Tuesday, 31 December 2013

Only Lovers Left Alive

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat.


In seinem ersten Film seit 2009 widmet sich Jim Jarmusch dem für ihn an sich untypischen Thema einer Vampirromanze. Doch der Outlaw des amerikanischen Indie-Kinos weiss auch in diesem Genre zu begeistern: Only Lovers Left Alive ist ein stimmiges Charakterstück von melancholischer Schönheit.

Ein Hauch von Midnight in Paris liegt über Only Lovers Left Alive. Wie Woody Allen in seiner leichtfüssigen Zeitreise-Komödie scheint sich Jarmusch – mehr noch als im unterbewerteten The Limits of Control, in dem er eine Figur über Aki Kaurismäkis La vie de bohème philosophieren liess – in seinem elften Spielfilm daran zu erfreuen, historische, literarische und cineastische Referenzen in sein Drehbuch einfliessen zu lassen. Seine Hauptfiguren, das sich innig liebende, jahrhundertealte Vampir-Paar Adam (Tom Hiddleston), lethargisch-depressiv, und Eve (Tilda Swinton), verträumt-proaktiv, erinnern in ihrer Konstellation an die menschlichen Akteure in John Miltons Genesis-Neuinterpretation Paradise Lost. Eves bester Freund ist der ebenso legendäre wie illustre elisabethanische Theaterautor Christopher Marlowe (John Hurt), ebenfalls ein Blutsauger; Adam, einst ein Freund von "Shelley and Byron and some of those French arseholes", sammelt ikonische Gitarren, schmückt sich mit dem Pseudonym "Dr. Faust", wird von einem gewissen "Dr. Watson" (Jeffrey Wright) mit Blutkonserven beliefert und hat sich in seiner Wohnung einen Schrein für seine Idole eingerichtet: Bilder von Mark Twain, Samuel Johnson, Baruch Spinoza, Frank Kafka, Bo Diddley, Oscar Wilde, Billie Holiday und Neil Young pflastern seine Wand.

Doch anders als bei Allen, der mit seinem Schauplatz, dem Paris der Zwanzigerjahre, einen eindeutig auszumachenden Grund hatte, seine Erzählung unter anderen mit F. Scott Fitzgerald und Luis Buñuel auszustaffieren, ist der genaue Zweck von Jarmuschs Anspielungen nicht leicht zu verorten, nicht zuletzt deshalb, weil sie sich nicht direkt auf den ohnehin spärlichen Plot – Adams Suizidgedanken, eine drohende Blutkonserven-Knappheit sowie der Besuch von Eves wilder Schwester Ava (Mia Wasikowska) – beziehen. Handelt sich dabei um blosse intellektuelle Spielerei, um den Versuch, etwa dem filmhistorisch bewanderten Publikum einen Lacher zu entlocken, wenn Adam von Dr. Watson "Caligari" genannt wird? Oder verfolgt er immer noch jenes Motiv, welches er in The Limits of Control, welcher seine narrativen Geheimnisse nie Preis gab, auskostete; dass die Macht des Autors erst dann offensichtlich wird, wenn er seinem Adressaten Informationen vorenthält?

Seit Jahrhunderten schon sind die Vampire Adam (Tom Hiddleston) und Eve (Tilda Swinton) unsterblich ineinander verliebt.
© filmcoopi
Beide Lesarten mögen wenigstens teilweise zutreffen (wenngleich der Film eher an Mystery Train denn an Limits gemahnt), doch Jarmusch wäre nicht Jarmusch, wenn seine Arbeit nicht auf einer tieferen Ebene berühren würde. Only Lovers Left Alive ist zuallererst ein betörendes impressionistisches Kunstwerk, dessen Brillanz in seiner elegischen Langsamkeit, seinem lakonisch-skurrilen Grundton und seiner grandiosen, von psychedelisch-verzerrten E-Gitarren-Klängen unterstützten Atmosphäre liegt. Mit subtiler Grazie – und herausragenden Bildkompositionen – kontrastiert Jarmusch den Stillstand und den Ennui des ewigen Lebens mit der schmerzlichen Schönheit der Liebe von Adam und Eve und verhilft so dem Konzept des Vampirs, durch die unselige Twilight-Reihe seiner Ernsthaftigkeit, seiner unheimlichen Romantik, ja seiner Würde beraubt, zu neuer poetischer Kraft.

★★★★★½

Sunday, 29 December 2013

"Facing the Bitter Truth"-Filmpreis 2013

Bester Film


  • Before Midnight
  • Blue Jasmine
  • The Broken Circle Breakdown
  • Gangs of Wasseypur
  • La grande bellezza
  • Like Someone in Love
  • Oh Boy
  • Only God Forgives
  • Only Lovers Left Alive
  • Zero Dark Thirty
Spezielle Erwähnungen:
  • The Hunger Games: Catching Fire – Blockbuster des Jahres
  • Leviathan – Dokumentation des Jahren


Beste Regie


  • Kathryn Bigelow – Zero Dark Thirty
  • Jim Jarmusch – Only Lovers Left Alive
  • Abbas Kiarostami – Like Someone in Love
  • Nicolas Winding Refn – Only God Forgives
  • Steven Soderbergh – Behind the Candelabra
  • Paolo Sorrentino – La grande bellezza
  • Wong Kar-wai – The Grandmaster


Bester Hauptdarsteller


  • Daniel Day-Lewis als Abraham Lincoln in Lincoln
  • Michael Douglas als Liberace in Behind the Candelabra
  • Tom Hanks als Captain Richard Phillips in Captain Phillips
  • Hugh Jackman als Keller Dover in Prisoners
  • Vincent Lindon als Alain Evrard in Quelques heures de printemps
  • Chris O'Dowd als Dave Lovelace in The Sapphires
  • Salvatore Striano als Bruto in Cesare deve morire


Beste Hauptdarstellerin


  • Cate Blanchett als Jeanette "Jasmine" Francis in Blue Jasmine
  • Julie Delpy als Céline in Before Midnight
  • Jennifer Lawrence als Tiffany Maxwell in Silver Linings Playbook
  • Laine Mägi als Anne in Une Estonienne à Paris
  • Barbara Sukowa als Hannah Arendt in Hannah Arendt
  • Rin Takanashi als Akiko in Like Someone in Love
  • Hélène Vincent als Yvette Evrard in Quelques heures de printemps


Bester Nebendarsteller


  • Pierre Arditi als Orphée 1 in Vous n'avez encore rien vu
  • Benedict Cumberbatch als Smaug in The Hobbit: The Desolation of Smaug
  • Tigmanshu Dhulia als Ramadhir Singh in Gangs of Wasseypur
  • Michael Gwisdek als Friedrich in Oh Boy
  • Jake Gyllenhaal als Detective Loki in Prisoners
  • Vithaya Pansringarm als Lt. Chang in Only God Forgives
  • Christopher Walken als Peter Mitchell in A Late Quartet


Beste Nebendarstellerin

 
  • Richa Chadda als Nagma Khatoon in Gangs of Wasseypur
  • Sally Hawkins als Ginger in Blue Jasmine
  • Leslie Mann als Laurie Moore in The Bling Ring
  • Helen Mirren als Alma Reville in Hitchcock
  • Charlotte Rampling als Alice in Jeune & Jolie
  • Kristin Scott Thomas als Crystal in Only God Forgives
  • Mickey Sumner als Sophie in Frances Ha


Bestes Originaldrehbuch


  • Woody Allen – Blue Jasmine
  • Mark Boal – Zero Dark Thirty
  • Stéphane Brizé, Florence Vignon – Quelques heures de printemps
  • Ethan Coen, Joel Coen – Inside Llewyn Davis
  • Abbas Kiarostami – Like Someone in Love


Bestes adaptiertes Drehbuch


  • John August, Tim Burton – Frankenweenie (basierend auf dem Kurzfilm Frankenweenie von Tim Burton)
  • Sofia Coppola – The Bling Ring (basierend auf dem Vanity Fair-Artikel "The Suspects Wore Louboutins" von Nancy Jo Sales)
  • Julie Delpy, Ethan Hawke, Richard Linklater – Before Midnight (basierend auf den Figuren aus dem Film Before Sunrise von Richard Linklater)
  • Laurent Herbiet, Alain Resnais, Alex Reval – Vous n'avez encore rien vu (basierend auf den Theaterstücken Eurydice und Cher Antoine ou l'Amour raté von Jean Anouilh)
  • David O. Russell – Silver Linings Playbook (basierend auf dem Roman The Silver Linings Playbook von Matthew Quick)


