Sunday, 10 December 2017

The Square

Als im Mai 2016 die Festivaljury von Cannes die Goldene Palme an I, Daniel Blake vergab, wurde das gemeinhin als politisches Statement gedeutet. Zu Recht, ist Ken Loachs Sozialdrama doch ein unmissverständliches Plädoyer für Menschlichkeit im Zeitalter des gnadenlosen Turbokapitalismus.

Ein Jahr später ging Cannes' höchste Ehre an The Square, den neuen Film des Schweden Ruben Östlund (Force Majeure). Und auch hier kam die Politik ins Spiel – unmissverständlich sogar: In seiner Laudatio nannte Jurypräsident Pedro Almodóvar die zweieinhalbstündige Satire ein Porträt der "Diktatur der Political Correctness".

Diese Beschreibung erinnert ein wenig an Östlunds Hauptfigur, den Stockholmer Museumskurator Christian (Claes Bang), der in einem Interview mit der Journalistin Anne (Elisabeth Moss) die Frage nach einem pseudointellektuell formulierten Katalogeintrag mit einem unzusammenhängenden Wortschwall beantwortet, der komplett am Thema vorbeizielt. Das ist The Square – ein pseudointellektueller Film, der seinem Publikum selbstzufriedenen Zynismus und pubertäre Apathie als politische Haltung zu verkaufen versucht.

Er erzählt von der Titel gebenden Ausstellung, an deren Planung Christian beteiligt ist. "The Square", eine klar gekennzeichnete Fläche von 16 Quadratmetern, soll "ein Ort des Vertrauens und der Fürsorglichkeit" sein. Innerhalb des Vierecks "haben wir alle dieselben Rechte und Pflichten".

Östlund, der Kritik an seinem Schaffen – gerade seinem Umgang mit geistig behinderten Figuren – gerne mit dem Verweis beiseite wischt, seine Satire richte sich gegen alles und jeden, parodiert in The Square einerseits die moderne Kunstwelt. Diese ist bekanntermassen ein leichtes Ziel: Hier werden horrende Summen für bisweilen frustrierend simple Bilder, Skulpturen und Konzepte hingeblättert. Hier können Künstler reich werden, ohne je Hand an ihre Werke gelegt zu haben. Hier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt, lebt die Szene doch nicht zuletzt von der verschwurbelten Abenteuerlichkeit, mit der ihren Objekten Bedeutsamkeit eingeimpft wird. Der Schmähspruch "Es sagt so viel, indem es so wenig sagt" ist längst zum geflügelten Wort geworden.

Christian (Claes Bang) arbeitet als Kurator eines Stockholmer Kunstmuseums.
© Xenix Filmdistribution GmbH
Alle diese Punkte hakt der Film denn auch pflichtbewusst ab, ohne dabei aber wirklich die Oberfläche zu durchbrechen. Ein wackeliger Stuhlturm oder ein Raum voller Sandhügel dienen als satirisch aufgeladene Requisiten; die Planungssitzungen, denen Christian beiwohnt und in denen nach möglichst reisserischen Vermarktungsstrategien gesucht wird, zeichnen das Bild eines Milieus, in dem selbst die viel gelobte Spontaneität der Kunst einstudiert ist. Weh tut das niemandem. Es ist die "liberale Elite" – die biedere, nette, moderate Bourgeoisie –, die ein wenig über sich selbst lächelt, sich dabei aber zugleich für ungemein subversiv hält.

Ideologisch wenigstens ein bisschen fokussierter kommt der Teil des Films daher, in dem sich Christian mit Stockholms Unterschicht auseinandersetzen muss. Als ihm ein Trickbetrüger Handy und Portemonnaie stiehlt, lokalisieren er und sein Assistent (Christopher Laessø) Ersteres dank GPS in einem Wohnblock. Daraufhin schreiben die beiden einen Drohbrief, in dem sie die Wertgegenstände zurückverlangen, und verteilen ihn im entsprechenden Haus.

Im Zuge dieser Operation kommt Christian wiederholt mit Bedürftigen in Kontakt, denen er, wenn überhaupt, nur äusserst widerwillig hilft. Hier lotet The Square die angebliche Scheinheiligkeit der liberalen, bildungsbürgerlichen Oberschicht aus. Sie singt das hohe Lied von der Solidarität der Menschen, jedoch nur im theoretisch-künstlerischen Sinne: Sobald ausserhalb eines kontrollierten Rahmens wie "The Square" Nächstenliebe gefragt ist, verhalten sich Christian und Konsorten genauso kalt und abweisend wie die Konservativen, die sie dafür so gerne kritisieren.

