Montag, 27. Februar 2012
Award Season: Academy Awards 2012
Bester Film: The Artist
Beste Regie: Michel Hazanavicius – The Artist
Bester Hauptdarsteller: Jean Dujardin – The Artist
Beste Hauptdarstellerin: Meryl Streep – The Iron Lady
Bester Nebendarsteller: Christopher Plummer – Beginners
Beste Nebendarstellerin: Octavia Spencer – The Help
Bestes Originaldrehbuch: Woody Allen – Midnight in Paris
Bestes adaptiertes Drehbuch: Alexander Payne, Nat Faxon, Jim Rash – The Descendants
Bester fremdsprachiger Film: A Separation (Iran)
Bester Dokumentarfilm: Undefeated
Bester Animationsfilm: Rango
Beste Kamera: Robert Richardson – Hugo
Bester Schnitt: Kirk Baxter, Angus Wall – The Girl with the Dragon Tattoo
Beste Ausstattung: Dante Ferretti, Francesca Lo Schiavo – Hugo
Beste Kostüme: Mark Bridges – The Artist
Beste Musik: Ludovic Bource – The Artist
Bester Song: "Man or Muppet" (Bret McKenzie) – The Muppets
Bester Ton: Tom Fleischman, John Midgley – Hugo
Bester Tonschnitt: Philip Stockton, Eugene Gearty – Hugo
Beste Effekte: Rob Legato, Joss Williams, Ben Grossman, Alex Henning – Hugo
Bestes Makeup: Mark Coulier, J. Roy Helland – The Iron Lady
Beste Kurzdokumentation: Saving Face
Bester Animationskurzfilm: The Fantastic Flying Books of Mr. Morris Lessmore
Bester Kurzfilm: The Shore
Sonntag, 26. Februar 2012
Your Guide to the Oscars – Final Predictions
Yes, it’s that time of year again. Tomorrow night, the annual Academy Awards are held in Los Angeles for the 84th time, celebrating another year of exellence in film. So here is my list of the categories, my preferences, my predictions, and my comments. And since I’ve been following the race ever since the end of last November, many of my bets may actually be accurate – save for a radical change in Academy tendencies.
Ganzer Artikel auf The Zurich English Student (online einsehbar).
Samstag, 25. Februar 2012
Extremely Loud & Incredibly Close
Etwas
mehr als zehn Jahre nach den Ereignissen des 11. Septembers 2001 ist
in den USA die Erinnerung an die Angriffe auf das World Trade Center
in New York und das Pentagon in Washington immer noch frisch, das
Trauma noch längst nicht überwunden. Entsprechend sensibel
reagieren gewisse Amerikaner auf fiktionalisierte Erzählungen,
welche sich mit 9/11 auseinandersetzen; so klagte der grosse Literat
John Updike Jonathan Safran Foers Roman Extremely Loud &
Incredibly Close (2005) an, eine
globale Tragödie für seine eigenen Zwecke zu missbrauchen. Von
ähnlichen Stimmen wird nun auch das Erscheinen der Kinoadaption des
Buches begleitet. Über Sinn und Unsinn dieser Diskussion lässt sich
endlos debattieren; Tatsache ist, dass der neue Film von
Erfolgsregisseur Stephen Daldry (Billy Elliot,
The Reader) zwar mit
den Verfehlungen der Vorlage zu kämpfen hat, sich aber als emotional
stichhaltiges Drama um den Verlust eines Familienangehörigen aus der
Sicht eines Kindes präsentiert.
Ein Jahr ist vergangen, seit Thomas Schell (Tom Hanks) bei den
9/11-Terroranschlägen ums Leben kam. Während seine Frau (Sandra
Bullock) sich alle Mühe gibt, wieder ins Leben zurückzufinden, wird
ihr scheuer Sohn Oskar (Thomas Horn), der möglicherweise am
Asperger-Syndrom leidet, zunehmend verschlossener und
unberechenbarer. Als dieser sich eines Tages im Schrank seines
geliebten Vaters umsieht, entdeckt er in einem mit "Black"
beschriebenen Umschlag einen kleinen Schlüssel. Da ihn Thomas früher
immer auf Schnitzeljagden durch New York schickte – immer mit dem
Ziel, ihn dazu zu bringen, sich mit Menschen zu unterhalten –,
folgert Oskar, der Schlüssel würde dem Tod seines Vaters
irgendeinen Sinn geben. Also macht er sich auf, alle 472 in der Stadt
lebenden Blacks zu finden, wie das sich entfremdende Ehepaar Abby
(Viola Davis) und William Black (Jeffrey Wright). Auf seiner Reise
begegnet ihm auch der mysteriöse "Renter" (Max von Sydow),
der namenlose Untermieter von Oskars Grossmutter, der kein Wort
spricht und sich nur mittels Notizzetteln und auf seine Handflächen
tätowierten Wörtern – "Yes" auf der einen, "No"
auf der andern – mitteilt.