Bester nicht-englischsprachiger Film


  • The Broken Circle Breakdown
  • Gangs of Wasseypur
  • La grande bellezza
  • Like Someone in Love
  • Oh Boy


Bester Animationsfilm

 
  • Ernest et Célestine
  • Frankenweenie
  • Frozen
  • Monsters University


Beste Kamera

 
  • Geir Hartly Andreassen – Kon-Tiki
  • Luca Bigazzi – La grande bellezza
  • Sean Bobbitt – The Place Beyond the Pines
  • Yorick Le Saux – Only Lovers Left Alive
  • Philippe Le Sourd – The Grandmaster
  • Oleg Mutu – Beyond the Hills
  • Larry Smith – Only God Forgives
Spezielle Erwähnung:
  • Emmanuel Lubezki (Gravity)


 Bester Schnitt




  • End of Watch – Dody Dorn
  • Gravity – Alfonso Cuarón, Mark Sanger
  • No – Andrea Chignoli
  • Rush – Daniel P. Hanley, Mike Hill
  • Silver Linings Playbook – Jay Cassidy, Crispin Struthers
  • Vous n'avez encore rien vu – Hervé de Luze
  • Zero Dark Thirty – William Goldenberg, Dylan Tichenor


Beste Ausstattung




  • La grande bellezza – Ludovica Ferrario
  • The Grandmaster – Tony Au, William Chang, Alfred Yau
  • Gravity – Mark Scruton
  • The Great Gatsby – Damien Drew, Ian Gracie, Michael Turner
  • The Hobbit: The Desolation of Smaug – Dan Hennah, Ra Vincent
  • The Hunger Games: Catching Fire – John Collins, Adam Davis, Robert Fechtman
  • Inside Llewyn Davis – Deborah Jensen


Beste Filmmusik

 
  • Vincent Courtois – Ernest et Célestine
  • Alexandre Desplat – La Vénus à la fourrure
  • G. V. Prakash Kumar – Gangs of Wasseypur
  • Cliff Martinez – Only God Forgives
  • Howard Shore – The Hobbit: The Desolation of Smaug
  • Giuliano Taviani, Carmelo Travia – Cesare deve morire
  • Jozef van Wissem – Only Lovers Left Alive

    Tuesday, 24 December 2013

    Le passé

    Zwischen packender Tragödie und manipulativem Rührstück verläuft oft nur eine feine Linie, deren gelegentliche Übertretung nicht nur minderen Künstlern vorbehalten ist. Nachgerade berühmt ist etwa das Verdikt, welches der Filmtheoretiker Siegfried Kracauer über Georg Wilhelm Pabsts Meisterwerk Die freudlose Gasse fällte: Bei allem Mut, das in der Weimarer Republik existierende soziale Elend zu zeigen, bei aller gestalterischer Virtuosität habe der Film dennoch "einen unglücklichen Hang zum Melodram".

    Dieses Wort im Zusammenhang mit Asghar Farhadis neuem Film zu nennen, wäre übertrieben, obwohl Le passé durchaus dahin gehende Tendenzen aufweist. Zwei Jahre nach Farhadis magistralem Scheidungsdrama A Separation, welches den Iraner und seine vorangegangenen Werke (Fireworks Wednesday, About Elly) einem internationalen Publikum bekannt machte, legt er ein thematisch ähnliches Drama vor, welches sich aus einer unwahrscheinlichen Verkettung verhängnisvoller Zufälle und Begebenheiten speist, die das ganze Konstrukt stellenweise ins Wanken zu bringen droht.

    Kaum ein tragischer Topos fehlt hier: Liebe, Ehe, Scheidung, traumatisierte Kinder, ungewollte Schwangerschaft, Suizid und eine erst in der herausragenden letzten Einstellung auftretende Koma-Patientin liefern den dramatischen Hintergrund, vor dem sich die Dreiecksbeziehung zwischen Ahmad (der hervorragende Ali Mosaffa), seiner Ex-Frau Marie (Bérénice Bejo – weit entfernt von der verträumten Romantik ihrer Darbietung in The Artist) und deren neuem Freund Samir (Tahar Rahim) abspielt. Nach vierjähriger Abwesenheit reist Ahmad zurück nach Paris, um dort die Scheidung von Marie zu finalisieren, sieht sich aber bald mit den Konflikten konfrontiert, die sich seit seiner Abreise vertieft haben – etwa dem scheinbar unüberbrückbaren Graben zwischen Marie und Lucie (Pauline Burlet), ihrer 16-jährigen Tochter aus erster Ehe.

    Farhadi erweist sich einmal mehr als gewiefter Wortschmied, dessen Dialoge mit bewundernswerter Ökonomie in wenigen Worten viel zu vermitteln wissen, ohne je ins Deklamatorische zu verfallen – wenngleich er in einer Schlüsselszene der unseligen Versuchung erliegt, Samirs fünfjährigem Sohn Fouad (Elyes Aguis) die analytische Reife eines jungen Erwachsenen anzudichten. Insgesamt mag der Film zwar das Feuer vermissen lassen, welches A Separation mit seinen aufgeladenen Rededuellen zu entfachen vermochte; doch auch Le passé erreicht den Zenit seiner Intensität, wenn sich Farhadi auf die in engen, überfrachteten Zimmern geführten Diskussionen seiner Protagonisten konzentriert.

    Ahmad (Ali Mosaffa, links) muss sich mit der komplizierten Beziehung seiner Ex-Frau (Bérénice Bejo) zu Samir (Tahar Rahim) auseinandersetzen.
    © Frenetic Films
    Letztendlich ist es vielleicht sogar primär der sorgfältigen Figurenzeichnung zu verdanken, dass Farhadis melodramatischer Plot nie in ein ausgesprochenes Melodrama ausartet; seine Charaktere sind dermassen stimmig konzipiert, dass das Interesse an ihnen stark genug ist, um grössere Zweifel an der Dramaturgie, die sie bewohnen, auszuräumen. Es ist ein Beleg für Farhadis Qualitäten als Autor, dass man es dem Film nicht nachträgt, wenn er den Fokus vom geduldigen, ausgeglichenen Ahmad, dem designierten Sympathieträger des Stücks, auf die aufbrausende Marie und den scharfkantigen Samir verlagert, um im auf stille Weise mitreissenden letzten Akt die Tiefen dieser Figuren zu erkunden.

    Im Bereich der Regie geriert sich Farhadi indes auch in Le passé grundsätzlich als Neorealist, als Regisseur der Worte und Taten statt des expliziten Subtexts. Seine Kompositionen sind nüchtern, viele seiner Szenen sind in gewollt klaustrophobischen Halbnahen gefilmt; stilistische Schnörkel erlaubt er sich allenfalls an jenen Stellen, in denen er das Scheitern menschlicher Kommunikation mittels tonloser Dialoge herausstreicht. (Derweil erinnert die Autofahrt von Ahmad und Marie zu Beginn an die Irrfahrt, welche die Protagonisten von Abbas Kiarostamis Close-Up durch die Vorstadt von Teheran unternehmen.) Selbst der potentiell bedeutungsschwangere Titel wird nicht mit cineastischen Extravaganzen gerechtfertigt; seine Relevanz wird lediglich mit subtilen visuellen Mitteln der Dramaturgie angedeutet. "Le passé", die Vergangenheit, bestimmt die Gegenwart wie keine andere Kraft; es sind die divergierenden Interpretationen des bereits Geschehenen, welche über den Lauf der Welt, im Grossen wie im Kleinen, bestimmen. Der Film mag der Gravitas dieser Erkenntnis nicht immer ganz gerecht werden, doch dass er letztlich dennoch bewegt und fasziniert, zeugt von der unbestreitbaren Klasse seines Regisseurs.

    ★★★★½

    Monday, 23 December 2013

    Kinojahr 2013: Top 10

    Wieder ist ein Jahr vorbei, wieder blicken wir zurück auf zwölf Monate voller guter Filme. Auch dieses Jahr basiert diese Liste auf den Schweizer Kinostartdaten. Erklärungen zu den Platzierungen finden sich auf The Zurich English Student.

