Teile stiehlt er aus dem Spielzeugladen des mürrisch-melancholischen Georges (Ben Kingsley). Als dieser den jungen Dieb endlich auf frischer Tat ertappt, nimmt er dessen Tüftler-Notizbuch an sich und droht, es zu verbrennen. Das kann Hugo selbstverständlich nicht zulassen, also folgt er Georges nach Hause, wo er dessen Patentochter Isabelle (Chloë Moretz) kennenlernt. Die beiden Kinder freunden sich schnell an; sie zeigt ihm im Buchladen von Monsieur Labisse (die 90-jährige Schauspielerlegende Christopher Lee) die Freuden der Literatur, während er sie ins Kino mitnimmt und ihr sogar seinen defekten Roboter zeigt. Wider Erwarten ist Isabelle in der Lage, diesen zu starten. Sogleich wird klar, dass die Maschine der Schlüssel zu Georges' sorgfältig gehüteter Vergangenheit ist.

Lernen vom Meister: Hugo (Asa Butterfield) erkennt langsam, dass Georges (Ben Kingsley) mehr als nur ein mürrischer Ladenbesitzer ist.
Hugo als blosses Kindermärchen einzustufen, wäre zu kurz gegriffen. Zwar steht ausser Frage, dass Kinder ihre Freude an Aspekten wie Dante Ferrettis bunter Ausstattung, dem elegant gehandhabten 3-D und den Missgeschicken des übereifrigen Stationsvorstehers (Sacha Baron "Borat" Cohen) – eine Reminiszenz an Peter Sellers' Inspector Clouseau aus den Pink Panther-Filmen? – haben werden. Doch Scorseses vorrangiges Zielpublikum sind Filmliebhaber und -aficionados; in seinem Kern ist der Film in erster Linie eine Verneigung vor seinem Medium und eine Art cineastisches Aufklappbuch. Als Aufhänger dienen dazu nicht nur zahllose feine Anspielungen auf Klassiker – von Modern Times und Intolerance über Metropolis bis zu La bête humaine –, sondern vor allem die Figur des Georges, bei welchem es sich um keinen Geringeren als Georges Méliès handelt, den Erfinder und Pionier des narrativen Kinos, der um die Jahrhundertwende frühe Meisterwerke wie Le voyage dans la lune (1902) oder Le voyage à travers l'impossible (1904) drehte, diese Berufung aber aufgrund neuer Publikationsstrategien und mangelnden Publikumszuspruchs während des Ersten Weltkrieges aufgeben musste.

Die schwärmerische, die Werke Frank Capras evozierende Geschichte, welche Drehbuchautor John Logan basierend auf einem Roman von Brian Selznick um diese Verneigung vor Méliès herum aufgezogen hat, ist zwar eindeutig nicht Scorseses Terrain, doch das Herzblut des Regisseurs ist in jeder virtuosen Einstellung spürbar – und dieses ansteckende Feuer für die Thematik hat zur Folge, dass der Film besser ist als die Summe seiner Einzelteile. Mit seinen vielen magischen Momenten erinnert Hugo daran, dass das Kino nichts anderes als ein Ort der Magie ist, wo Kreativität und Vorstellungskraft keine Grenzen gesetzt sind, und dass der Idee, Bewegung auf eine Rolle Film zu bannen, von Anfang an etwas grundsätzlich Revolutionäres innewohnte.

★★★★★