Sonntag, 16. August 2009

The Limits of Control

Exzentrische Geheimnistuerei: Der einsame Mann (Isaach de Bankolé) bekommt von der cinephilen Blondine (Tilda Swinton) eine weitere Nachricht. Was das wohl bedeutet?

4.5 Sterne
[nach wiederholtem Schauen auf 6 Sterne aufgebessert]

Eine tragische Tendenz, die sich beim heutigen Kinopublikum durchzusetzen scheint, ist die Weigerung, einen undurchsichtigen Film selber zu durchschauen. Man sitzt im Kinosaal und ärgert sich darüber, wenn ein Film bis zum Ende nicht alle seine Geheimniss offenbart hat. Dies mag ein Grund sein, weshalb Jim Jarmuschs neuestes Werk, The Limits of Control, von Publikum und Kritikern gleichermassen verachtet wird. Selbstgefälligkeit, Langeweile, Leere und Verhöhnung des Publikums sind Begriffe, welche im Zusammenhang mit dem schwer zugänglichen Film gern genannt werden. Doch bewirkt The Limits of Control nicht genau das, was ein deratiger Kunstfilm bewirken soll? Man kratzt sich nach der Vorstellung am Kopf und redet, diskutiert, debattiert über das, was da gerade über die Leinwand flackerte. Jeglicher Interpretationsansatz könnte der Entschlüsselung des Rätsels dienen und jeder Kinogänger kann sich seine eigenen Gedanken dazu machen - solange er sich nicht vor diesem Kraftakt scheut.

Man kann ohne Übertreibung sagen, dass Jim Jarmusch das personifizierte Grauen für den durchschnittlichen, amerikanischen Actionliebhaber ist. Seine Filme kommen häufig ohne viel Dialog aus, zelebrieren die Langsamkeit, sie haben offene Enden und handeln meistens von einer Reise ohne sicheres Ziel. Dieser Radikalismus grenzt den Regisseur auch von seinen Kollegen aus dem amerikanischen Independentfilm ab, weshalb man ihn wohl oder übel in einem Atemzug mit seinen europäischen Pendants Michael Haneke oder Aki Kaurismäki nennen muss. Bezeichnenderweise spielt The Limits of Control, eine Ode an den filmischen Minimalismus und Anti-Perfektionismus, auch in Europa, in Spanien, genauer gesagt. Der Film dreht sich um einen einzelnen Menschen, der kaum ein Wort sagt, sich seltsam aufführt und Leute trifft. Die Eingangsszene lässt einen vermuten, dass er einen Auftrag zu erledigen hat, doch worum es sich dabei handelt, darauf muss man von selbst kommen. Jarmuschs Drehbuch ist so angelegt, dass jeder, der in das Geheimnis der namenlosen Hauptfigur eingeweiht ist, The Limits of Control mühelos folgen kann. Da der Zuschauer sich aber nicht unter den Eingeweihten befindet, entfacht fast jede einzelne Szene, die meisten davon sind, laut Jarmusch, Abwandlungen anderer Szenen, einen angestrengten Denkprozess. Ansonsten lässt sich über das Drehbuch nicht allzu viel sagen, nicht zuletzt weil Jarmusch seine Drehbücher fortlaufend ändert und gewisse Dinge erst am Set entschieden werden. Somit werden seine Skripts oft zum Bestandteil des Drehprozesses degradiert und dienen nicht als Grundpfeiler eines Projekts.

Der Anti-Perfektionismus von The Limits of Control wurde bereits angetönt. Dies schlägt sich in der Auswahl der verwendeten Aufnahmen nieder. Insgesamt ist der Film stimmig gefilmt, lebt von Bildern, die man aus Spionagethrillern kennt, und vermittelt dem Zuschauer alles, was er über die Schauplätze wissen muss. Doch hin und wieder wird die scheinbare Bildharmonie durch körnige Bilder gebrochen. In diesen Szenen hat Jarmusch, wie er offen zugegegben hat, gegen die Konvention, die sogar er in der Regel befolgt, gearbeitet, und diejenigen Aufnahmen benutzt, die sonst im Abfall gelandet wären. Daraus folgt eine atmosphärische Stimmung, welche einen neue Umgebungen mit den Augen der Hauptfigur sehen lässt. Diese Hauptfigur, im Abspann "Lone Man" genannt, ist auch die eine oder andere Betrachtung wert. Gespielt wird der Mann von Isaach de Bankolé, ein alter Freund von Jarmusch, mit dem er bereits drei Filme gedreht hat (Coffee and Cigarettes, Night on Earth, Ghost Dog: The Way of the Samurai). Der Ivorer ist die ideale Besetzung für den geheimnisvollen Killer (?), der sich beinahe stumm durch den Film arbeitet. Auf seinem Weg begegnet de Bankolé verschiedenen Charakteren, die ihm alle eine Streichholzschachtel mit einem für den Zuschauer unleserlichen Code zustecken. Diese Ritual geschieht aber erst nach einem kurzen, höchst einseitigen Dialog. Tilda Swinton sinniert über alte Filme, John Hurt redet über die Kunstrichtung der Bohème, das Leben und Aki Kaurismäki und Gael García Bernal äussert seine Meinung über Gitarren. Isaach de Bankolé hört jeweils geduldig zu, trinkt seine beiden Espressi (kein doppelter Espresso, zwei Espressi in zwei Tassen!) und hört Weisheiten wie "The best films are like dreams you're never really sure you had." oder "La vida non vale nada." - scheinbar das Leitmotiv des Films - an. Überdies wird er von einer nackten Schönheit besucht, deren sexuellen Wünschen er nicht entgegenkommt - "Not while I'm working." -, und hebt hie und da seinen Blick gen Himmel, um einen kreisenden Hubschrauber zu erblicken.