Die neueste Ausstellung, für die Christian verantwortlich ist, nennt sich "The Square".
© Xenix Filmdistribution GmbH
Das Problem mit diesem Argument – und das Problem mit Östlunds Anspruch, Satire gegen alle zu machen – ist, dass The Square hochgradig absurder Strohmänner bedarf, um es überhaupt erst nachvollziehbar wirken zu lassen. Christians höfliche Gleichmut grenzt mitunter an Soziopathie; sein Verhalten wirkt dermassen künstlich, so sehr der Stossrichtung der Erzählung unterworfen, dass die daraus folgenden Interpretationen kaum von allgemeingültigem Wert sind. Östlund persifliert nicht die Gesellschaft, wie sie ist; er veräppelt die Gesellschaft, die er sich selber zurechtlegt. Wo Almodóvar einen Aufstand gegen die politische Korrektheit erkennt, findet sich hier lediglich eine ideologische Bankrotterklärung.

Darüber hinaus fehlt auch diesem Aspekt des Films jegliche Finesse, jegliche Subtilität. In zweieinhalb Stunden lernt das Publikum, dass Christian eine Ausstellung über menschliche Einigkeit kuratiert, diese Ideale in seinem Privatleben aber beharrlich ignoriert. Hier ist keine Tiefe zu finden, keinerlei Doppelbödigkeit – was man sieht, ist alles, was man bekommt. Und viel gibt es hier nicht zu sehen.

Während die Vorbereitungen auf "The Square" auf Hochtouren laufen, kommen sich Christian und die Journalistin Anne (Elisabeth Moss) näher.
© Xenix Filmdistribution GmbH
Insofern ist die Laufzeit von 150 Minuten nichts anderes als ein Akt der Selbstverliebtheit. Neben der offensichtlichen und uninspiriert vorgetragenen Satire wartet The Square vorab mit langen, peinlich berührenden Dialogszenen auf, die sich an der Cringe-Comedy Judd Apatows (Knocked Up, This Is 40, Trainwreck) zu orientieren scheinen. Einige davon mögen durchaus amüsante Momente enthalten, doch insgesamt blähen sie einen Film, der bestenfalls Stoff für 90 Minuten in petto hat, auf eine durch nichts zu verantwortende und ermüdende Länge auf.

Den einzigen Beleg, dass er der Palme d'or würdig ist, liefert The Square in seinem letzten Drittel. Eine aus praktisch jedem Zusammenhang gerissene Szene, in der ein Schauspieler (Hollywood-Stuntdarsteller Terry Notary) im Rahmen eines Performance-Kunstwerks einen aggressiven Menschenaffen mimt und auf die Gäste eines Gala-Banketts losgeht, liefert mehr an potenziellem Diskussionsstoff als alle anderen Sequenzen zusammen. Auf sich allein gestellt, gäbe sie einen brillanten Kurzfilm ab. So aber bleibt sie der einzige Höhepunkt in einem Langfilm zum Vergessen.

★★

Thursday, 7 December 2017

Coco

Über die letzten fünf, sechs Jahre hat das grosse Animationsstudio Pixar etwas von seinem einstigen Nimbus eingebüsst. Schien es zu Zeiten von Filmen wie Monsters, Inc. (2001), Finding Nemo (2003), The Incredibles (2004) oder Ratatouille (2007) praktisch unfehlbar, begann während der 2010er Jahre die Erosion seiner Dominanz.

Plötzlich war nicht mehr jeder Film ein Meisterwerk: Auf einen Toy Story 3 (2010) folgte ein Cars 2 (2011), auf einen Inside Out (2015) ein The Good Dinosaur (2015). Rundherum punktete die neu entstandene Konkurrenz von Laika (Kubo and the Two Strings) bis Illumination (Despicable Me, Minions), derweil auch Pixars Muttergesellschaft Disney mit Filmen wie Tangled (2010), Zootopia (2016) oder Moana (2016) zu alter Stärke zurück fand.

So ist auch Coco, die neueste Pixar-Produktion, ohne Fanfaren in den internationalen Kinos gestartet. Und nicht nur das: Es wirkt, als habe Disney dem mexikanischen Musikabenteuer so etwas wie Stützräder verpasst – indem vor dem Hauptfilm nicht ein pixartypischer Sieben-Minuten-Kurzfilm läuft, sondern ein auf 20 Minuten gestrecktes Frozen-Spinoff, in welchem Schneemann Olaf (Josh Gad) Weihnachtstraditionen entdeckt. Olaf's Frozen Adventure heisst das Ungetüm, mit dem sich Coco in der Schweiz den Platz auf dem Kinoticket teilen muss, und es ist ebenso uninspiriert wie sinnfrei.