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| Glückliche Zeiten: Thomas Schell (Tom Hanks) mit seinem Sohn Oskar (Thomas Horn). |
Wer
sich Extremely Loud & Incredibly Close zu
Gemüte führt, wird sich selbst unweigerlich mit einigen kritischen
Fragen bezüglich der Prämisse konfrontiert sehen. Warum muss Thomas
am 11. September sterben, wenn ein Autounfall oder ein "regulärer"
Flugzeugabsturz die Geschichte nicht massgeblich verändert hätten?
Verliert der Film nicht an Realitätsbähe und
Identifikationspotential, wenn die Hauptfigur kein normaler
Zehnjähriger, sondern ein überbegabter kleiner Erwachsener, also
durch und durch ein Kunstprodukt, ist? Dies sind Fragen, die wohl nur
der Buchautor beantworten könnte, da eine werkgetreue Filmadaption
mit diesen problematischen Grundvoraussetzungen wohl oder übel
operieren muss. Diese arbeiteten Stephen Daldry und Autor Eric Roth,
der sich in Hollywood mittlerweile als Experte für ebenso
gefühlvolle wie skurrile Reisen etabliert hat – die Drehbücher zu
Forrest Gump und The
Curious Case of Benjamin Button stammen
aus seiner Feder –, jedoch sehr elegant in ihre Verfilmung ein. Der
Fokus liegt nicht auf 9/11 und die Beziehung zu Oskar ist, wenn nicht
gerade innig, immerhin stabil genug, um mit ihm letzten Endes
mitzufühlen. Auch ist es dem Film hoch anzurechnen, dass Kitsch und
Rührseligkeit – immer schon eine kleine Schwäche Roths –,
weitestgehend ausgewichen und stattdessen die emotionale Entwicklung
seines Hauptcharakters betont wird. Dies geht löblicherweise so
weit, dass die Kinderperspektive bis zum Schluss konsequent erhalten
bleibt, sodass am Ende einige Fragen unbeantwortet bleiben, was
allerdings nicht störend wirkt, sondern sich sehr harmonisch in die
Erzählung einfügt.
Dennoch
lassen Skript und Inszenierung in einigen formalen Punkten etwas zu
wünschen übrig. Roth begnügt sich allzu oft damit, sein
Quellenmaterial verbatim wiederzugeben, was zu einigen schmerzlichen
Szenen führt, in welchen die Protagonisten, insbesondere Sandra
Bullocks Linda Schell, gezwungen sind, künstliche Platitüden
herunterzubeten ("Why do you want to come in here?" –
"Because I want to tell you I love you"), die, richtig
eingesetzt, auf Papier wohl einigermassen funktionieren, gesprochen
ihre Wirkung aber verfehlen. Daldry hingegen, obwohl nicht nur ein
erfolgreicher, sondern fraglos auch enorm begabter Regisseur,
bekundet ungewohnte Probleme damit, seinem Film einen einheitlichen
dramaturgischen Rahmen zu geben. Dass etwa diverse Passagen während
der ersten Stunde, passend zu Oskars aufgewühltem Seelenzustand, in
Hochgeschwindigkeit abgespielt werden, verliert stetig an Reiz, bis
sich das Gefühl einer sich ewig wiederholenden Montagesequenz
einstellt. Dadurch entsteht eine unangenehm verkrampfte, übertrieben
ernste Atmosphäre, welche das Interesse des Zuschauers an Oskars
Schicksal zu untergraben droht.