Zugegeben, das Gefühl des Überdrusses schleicht sich auch beim beflissensten Zuschauer ein. Zudem ist The Limits of Control mit zwei Stunden Laufzeit auch etwas zu lang geraten. Sein Ende jedoch, über welches getrost gesprochen werden kann, denn in diesem Film gibt es keine echten Spoiler (Wer anderer Meinung ist, kann diesen Teil überspringen.), ist der Auslöser für wildeste Spekulationen. Der Einsame ist im spanischen Niemandsland und findet ein schwer bewachtes Gebäude. Der Helikopter, vielleicht derjenige, den er mehrfach gesehen hat, landet und Leute steigen aus. Er beobachtet das Anwesen. Schnitt. Er sitzt im mit einer Panzertüre gesicherten Büro eines Amerikaners, herrlich gespielt von Bill Murray, der über die Bohème und die junge Generation flucht. Auf die Frage, wie er überhaupt hier reingekommen sei, antwortet de Bankolé "I used my imagination.". Er erwürgt den Amerikaner mit einer Gitarrensaite und geht. Ein Interpretaionsansatz sei diesem Kritiker erlaubt: Wir leben in einer rundum kontrollierten Welt. Die Kontrolle liegt in The Limits of Control metaphorisch in den Händen des Amerikaners, während der "Lone Man" den normalen Menschen darstellt. Doch etwas lässt sich nicht kontrollieren: die Fantasie. Durch Fantsie dringt der normale Mensch in den Elfenbeinturm des Kontrollierenden ein. Die menschliche Vorstellungskraft ist "The Limit of Control". Oder ist The Limits of Control, wie Jarmusch insinuiert hat, eine Selbstreflexion der exzentrischsten Art? Wir werden es wohl nie ganz wissen können. Aber solange sich jeder sein Bild macht, dann müssen wir uns um unsere Vorstellungskraft nicht sorgen.

The Limits of Control ist ein seltsamer Film, der es offensichtlich darauf anlegt, Diskussionen zu provozieren. Die Schauspielleistungen stimmen, die Bilder begeistern und die Geschichte regt zum Überlegen an. Dass dafür die Spannung etwas zu kurz kommt, lässt sich problemlos verschmerzen. Eine letzte Betrachtung ist der hier Schreibende seinen Lesern aber noch schuldig. Der Streifen endet nämlich nicht mit dem Mord am Amerikaner. Isaach de Bankolé ist auf einem Flughafen zu sehen, die Kamera folgt ihm, er verlässt das Gebäude. Kaum ist auch die Kamera im Freien, wackelt sie, schwenkt ins Nirgendwo und die Leinwand ist schwarz. Was sagt uns diese letzte Einstellung? "Ätschbätsch, es war nur ein Film."

Freitag, 7. August 2009

Ice Age: Dawn of the Dinosaurs

Beim Kampf der grossen Animationsstudios DreamWorks und Pixar geht die Animationsabteilung von Fox gerne vergessen. Dass es diese aber auch noch gibt, daran erinnert uns Ice Age: Dawn of the Dinosaurs, in welchem der Cast wieder einmal vergrössert, die Animationen einmal mehr verfeinert und das Niveau erneut gesenkt wurde. Es scheint zwar eine gute Idee zu sein, nach zwei grob animierten Schneeabenteuern ein hervorragend animiertes Dschungelabenteuer zu machen, doch auch ein Schauplatzwechsel kann die Serie nicht mehr aus dem Loch von Ice Age: The Meltdown (2006) herausholen. Die Storyidee hätte Potential gehabt, doch anstatt glorios zurückzukehren, ist die Marke Ice Age sang- und klanglos abgesoffen. Und sichert sich trotzdem den Titel "Erfolgreichster Animationsfilm ausserhalb der USA".

Wie bei vielen schwachen Trickfilmen ist auch bei Dawn of the Dinosaurs der Hauptgrund für das Misslingen beim Drehbuch zu suchen. Dieses steckt voller Löcher und ist, nimmt man es etwas genauer unter die Lupe, der reinste Witz – aber leider kein sonderlich lustiger. Wussten die Autoren bei Ice Age (Michael J. Wilson, Michael Berg, Peter Ackerman) noch einigermassen gut mit Storyaufbau, Slapstick, Drama und Action umzugehen, scheinen die Urheber des Skripts von Teil drei (Peter Ackerman, Michael Berg, Yoni Brenner) die kitschigen und unlustigen Szenen aus den Vorgängern besonders genial gefunden zu haben. Es gibt in der Fangemeinde der Filme erwiesenermassen auch Menschen, die älter als acht Jahre sind. Und dennoch scheinen 70% von Dawn of the Dinosaurs daraus zu bestehen, dass Faultier Sid einen Hang hinunterrutscht oder sich sonst irgendwie höchst uninspiriert zum Deppen macht. Haha. Die restlichen Prozente werden vom Lieben und Leiden von Manny und Ellie, den Sorgen von Diego – so unglaublich es klingt: der beste Subplot! – und dem Kitsch-Overkill, der Liebesgeschichte von Scrat und Scratte, eingenommen.

Der Film krankt ausserdem daran, dass einem die unzähligen Hauptfiguren inzwischen auf die Nerven gehen. Selbst Scrat verspielt sich hier sämtliche Sympathien. Dass dem Ice Age-Universum zu allem Überfluss noch eine weitere Figur aufgezwungen wird, fällt dabei nicht einmal mehr allzu stark ins Gewicht, zumal dieser Charakter, der völlig durchgeknallte Buck, eine Auflockerung des ansonsten komplett verkrampften Films darstellt. Dementsprechend ist Simon Pegg, den man aus den britischen Komödienhits Hot Fuzz (2007) und Shaun of the Dead (2004) kennt, auch der einzige Sprecher, der wirklich etwas zu bieten hat. Mit einer Mischung aus britischem und australischem Dialekt sprüchelt er sich in die Herzen der gelangweilten Zuschauer. Aber auch Buck kann einem hin und wieder auf die Nerven gehen. Doch sein letzter einprägsamer Einzeiler – "The buck stops here", eine Anspielung auf den ehemaligen US-Präsidenten Harry Truman – zaubert einem tatsächlich so etwas wie ein Lächeln auf die Lippen, da dieser Spruch in krassem Gegensatz zum Niveau, welches im Rest von Ice Age: Dawn of the Dinosaurs zelebriert wird, steht. Über die Leistungen der restlichen Sprecher muss kaum ein Wort verloren werden. Sie wirken zwar nicht unmotiviert, sind aber fast ausnahmslos dröge. Einzig Queen Latifah und Denis Leary bewegen sich in Bahnen, die man als "witzig" bezeichnen könnte.