    1
    Gangs of Wasseypur
    (Anurag Kashyap, Indien)


    2
    Before Midnight
    (Richard Linklater, USA)


    3
    Zero Dark Thirty
    (Kathryn Bigelow, USA)


    4
    Only God Forgives
    (Nicolas Winding Refn, Dänemark/Thailand)


    5
    La grande bellezza
    (Paolo Sorrentino, Italien)


    6
    The Broken Circle Breakdown
    (Felix Van Groeningen, Belgien)


    7
    Only Lovers Left Alive
    (Jim Jarmusch, USA)


    8
    Blue Jasmine
    (Woody Allen, USA)


    9
    Like Someone in Love
    (Abbas Kiarostami, Frankreich/Japan)


    10
    Oh Boy
    (Jan-Ole Gerster, Deutschland)



    HONOURABLE MENTIONS
    • Captain Phillips (Paul Greengrass)
    • Cesare deve morire (Paolo Taviani, Vittorio Taviani)
    • Ernest et Célestine (Stéphane Aubier, Vincent Patar, Benjamin Renner)
    • Frankenweenie (Tim Burton)
    • The Hunger Games: Catching Fire (Francis Lawrence)
    • Leviathan (Lucien Castaing-Taylor, Véréna Paravel)
    • Quelques heures de printemps (Stéphane Brizé)
    • Silver Linings Playbook (David O. Russell)

    Sunday, 22 December 2013

    Frozen

    © Disney

    ★★★★☆☆

    "Engrossing in its standout moments, diverting even during its weaker passages, it is carried to glory by a dedicated voice cast, a colourful array of side characters, stunning animation, and beautiful compositions, which create a self-contained fairytale world rich in nuance and texture."

    Ganze Kritik auf The Zurich English Student (online einsehbar).

    Thursday, 19 December 2013

    The Hobbit: The Desolation of Smaug

    Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat.


    Nach dem unvollkommenen, insgesamt aber unterhaltsamen ersten Teil der Hobbit-Trilogie bietet The Desolation of Smaug einen düstereren, brutaleren Blick auf J. R. R. Tolkiens Roman. Auch Teil zwei kommt nicht ohne Probleme aus, brilliert aber mit einem fulminanten Schlussdrittel.

    Das Kinderbuch The Hobbit, or There and Back Again, 1937 erschienen, folgt, ganz seinem Titel entsprechend, der unglaublichen Reise, die der Hobbit Bilbo Baggins mit einer Kompanie von 13 Zwergen und dem mächtigen Zauberer Gandalf quer durch den mythischen Kontinent Mittelerde unternimmt, um den bösen Drachen Smaug aus der einstigen Zwergenfestung Erebor zu vertreiben. Diese Geschichte hat der neuseeländische Regisseur Peter Jackson, welcher mit der Tolkien-Leinwandtrilogie The Lord of the Rings weltweit Kultstatus erlangte, nun um dermassen viele Handlungsstränge erweitert und verlängert, dass der Titel gebende Hobbit (gespielt vom ideal besetzten Martin Freeman) mittlerweile zur Nebenfigur degradiert wurde. Die Tendenz machte sich in An Unexpected Journey bemerkbar; in The Desolation of Smaug liegt der Fokus über weite Strecken unverhohlen auf dem Zwergen-Anführer Thorin Oakenshield (Richard Armitage), Magier Gandalf (Ian McKellen) sowie auf der unglücklich konzipierten, weil dramaturgisch überflüssigen, Liebesgeschichte zwischen einem Zwerg und einer Kriegerin aus dem verschlagenen Volk der Waldelben.

    Doch wie schon in An Unexpected Journey, als Bilbo mit dem mysteriösen Gollum (Andy Serkis) in einem Rätselwettstreit um sein Leben feilschte, erreicht The Desolation of Smaug seinen Höhepunkt dann, als Jackson sich von allen Ablenkungen vorübergehend verabschiedet und sich ganz seinem kleinen, bescheidenen Helden aus dem grünen Shire widmet. Bilbos Zwiegespräch mit Gollum war, dank Worten und Schauspielleistungen allein, der unumstrittene Höhepunkt des ersten Teils; das Gleiche gilt für den zweiten Teil, in dessen drittem Akt Bilbo von seinen Reisegefährten ins Innere von Erebor geschickt wird, um Smaug einen Edelstein abzuluchsen. Was folgt, ist eine der besten Sequenzen aus Jacksons ganzem Mittelerde-Legendarium: Smaug – makellos animiert, von Benedict Cumberbatch schlichtweg grandios gesprochen, eine vortreffliche Mischung aus Satansfigur ("I am fire, I am death") und mittelalterlichem Märchen-Schreckgespenst – liefert sich ein packendes, aufregend inszeniertes Rededuell mit dem schlauen Bilbo, dessen stattliche Länge vollauf gerechtfertigt ist.

    In der Höhle des Löwen: Hobbit Bilbo (Martin Freeman) muss einen Edelstein aus der Schatzkammer des bösen Drachen Smaug entwenden.
    © 2012 Warner Bros. Ent.
    Dasselbe lässt sich für den Rest des rund 160-minütigen Films nicht immer sagen. Allzu oft verweilt Jackson auf Angelegenheiten – etwa dem Konflikt zwischen dem Waldelben-König Thranduil (Lee Pace) und seinem Sohn Legolas (Orlando Bloom) –, welche auf die Schlacht, die im dritten Teil (There and Back Again, 2014) geschlagen werden wird, sowie auf den Beginn der Lord of the Rings-Saga hinweisen sollen, im Ganzen aber eher zur herrschenden narrativen Unordnung beitragen. An anderen Stellen hingegen nimmt sich der Film nicht genug Zeit; so zum Beispiel bei der Wanderung von Bilbo und den Zwergen durch den verwunschenen Düsterwald, auf dessen die Sinne benebelnde Wirkung nicht befriedigend eingegangen wird – eine enttäuschend überhastete Sequenz.

    Und dennoch ist The Desolation of Smaug, wie schon sein Vorgänger, ein mitunter irritierendes, aber zumeist aufregendes Abenteuer, versinnbildlicht durch jene hervorragende Szene, in der Bilbo und Kompanie in leeren Fässern durch Stromschnellen schiessen, um aus elbischer Gefangenschaft zu entkommen: Elben jagen Zwerge, Orks töten Elben, Zwerge bekämpfen Orks; alles ist in Bewegung, physikalische Gesetze scheinen aufgehoben, Motive verschwommen – doch Langeweile stellt sich nie ein.

    ★★★★☆☆

    Thursday, 12 December 2013

    Inside Llewyn Davis

    Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat.


    Inspiriert von der posthum veröffentlichten Autobiografie des amerikanischen Folkmusikers Dave Van Ronk, erzählt das Regie-Brüderpaar Joel und Ethan Coen mit Inside Llewyn Davis eine bald lakonische, bald melancholische Winterballade aus dem New Yorker Greenwich Village.

    Einer der spannendsten Aspekte des Coen'schen Filmkanons ist sein ausgeprägter Sinn für Zeit und Ort; die darin enthaltenen Werke sind, obgleich sie sich zumeist um universelle Tropen und Strukturen drehen, stets eng mit dem historischen Hintergrund, vor dem sie sich abspielen, verbunden. So beleuchtet etwa der 1991 erschienene Barton Fink die innere Zerrissenheit Amerikas an der Schwelle zum Zweiten Weltkrieg; derweil sich Fargo (1996), angesiedelt im Jahre 1987, mit dem katastrophalen Scheitern der neoliberalen Reagan-Jahre beschäftigt. Llewyn Davis, als Figur wie auch als Film, bildet die Brücke zwischen dem überschwänglichen Wirtschaftswunder-Esprit von Tim Robbins' Norville Barnes in The Hudsucker Proxy (1994; spielt 1958) und dem frustrierend normativen Vorstadt-Spiessbürgertum, dessen Tristesse Michael Stuhlbarg als Larry Gopnik in A Serious Man (2009; spielt 1967) miterlebt.

