Thursday, 13 March 2014

The Grand Budapest Hotel

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat.

Wes Andersons haarklein komponierte Filme konstituieren ein eigenes kleines Universum, in dem man sich nur zu gerne verliert; viele sind geneigt, ihn zu den originellsten Regisseuren des jüngeren US-Kinos zu zählen. The Grand Budapest Hotel untermauert diesen Ruf aufs Trefflichste.

Kein Anderson-Projekt wäre komplett, ohne dass Einspruch erhoben würde gegen die Ästhetik – Pastellfarben, symmetrische Einrichtungen, horizontale Kamerabewegungen, Guckkasten-Blickwinkel –, die der eigenwillige Texaner seit seinem Langspielfilm-Debüt, Bottle Rocket (1996), in den Werken Rushmore (1998), The Royal Tenenbaums (2001), The Life Aquatic with Steve Zissou (2004), The Darjeeling Limited (2007), Fantastic Mr. Fox (2009) und Moonrise Kingdom (2012) kontinuierlich entwickelt und verfeinert hat. Ihren prominentesten Kritiker hat die deutsch-amerikanische Koproduktion The Grand Budapest Hotel in David Denby gefunden, welcher unlängst im renommierten New Yorker-Magazin schrieb: "Knowingness and formalist whimsy should not be confused with art – or at least not with major art". Es ist sprechend, dass ausgerechnet ein Film wie The Grand Budapest Hotel, ein Werk, das mit unglaublicher Verspieltheit auf die frühen Jahre des Kinos Bezug nimmt – mit seinen Phantom Rides auf den Dächern von Autos und Lokomotiven, mit seinen gemalten Kulissen, wo pittoreske Finesse Vorrang vor Realismus hat –, der vielleicht ältesten Debatte ausgesetzt wird, die das Medium kennt: der Frage, auf welche Arten des bewegten Bildes sich der Begriff der Kunst überhaupt anwenden lässt.

Längst hat sich das Kino als "siebte Kunst" etabliert und verdankt sein Fortbestehen als solche, knapp 120 Jahre nach der ersten öffentlichen Filmvorführung, nicht zuletzt Stilisten wie Anderson, deren persönlicher Gestaltungswille ganz im Sinne des Autorengedankens ist, jenes Grundpfeilers der Kunst. Denbys Andeutung, Andersons Kino basiere primär auf ausgeklügeltem Formalismus, mag zwar keineswegs verkehrt sein; doch ist es gerade diese formale Kohärenz, dieses Talent, eine stringente Vision immer wieder neu aus- und aufzulegen, welche dem Anderson'schen Film-Korpus seine Faszination verleiht. Emotionalität ist darin in unterschiedlichen Graden zu finden – wobei The Darjeeling Limited und Moonrise Kingdom allein bereits den Vorwurf widerlegen, rigoroser Formalismus bedeute zugleich Gefühlskälte –, doch auch diese oft trügerisch distanziert wirkende Melancholie ist ein fester Bestandteil von Andersons Welt.

Nach dem Mord an Madame D. (Tilda Swinton) fliehen Page Zero (Tony Revolori, 2. v. l.) und Concierge Gustave (Ralph Fiennes, rechts) durch ein fiktives Osteuropa.
© 2014 Twentieth Century Fox Film Corporation
Auf dieser beruht auch The Grand Budapest Hotel, eine altmodisch aufgezogene Verfolgungsjagd durch ein fiktives osteuropäisches Land Anfang der Dreissigerjahre, die an die Studio-Krimis des klassischen Hollywood, etwa jene eines Ernst Lubitsch, erinnert. Erzählt wird in diesem rasanten, starbesetzten, wunderbar aberwitzigen Abenteuer, welches narrativ gleich dreifach eingerahmt ist, von der Tragik romantischer Nostalgie: "I think his world had vanished long before he ever entered it", sagt der alternde Hotelbesitzer Zero (F. Murray Abraham) über seinen einstigen Vorgesetzten, Gustave H. (Ralph Fiennes mit einer brillanten komödiantischen Darbietung), den Chef-Concierge des Grand Hotel Budapest. Mit ihm floh der junge Zero (Tony Revolori), ein Page, 1932 vor dem Zorn erstarkender Faschisten sowie dem Schergen (Willem Dafoe) eines zwielichtigen Erben (Adrien Brody), der den Mord an seiner Mutter (Tilda Swinton) Monsieur Gustave anhängen will.

Die formalen Vergnügen sind hier unmittelbarer erkennbar als die emotionalen Aspekte, doch darob verliert der Film kein Iota seines Reizes: Andersons Kompositionen wie auch seine gewitzte Bilddramaturgie – in drei Leinwandformaten – bleiben makellos, seine skurrilen Szenarien und Dialoge begeistern mit gewohnter Schärfe, seine Detailverliebtheit animiert zu wiederholten Visionierungen. Wie ein Überbleibsel aus einer vergangenen Zeit verwandelt The Grand Budapest Hotel den Kinosaal wieder in den magischen Ort der frühen Jahre des Mediums.

★★★★★½

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