© Twentieth Century Fox Film Corporation
Wohlwollendere Kritiker als der hier schreibende würden anführen, dass Dawn of the Dinosaurs, wenn schon kein cineastisches Meisterstück, dann wenigstens ein unschuldiges Kinderabenteuer für die ganze Familie ist. Mag sein, doch ein echtes Kinderabenteuer hält auch etwas für diejenigen Kinogänger bereit, die noch lange nicht unterhalten sind, wenn einem Akteur fünfmal hintereinander eine Kokosnuss auf den Schädel fällt. Doch nach Wortwitz, verstecktem Biss oder inspirierten Filmanspielungen, die beispielsweise in Horton Hears a Who! (2008) im Überfluss vorhanden waren, sucht man im dritten Teil von Ice Age vergebens.

Auch der Wechsel in die farbige Unterwelt täuscht nicht über die langweilige Geschichte und die platten Slapstick-Szenen hinweg. Man muss die Szenen bei den Dinosauriern nicht einmal allzu genau betrachten, um festzustellen, dass dort im Prinzip das Gleiche passiert wie oberhalb des Eises. Anstatt Eisschollen im Wasser gibt es bei den Dinosauriern einfach Steine in Lava. Die Wandergruppe wird nicht von Säbelzahntigern oder Menschen, sondern von Fleischfressern und einem Ankylosaurus gejagt. "Zurück zur Scholle" kann man da nur sagen.

© Twentieth Century Fox Film Corporation
Wenn man jemandem ein Kompliment machen muss, dann dem Animationsteam, welches sich für Dawn of the Dinosaurs wirklich ins Zeug gelegt hat. Die Unterwelt erscheint lebendig, was in 3D vermutlich auch den einen oder anderen Skeptiker milde stimmen dürfte, und besticht durch beinahe makellose Formen und Konturen. Damit ist das Studio insofern ungefähr auf der Höhe von Pixars Ratatouille (2007) angekommen – immerhin.

Nach DreamWorks scheitert somit aber auch Fox kläglich beim Versuch, Pixar das Wasser zu reichen. Doch sieht man sich Dawn of the Dinosaurs an, dann fragt man sich, ob sich die Produzenten wirklich grosse Mühe gegeben haben. Die spannungs- und humorfreie Story, gespickt mit kitschigen Szenen en masse, sieht danach aus, als ob man sich im Hauptquartier von Fox auf die Beliebtheit der Marke verlassen und einen Prakitkanten dafür bezahlt hätte, schnell ein Drehbuch zusammenzuschustern. So sehnt man sich während dieses viel zu langen Films ständig nach dem Abspann. Dass in demselben grundlos getanzt wird, ist einem dann auch egal.

★★

Mittwoch, 22. Juli 2009

Harry Potter and the Half-Blood Prince

Nach einem beinahe tödlichen Anschlag auf eine Schülerin ist Vorsicht geboten: Severus Snape (Alan Rickman, links) und Minerva McGonagall (Maggie Smith) untersuchen den gefährlichen Artefakt, während Hermione (Emma Watson), Ron (Rupert Grint, Mitte) und Harry (Daniel Radcliffe) wieder zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

5 Sterne

Die Serie ist auf dem Papier zu Ende, auf Zelluloid geht es erst in die entscheidende Phase. Der zweitletzte Teil und drittletzte Film der Harry-Potter-Saga, Harry Potter and the Half-Blood Prince, ist in den Kinos angelaufen. Für den eingefleischten Fan der Bücher ist jetzt Skepsis das höchste Gebot. Nach dem soliden fünften Teil, der bereits schwierig zu verfilmen war, nahm sich Regisseur David Yates jetzt des als besonders unfilmisch geltenden sechsten Teils an. Das Problem bei diesem Stoff liegt in erster Linie darin, dass am Ende nicht wirklich etwas dabei herauskommt, was den Wald-und-Wiesen-Zuschauer möglicherweise verärgern könnte. Doch Yates hat trotz aller Widrigkeiten viel aus dem Buch, welches zwar als geschriebenes Werk funktioniert, als Film aber nicht zwingend reüssieren muss, herausgeholt. So viel sogar, dass man als Harry-Potter-Freak nun ungeduldig dem siebten Teil entgegenfiebert.

Es war von Anfang an eine gute Entscheidung, die sieben Harry-Potter-Filme nicht von einem einzelnen Regisseur drehen zu lassen. So lässt sich der Tonfall eines jeden Buches mehr oder minder genau mit dem Regisseur abstimmen. So übernahm der Familienfilmexperte Chris Columbus die Regie der ersten beiden Teile, Alfonso Cuarón, Meister der düsteren Erzählweise, drehte den dritten Teil, der den Fans der ersten beiden Filme ein Dorn im Auge war (in Wahrheit aber ganz klar der beste Film ist, so wie auch das dritte Buch als Meisterwerk aus der Serie heraussticht), Mike Newell drehte mit Harry Potter and the Goblet of Fire die schwächste Verfilmung und für den Rest der Serie hat Warner Bros. David Yates engagiert, der zuvor nicht durch allzu viele Regiearbeiten aufgefallen war und somit auch mit keinerlei Vorbelastung ans Werk gehen konnte. Gut möglich, dass Yates nach Harry Potter nie mehr etwas von Bedeutung drehen wird, aber seine Arbeit wird den Fans des Potter-Universums in ewiger Erinnerung bleiben. Warum? Nun, erstens hat er die Serie in der heiklen Phase übernommen, wo sich Harry und seine Freunde langsam, aber sicher den Fragen und Problemen der Pubertät stellen müssen. Und zweitens hat Yates den Filmen seine eigene Idee der Düsternis eingeflösst. Er weiss die Bedrohung durch Lord Voldemort und die Todesser sehr gut einzufangen.