Pixar in einer derart reduzierten Verhandlungsposition zu sehen, stimmt umso trauriger angesichts der Qualität, die sich auf der Leinwand entfaltet, wenn die Frozen-Figuren sie endlich verlassen haben. Coco beginnt als pädagogische Lehrstunde über den mexikanischen Feiertag Día de Muertos und entwickelt sich nach und nach in ein Werk auf Augenhöhe mit Inside Out und Finding Nemo.

Der Traum von Miguel (Stimme: Anthony Gonzalez) ist es, der grösste Musiker seit Maestro Ernesto de la Cruz zu werden.
© The Walt Disney Company Switzerland / Pixar Animation Studios
Unser Held ist der zwölfjährige Miguel Rivera (Stimme: Anthony Gonzalez), der sich der Familientradition widersetzen und anstatt Schuhmacher lieber Musiker werden möchte. Doch leider ist Musik bei den Riveras seit den Zeiten von Miguels Ururgrossmutter Imelda streng verboten. Davon darf sich der Junge aber nicht beirren lassen, wenn er so legendär werden will wie der grosse Ernesto de la Cruz (Benjamin Bratt).

Also schreibt er sich voller Hoffnung für den grossen Talentwettbewerb am Día de Muertos ein. Als er jedoch kurz vor dem grossen Auftritt ohne Gitarre dasteht, greift er zu radikalen Mitteln: Er bricht in de la Cruz' Mausoleum ein und stiehlt dessen Instrument – welches ihn in die Welt der Toten transportiert.

Bis hierhin hat das Publikum die für den Plot essenziellen Fakten über den Día de Muertos gelernt: An jenem Tag können die Geister der Toten von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang das Land der Lebenden besuchen, unterstützt von Blumenpfaden, welche die Menschen für sie vorbereiten. Die einzige Bedingung für ein erfolgreiches Überqueren ist, dass man von den Lebenden in Form eines Abbildes auf einem Hausaltar, einer sogenannten "Ofrenda", geehrt wird.

Miguel muss sich gegen seine musikfeindliche Familie durchsetzen – so etwa seine Grossmutter (Renée Victor).
© The Walt Disney Company Switzerland / Pixar Animation Studios
Wie man sich denken kann, hängt Miguels Rückkehr aus dem Totenreich davon ab, einem bilderlosen Zeitgenossen, dem Hochstapler Héctor (der grossartige Gael García Bernal), aus der Klemme zu helfen. Erschwert wird dies aber durch Mamá Imelda (Alanna Ubach), die ihren Ururenkel zwar nach Hause schicken kann, ihm aber gleichzeitig das Musizieren für immer und ewig verunmöglichen will.

Zuallererst sei angemerkt, dass Coco einen ungemein wichtigen Beitrag zur kulturellen Repräsentierung der Latinx-Gemeinschaft in den USA leistet. In einem politischen Klima der Exklusion, in dem der US-Regierung – und nicht nur ihr – der Sinn nicht nach Integration, sondern nach radikaler Assimilierung steht, ist der Film von Lee Unkrich (Toy Story 3) und Adrian Molina eine wunderschöne Verneigung vor kulturellem Pluralismus.

Am alljährlichen Día de Muertos verschlägt es Miguel ins Totenreich, wo er seine verstorbenen Vorfahren kennenlernt, darunter Matriarchin Imelda (Alanna Ubach, in violett).
© The Walt Disney Company Switzerland / Pixar Animation Studios
Auch die Handlung zielt in diese Richtung: Im Mittelpunkt von Miguels und Héctors Abenteuer, das sie unter anderem ins angemessen bizarre Atelier von Frida Kahlo (Natalia Cordova-Buckley) führt, steht die Kraft der Familie; die Wichtigkeit eines generationenübergreifenden Bewusstseins; die Fähigkeit, nach vorn zu blicken, ohne dabei die Vergangenheit zu vergessen. Es ist eine elegante Metapher auf die Herausforderungen nachgeborener Immigranten-Generationen.

In bester Pixar-Manier wird auf der Basis dieses gewichtigen Subtexts ein Film entwickelt, der mühelos cleveren Humor und aufrichtige Emotionalität miteinander vermengt und in eine eindrückliche Entdeckungsreise durch eine liebevoll konzipierte Welt integriert. Sets wie Figuren sind farbenfroher als alles bisher Dagewesene im Pixar-Universum – besonderes Lob verdienen die Animatoren der neonfarbenen "Alebrije"-Geistertiere –, und die Musik, sowohl die stimmigen Gesangseinlagen als auch Michael Giacchinos Score, tragen der zentralen Rolle, die sie hier einnimmt, gebührend Rechnung. Coco hat es zweifellos verdient, als Fest für die Sinne bezeichnet zu werden.