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| Ein stummer Begleiter: Der namenlose "Renter" (Max von Sydow) hilft Oskar bei seiner Suche. |
Und
genau in diesen Minuten erweist sich der Auftritt der Figur des
geheimnisvollen Mieters als Retter in der Not. Kaum betritt Max von
Sydow die Leinwand, entspannt sich die ganze Angelegenheit merklich;
der Film wird lockerer; das bis dato eher lauwarme Verhältnis des
Zuschauers zum Geschehen wird intensiver. An Renter an sich liegt
dies nicht unbedingt, da auch dieser ein recht unrealistisches
Konstrukt ist; es ist vielmehr die zurückhaltend-subtile, äusserst
berührende und von feinem Witz durchsetzte Darbietung von Sydows,
welche Extremely Loud & Incredibly Close davor
bewahrt, in der eigenen Melancholie zu ertrinken. Ohne ein einziges
Wort von sich zu geben, spielt der 82-jährige Starmime aus Schweden
seine Kollegen mühelos an die Wand, obwohl diese ebenfalls
beachtliche Leistungen erbringen, besonders Viola Davis und Jeffrey
Wright. Jungschauspieler Thomas Horn wiederum, der nach seinem Sieg
in der Kinderausgabe der Spielshow Jeopardy! von
Produzent Scott Rudin angeheuert wurde, verdient sich durch die Art,
seinen altklugen Text in einem nervigen Halbflüsterton vorzutragen,
keine Sympathiepunkte, schlägt sich aber wacker für einen
14-Jährigen ohne Schauspielerfahrung.
Extremely
Loud & Incredibly Close ist
weder eine virtuose Aufarbeitung des amerikanischen 9/11-Traumas,
noch ein schamloses Ausnützen der Tragödie. Den grössten Vorwurf,
den man dem Film in dieser Hinsicht machen kann, ist der, dass er
auch gut und gerne ohne den reisserisch anmutenden Hintergrund
auskäme. Ansonsten ist Stephen Daldrys vierte Regie-Arbeit ein nicht
allzu bemerkenswertes Drama, welches vor allem dank einer
soliden Entwicklungsgeschichte und einer sensationellen Performance
Max von Sydows in guter Erinnerung bleibt.
★★★★☆☆
Donnerstag, 23. Februar 2012
Young Adult
Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.
Erstmals seit Juno arbeiten Regisseur Jason Reitman und Autorin
Diablo Cody wieder zusammen. Wie schon im Publikumsliebling von 2007
geht es in Young Adult, einem Coming-of-Age-Film der angenehm
anderen Art, um die Crux des Erwachsenwerdens.
Mavis (Charlize Theron) ist 37 Jahre alt, frisch geschieden und wohnt
mit Hündchen Dulce in einem Appartementkomplex in der amerikanischen
Midwest-Metropole Minneapolis. Ihren Lebensunterhalt verdient sie
sich als Ghostwriterin einer sich unaufhaltsam dem Ende zuneigenden,
weil nicht mehr zeitgemässen, Serie von Teenager-Romanen. Durch ein
E-Mail ihrer alten Flamme Buddy (Patrick Wilson) wird sie unversehens
aus dem ewig gleichen Trott – schreiben, in Fast-Food-Restaurants
herumhängen, nichtige Liebesaffären hinter sich bringen –
gerissen: Ihr High-School-Liebhaber ist gerade Vater geworden und hat
das Foto des Säuglings an alle seine Mail-Kontakte verschickt. Mavis
deutet dies als ein Zeichen, dass Buddy sich nach ihr sehnt; also
packt sie einen Koffer und kehrt an ihren Heimatort, die gesichtslose
Kleinstadt Mercury, zurück. Überzeugt davon, dass das glückliche
Leben ihres Ex-Freundes nur eine Scharade ist, versucht Mavis, ihn
zurückzugewinnen. Derweil der seit einem brutalen Schläger-Übergriff
gehbehinderte Matt (Patton Oswalt), der gleichzeitig mit Mavis zur
Schule ging, vergeblich versucht, sie zur Vernunft zu bringen.
Jason Reitman scheint sich darauf spezialisiert zu haben, sich in
seinen Filmen eher unsympathischen Protagonisten zu widmen.
Tabak-Lobbyist Nick Naylor (Thank You for Smoking, 2005) und
der mietbare "Entlasser" Ryan Bingham (Up in the Air, 2009)
waren beides aalglatte Zyniker, welche in ihren jeweiligen Voiceovers
nicht einmal versuchten, ihren Charakter schönzureden; Mavis Gary
schlägt in eine ähnliche Kerbe, auch wenn ihr der hinterhältige
Charme der beiden Männer fehlt, was es nicht ganz einfach macht,
sich in sie hineinzufühlen. Doch Charlize Theron entdeckt in ihrer
im Teenageralter hängen gebliebenen Zicke – man kann es nicht
anders sagen – ungeahnte Tiefen, besonders in ihren Gesprächen mit
dem ruhigen Matt, grossartig gespielt von Stand-Up-Comedian Patton
Oswalt, dessen Ehrlichkeit und bescheidene Zufriedenheit Mavis'
Gebäude von Lebenslügen trefflich kontrastieren.