    Zwischen diesen beiden Polen spielt sich das Leben von Llewyn Davis (Oscar Isaac) ab, einem begabten, aber nicht eben erfolgreichen Folksänger, welcher 1961 im Greenwich Village, dem Alternativen-Schmelztiegel von New York, wo sich Beatniks und Anhänger des "Folk Revival" tummeln, Fuss zu fassen versucht. Getrieben wird der verbitterte Eigenbrötler noch vom uramerikanischen Glauben an die unbegrenzten Möglichkeiten der Eigeninitiative, wobei er seine Tätigkeit primär als Broterwerb versteht und ihm die Beschreibung des Singens als "joyous expression of the soul" zuwider ist. Doch nach und nach muss auch er feststellen, dass dieser idealistische Traum der Village-Bewegung wohl stets ein Traum bleiben wird: Jean (Carey Mulligan), die Partnerin seines besten Freundes (Justin Timberlake), die Llewyn womöglich geschwängert hat, denkt unter dem galligen Spott der immer wieder arroganten Titelfigur laut darüber nach, eine Familie zu gründen; das Jazz-Schwergewicht Roland Turner (John Goodman – hervorragend) ist ein drogensüchtiges Wrack; der legendäre Folk-Produzent Bud Grossman (F. Murray Abraham) hört sich eine herzzereissende Ballade Llewyns an und winkt ab mit der Begründung, damit liesse sich kein Geld machen.

    "Heard the song of a poet who died in the gutter": Folkmusiker Llewyn Davis (Oscar Isaac, links) versucht, sich im Greenwich Village durchzusetzen.
    © Ascot Elite
    Doch nicht nur Llewyn selber passt ins Coen-Universum, ist er doch geistesverwandt mit dem glücklosen Hollywood-Schreiberling Barton Fink und dem Pechvogel Larry Gopnik. Der Film als Ganzes fügt sich in jene Reihe von Werken ein, bei welchen die Coens eine frei laufende, episodenhafte Erzählstruktur einem geradlinigen Plot vorziehen (The Big Lebowski, A Serious Man). Dramaturgisch vorangetrieben wird Inside Llewyn Davis von Llewyns Odyssee, die durch sein Verschulden entlaufene Katze eines befreundeten Ehepaares wiederzufinden.

    Seine daraus resultierenden Konfrontationen mit anderen Musikern, anderen Lebensentwürfen sowie dem eigenen Verantwortungsbewusstsein (oder dessen Fehlen) wissen Joel und Ethan Coen indes mit grandios idiosynkratischen Dialogen, treffenden Bildkompositionen – veredelt durch das winterlich blaugraue Farbschema von Kameramann Bruno Delbonnel – und einer einmal mehr passgenau auf das porträtierte Milieu zugeschnittenen Atmosphäre (mit subtilen Anspielungen auf Village-Grössen wie Peter, Paul and Mary, Jean Ritchie, Tom Paxton, die Clancy Brothers oder Bob Dylan) einzufangen. Inside Llewyn Davis ist augenscheinlich das Werk zweier abgeklärter Filmemacher, für die ein Fehltritt inzwischen unmöglich geworden zu sein scheint.

    ★★★★★☆

    Wednesday, 11 December 2013

    Award Season: The Washington DC Area Film Critics Association

    12 Years a Slave
    © Ascot Elite

    Sollte sich der Geschmack der Academy nicht allzu stark von dem der amerikanischen Kritiker unterscheiden, dann weisen die Preise der Washington DC Area Film Critics Association auf mehrere Oscar-Favoriten hin, welch vor der Award Season nicht unbedingt im Zentrum der Aufmerksamkeit standen. So entwickeln sich Jared Leto (Dallas Buyers Club) und Lupita Nyong'o (12 Years a Slave) langsam zu Nebenrollen-Frontrunner. Währenddessen setzt Cate Blanchett (Blue Jasmine) ihren scheinbar unaufhaltsamen Siegeszug fort.

    Bester Film: 12 Years a Slave
    Beste Regie: Alfonso Cuarón – Gravity
    Bester Hauptdarsteller: Chiwetel Ejiofor – 12 Years a Slave
    Beste Hauptdarstellerin: Cate Blanchett – Blue Jasmine
    Bester Nebendarsteller: Jared Leto – Dallas Buyers Club
    Beste Nebendarstellerin: Lupita Nyong'o – 12 Years a Slave
    Bestes Originaldrehbuch: Spike Jonze – Her
    Bestes adaptiertes Drehbuch: John Ridley – 12 Years a Slave
    Beste Kamera: Emmanuel Lubezki – Gravity
    Beste Ausstattung: Catherine Martin, Beverley Dunn – The Great Gatsby
    Bester Schnitt: Alfonso Cuarón, Mark Sanger – Gravity
    Beste Musik: Hans Zimmer – 12 Years a Slave
    Bester fremdsprachiger Film: The Broken Circle Breakdown
    Bester Dokumentarfilm_ Blackfish
    Bester Animationsfilm: Frozen
    Bestes Ensemble: 12 Years a Slave
    Beste Jugend-Performance: Tye Sheridan – Mud
    The Joe Barber Award for Best Portrayal of Washington, DC: The Butler

    Monday, 9 December 2013

    Award Season: AFI Top Ten

     © AFI

    Anders als die zahlreichen US-Kritikerzirkel verzichtet das American Film Institute traditionell auf Preiskategorien und veröffentlicht lediglich eine alphabetische Top Ten der besten Filme des Jahres. Deren diesjährige Ausgabe bestätigt einige Trends – Fruitvale Station, Inside Llewyn Davis, Nebraska und vor allem Her erweisen sich als stärker als vor Beginn der Award Season angenommen – und führt mit Captain Phillips und Saving Mr. Banks zwei Quasi-Aussenseiter ins Rennen ein, welche in den kommenden Wochen noch zulegen könnten.

    12 Years a Slave
    American Hustle
    Captain Phillips
    Fruitvale Station
    Gravity
    Her
    Inside Llewyn Davis
    Nebraska
    Saving Mr. Banks
    The Wolf of Wall Street

    Award Season: Los Angeles Film Critics Association

    Gravity und Her
     © 2013 Warner Bros. Ent. / © Ascot Elite

    Nicht weniger als drei Unentschieden verzeichnete die Los Angeles Film Critics Association: Der Preis für den besten Film, für die beste Hauptdarstellerin und für den besten Nebendarsteller musste geteilt werden. Ansonsten wartet die LAFCA grundsätzlich mit zwei Überraschungen auf: Richard Linklaters herausragender Before Midnight konnte das Rennen um das beste Drehbuch für sich entscheiden – und schaltet sich damit wieder ins Oscar-Rennen ein – und der kleinen, bescheidenen, wunderschönen französischen Produktion Ernest et Célestine ist es wider Erwarten gelungen, The Wind Rises in der Animationsfilm-Kategorie hinter sich zu lassen. Währenddessen verteidigt Bruce Dern weiterhin seinen Anspruch, beim Darsteller-Oscar eine Rolle zu spielen.

    Bester Film: Gravity und Her
    Beste Regie: Alfonso Cuarón – Gravity (Zweiter Platz: Spike Jonze – Her)
    Bester Hauptdarsteller: Bruce Dern – Nebraska (Zweiter Platz: Chiwetel Ejiofor – 12 Years a Slave)
    Beste Hauptdarstellerin: Cate Blanchett (Blue Jasmine) und Adèle Exarchopoulos (La vie d'Adèle)
    Bester Nebendarsteller: James Franco (Spring Breakers) und Jared Leto (Dallas Buyers Club)
    Beste Nebendarstellerin: Lupita Nyong'o – 12 Years a Slave (Zweiter Platz: June Squibb – Nebraska)
    Bestes Drehbuch: Julie Delpy, Ethan Hawke, Richard Linklater – Before Midnight (Zweiter Platz: Spike Jonze – Her)
    Beste Kamera: Emmanuel Lubezki – Gravity (Zweiter Platz: Bruno Delbonnel – Inside Llewyn Davis)
    Beste Austattung: K. K. Barrett – Her (Zweiter Platz: Jess Gonchor – Inside Llewyn Davis)
    Bester Schnitt: Alfonso Cuarón, Mark Sanger – Gravity (Zweiter Platz: Shane Carruth, David Lowery – Upstream Color)
    Beste Musik: T Bone Burnett – Inside Llewyn Davis (Zweiter Platz: Arcade Fire, Owen Pallett – Her)
    Bester fremdsprachiger Film: La vie d'Adèle (Zweiter Platz: La grande bellezza)
    Bester Dokumentarfilm: Stories We Tell (Zweiter Platz: The Act of Killing)
    Bester Animationsfilm: Ernest et Célestine (Zweiter Platz: The Wind Rises)
    New Generation: Megan Ellison
    Legacy of Cinema: Criterion Collection
    The Douglas Edwards Experimental/Independent Film/Video Award: Cabinets of Wonder: Film and a Performance by Charlotte Pryce
    Special Citation: The Creative Team of 12 Years a Slave

