Thursday, 7 August 2014

Jersey Boys

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat.

Auch mit 84 überrascht Schauspiel- und Regie-Veteran Clint Eastwood weiter. Sein neuester Film, der auf einem Broadway-Jukebox-Musical basiert, erzählt vom Werdegang der Popband The Four Seasons. Ganz grosses Kino ist das vielleicht nicht, wohl aber ein anregendes Stück Eastwood'scher Americana.

Was sich wie eine sichere, relativ konventionelle Hollywood-Affiche anhört, wird unter der Ägide Clint Eastwoods – Sergio Leones Mann ohne Namen, "Dirty" Harry Callahan, einer der wenigen Leinwandstars, deren Erfolg hinter der Kamera mit dem davor konkurrieren kann – zu einem kleinen Kuriosum. Rülpsende Nonnen, die sich am Messwein gütlich tun, und ein bis zur Karikatur überzeichneter homosexueller Plattenproduzent ("It was 1959. People thought that Liberace was just a bit... theatrical") bevölkern dieses musikalische Biopic, als wären sie einer jener berühmt-berüchtigten Komödienpossen entsprungen, in denen sich Eastwood und sein treuer Orang-Utan Clyde mit einer Horde trotteliger Neonazi-Biker prügeln (Guilty-Pleasure-Geständnis: Unterhaltsam sind sowohl Every Which Way But Loose als auch Any Which Way You Can). Die hochkarätigen Kaugummi-Pop-Songs der Four Seasons werden von den originalen Broadway-Darstellern vorgetragen. Es sind aber nicht die allzu gleichförmig, ja brav inszenierten Gesangseinlagen, die Eastwooods Verfilmung des Tony-Award-gekrönten Musicals Jersey Boys zu einem lohnenswerten Erlebnis machen, sondern vielmehr die an Martin Scorsese gemahnende Milieu-Zeichnung, das Porträt der kleinen Leute hinter der Musik, die sich 1951 zu einer Popgruppe zusammenschlossen, um aus der perspektivlosen Tristesse der Immigranten-Armenviertel von Belleville, New Jersey, auszubrechen. Die Alternativen, laut Bandgründer Tommy DeVito (Vincent Piazza), wären lediglich die Armee ("You'd maybe get killed") oder die Mafia ("You'd probably get killed") gewesen.

Zusammen mit Nick Massi (Michael Lomenda) und dem begabten Falsetto-Sänger Francis Castelluccio (John Lloyd Young), welcher sich später in Frankie Valli umbenennen wird, kämpft Schmalspurganove Tommy unter dem Schutz von Mafioso Gyp DeCarlo (Christopher Walken – seine exzentrische Sprechart einmal mehr ein kleines surreales Meisterwerk) in den Fünfzigerjahren unermüdlich für den Durchbruch seiner Band, wovon ihn auch die Tatsache nicht abhält, dass er im örtlichen Knast Stammgast-Status geniesst. Die Wende kommt für ihn, Frankie und Nick, als, unter Mithilfe des jungen Joe Pesci (Joey Russo), Songschreiber Bob Gaudio (Eric Bergen) zur Gruppe stösst – trotz Tommys Vorbehalten gegnüber dem "behütet aufgewachsenen Grünschnabel" (er stammt aus der New Yorker Bronx). The Four Seasons werden als Backup-Band unter Vertrag genommen, erarbeiten sich das Recht, vier Songs aufzunehmen, und erobern schliesslich, zu Beginn der Sechzigerjahre, die USA im Sturm.

The Four Seasons (v. l.) – Tommy DeVito (Vincent Piazza), Bob Gaudio (Erich Bergen), Frankie Valli (John Lloyd Young), Nick Massi (Michael Lomenda) – erobern ab 1960 die amerikanischen Pop-Charts.
© 2014 Warner Bros. Ent.
Jersey Boys ähnelt in vielen Punkten Eastwoods unterbewertetem J. Edgar, seiner stimmungsvollen Biografie des langjährigen FBI-Tyrannen J. Edgar Hoover. Auch hier macht Kameramann Tom Stern Gebrauch von grossartig stilisierter Beleuchtung und einer ausgewaschenen, beinahe monochromen Farbpalette. Erneut gilt Eastwoods Aufmerksamkeit der uramerikanischen Legenden- und Ikonenbildung; im Stile von Scorseses GoodFellas sprechen die Figuren oft direkt in die Kamera, um ihre eigenen Erinnerungen an Aufstieg und Fall des Phänomens Four Seasons an den Mann zu bringen. Dominiert zunächst noch Tommy die Handlung, reisst nach und nach Frankie die Macht des Erzählers an sich – analog zu seiner Entfremdung von seinem einstigen Freund. "Everybody needs to remember it in his own way", meint Nick in einem Epilog (der, wie schon vergleichbare Szenen in J. Edgar, durch mediokres Alters-Makeup auffällt), wohl in Anlehnung an die alte John Ford'sche Western-Weisheit, nach der die Legende das Primat über die ohnehin niemals objektive Wahrheit haben sollte. Obwohl sicherlich kein Hauptwerk Eastwoods, unterstreicht Jersey Boys dessen Talent als Chronist amerikanischer Kulturgeschichte.


★★★★½

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