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Mittdreissigerin Mavis Gary (Charlize Theron) stattet ihrem Heimatort
einen Besuch ab.
|
★★★★½
Samstag, 18. Februar 2012
War Horse
Steven
Spielberg, nicht selten als einer der besten Regisseure aller Zeiten
genannt, sicher der finanziell erfolgreichste, nahm
sich nach dem 2008 erschienenen, kritisch gefloppten Indiana
Jones and the Kingdom of the Crystal Skull
eine dreijährige Auszeit, in der er es beim Produzieren beliess. Im
vergangenen Jahr erfolgte gleich ein doppeltes Comeback. Zuerst
adaptierte er drei von Hergés Tintin-Geschichten
im grossen Stil, gefolgt von War Horse,
der für sechs Oscars nominierten Verfilmung von Michael Morpurgos
Kinderbuch von 1982 und der darauf basierenden Bühnenfassung von
2007. Dieser ist nicht, wie von Morpurgo erhofft, ein "ikonischer
Film über den Ersten Weltkrieg, womöglich so grossartig wie All
Quiet on the Western Front",
sondern vielmehr ein Lehrstück über Spielbergs grösste Schwächen
und Stärken.
Im südwestenglischen Devon kommt zu Beginn der 1910er Jahre ein
Fohlen zur Welt. Mit dabei bei der Geburt ist der Teenager Albert
Narracott (Jeremy Irvine), der vom Neugeborenen sogleich fasziniert
ist, dessen Annäherungsversuche aber von der Mutter des Tieres immer
wieder gestört werden. Als das junge Vollblut später versteigert
wird, bietet Alberts Vater, der arme Bauer Ted (Peter Mullan),
energisch mit, nur um seinen Pächter (David Thewlis) zu
übertrumpfen. Das Prachtspferd geht in den Besitz der Narracotts
über, die aber eher auf einen kräftigen Ackergaul angewiesen wären.
Albert übernimmt die Verantwortung dafür, seinen Schützling, den
er Joey "tauft", innert eines Monats zu zähmen und ihn zum
Pflügen zu bringen – andernfalls bringt seine Mutter (Emily
Watson) Joey zu seinen ursprünglichen Besitzern zurück. Zwar
gelingt dem Jungen nach einigen Mühen die Zähmung, doch ein
Unwetter zerstört die Ernte der Narracotts. Da kommt dem vor lauter
Geldnot verzweifelnden Ted der Ausbruch des Ersten Weltkrieges gerade
recht: Er verkauft das Pferd an die britische Armee, wo es beim
sympathischen Captain Nicholls (Tom Hiddleston) landet. Dieser gerät
unter der Führung seines Vorgesetzten und Freundes, Major Jamie
Stewart (der wie gewohnt erstklassige Benedict Cumberbatch), bei
einem Angriff auf ein deutsches Heerlager in Frankreich in einen
Hinterhalt und stirbt; Stewart wird gefangen genommen. Joey und
Topthorn, das Pferd des Majors, werden derweil von den Deutschen
eingefangen und begeben sich auf eine vierjährige Odyssee durch das
kriegsgeschundene Europa.
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| Zuhause auf dem Hof: Noch sind Albert (Jeremy Irvine) und Joey glücklich vereint. |
Nach
diversen Filmen über den Zweiten Weltkrieg – Empire of
the Sun, Schindler's
List, Saving Private
Ryan – wandte sich Spielberg
in War Horse nun
erstmals dem Ersten, dem "grossen Verlustkrieg" zu, dem
brutalen Ende des imperialistischen Zeitalters. Doch anders als in
den früheren Werken liegt hier der Fokus nicht auf Personen, die
aufgrund des Krieges eine Veränderung durchmachen; die einzige
Konstante, dem Quellenmaterial entsprechend, ist Joey, der mit seinem
Kameraden Topthorn im 20-Minuten-Takt den Besitzer wechselt. Selbst
Albert, die eigentliche menschliche Hauptfigur verschwindet während
des ausgedehnten zweiten Aktes spurlos aus der Geschichte. Diese ist
aus zahlreichen Nebenplots zusammengesetzt, die offenkundig um ein
möglichst ausgeglichenes Bild vom Leben an der Westfront bemüht
sind. Joey und Topthorn treffen nacheinander auf deutsche Deserteure
(David Kross und Leonard Carow), einen französischen Bauern (Niels
Arestrup) und dessen Enkelin sowie einen von seinem Gewissen
geplagten deutschen Frontsoldaten und Pferdefreund (Nicolas Bro).