    Award Season: Boston Society of Film Critics

    12 Years a Slave 
    © Ascot Elite

    Steve McQueens 12 Years a Slave startete als Favorit in die Award Season und ist diesem Ruf nun, bei der Preisvergabe der Boston Society of Film Critics, erstmals vollumfänglich gerecht geworden; drei Hauptkategorien konnte das faktenbasierte Antebellum-Drama für sich entscheiden. Ansonsten machten die Bostoner Kritiker vor allem durch unübliche Entscheidungen auf sich aufmerksam, etwa durch die Ehrung von Wadjda zum besten fremdsprachigen Film oder durch die zweifache Nennung von Nicole Holofceners Liebeskomödie Enough Said, in welcher der im Juni verstorbene James Gandolfini eine seiner letzten Rollen bestritt. Weiterhin makellos verläuft indessen die Award Season für Hayao Miyazaki und seine angeblich letzte Regiearbeit, The Wind Rises – die in Japan und Südkorea hitzig diskutierte Biografie durfte nach seinen Siegen in New York und beim National Board of Review auch hier die Auszeichnung für den besten animierten Film des Jahres in Empfang nehmen.

    Bester Film: 12 Years a Slave
    Beste Regie: Steve McQueen – 12 Years a Slave
    Bester Hauptdarsteller: Chiwetel Ejiofor – 12 Years a Slave
    Beste Hauptdarstellerin: Cate Blanchett – Blue Jasmine
    Bester Nebendarsteller: James Gandolfini – Enough Said
    Beste Nebendarstellerin: June Squibb – Nebraska
    Bestes Drehbuch: Nicole Holofcener – Enough Said
    Beste Kamera: Emmanuel Lubezki – Gravity
    Bester Schnitt: Daniel P. Hanley, Mike Hill – Rush
    Bester fremdsprachiger Film: Wadjda
    Bester Dokumentarfilm: The Act of Killing
    Bester Animationsfilm: The Wind Rises
    Bester neuer Filmemacher: Ryan Coogler – Fruitvale Station
    Bestes Ensemble: Nebraska
    Bester Gebrauch von Musik: Inside Llewyn Davis

    Thursday, 5 December 2013

    The Counselor

    Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat.

    The Counselor ist die mit Spannung erwartete Kollaboration zwischen dem gefeierten Regie-Haudegen Ridley Scott und dem Pulitzer-Preisträger Cormac McCarthy. Doch die Affiche hält nicht, was sie verspricht; der Thriller ist zwar wortgewandt, verfehlt aber seinen Zweck als abgründige Moralfabel.

    In einem 2003 erschienenen Artikel bezeichnete der Kritiker und Yale-Professor Harold Bloom die Schriftsteller Thomas Pynchon, Philip Roth, Don DeLillo und Cormac McCarthy als die "bedeutendsten amerikanischen Literaten der Gegenwart" – ein Urteil, welches sich im Laufe der vergangenen zehn Jahre angesichts von Büchern wie Cosmopolis (DeLillo, 2003), No Country for Old Men (McCarthy, 2005), Against the Day (Pynchon, 2006) oder Indignation (Roth, 2008) als richtig erwiesen hat. Vielen gilt McCarthy als "abgründigstes" Mitglied dieser Quadriga: Seine literarische Welt ist ein Jammertal, in dem nekrophile Serienmörder umgehen (Child of God, 1973) und Säuglinge in Swift'scher Manier Kannibalen zum Opfer fallen (The Road, 2006). Oft lautet die niederschmetternde Erkenntnis, dass in dem ganzen Leid keinerlei inhärenter Sinn auszumachen ist.

    Diesen nihilistischen Zynismus vollauf zufrieden stellend auf die Leinwand zu bannen, ist bislang nur Joel und Ethan Coen mit ihrer zeitgenössischen, düster-kargen Western-Elegie No Country for Old Men (2007) gelungen. Nun hat McCarthy selber die Initiative ergriffen und nach zwei TV-Skripten erstmals ein Originaldrehbuch zu einem Kinofilm verfasst. Dass dieses ein Werk aus dem McCarthy-Kanon ist, lässt sich nicht leugnen: Wie schon seine "Border Trilogy" (All the Pretty Horses, The Crossing, Cities of the Plain) spielt auch The Counselor in jener mal verklärten, mal verteufelten Gegenwelt des amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiets, wo "México Lindo" und texanischer Nationalismus, Pionier-Romantik und Bandenkriege seit bald zwei Jahrhunderten aufeinander prallen.

    Dort versucht die Titelfigur, ein namenloser Anwalt (Michael Fassbender), mit Hilfe des zwielichtigen Geschäftsmannes Reiner (Javier Bardem) im Drogengeschäft Fuss zu fassen, dessen mannigfaltigen Gefahren er aber nicht gewachsen ist (den Topos des mit den Konsequenzen der eigenen Entscheidungen überforderten Protagonisten kennt man aus No Country for Old Men). Die in einem Abwassertank versteckte Ladung Kokain, welche aus der berüchtigten Grenzstadt Ciudad Juárez nach Chicago geliefert werden soll und um deren Profit neben dem "Counselor" und den verfeindeten Kartellen auch Reiners verschlagene Freundin (die herausragende Cameron Diaz), der lakonische Mittler Westray (Brad Pitt) sowie ein aus All the Pretty Horses bekannter Drogenboss (Rubén Blades) buhlen, wird in McCarthys von hyperliterarischen Monologen gespicktem Skript zu einem veritablen MacGuffin, einem vagen, für den Verlauf, nicht aber für den Inhalt, der Geschichte wichtigen Erzählelement.

    Der naive "Counselor" (Michael Fassbender, rechts) will sich mit der Unterstützung des Gangsters Reiner (Javier Bardem) am Drogenschmuggel bereichern.
    © 2013 Twentieth Century Fox Film Corporation
    Zentral ist in The Counselor eher der von Regisseur Ridley Scott (Blade Runner, Gladiator) oft durch Grossaufnahmen unterstrichene Verweis auf die Ungeheuerlichkeiten, zu denen die Menschheit fähig ist – auf Film festgehaltene Enthauptungen, Exekutionen per "Bolito" (eine sich automatisch zuziehende Schlinge) –, die Sinnlosigkeit allen Seins ("Death has no meaning. I don't believe that. My family is dead. I have no meaning"), die Verführungskraft des weiblichen Geschlechts (ein unangenehm frauenfeindlicher Charakterzug des Films) sowie die Hilflosigkeit des trotz seines Rufnamens stets unterinformierten "Counselors". Dies führt stellenweise zu interessanten, bisweilen sogar faszinierenden Dialogen und inspirierten Momenten des schwarzen Humors, doch McCarthys Text erwacht, auch wegen Scotts routiniert-formelhafter Inszenierung, nie zum Leben. The Counselor ist ein distanzierter, emotional hohler Film, in dem wahrscheinlich ein spannendes Buch über Gier, Hybris und menschliche Perversion verborgen liegt.

    ★★★☆☆☆

    Wednesday, 4 December 2013

    Award Season: National Board of Review

    Her
    © Ascot Elite

    Und plötzlich drängt sich ein bislang als Aussenseiter eingeschätzter Film ins Rampenlicht: Spike Jonzes Her, in dem sich Joaquin Phoenix in die Stimme seines Computersystems verliebt, gewinnt den Haupt- sowie den Regiepreis bei den Awards vom National Board of Review. Auch Alexander Paynes Nebraska sorgt weiterhin für Aufsehen: Bruce Dern bestätigt mit seinem Darstellerpreis, dass man ihn nach wie vor zum Favoritenkreis für eine Oscar-Nomination zählen muss, während sich Will Forte ins Nebendarsteller-Rennen einmischt. Ebenfalls interessant ist die beigelegte alphabetische Top Ten, in der sich nicht nur der innert kürzester Zeit zu einem Award-Season-Zwerg geschrumpfte Prisoners findet, sondern auch Ben Stillers The Secret Life of Walter Mitty. Als Überraschung ist derweil der Fremdsprachen-Sieg von Asghar Farhadis Le passé (wohl auf Kosten von Abdellatif Kechiches Cannes-Gewinner La vie d'Adèle) zu werten.