Doch der Reihe nach. Die Regie von Yates ist insofern gelungen, dass er die Schauspieler richtig getrimmt hat, dazu später, und dass er der Geschichte einmal mehr Zeit gibt, sich zu entwickeln. Zwar hat man mehrfach das Gefühl, dass einige Schauspieler bei der schieren Grösse des Casts unterzugehen scheinen, andererseits aber verleiht dieser Umstand dem Film eine angenehme Vielfalt. Dass Yates nach dem etwas am Skript kränkelnden fünften Teil wieder Steven Kloves, der für die Drehbücher in den vorangegangenen vier Filmen verantwortlich war, verpflichtet hat, war sicherlich die richtige Entscheidung. Denn kombiniert man Yates' Art, einen Film zu inszenieren, mit Kloves' Art, eine Geschichte zu entwerfen, ist das Resultat mehr als nur zufriedenstellend. Das Drehbuch hat alles, was man für einen gelungenen Film braucht: Humor - viel davon! Harry Potter and the Half-Blood Prince hat gute Chancen, als lustigster Film der Serie in die Geschichte einzugehen -, Magie, dezentes Grauen, Charakterstudien, erzählerische Tiefe - Teil 5 hat diese etwas vermissen lassen - und, teilweise zwar etwas überkandidelte, Romantik. An einigen Stellen droht der Film zwar, sich in einen Teenie-Streifen zu verwandeln, doch zumeist verhindert ein guter Spruch oder das Auftauchen von Ron, der sich besonders in einer Szene als echter Lusttöter entpuppt (witzig!), das Aufkommen von echtem Kitsch. Ein ganz spezielles Vergnügen sind die Dialoge zwischen Ron und Harry, welche direkt aus dem Leben gegriffen zu sein scheinen. Sie sind gleichzeitig lustig und von Grund auf ehrlich. Ein Opfer, welches Steven Kloves allerdings bringen musste, um ein kohärentes Skript anzufertigen, war der Verzicht auf erklärende Sequenzen. Harry Potter and the Half-Blood Prince führt fast nahtlos seinen Vorgänger weiter und dürfte den Zuschauer, der das Buch nicht gelesen hat, ziemlich ratlos zurücklassen. Beispiel gefällig? Rons Freundin wird lange nicht mit ihrem echten Namen angeredet - wer das Buch nicht gelesen hat, muss anderweitig dahinterkommen, dass es sich um Lavender Brown handelt. Überhaupt ist der Film mehr auf die echten Fans von Harry Potter ausgerichtet. Auf diejenigen, welche die Plots der sieben Bücher ohne weiteres aus dem Ärmel schütteln können. Wer zu dieser Gruppe gehört (der J.K. Rowling auch - zumindest zum Teil - Harry Potter and the Deathly Hallows gewidmet hat ("...and to you if you have stuck with Harry until the very end.")), wird zweifelsfrei unterhaltsame zweieinhalb Stunden hinter sich bringen. Der einzige diesbezügliche Wermutstropfen ist die unbeholfen, ja fast schon schäbig wirkende Szene, in welcher der Fuchsbau der Weasleys in Flammen aufgeht. Diese dazugepappte Stelle hat keine Bewandtnis im ganzen Film und wurde wohl hinzugedichtet, weil den Produzenten der Film wahrscheinlich zu arm an Action war. Überdies zerstört die Szene das gemächliche Tempo, in welchem Harry Potter and the Half-Blood Prince vorgetragen wird. Selbst in seinen Actionszenen verhält sich der Film durchaus bedächtig. Diese Bedächtigkeit bringt aber nicht nur Vorteile mit sich. Die finale Szene in der Höhle, in welcher Voldemort einen Horkrux aufbewahrt, ist etwas gar kurz geraten - vor allem wenn man bedenkt, wie viele Seiten des Buches dieser Aufgabe gewidmet sind. Derartigen Anpassungen sieht man auch das Bestreben an, den Film PG-tauglich zu machen.

Schauspielerisch stellt Harry Potter and the Half-Blood Prince einige seiner Vorgänger mühelos in den Schatten. Daniel Radcliffe war nie witziger, Rupert Grint nie verliebter - ergo: trotteliger -, Emma Watson nie sarkastischer. Und das wohl grösste Verdienst von David Yates: Das junge Trio wirkte nie lebendiger, nie lebensechter. Aus den drei fiktiven Charakteren sind endlich echte Menschen geworden. Doch nicht nur die drei Youngsters überzeugen. Wir können endlich etwas genauer auf Draco Malfoy, gut gespielt von Tom Felton, eingehen. Michael Gambon brilliert als plötzlich schwächelnder Albus Dumbledore, Alan Rickman begeistert wieder als Snape und Jim Broadbent ist der unterhaltsamste neue Lehrer seit Kenneth Branagh in Harry Potter and the Chamber of Secrets. Da David Yates ein gut 600-seitiges Buch in zweieinhalb Stunden pressen musste, bleiben anderen Darstellern leider nur Kurz- bis Kürzestauftritte. Julie Walters, Helena Bonham Carter, Timothy Spall, Robbie Coltrane, Maggie Smith, die einen herrlichen Satz zu sagen hat, und David Thewlis wurden zwar alle irgendwie eingebaut, doch ihr Einfluss auf das Geschehen ist verschwindend gering.

Woran es dem sechsten Harry-Potter-Film aber keinesfalls mangelt, ist visuelle Virtuosität. Kameramann Bruno Delbonnel hat es sehr gut geschafft, den Film in mehreren Szenen fast Schwarzweiss wirken zu lassen. Umso grösser ist die Wirkung des Kontrastes, wenn man sich im Scherzartikelladen von Fred und George Weasley oder auf der Weihnachtsparty von Horace Slughorn befindet. Unterstützt wurde Delbonnel in der Bebilderung des Films natürlich durch gute Spezialeffekte, die zwar die lebenden Toten wie Gollum aussehen lassen, welche ihre Wirkung aber keineswegs verfehlen.

Dass bei einer derartigen Geschichte der Hang zum Pathos unumgänglich ist, beweist die Musikuntermalung von Nicholas Hooper, die, besonders am Ende, vielleicht etwas zu dick aufgetragen ist. Dennoch beweist der Komponist, dass er problemlos in der Lage ist, einen Film atmosphärisch mit Musik zu versorgen.