Zwar gelingt es den Autoren, Richard Curtis und Lee Hall, trotz
dieses Erzählstils eine gewisse Stringenz zu halten, doch vor
einigen einschneidenden Problemen sind auch sie nicht gefeit. So
wirkt es beispielsweise störend, dass in War Horse
Vertreter jeder Nationalität Englisch sprechen und sich die
Kriegsparteien nur durch ihre überzeichneten Akzente unterscheiden.
Auch enden die verschiedenen Episoden teilweise recht unbefriedigend,
weil vage und knapp – wenn sie denn überhaupt an ein Ende geführt
und nicht halbherzig übergangen werden. Doch die grösste Schwäche
des Drehbuches ist eine, die man nicht zum ersten Mal in einem Film
Spielbergs vorfindet: Das Ganze leidet an kompletter
Vorhersehbarkeit. Nicht nur der Ausgang der übergeordneten
Geschichte ist von Anfang an offensichtlich; auch Details wie ein
Geburtstagsgeschenk oder dem Tod geweihte Charaktere vermögen nicht
zu überraschen.
![]() |
| Ein Kriegspferd: Wildfang Joey in einer englischen Kaserne. |
Und
dennoch – es mag paradox klingen – findet sich in War
Horse
auch die inszenatorische Klasse Spielbergs. Denn trotz des
vorhersehbaren Plots und seiner Überlänge (150 Minuten), langweilt
War
Horse nicht;
die Inszenierung ist stilsicher, elegant, während der Kriegsszenen
sogar grandios. Tatkräftig unterstützt wird der Regisseur dabei von
seinem langjährigen Mitarbeiter John Williams, dessen grossartige
Musik höchstes Lob verdient, sowie von Kameramann Janusz Kamiński,
der zwar die Farbstilisierung in der Tradition von Gone
with the Wind in der
finalen Szene masslos übertreibt, ansonsten aber mit brillanten
Bildern und vorzüglicher Beleuchtung begeistert. Vom Technischen
abgesehen, ist es zudem
nahezu unmöglich, sich der emotionalen Komponente des Films zu
entziehen. Machen sich Spielberg und seine Autoren des Kitsches, des
Pathos, des Betätigens emotionaler Knöpfe, der Manipulation
schuldig? Jawohl, und das immer wieder; aber das Schicksal der
Protagonisten – primär jenes von Joey und Topthorn – geht
trotzdem ans Herz, ob man Pferde nun mag oder nicht. Der Film bedient
sich des altgedienten Prinzips der alles überdauernden Freundschaft
und fährt damit ausserordentlich gut. War
Horse lebt
von einem den Zynismus des Zuschauers überwindenden Charme, der sich
in mal humanistischen – ein Engländer und ein Deutscher befreien
im verstummten, von Leichen übersäten Niemandsland ein in
Stacheldraht verheddertes Pferd –, mal traurigen – Topthorns Ende
–, mal triumphalen – Joeys ungebremster Galopp durch eine
zerstörerische Schlacht –, immer hervorragend aufgezogenen Szenen
niederschlägt.
Ob
man den neuesten Kassenerfolg des Produzentenduos Spielberg/Kennedy
mag oder nicht, hängt stark von der Gewichtung der einzelnen Aspekte
ab. War
Horse leidet
an teilweise eklatanten Fehlern, schafft es aber stets, diese mit
wunderschönen Aufnahmen, bewegender Musik, mitreissender
Inszenierung und präzis gesetzten Gefühlsmomenten auszugleichen.
Gewährt man dem Film Einlass in sein Herz, wird man feststellen,
dass auch Kitsch und Pathos einen Platz darin haben – und dass es
im zeitgenössischen Kino wohl keinen gibt, der daraus das Beste so
effektiv herauszuholen vermag, wie Steven Spielberg.