    Bester Film: Her
    Beste Regie: Spike Jonze – Her
    Bester Hauptdarsteller: Bruce Dern – Nebraska
    Beste Hauptdarstellerin: Emma Thompson – Saving Mr. Banks
    Bester Nebendarsteller: Will Forte – Nebraska
    Beste Nebendarstellerin: Octavia Spencer – Fruitvale Station
    Bestes Originaldrehbuch: Ethan Coen, Joel Coen – Inside Llewyn Davis
    Bestes adaptiertes Drehbuch: Terence Winter – The Wolf of Wall Street
    Bester fremdsprachiger Film: Le passé
    Bester Dokumentarfilm: Stories We Tell
    Bester Animationsfilm: The Wind Rises
    Bestes Regiedebüt: Ryan Coogler – Fruitvale Station
    Bestes Ensemble: Prisoners
    Weibliche Breakthrough-Performance: Adèle Exarchopoulos – La vie d'Adèle
    Männliche Breakthrough-Performance: Michael B. Jordan – Fruitvale Station
    William K. Everson Award for Film History: George Stevens, Jr.
    Creative Innovation in Filmmaking Award: Gravity
    Spotlight Award: Career Collaboration of Martin Scorsese and Leonardo DiCaprio
    NBR Freedom of Expression: Wadjda

    Top Ten (alphabetisch):
    12 Years a Slave
    Fruitvale Station
    Gravity
    Inside Llewyn Davis
    Lone Survivor
    Nebraska
    Prisoners
    Saving Mr. Banks
    The Secret Life of Walter Mitty
    The Wolf of Wall Street

    Top 10 Independent Films (alphabetisch):
    Ain't Them Bodies Saints
    Dallas Buyers Club
    In a World...
    Mother of George
    Much Ado About Nothing
    Mud
    The Place Beyond the Pines
    Short Term 12
    Sightseers
    The Spectacular Now

    Top 5 Foreign Language Films (alphabetisch):
    Beyond the Hills
    Gloria
    The Grandmaster
    A Highjacking
    Jagten

    Top 5 Documentaries (alphabetisch):
    20 Feet from Stardom
    The Act of Killing
    After Tiller
    Casting by
    The Square

    Malavita

    © Pathé Films AG

    ★★★½

    "It casually ignores the potential of its premise and instead opts to be a scattered black comedy with a devil-may-care attitude towards the genre’s conventions concerning jokes (there are few) and depiction of violence (frequent and graphic). Still, it ultimately falls into the category of films we might term, to quote Andrew Sarris, 'lightly likable; uneven but with the saving grace of unpretentiousness'."

    Ganze Kritik auf The Zurich English Student (online einsehbar).

    Tuesday, 3 December 2013

    Award Season: New York Film Critics Circle

    American Hustle
    © Ascot Elite

    Auch dieses Jahr eröffnet die Preisvergabe des New York Film Critics Circles die Award Season. Das Rennen um die Oscars, welche am 2. März 2014 vergeben werden, hat begonnen und die NYFCC-Entscheidungen unterstreichen, was sich bereits seit geraumer Zeit abzeichnet: Wie schon im letzten Jahr ist auch heuer (noch) kein einzelner Film als übermächtiger Favorit der Preis-Saison auszumachen – obgleich die drei Nennungen von David O. Russells American Hustle doch bereits ein kleines Zeichen setzen.

    Bester Film: American Hustle
    Beste Regie: Steve McQueen – 12 Years a Slave
    Bester Hauptdarsteller: Robert Redford – All Is Lost
    Beste Hauptdarstellerin: Cate Blanchett – Blue Jasmine
    Bester Nebendarsteller: Jared Leto – Dallas Buyers Club
    Beste Nebendarstellerin: Jennifer Lawrence – American Hustle
    Bestes Drehbuch: David O. Russell, Eric Warren Singer – American Hustle
    Beste Kamera: Bruno Delbonnel – Inside Llewyn Davis
    Bester fremdsprachiger Film: La vie d'Adèle
    Bester Dokumentarfilm: Stories We Tell
    Bester Animationsfilm: The Wind Rises
    Bester erster Film: Fruitvale Station
    Spezialpreis: Frederick Wiseman

    Friday, 29 November 2013

    Blue Jasmine

    Woody Allens bald 50-jährige Karriere als Filmemacher ist geprägt von den oft zu komödiantischem Effekt eingesetzten Neurosen, die er seinen Figuren, nicht selten verkappten Darstellungen seiner selbst, andichtete. Auch in Blue Jasmine, seiner 44. Regiearbeit, stellt er die Labilität der menschlichen Psyche in den Mittelpunkt, erlaubt es sich aber, dieser nicht mit seinem berühmten lakonischen Schalk, sondern mit (ironisch gebrochener) Empathie zu begegnen.

    Das Objekt dieser tragikomischen Studie ist die materiell wie mental tief gefallene Jeanette Francis (Cate Blanchett), einer einst stolzen Vertreterin der New Yorker Park-Avenue-Hautevolee, deren reicher Ehemann Hal (Alec Baldwin) wegen gross angelegten Finanzbetrugs ins Gefängnis wandert, weshalb sie, entehrt und bankrott, sich gezwungen sieht, bei ihrer mittelständlerischen Schwester Ginger (Sally Hawkins) in San Francisco Unterschlupf zu suchen.

    Allens nonlinear-assoziative Dramaturgie, welche zwischen der für Jeanette – die sich vor Jahren "Jasmine" zu nennen begann – tristen, von ihr verabscheuten Gegenwart und ihrer Vergangenheit im Überfluss hin- und herschaltet, quasi als Spiegelung der dissonanten Gedankenwelt Jasmines, bewegt sich stets auf der Grenzlinie zwischen feinfühligem Psychogramm und scharfer Satire. Blue Jasmine kennt keine Gnade mit dem angestammten Milieu seiner Hauptfigur; mit spitzer, oftmals überspitzter, Feder zeichnet Allen das Bild einer in eleganter Dekadenz schwelgenden Oberschicht, nach deren Verständnis "extravagant" ein Kompliment und die Unterhaltung mit Angehörigen tiefer liegender Gesellschaftsschichten – etwa mit Ginger und ihrem Ex-Mann Augie (Andrew Dice Clay) –, "harte Arbeit" bedeutet.

    Mit dem Profit, den Hal aus dem Geld schlägt, welches er Menschen wie Ginger und Augie abknöpft, um es in seine windigen Geschäfte zu investieren, erfüllt er Jasmine jeden Wunsch; der Doppelsinn des auffallend häufig geäusserten Wortes "spoil" – "Let me spoil you", "You shouldn't spoil me so", "Who else should I spoil?" – wird spätestens dann offensichtlich, als die inzwischen mittellose Jasmine hoch erhobenen Hauptes und mit drei Louis-Vuitton-Taschen im Anschlag an Gingers Tür klopft und verkündet, sie ertrage es nicht, etwas anderes als Business Class zu fliegen. Es scheint, als hätte die jüngste Finanzkrise zwar die monetären Mittel beeinflusst, nicht aber die Attitüde.

    "Shaken and stirred": Jasmine (Cate Blanchett) muss die New Yorker Hautevolee hinter sich lassen.
    © Frenetic Films
    Sympathie vermag diese herablassende, ewig Cocktails schlürfende Jasmine – ein schauspielerischer Höhepunkt in der Filmografie der nachgerade phänomenalen Cate Blanchett – nie zu erwecken, wohl aber mitleidige Faszination. Man erkennt in ihr die ikonische Leinwand-Persona Allens, etwa während der Auflistung ihrer zahlreichen Ängste, doch Jasmines Unfähigkeit (wohl eine zutreffendere Beschreibung als "Weigerung"), sich an ihre neue Situation anzupassen, und ihr Beharren darauf, das Umfeld ihrer Schwester, darunter Gingers neuen Freund (der hervorragende Bobby Cannavale), den für sie weiterhin bestehenden Klassenunterschied spüren zu lassen, entfernen sie merklich von Allens zumindest aus der Distanz liebenswertem Neurotiker.