Im Land der Toten trifft Miguel den verschlagenen Herumtreiber Héctor (Gael García Bernal), mit dem er sich auf einen Handel einlässt.
© The Walt Disney Company Switzerland / Pixar Animation Studios
Doch Pixar wäre nicht Pixar, wenn der Film nicht auch mitten ins Herz treffen würde. Und Coco erreicht dies gleich doppelt: auf der abstrakteren Ebene der Repräsentierung sowie auf der erzählerischen. Wie bereits in Inside Out sind auch hier das Vergessen und der Tod prominente Motive, mit denen sich die Protagonisten befassen müssen. Und Unkrich und Molina verbinden diese Auseinandersetzung auf bewegende Art und Weise mit der stets präsenten Musik.

Mehr sei nicht verraten. Es ist besser, sich unvoreingenommen ins Kino zu setzen, Olaf's Frozen Adventure hinter sich zu bringen, mit der antrainierten Skepsis zu sehen, wie Coco einen klassischen Disney-Plot bemüht und ihn nach und nach in pure Animationsmagie verwandelt. Wer Pixar abschreibt, ist selber schuld.

★★★★★

Wednesday, 6 December 2017

Kedi

Bringen wir den obligaten Witz hinter uns: Ceyda Toruns Dokumentarfilm Kedi – das türkische Wort für "Katze" – über die halbwilden Strassenkatzen Istanbuls wurde vom Streaming-Service YouTube Red koproduziert und darf somit als das vielleicht prestigeträchtigste, sicherlich aufwändigste Katzenvideo der Welt bezeichnet werden.

Mit spezieller Kameratechnik begaben sich Torun und ihre Kameramänner, Alp Korfali und Produzent Charlie Wuppermann, auf Augenhöhe mit 19 ihrer vierbeinigen Studienobjekte und verfolgten ihr Treiben in der türkischen Millionenmetropole. Sieben davon treten im fertigen Produkt prominent auf: Sari, Bengü, Duman, Aslan Parçasi, Psikopat, Gamsiz und Deniz – sieben Katzen unter Hunderttausenden, die seit Jahrhunderten zum Istanbuler Stadtbild gehören.

Manche tragen Halsbänder und gehen in Wohnungen ein und aus; andere leben am Hafen, jagen Ratten und ziehen ihre Jungen in alten Frachtkisten auf. Was sie miteinander verbindet, ist ihre Beziehung zu den Menschen: Man füttert, streichelt und umsorgt sie, aber als Eigentum will sie niemand betrachten. Katzen haben ihren eigenen Willen und schätzen ihre Unabhängigkeit – und das wird in Istanbul, so Kedi, respektiert.

Toruns Film wird die Menschen mit dem Versprechen ins Kino locken, eine 80-minütige Clipsammlung niedlicher Katzen zu sein. Dieses hält er zwar ein – zu gross ist die Zahl der herzerwärmenden Momente, um sich bei der Beschreibung auf einzelne Höhepunkte zu beschränken –, geht zugleich aber weit darüber hinaus.

Kedi ist ein berührendes, sogar unterschwellig politisches Porträt einer Stadt im Wandel. Jeder der tierischen Protagonisten bringt auch eine kleine Gruppe Einheimischer mit sich, deren Leben von Katzen geprägt ist: den Fährmann, der davon überzeugt ist, Allah sei ihm einst in Form eines Hafenkaters begegnet; den Comiczeichner, der als Kind mit seinem Bruder für geliebte Kedi Beerdigungsrituale abhielt; die Künstlerin, für welche die wilden Istanbuler Katzen feministische Vorbilder sind; den Tierfreund, der nach einer Depression im Katzenfüttern eine neue Lebensaufgabe fand.

Strassenkatzen sind fester Bestandteil des Istanbuler Stadtbildes.
© Frenetic Films
Es ist ein ruhiger, besonnener Gegenentwurf zu den rauen Tönen, die seit geraumer Zeit in der türkischen Politik angeschlagen werden – ein Aufruf zur Menschlichkeit, zur Nächstenliebe, zur Lebensfreude: "Inne zu halten, um eine Katze zu streicheln, ist eine Erinnerung daran, dass wir am Leben sind." Toruns Interviewpartner teilen die Sorge um den schrittweisen Verlust städtischer Grünflächen, auf welche die Katzen, bei aller Anpassungsfähigkeit, angewiesen sind. Sie beklagen den Siegeszug einer Ausschlusskultur, die sich zwar auf Tradition beruft, dabei aber Traditionen wie Istanbuls multikulturelle Offenheit – symbolisiert durch die allgegenwärtigen Katzen verschiedenster Rassen – ignoriert.