Wie lässt sich Harry Potter and the Half-Blood Prince zusammenfassen? Der Film ist alles andere als perfekt, doch er ist gleichzeitig eine würdige Verfilmung eines nicht perfekten Buches. Die Vorlage ist die Vorbereitung auf den siebten Teil und dieser Vorgabe wird der Film auf jeden Fall gerecht. Das Ende ist offen, aber nichtsdestotrotz vorsöhnlich und befriedigend und ist, wenn man zwischen den Zeilen liest, auch eine Art Retrospektive auf die vergangenen sechs Jahre im Potter-Universum. Diese Attitüde ist auch den ganzen Film hindurch spürbar. Versinnbildlicht wird dies durch Rons Antwort auf Professor McGonagalls Frage "Why is it always when something like this happens you three have something to do with it?": "Professor, I've been asking myself this question for the past six years." In diesem Sinne: Projekt Harry Potter and the Half-Blood Prince ist geglückt, Harry Potter and the Deathly Hallows kann kommen - hoffentlich bald!

Der Knochenmann

Eine Person aus diesem Trio (v.l.: Gitti (Birgit Minichmayr), Löschenkohl Senior (Josef Bierbichler) und Brenner (Josef Hader)) wurde zum Kannibalen gemacht. Doch das ist erst die Spitze des Eisbergs. Na dann, Mahlzeit!

5.5 Sterne

"Drei Quadratmeter Frühlingswiese bieten oft mehr als fünf Jahre deutscher Film." hat der österreichische Allrounder André Heller einmal gesagt. Zwar befinden wir uns mittlerweile in einer Zeit, wo sich der deutsche Film langsam aus dem Sumpf der Geschmacklosigkeit erhebt und eher die schweizerische Filmindustrie mit Qualitätsproblemen zu kämpfen hat, doch im Vergleich mit den Österreichern hinken beide Länder filmisch hoffnungslos hinterher. Letztes Jahr begeisterten uns unsere östlichen Nachbarn mit der schwarzen Psychothrillerkomödie Immer nie am Meer, dieses Jahr liefern sie uns eine weitere Verfilmung eines Krimis von Wolf Haas. Auf der Leinwand hatte der gescheiterte Detektiv Simon Brenner bereits zwei Fälle - Komm, süsser Tod (2000) und Silentium (2004) - zu lösen, jetzt verschlägt es ihn in Der Knochenmann in die tiefste Provinz, wo es aber lebendiger zugeht als ihm lieb ist.

In Deutschland schockiert die Darstellung roher Jugendgewalt die Massen, in der Schweiz sorgen nackte Frauen und lüsterne Grafen für filmische Skandale und in Österreich wird munter gemordet und es kräht kein Hahn danach. Man stelle sich vor, ein Schweizer Regisseur dirigierte eine Szene, in der jemand mit einer kaputten Flasche abgestochen wird und die Leiche anschliessend ziemlich despektierlich die Treppe runtergeworfen wird, um sie durch den Fleischwolf zu jagen. Sämtliche staatliche Hilfe würde ihm entzogen, ihm würde Geschmacklosigkeit vorgeworfen und er hätte Heerscharen von Jugendschützern am Hals. In Wolfgang Murnbergers Film Der Knochenmann gibt es nicht nur diese Szene, sondern auch weitere, vergleichbar appetitliche Dinge zu bestaunen. Und es hört nicht bei der rohen Gewalt, die mehrfach angewendet wird, auf - oh nein! Das Drehbuch, verfasst von Regisseur Murnberger, Vorlagenautor Wolf Haas und Hauptdarsteller Josef Hader, ist voll von morbiden Sprüchen und Darstellungen und relativ derben Zoten. Aber nicht einmal wirkt der gut zweistündige Film geschmacklos oder gar unwürdig. Auch ist es offensichtlich, dass niemand mit voller Absicht einen Skandal provozieren wollte - der zynische Erzählton ergibt sich ganz von selbst und ist der Geschichte durchaus dienlich. Auch lässt sich sehr schnell feststellen, ob man den Streifen mag oder nicht. Wer schon beim Anfangsmonolog die Nase rümpft, ist definitiv im falschen Film, wer sich aber über die schlichte Absurdität des Gesagten freut, der hat sich selber mit dem Kauf des Kinotickets etwas Gutes getan. Sinnlos, die besten Linien aus Der Knochenmann zitieren zu wollen - es sind schlichtweg zu viele. Man muss sich auf die Story und die Akteure beschränken, um etwas Vernünftiges darüber erzählen zu wollen.

Die Geschichte von Der Knochenmann, die sich in einigen wesentlichen Punkten vom Buch unterscheidet, ist im typischen Wolf-Haas-Stil angelegt: In einem vermeintlichen Hort der Unschuld - so wie in Komm, süsser Tod die Ambulanz und in Silentium die Kirche - liegt viel Schuld begraben. Der Hort der Unschuld ist diesmal ein kleines Wirtshaus im österreichischen Niemandsland nahe der slowakischen Grenze, die Schuld kommt erst durch zwei Irrtümer, die hier natürlich nicht verraten werden, ins Rollen. Soviel sei aber schon gesagt: Es darf gelacht werden - es sei denn, man verschluckt sich an den morbid-zynischen Vorgängen auf der Leinwand. Dass ein russischer Gangster, von Haus aus Frauenhändler und Zuhälter, mit dem Rollstuhl über einen verschneiten Pass fahren will und sein Autostoppversuch an seiner Nationalität ("I glaub, des is a Russ!" - "Fahr weita!") und sein Carjack-Versuch an der Tatsache, dass es sich dabei um ein Polizeiauto handelt, scheitert, ist noch etwas vom harmloseren Humor, der in Der Knochenmann zelebriert wird. Auch das Phlegma, welches fast schon Langeweile ausstrahlt, mit dem die Morde angegangen werden, ist durchaus einen diebischen Schmunzler wert. Doch auch das menschliche Interesse kommt in Murnbergers Film nicht zu kurz. Dass sich Brenner Hals über Kopf in eine Angestellte des Wirtshauses verliebt, ist ebenfalls Grundlage für einige herrliche Szenen. Leider verliert der Film ungefähr in der Mitte kurzzeitig an Fahrt, was einem zwar Zwerchfellentspannung verschafft, aber doch beklagenswert ist. Glücklicherweise dauert dieser Hänger nicht allzu lange, sodass man den Kinosaal mit einem zufriedenen Grinsen verlassen kann.