    Jasmines unglückseliger Neuanfang in San Francisco wird jedoch nicht mit hämischer Schadenfreude, sondern mit feiner Melancholie – und einem bisweilen allzu theaterhaften Hang zum erklärenden Dialog – inszeniert; ihre amourösen Missgeschicke mit einem Zahnarzt (Michael Stuhlbarg) und einem ehrgeizigen Politiker (Peter Sarsgaard) sind perzeptive Momente voller absurder Tragik, ebenso ihre fast schon resignierende Einsicht "There's only so many traumas a person can withstand before they take to the streets and start screaming". Den Zenit erreicht Jasmines als niederschmetternd, ja demütigend empfundene Begegnung mit der Realität, als sie erkennen muss, dass ihre Schwester – das genügsame Gegenstück der "substantial person", welche Jasmine sein will –, anders als sie, in der Lage ist, sich mit den Problemen zu arrangieren, die das Schicksal (oder das Drehbuch) ihr aufhalst. Doch ihre Geschichte endet nicht mit einem Schreianfall auf offener Strasse, sondern mit einem der treffendsten und eloquentesten Schlussbilder im Werk des Woody Allen.

    ★★★★★☆

    Thursday, 28 November 2013

    The Hunger Games: Catching Fire

    Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat.


    Die Verfilmung des zweiten Teils von Suzanne Collins' Hunger Games-Jugendbuch-Trilogie wartet mit einem neuen Regisseur, zwei neuen Autoren sowie dem doppelten Budget des ersten Eintrags auf. Doch wie bereits dieser fordert auch Catching Fire die gängigen Blockbuster-Konventionen heraus.

    Panem, gelegen im Nordamerika einer unbestimmten Zukunft, ist zu Beginn von Collins' Roman The Hunger Games (2008) und Gary Ross' gleichnamiger Filmadaption (2012) eingeteilt in zwölf Distrikte, welche vom dekadenten "Capitol" unterjocht werden. Eingeschüchtert wird die Bevölkerung durch die alljährlichen Hunger Games, ein live im Fernsehen übertragenes Sportereignis, in dem sich 24 Teenager – zwei pro Distrikt – so lange bekämpfen, bis schliesslich der letzte Überlebende als Sieger von dannen zieht. Doch im ersten Trilogieteil, im Laufe der 74. Hungerspiele, erhält die strikte Ordnung Risse: Die "Tribute" aus dem ärmsten aller Distrikte, Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) und Peeta Mellark (Josh Hutcherson), umgehen die Spielregeln so, dass sie zu gemeinsam Siegern erklärt werden.

    Dieser Akt der Auflehnung hat Konsequenzen: In Catching Fire gärt es in den Distrikten. Um einer Revolution vorzubeugen, zwingt Panems Präsident Snow (Donald Sutherland) Peeta und vor allem Katniss, das inoffizielle Gesicht des Widerstands, dazu, sich als Freunde des Capitols zu zeigen. Als dies seine Wirkung verfehlt, greift Snow zu einem Trick, um die Macht von Katniss und ihresgleichen zu brechen: Zum 75. Jubiläum der Spiele werden die Teilnehmer nicht aus dem Fussvolk ausgelost, sondern aus den bisherigen Siegern. Katniss und Peeta kehren in die Arena zurück.

    Will man dem dichten Plot des Hunger Games-Mittelstücks gerecht werden, drängt sich eine detaillierte Einführung – in die Prämisse von Suzanne Collins' Universum einerseits, in die Sachlage der ersten Fortsetzung andererseits – nachgerade auf, gerade weil eine der Stärken von Catching Fire, auf Papier wie Zelluloid, das Vertiefen von Aspekten des ersten Teils ist. Gary Ross schaffte es in The Hunger Games, die beklemmend unmittelbare Atmosphäre von Collins' Roman mit viel Verve auf die Leinwand zu transponieren; in Catching Fire spitzt sich diese Atmosphäre, analog zur Eskalation der Lage in Panem, unter Regisseur Francis Lawrence sowie den oscarprämierten Skripteuren Simon Beaufoy (Slumdog Millionaire) und Michael Arndt (Little Miss Sunshine), zu.

    Auf ihrer Siegestour müssen die Hunger-Games-Überlebenden Katniss (Jennifer Lawrence) und Peeta (Josh Hutcherson) Propaganda für die Capitol-Diktatur machen.
    © Impuls Pictures AG
    Vermittelt wird dies aber nicht, wie man es von einem Projekt dieser Grössenordnung erwarten würde, mit einer höheren Dichte an effekthascherischen Actionszenen (wobei die Action, wenn sie eintritt, äusserst gekonnt inszeniert ist) oder einem Hang zu übertriebenem Pathos. Catching Fire ist ein Blockbuster, der sich dem Stigma des Wortes als Synonym für sinnleeren Kintopp widersetzt. Einfache Antworten und austauschbare Selbstzweck-Unterhaltung finden ebenso wenig statt wie das Anbiedern an jene Fans der Franchise, welche darauf beharren, darin nichts anderes als eine Dreiecks-Liebesgeschichte zwischen Katniss, Peeta und dem rebellischen Gale (Liam Hemsworth) zu sehen – wenngleich der Film stellenweise zu stark auf dieser Konstellation verweilt. Lawrence, Beaufoy und Arndt verstehen den seriösen Subtext von Collins' Büchern und widmen gut zwei Drittel der Laufzeit der Darstellung des Orwell'schen Überwachungsstaates Panem, welcher sein Volk mit belangloser Glamour-Berichterstattung gefügig macht, es mit Sonderberichterstattungen über die Garderobe von Katniss und Peeta von den echten Problemen abzulenken versucht. Catching Fire ist intelligenter und schärfer als man es einer Hollywood-Grossproduktion gemeinhin zutrauen würde; er verlangt einen aktiven und aufmerksamen Zuschauer, der bereit ist, sich mit der gewichtigen Materie auseinanderzusetzen. Ein "Blockbuster", der dies voraussetzt, macht Hoffnung.

    ★★★★★☆

    Thursday, 21 November 2013

    Captain Phillips

    Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat.


    2009 kaperten vier Piraten ein amerikanisches Frachtschiff vor Somalia. Der britische Regisseur Paul Greengrass hat das Drama nun minutiös aufgearbeitet: Captain Phillips ist zugleich ein packender Tatsachenbericht und ein Lehrstück über Geopolitik, Globalisierung und Terrorismus nach 9/11.

    Den Grundstein zu diesem Film legte das Studio Columbia Pictures bereits im Frühling 2009. Kaum ein Monat war seit den turbulenten Ereignissen im westlichen Indischen Ozean vergangen, als sich Produktionsverantwortliche an Richard Phillips, den Kapitän des geenterten Frachters "Maersk Alabama", wandten und sich die Rechte an seiner Geschichte sicherten. Man kann dies als Zeichen für fehlende Sensibilität und die sprichwörtliche Sensationsgier seitens Hollywoods werten, hatte doch Phillips – welcher von den vier jungen somalischen Piraten zum Schluss auf einem Rettungsboot als Geisel gehalten wurde – zu diesem Zeitpunkt wohl sein Trauma noch lange nicht überwunden. Doch immerhin gelangte der hochgradig filmische Stoff in die Hände von Paul Greengrass. Hätten weniger begabte Regisseure Phillips' Tortur vielleicht als ein Stück klassischen Heroismus inszeniert – der aufrechte Amerikaner bezwingt mit eisernem Willen verschlagene Terroristen –, stellt Greengrass in Captain Phillips einmal mehr sein Gespür für Feinheiten und Grautöne unter Beweis.

    Wie schon in seinen Aufarbeitungen der nordirischen "Troubles" (Bloody Sunday, 2002) und der Anschläge vom 11. September (United 93, 2006) ist auch hier kein Platz für simple Gut-Böse-Dichotomien; die blutige Beendigung der Krise stellt, wie auch die Tötung Osama Bin Ladens im ähnlich intensiven Zero Dark Thirty, keinen Triumph dar. Vielmehr sind Kapitän Phillips (Tom Hanks) und die gleichermassen sorgfältig beleuchteten Piraten unter dem Kommando des knapp 20-jährigen Muse (Barkhad Abdi) der Spielball von Mächten, welche über ihre Köpfe hinweg operieren ("We all got bosses"), ihre Situation das Resultat einer Welt, deren wirtschaftliche und politische Mechanismen ausser Kontrolle geraten sind. Die Crux der Globalisierung durchdringt Autor Billy Rays Narrativ: Britische Anti-Piraten-Kontrollzentren haben ihren Sitz in Dubai; Hilfsgüter für das im Westen allzu oft als kulturelles Ganzes wahrgenommene Afrika haben bereits eine halbe Weltreise hinter sich, wenn sie im gigantischen omanischen Umschlagplatz, von wo die "Maersk Alabama" ausläuft, ankommen; die Tatsache, dass ein irgendwo in West Virginia gemeldetes Schiff, benannt nach einem US-Südstaat, einen Botengang im Indischen Ozean absolviert, entbehrt nicht einer gewissen impliziten Absurdität.