★★★★☆☆
Donnerstag, 16. Februar 2012
Hugo
Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.
Altmeister Martin Scorsese, dessen Werke sich oft durch einen rauen
Ton und brutale Gewalt auszeichnen, drehte mit Hugo seinen
ersten Familienfilm. Dieser mag formal unvollkommen sein, strotzt
aber vor Begeisterung und Liebe, denn es geht um Scorseses grosse
Leidenschaft: das Kino.
Paris, 1930: Der Waisenjunge Hugo Cabret (Asa Butterfield) lebt
alleine in einem grossen Bahnhof und kümmert sich ums Funktionieren
der dortigen Uhren. In seiner Freizeit versucht er, einen Roboter,
den sein mittlerweile verstorbener Vater (Jude Law) einst in einem
Museum fand, zu reparieren. Die dazu benötigten Teile stiehlt er aus
dem Spielzeugladen des mürrisch-melancholischen Georges (Ben
Kingsley). Als dieser den jungen Dieb endlich auf frischer Tat
ertappt, nimmt er dessen Tüftler-Notizbuch an sich und droht, es zu
verbrennen. Das kann Hugo selbstverständlich nicht zulassen, also
folgt er Georges nach Hause, wo er dessen Patentochter Isabelle
(Chloë Moretz) kennenlernt. Die beiden Kinder freunden sich schnell
an; sie zeigt ihm im Buchladen von Monsieur Labisse (die 90-jährige
Schauspielerlegende Christopher Lee) die Freuden der Literatur,
während er sie ins Kino mitnimmt und ihr sogar seinen defekten
Roboter zeigt. Wider Erwarten ist Isabelle in der Lage, diesen zu
starten. Sogleich wird klar, dass die Maschine der Schlüssel zu
Georges' sorgfältig gehüteter Vergangenheit ist.
![]() |
Lernen vom Meister: Hugo (Asa Butterfield) erkennt langsam, dass
Georges (Ben Kingsley) mehr als nur ein mürrischer Ladenbesitzer
ist.
|
Hugo
als blosses Kindermärchen einzustufen, wäre zu kurz gegriffen. Zwar
steht ausser Frage, dass Kinder ihre Freude an Aspekten wie Dante
Ferrettis bunter Ausstattung, dem elegant gehandhabten 3-D und den
Missgeschicken des übereifrigen Stationsvorstehers (Sacha Baron "Borat" Cohen) – eine Reminiszenz an Peter Sellers' Inspector
Clouseau aus den Pink Panther-Filmen? – haben werden. Doch
Scorseses vorrangiges Zielpublikum sind Filmliebhaber und
-aficionados; in seinem Kern ist der Film in erster Linie eine
Verneigung vor seinem Medium und eine Art cineastisches Aufklappbuch.
Als Aufhänger dienen dazu nicht nur zahllose feine Anspielungen auf
Klassiker – von Modern Times und Intolerance über Metropolis bis zu La bête humaine –, sondern vor allem
die Figur des Georges, bei welchem es sich um keinen Geringeren als
Georges Méliès handelt, den Erfinder und Pionier des narrativen
Kinos, der um die Jahrhundertwende frühe Meisterwerke wie Le
voyage dans la lune (1902) oder Le voyage à travers
l'impossible (1904) drehte, diese Berufung aber aufgrund neuer
Publikationsstrategien und mangelnden Publikumszuspruchs während des
Ersten Weltkrieges aufgeben musste.
Die
schwärmerische, die Werke Frank Capras evozierende Geschichte,
welche Drehbuchautor John Logan basierend auf einem Roman von Brian
Selznick um diese Verneigung vor Méliès herum aufgezogen hat, ist
zwar eindeutig nicht Scorseses Terrain, doch das Herzblut des
Regisseurs ist in jeder virtuosen Einstellung spürbar – und dieses
ansteckende Feuer für die Thematik hat zur Folge, dass der Film
besser ist als die Summe seiner Einzelteile. Mit seinen vielen
magischen Momenten erinnert Hugo daran, dass das Kino nichts
anderes als ein Ort der Magie ist, wo Kreativität und
Vorstellungskraft keine Grenzen gesetzt sind, und dass der Idee,
Bewegung auf eine Rolle Film zu bannen, von Anfang an etwas
grundsätzlich Revolutionäres innewohnte.
★★★★★☆
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