Mittwoch, 23. Oktober 2013

The Look of Love

Paul Raymond, der "King of Soho", eine der schillerndsten Gestalten im Grossbritannien der Sechziger- und Siebzigerjahre, erhält mit Michael Winterbottoms The Look of Love ein unspektakuläres, seltsam begeisterungsarmes Biopic. Seltsam deshalb, weil sich gerade Winterbottom in der Vergangenheit immer wieder als eigenwilliger Auteur erwiesen hat, der kulturelle Zeitgeschichte (24 Hour Party People) ebenso ungewöhnlich und faszinierend inszeniert hat wie grosse britische Literatur (A Cock and Bull Story nach Laurence Sternes Tristram Shandy).

The Look of Love jedoch fehlt die Dringlichkeit, ein Hinweis darauf, warum sich sein Regisseur dazu entschieden hat, die Geschichte des Clubeigners, Erotik-Magazin-Pioniers und Immobilien-Magnaten Raymond, der 2008 83-jährig starb, cineastisch aufzuarbeiten. Winterbottom arbeitet sich ziemlich geradlinig durch die Chronologie der Karriere Raymonds (überzeugend gespielt vom Komiker Steve Coogan), von 1958, als er im Londoner Stadtteil Soho einen erfolgreichen privaten Strip-Club eröffnete, bis 1993, als Debbie (Imogen Poots), seine Tochter und Erbin in spe, einer Kokain- und Heroin-Überdosis zum Opfer fiel. Der Film ist nüchtern erzählt, durchsetzt mit beabsichtigt nostalgisch-antiquitiert wirkenden Montagesequenzen und fast gänzlich frei von dramatischen Höhepunkten.

Doch gerade darin könnte sein subversives Potential liegen. Es fällt schwer, The Look of Love für seinen Mangel an klassischer dramatischer Spannung zu massregeln, weil er offenbar nicht aktiv nach dieser sucht. Vielmehr hat Winterbottom einen Film gedreht, der sich ganz auf der Wellenlänge seiner schamlosen, ungerührten und oft gefühlskalten Hauptfigur bewegt. Von seinem kontinuierlich ergrauenden, jeweils im Stil der entsprechenden Dekade frisierten Haarschopf abgesehen, verändert sich Raymond während der 100 Minuten Laufzeit kaum. Er bleibt stets das undurchdringliche, unbewegte und unbewegliche Zentrum eines selbstzerstörerisch dekadenten Geschäfts. Kollegen, mit denen er sich jahrelang mittels Publicity-Stunts und immer gewagteren Fotostrecken in seinen Herrenmagazinen gegen die "engstirningen, puritanischen Bastarde" des britischen Establishments auflehnte, verprassen ihr verdientes Geld, verfallen den Drogen und verlieren, manchmal ohne es zu merken, die Kontrolle über ihr eigenes Leben.

Sohos König Midas: Paul Raymond (Steve Coogan) wird mit seinem Erotik- und Immobilien-Imperium zu einem der mächtigsten Männer Grossbritanniens.
© Rialto Film AG
Raymond, so The Look of Love, ist anders. Zwar folgt auch er diesem Lebensstil, doch er ist sich im Klaren darüber, dass er ihn nur überleben kann, wenn er sich ihm nicht gänzlich ergibt. Er schnupft Kokain, doch er legt Wert darauf, es von verlässlichen Quellen geliefert zu bekommen; er verbringt seine Nächte mit vier bis fünf Frauen in seinem Bett, doch sein Vertrauen gilt, wenn überhaupt, nur einer erlesenen Gruppe von Verwandten und Bekannten. Er überlebt den Exzess, doch den Preis, den der ehrgeizige Unternehmer, unverkennbar eine Midas-Figur, dafür zahlt, ist der der Einsamkeit und der Langeweile; die Liebe tauscht er früh in seiner Karriere für den Schein von Liebe, den "Look of Love", ein. Kaum eine Szene vergeht, ohne dass nicht irgendwo mindestens ein nackter Frauenkörper zu sehen ist; Drogen werden in The Look of Love in einem Masse konsumiert, wie man es seit Fear and Loathing in Las Vegas nicht mehr gesehen hat. Für den Zuschauer, wie wohl auch für Raymond, wird dieses Milieu bald repetitiv. Kalkulation seitens Winterbottoms? Ausschliessen lässt sich dies nicht.

Insofern erzählt dieses Biopic nicht von den Höhen und Tiefen im Leben seines Protagonisten, sondern von den Katastrophen und den gescheiterten Existenzen, welche ihn in seiner Laufbahn umgaben, von den flüchtigen Bekanntschaften (auf der Meta-Ebene symbolisiert durch Kurzauftritte von Matt Lucas, David Walliams und Stephen Fry) und den eben nur scheinbar innigen Beziehungen, die er pflegte. Winterbottoms Annäherung an dieses Konzept – welches mitunter an die Filme des Duos Rob Epstein/Jeffrey Friedman erinnert – besteht darin, die in der Erzählung vorhandene Dramatik zu zeigen, doch sie, ganz im Sinne Raymonds, an sich abprallen zu lassen, während der Blick auf Raymond selber dennoch stets der Blick eines Aussenstehenden ist; fiktive Fernsehdokumentationen sowie ein sein Leben Revue passieren lassender Raymond bilden die Rahmenhandlungen. Das daraus resultierende Seherlebnis ist herausfordernd und bisweilen auch ein wenig frustrierend, doch The Look of Love ist einer jener Filme, welche mit Verzögerung eine gewisse Faszination verströmen.

★★★

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