    Das von Richard Phillips (Tom Hanks) kommandierte Frachtschiff wird von somalischen Piraten geentert.
    © 2013 Sony Pictures Releasing GmbH
    Greengrass kontrastiert dies mit dem beinahe zynischen Pragmatismus von Muse und seinen Männern (zwischen denen im Laufe der Entführung eine angespannte Dog Day Afternoon-Dynamik entsteht), welche aufgrund der kommerziellen Überfischung ihrer Gewässer die Fischerei aufgeben mussten und sich der Piraterie zuwandten – und doch sind drei Kriegsschiffe nötig, um die vier Amateure zu überwältigen. "No Al-Qaeda here. Just business. We want money", lautet ihre Beschwichtigungsformel an Phillips' Besatzung; ihre Angriffe – bezeichnet mit dem kapitalistischen Slogan "No game for the weak" – sehen sie als eine Form von Steuereintreibung.

    Letztendlich ist Captain Phillips aber vor allem eines: ein packendes Erlebnis – dramaturgisch reduktionistisch, formvollendet inszeniert, von Barry Ackroyd (The Hurt Locker) atmosphärisch rastlos eingefangen –, welches einem das seltene Gefühl gibt, erst nach der allerletzten Einstellung wieder tief durchatmen zu können. Emotional getragen wird der Film vom magistral aufspielenden Tom Hanks, der mit dem still und minimalistisch vorgetragenen mentalen Zusammenbruch des zuvor stets kühl-analytischen Kapitän Phillips einen erschütternden Schlussstrich unter Greengrass' beeindruckendes Thrillerdrama setzt.

    ★★★★★☆

    Tuesday, 19 November 2013

    La Vénus à la fourrure

    "Warum muss man heute alles auf etwas anderes zurückführen?", empört sich der Theaterautor Thomas (Mathieu Amalric), als die Schauspielerin Vanda (Emmanuelle Seigner) bei einem Vorsprechen versucht, seine Bearbeitung von Leopold Sacher-Masochs Novelle Venus im Pelz als Plädoyer gegen Kindesmisshandlung zu lesen. Er verbitte es sich darüber hinaus, mit der masochistisch veranlagten Hauptfigur Severin von Kusiemski identifiziert zu werden; der Text, so Thomas, sei "keine Anthropologie, keine Soziologie, sondern Theater".

    Man kann diese Stellen im Quellenmaterial von La Vénus à la fourrure, David Ives' Venus in Fur, suchen und sich, sollte man sie finden, an ihrem Spiel mit der Frage, inwieweit ein Stoff sich an seinem Autor festmachen lässt, erfreuen. Ihre ganze köstliche Doppeldeutigkeit entfaltet sie jedoch erst in der Verfilmung von Ives' Sacher-Masoch-Adaption, denn diese wurde von Roman Polanski inszeniert, jenem Regisseur, dessen beeindruckendes Œuvre (Repulsion, Rosemary's Baby, Chinatown, The Pianist) inzwischen weniger zu reden gibt als der US-Haftbefehl, der seit seiner mutmasslichen Vergewaltigung einer Minderjährigen im Jahre 1977 gegen ihn vorliegt. In die Filmgeschichte eingehen wird er, so scheint es, ebenso als bedeutender Künstler des Mediums wie auch als zwielichtiger Schürzenjäger.

    So ist sein La Vénus à la fourrure mitsamt seinen Tiraden gegen die obsessive Interpretationsfreude von Zuschauern und Kritikern auch als Provokation an sein Publikum aufzufassen; dem reichen Subtext des Films, welcher bewusst mit der Ambivalenz von Sacher-Masochs Geschlechterzeichnung spielt, haftet die Warnung an, es handle sich beim vorgeführten Stück weder um eine Allegorie, noch um eine Beichte, noch um eine Apologie: "Keine Anthropologie, keine Soziologie, sondern Theater" (wobei der spitzfindige Betrachter einwenden kann, das vorliegende Werk sei doch in Wahrheit Kino, womit er den von Thomas verschrieenen Interpretationen wiederum Tür und Tor öffnet).

    Doch auch Vanda hat ihre Einwände: Ein perverses Machwerk sei die Venus im Pelz, die Machtfantasie eines gemeinen Schreiberlings, "Sadomaso-Pornografie". So spricht sie, die den Text dennoch in- und auswendig kennt, und wirft die Vorlage zu Thomas' Stück ins flackernde (falsche) Bühnen-Kaminfeuer. Es sind Vorwürfe, welche Sacher-Masochs kleinen Roman um die erotischen Abenteuer von Kusiemski und Wanda von Dunajew seit seinem Erscheinen 1870 begleitet haben und hier findet Polanskis Zwei-Personen-Spiel seinen zentralen Konflikt: Wo liegt die Grenze zwischen Kunst und Pornografie? Oder gibt es am Ende etwa gar keine? Als eine Art ironische "Sekundärliteratur" legt Polanski freizügige Gemälde von Tizian und anderen Renaissance-Meistern über den Abspann.

    Leopold Sacher-Masochs Venus im Pelz erhält durch die Theaterprobe von Vanda (Emmanuelle Seigner) und Thomas (Mathieu Amalric) eine ganz neue Dimension.
    © Ascot Elite
    La Vénus à la fourrure zeigt – wie jüngst auch Alain Resnais' Vous n'avez encore rien vu, mit dem sich Polanskis Film den Schnittmeister Hervé de Luze teilt –, wie sich im Theater, jenem mythischen Heterotopia, Realität und Fiktion vermischen. Vanda und Thomas gehen, hitzig über Geschmack und Geschmacklosigkeit debattierend, immer mehr in ihren Rollen auf, bis ihr Spiel schliesslich bitterer Ernst wird. Zwischen Amalric und Seigner knistert die erotische Spannung, die sich, ganz nach Sacher-Masoch, in Akten der Gewalt und der Demütigung entlädt. Übersinnliches ist, man ahnt es, auch am Werk: Die scheinbar allwissende Vanda "schwebt" zu Beginn per POV-Kamerafahrt ins Schauspielhaus, begleitet von Alexandre Desplats karnevalesker Musik, erweist sich im Laufe der Probe als der Erzählung entstiegene Muse, verwandelt sich graduell in eine – der jungen Catherine Deneuve verblüffend ähnlich sehende – Venus und endet als dämonische Bakche, eine jener Frauen, die in Euripides' gleichnamiger Tragödie den in Frauenkleider gehüllten König von Theben verhöhnen.

    Die Rolle des Königs fällt hierbei selbstverständlich dem entmachteten Regisseur Thomas zu, welcher im letzten Akt Lippenstift aufträgt, sich in High Heels hinein quält, sich den Titel gebenden Pelz überwirft und von Vanda mit Strumpfhosen an ein übergrosses Phallus-Symbol (einen Papp-Kaktus) gefesselt wird (eine ebenso krude wie hochgradig komische Szene). Ist es Pornografie oder Kunst (oder beides?), wenn die stets kokette Vanda schlussendlich nackt und wilde Fratzen schneidend um den gedemütigten Thomas herumtanzt? Ist es emanzipatorisch oder aber frauenverachtend, eine Frau als Peinigerin darzustellen? Ziemt es sich überhaupt, dass ausgerechnet ein Roman Polanski derartige Fragen aufwirft? Polanski selber lässt sich klugerweise nicht zu einer Antwort bewegen. Es genügt ihm, seinem subversiv provozierten Publikum das oft als sexistisch bezeichnete Epigraph von Sacher-Masochs Novelle (das Bibelzitat "Gott hat ihn gestraft und hat ihn in eines Weibes Hände gegeben") vorzusetzen und den Abspann rollen zu lassen – und das mit einer Nonchalance, wie sie nur ein Meister mit vollem und berechtigtem Vertrauen in die Ausdruckskraft seines Handwerks aufbringen kann.

    ★★★★★☆