Doch Kedi bleibt stets mit allen vier Pfoten auf dem Boden. Was auch immer impliziert wird – letztendlich steht die Katze im Zentrum, in ihrer ganzen rätselhaften, selbstbewussten, tapsigen Grazie. Es ist ein bezaubernder Film, mit dem Ceyda Torun jedem Katzenliebhaber aus dem Herzen spricht.

★★★★★

Tuesday, 5 December 2017

Justice League

Nachdem Patty Jenkins' Wonder Woman im Sommer Hoffnungen auf eine bessere Zukunft des Kinouniversums des Comicverlages DC weckte, erleben diese in Zack Snyders lustlosem Superheldenteam-Blockbuster Justice League einen herben Dämpfer.

Das Aufeinandertreffen der DC-Helden Batman (Ben Affleck), Superman (Henry Cavill), Wonder Woman (Gal Gadot), Flash (Ezra Miller), Aquaman (Jason Momoa) und Cyborg (Ray Fisher) ist das Resultat einer turbulenten Produktion: Das 300-Millionen-Dollar-Budget brach Rekorde, Snyder übergab nach dem Tod seiner Tochter das Diktat an Avengers-Regisseur Joss Whedon, aufwändige Nachdrehs waren nötig, zu denen Henry Cavill zu allem Überfluss mit einem Schnurrbart erschien, der ihm in der Postproduktion digital entfernt werden musste.

Entsprechend zusammengeschustert wirkt das Endprodukt. Justice League mag weder in pathetischem Geschwurbel versinken wie Man of Steel (2013) und Batman v Superman: Dawn of Justice (2016), noch langweilt er wie David Ayers Suicide Squad (2016); doch er wirkt wie ein aufgeblähter Film ohne Ziel und Konzept – obwohl er mit 120 Minuten der bislang kürzeste Eintrag ins "DC Extended Universe" ist.

Ein Teil des Problems ist die fehlende Geduld der Produzenten. Hauptkonkurrent Marvel führte die Protagonisten von Joss Whedons Superhelden-Ensemblefilm The Avengers (2011) in fünf mehr oder weniger eigenständigen Filmen ein. Justice League hingegen muss mit Flash, Aquaman und Cyborg drei neue Figuren mitsamt Hintergrundgeschichten einführen, während Ben Afflecks Batman, auch nach Batman v Superman und seinem Kurzauftritt in Wonder Woman, noch immer keinen klar definierten Charakter hat.

Die einzige halbwegs fertige Figur in diesem Film ist Superman. Doch da dieser am Ende von Batman v Superman bekanntermassen starb, verbringt er die ersten zwei Akte von Justice League folgerichtig in seinem Sarg. Als jedoch Batman und Kompanie – die Titel gebende Justice League – im Kampf gegen Steppenwolf (Ciarán Hinds), einen Boten der Apokalypse, den Kürzeren ziehen, wird der Superhelden-Übervater mit Hilfe von benutzerfreundlicher Alien-Technologie wieder zum Leben erweckt. (Zum Glück wurde er nicht kremiert.)

Batman (Ben Affleck) und Wonder Woman (Gal Gadot) bilden das Superheldenteam Justice League. Mit dabei ist unter anderen der junge Flash (Ezra Miller).
© 2016 Warner Bros. Ent.
Das alles und noch mehr geschieht in scheinbar willkürlicher Abfolge. Im einen Moment beendet Wonder Woman in London eine Geiselnahme, im nächsten bekämpft Batman fliegende Käfer-Ungeheuer, gefolgt von Flash, der seinen Vater (Billy Crudup) im Gefängnis besucht, und Aquaman, der zusehen muss, wie Steppenwolf seinem Volk einen gefährlichen Artefakt abjagt. Das führt mitunter zu durchaus unterhaltsamen, bisweilen unfreiwillig komischen Szenen, doch nach dramaturgischer und tonaler Kohärenz sucht man vergeblich.

Schon der Vorspann – ein uninspiriertes, künstlich in die Länge gezogenes Remake seines Pendants aus Snyders Watchmen (2009) – läuft komplett ins Leere, und dies bleibt die einzige Konstante in einem gänzlich unbeeindruckenden Film: Nichts ist konsequent, wenig ist letzten Endes von Belang, noch weniger bleibt in Erinnerung. Batman v Superman versagte wenigstens mit viel Einsatz. Justice League wirkt einfach nur träge.

★★