Doch es ist nicht nur das Drehbuch, welches Der Knochenmann zu einem hervorragenden Filmvergnügen macht. Jeder einzelne Schauspieler blüht in seiner Rolle richtiggehend auf. Kabarettist Josef Hader brilliert als ironischer Brenner, Josef Bierbichler meistert seine Aufgabe, eine höchst ambivalente Figur zu spielen, makellos, Birgit Minichmayr erscheint einem sehr sympathisch und Stipe Erceg begeistert als vom Pech verfolgter Mafioso. Die beste kleine Rolle hat sich einmal mehr Simon Schwarz als Berti, der langjährige Kumpel von Brenner, gesichert, der die wunderbare Linie "Brenner, ich bin menschlich enttäuscht von dir!" von sich geben darf.

In Der Knochenmann wird filmischer Minimalismus ins Extreme getrieben. Eine spannende Story voller überraschender Wendungen und morbider Szenen, exzellente Dialoge und ein Traumcast genügen, um den Kinogänger zu befriedigen. Grosse Spezialeffekte überflüssig. Da wird die stimmige Kameraführung von Peter von Haller fast zur Nebensache degradiert.

Der Knochenmann dürfte die Freunde des abseitigen Humors vollends zufriedenstellen. Wer Lust auf einen österreichischen Krimi der Extraklasse, in welchem Transvestiten, Frauenhändler, unfreiwillige Kannibalen, kaltblütige Mörder, Liebe und an den Fusssehnen aufgehängte Männer (während einige Meter weiter oben "Live Is Life" gesungen wird) vorkommen, hat, der darf Wolfgang Murnbergers neuen Film auf keinen Fall verpassen. Nicht zuletzt, weil die Winterlandschaft im ostösterreichischen Hinterland einen angenehmen Kontrast zum sich nun einstellenden Sommerwetter bildet.

Freitag, 10. Juli 2009

I'm Not There

5.5 Sterne

Die Filmindustrie mag Figuren, welche sich in ständigem Wandel befinden, Figuren, welche ihrer Zeit voraus sind und scheinbar unbegrenzten Einfluss auf andere Menschen haben. Die grösste derartige Figur ist zweifelsfrei Bob Dylan, der seit nun schon fast 50 Jahren sein Publikum entweder begeistert oder vor den Kopf stösst und sich dabei immer wieder neu erfindet. Umso erstaunlicher ist es, dass sich noch nie jemand anhand eines Spielfilms seiner annehmen wollte. Die Kultdokus Don't Look Back von D.A. Pennebaker und No Direction Home von Martin Scorsese stehen gemeinsam mit dem von Dylan selbst inszenierten Stück Exzentrik Renaldo and Clara allein im Raum der Bob-Dylan-Filme. Und dann kam im Jahre 2007 Todd Haynes, der sich dem Musiker auf die einzig wahre Art näherte: Dylanesk.

I'm Not There ist ein seltsames und vielschichtiges Filmmärchen, das bei Menschen, welche sich nicht für Musik interessieren wohl nur Kopfkratzen auslöst. Todd Haynes' Film dreht sich um sechs Figuren, welche, wenn man sie zu einer Person zusammenschmelzen würde, Bob Dylan, dessen Name, ausser im Vorspann, nie genannt wird, ergeben würden. Keine der miteinander verwobenen Episoden folgt einer stringenten Handlung. Jeder Teil des Films beinhaltet wahre, erfundene, erträumte und angedeutete Geschichten aus dem Leben des Mannes, der seine Fans mit Hochgenuss auf den Arm nimmt und ihnen in seinen Songs mit schöner Regelmässigkeit Rätsel aufgibt.

Dylans Songs spielen in I'm Not There eine zentrale Rolle. Entweder untermalen sie das Geschehen sehr passend oder sie dienen als Rahmenhandlung für eine Episode - so zum Beispiel die Anti-Journalisten-Tirade "Ballad of a Thin Man", welche quasi das Herzstück des Jude-Quinn-Teils, darauf wird später noch eingegangen, bildet. Das Leitmotiv des ganzen Films ist aber weder "Ballad of a Thin Man", noch der bis dato nie veröffentlichte und titelgebende Song "I'm Not There" und auch nicht Dylans bekanntestes Lied "Like a Rolling Stone", sondern das düstere "Cold Irons Bound", welches immer wieder angedeutet wird und letztendlich gespielt wird, als der Rockstar Jude Quinn, gespielt von Cate Blanchett, an seinem Tiefpunkt angelangt ist. Apropos Cate Blanchett: Wer I'm Not There gesehen hat, muss sich fragen, warum diese Frau für ihre Leistung nicht mit dem Oscar ausgezeichnet wurde - besonders wenn man ihre Performance mit der Sieger-Performance, Tilda Swinton in Michael Clayton, vergleicht. Den Golden Globe hat sie sich geschnappt, ja, doch weshalb nicht auch gleich den Academy Award? Wir werden es nie erfahren. Was bleibt, ist die Bewunderung für Blanchett, die Dylan in seiner androgynsten Phase, Zeitraum 1966, spielt. Sie lebt den legendären Musiker in jeder spastischen Bewegung, in jeder kryptischen Äusserung und in jeder hämischen Aussage. Dass sie eine würdige Darstellerin ist, wird einem spätestens bei der Aufbereitung des berühmt gewordenen "Royal Albert Hall"-Konzerts, klar. Ihre Antwort auf die "Judas!"-Rufe aus dem Publikum machen es endgültig ersichtlich: Cate Blanchett spielt Bob Dylan nicht einfach, sie lebt ihn. Doch genau darin liegt die einzige kleine Schwäche von I'm Not There. Durch ihre Performance werden die Leistungen ihrer Kollegen fast etwas zurückgestuft. Dies soll aber nicht heissen, dass die restlichen fünf Darsteller, welche getrennt gearbeitet haben, nicht gut spielen. Im Gegenteil: Mit Marcus Carl Franklin macht ein junger, talentierter Schauspieler auf sich aufmerksam. Er verkörpert den jungen Dylan, der so sehr wie sein Vorbild Woody Guthrie sein wollte, mit viel Eifer und einer gehörigen Portion Selbstironie. Auch Richard Gere als Billy the Kid und Ben Whishaw als Arthur Rimbaud machen ihre Sache mehr als gut. Besonders letzterer, der nicht viel mehr zu tun hat, als ein Interview von Dylan aus dem Jahre 1965 zu rezitieren, beeindruckt als Quasi-Erzähler, eine Rolle, die er mit dem bekannten Country/Folk-Musiker Kris Kristofferson teilt. Wenig Arbeit hat Christian Bale, der als Protestsänger, der grösstenteils in Archivaufnahmen aufzutreten hat, zu sehen ist. Und dann bliebe noch Heath Ledger in seiner drittletzten Rolle. Er wäre wohl der einzige Grund für einen Nicht-Musikfreund, sich I'm Not There anzusehen, da er den Familienmenschen Bob Dylan verkörpert und sich daher wenig um Musik zu kümmern hat. Die restlichen Schauspieler sind schnell beschrieben. Da wäre eine Charlotte Gainsbourg, Tochter des Chansonniers Serge Gainsbourg, welche Heath Ledger als Ehefrau zur Seite steht, dies aber nicht ohne Mühen. Eine Julianne Moore, welche in die Rolle von Joan Baez schlüpft (aber mit einem anderen Namen), um in einer No-Direction-Home-Hommage mitzuspielen, darf ebenfalls bewundert werden. Und Bruce Greenwood spielt sich als doppelter Antagonist, einmal als Mr. Jones und einmal als Pat Garrett, in die Herzen der Dylanologen.

Besonderes Augenmerk ist auf die Inszenierung und das Drehbuch von I'm Not There zu richten. Todd Haynes hat es als Regisseur und Drehbuchautor hervorragend verstanden, Elemente aus Bob-Dylan-Songs auf die Leinwand zu übertragen. So werden dem Zuschauer die Linien "I saw guns and sharp swords in the hands of young children" und "I met a young child beside a dead pony" aus "A Hard Rain's a-Gonna Fall" in einer einzelnen Einstellung serviert. Zwar werden diese Anspielungen, vor allem wenn sie aus den Mündern der Akteure kommen, teilweise etwas überstrapaziert (Jude Quinn: "Yeah, just like a woman!"), doch für Dylanologen ist das musikalische "Wo ist Walter?"-Spiel die reinste Freude. Doch auch wenn keine Songs zitiert werden, ist das Drehbuch von Todd Haynes und Oren Moverman durch und durch dylanesk. Etwa wenn Kris Kristofferson am Anfang des Films, ähnlich wie eine Anklageschrift, "A devouring public can now share the remains of his sickness, and his phone numbers. There he lay: poet, prophet, outlaw, fake, star of electricity [eine Anspielung auf den Song "Visions of Johanna"]. Nailed by a peeping tom, who would soon discover: even the ghost was more than one person." verliest.

Über den Soundtrack muss nicht mehr viel gesagt werden, zumal sich die Musik im Film und die Musik auf der CD stark voneinander unterscheiden. Dennoch sei jedem Fan von Bob Dylan der Kauf des Soundtracks empfohlen.

Wer sich auf eine 130-minütige musikalische Achterbahn begeben will, sollte sich I'm Not There auf jeden Fall ansehen. Der Film kommt zwar nicht an ein Bob-Dylan-Konzert heran, doch trotzdem erfüllt er seinen Zweck: Man taucht in eine Welt voller Erfindungsreichtum, Selbstironie und Geschichtsbewusstsein ein. I'm Not There endet in jedem Punkt offen, aber irgendwie versöhnlich. Und schlussendlich ist Dylan höchstpersönlich zu sehen, wie er seine Mundharmonika bearbeitet und langsam im Dunkeln verschwindet. Und doch wird in die Zukunft geblickt - und gleichzeitig beziehen sich die letzten gesprochenen Worte des Films auf Dylans gesamte Karriere: "There's no telling what can happen."

Donnerstag, 4. Juni 2009

Angels & Demons

Kein Winkel wird bei der Suche ausgelassen. Polizeichef Olivetti (Pierfrancesco Favino), Vitoria Vetra (Ayelet Zorer), Robert Langdon (Tom Hanks) und ein Carabinieri (v.l.) wagen sich sogar in die Krypta einer römischen Kapelle.

4.5 Sterne

Lernfähigkeit ist eine der wichtigsten Eigenschaften, die ein Regisseur braucht, um in seinem Fach zu reüssieren. Und Ron Howard musste fürwahr Lernfähigkeit beweisen, um die Fans von Dan Browns Büchern wieder zu versöhnen. Nachdem die Adaption des vergleichsweise unfilmischen Stoffes von The Da Vinci Code in eine etwas flache Geschichtslektion mit einer unbeholfenen Liebesgeschichte resultierte, was insgesamt dennoch nicht ganz so schlecht funktionierte, war man gespannt, wie Howard das spannendere und filmischere Buch Angels & Demons anpacken würde. Und siehe da! Er hat etwas gelernt.

Angels & Demons beginnt verheissungsvoll. Mit virtuoser Kameraführung, welche im Laufe des Films immer weniger virtuos wird, doch dazu später, werden Teilchen gezeigt, welche im CERN in Genf durch den LHC gejagt werden. Kurz darauf entsteht die sagenumwobene Antimaterie, die wiederum kurz darauf gestohlen wird. Damit wäre die Exposition geschafft und man befindet sich bereits mitten im Film. Der Anfang steht sinnbildlich für das, was einen in den folgenden 140 Minuten erwartet: Populärwissenschaftliche Fakten werden mit typischen Action- und Thrillerelementen verbunden und mit einem gesunden Tempo vorgetragen. Man kann sich also schon einmal bei Regisseur Ron Howard und den Drehbuchautoren Akiva Goldsmith und David Koepp bedanken, dass sie Dan Browns Werk auf das reduzieren, was es ist: Ein zu Papier gebrachter Actionstreifen. Sieht man sich die bisherige Filmografie von Koepp und Goldsmith an, kann man erahnen, auf welchem filmischen Niveau Angels & Demons steht. Drehbücher, die mit dem Namen David Koepp unterzeichnet sind, zeichnen sich durch rasante Actionszenen und abenteuerliche Plots aus (Panic Room, Mission: Impossible, Spiderman), während Akiva Goldsmith Filme wie The Jury oder A Beuatiful Mind mit seiner Mitarbeit bereichert hat. Gemeinsam funktionieren die Autoren nicht schlecht. Die Dialoge driften seltener ins Belanglose ab als in The Da Vinci Code, es gibt nicht allzu viele Szenen, welche abrupt durch ein einzelnes Stichwort beendet werden und die Handlung geht im Grossen und Ganzen zügig voran. Zwar hapert es hie und da mit der Stringenz, doch für einen Actioner ist Angels & Demons ganz akzeptabel geschrieben. Und dass die Schweizergardisten im Vatikan tatsächlich Berndeutsch sprechen, dürfte den Schweizer Kinogänger ganz speziell freuen. Der grösste Vorwurf, den sich die Autoren aber gefallen lassen müssen, ist der, dass sie etwas zu übermütig den Rotstift geschwungen haben. Es wurden nämlich nicht nur unnötige Liebesszenen weggelassen, sondern auch einige Twists und die Figur Maximilian Kohler - ein Jammer! Man wird das Gefühl nicht los, dass Dan Brown vielleicht etwas entschiedener gegen solche Streichungen hätte vorgehen müssen. Andererseits verschaffen derartige Weglassungen dem buchkundigen Kinogänger wenigstens ein bisschen Spannung. Ausserdem wird so dem grössten Fehler von The Da Vinci Code ausgewichen: die sklavische Abfilmung der Vorlage.

Wie bereits sein Vorgänger ist auch Angels & Demons gespickt mit einigen Stars aus dem Schauspielfach. Doch in diesem Fall ist der ganze Film einzig und allein auf Tom Hanks ausgerichtet. Man beschäftigt sich kaum mit Vitoria, welche von Ayelet Zorer überzeugend verkörpert wird, oder dem Auftragskiller, welcher beinahe vollständig in der Versenkung verschwindet. Auch die prominenten Nebenrollen kommen leider etwas zu kurz. Gerne hätte man etwas mehr von Armin Mueller-Stahl, Ewan McGregor, Pierfrancesco Favino oder Stellan Skarsgård gesehen, doch unterm Strich haben alle Schauspieler ihre guten bis sehr guten Momente.

Weniger befriedigend ist die Kameraarbeit von Salvatore Totino. In Ron Howards letztem Film, Frost/Nixon, begeisterte er mit fantasievollen Kameraperspektiven, während er Angels & Demons grösstenteils mit 0815-Actionaufnahmen bebilderte. Etwas mehr Raffinesse wäre wünschenswert gewesen.

Die Sequenzen, welche Angels & Demons zu einem Actionthriller machen, beschränken sich fast ausschliesslich auf wilde Jagden durch ein immer düsterer werdendes Rom. Und wenn es einmal knallt, dann sind es meistens Schiessereien, in welchen die Carabinieri keinen besonders guten Eindruck machen, oder kleinere pyrotechnische Einlagen. Den grossen Knall hob sich Ron Howard verständlicherweise für den Schluss auf, der dann auch wesentlich mehr Verwüstung anrichtet als im Buch. Aber trotzdem sind die Spezialeffekte an sich kaum der Rede wert.

Viele Kritiker gehen in ihren Rezensionen auf die Unglaubwürdigkeit von Angels & Demons ein. Sie geben die unglaubliche Geschichte der Lächerlichkeit preis und geisseln sie als naturwissenschaftlich sowie historisch unhaltbar. Diese Rezensenten verstehen den Sinn, wenn man ihn denn als solchen bezeichnen darf, von Dan Browns Büchern nicht. Natürlich wirken die Bücher hie und da lächerlich oder an den Haaren herbeigezogen, aber welcher Teenager ist während der Lektüre von The Da Vinci Code nicht zum Computer oder zu einem Buch über Kunstgeschichte geeilt und hat sich "Das letzte Abendmahl" einmal genauer angesehen? Wer hat sich nach Deception Point nicht über Riesenasseln informiert? Der Normalsterbliche interessiert sich plötzlich für die Renaissance und "La purga", eine Entwicklung, die vor hundert Jahren bereits schon einmal Einzug hielt. Karl May schrieb damals seine Westernerzählungen, welche, nebenbei bemerkt, lücken- und fehlerhafter als Dan Browns Bücher sind, und jedermann begann sich mit Indianern und Cowboys zu befassen. Und solange man zumindest ein bisschen etwas dabei lernt, ist ja nichts Schlechtes daran. Und damit hat der hier Schreibende erklärt, weshalb die Geschichte von Angels & Demons für ihn keinen Kritikpunkt darstellt.

Mit der Filmversion von Dan Browns bisher bestem Buch verhält es sich gleich wie mit den effektiven Büchern: Die Kritiker verachten den Streifen, das Publikum mag ihn. Ron Howard hat nach etwas langatmigen The Da Vinci Code einen Sprung in die richtige Richtung gemacht. So ist Angels & Demons ein guter Actionfilm geworden, der mit einigen Geschichtsfakten auftrumpfen kann. Es gibt rasante Verfolgungsjagden, versteckte Gänge, wohl dosiertes Blut und eine wunderschöne (!) Explosion zu bestaunen. Wer sich den Film mit Minimalerwartungen ansieht, wird nicht enttäuscht werden. Fazit: Nicht nur National Treasure hat die Reduktion der Ernsthaftigkeit im zweiten Teil gut getan.