Friday, 28 December 2012

Kinojahr 2012: Top 10

Das Jahr 2012 neigt sich seinem Ende zu. Zeit also, die vergangenen zwölf Monate Revue passieren zu lassen und die besten Filme des Jahres zu ehren. Wie immer basiert diese Liste auf den Schweizer Kinostarts, was bedeutet, dass einige aktuelle Oscar-Kandidaten wie Zero Dark Thirty, Silver Linings Playbook oder Lincoln bei der Erstellung der Liste nicht miteinbezogen wurden. Detaillierte Erläuterungen zu den Platzierungen finden sich auf The Zurich English Student.


1
Drive
(Nicolas Winding Refn, USA)
"Schlicht und ergreifend grossartiges Kino … ein ganz besonderes Stück Film … ein packendes und fesselndes Meisterwerk nach klassischer 'körperlicher' Hollywood-Machart"


2
Amour
(Michael Haneke, Österreich)
"Wenn Anne ein altes Fotoalbum durchblättert, scheint sich die Frage aufzudrängen, wie schwer der Tod denn im Vergleich mit einem Leben voller Liebe wiegen kann. Wie kann er jemals obsiegen, wenn die Welt voller Schönheit ist? … Ein Meisterstück"


3
Tyrannosaur
(Paddy Considine, UK)
"Nur selten vermag ein Neuling auf dem Regiestuhl ein Werk von derart archaischer, roher Kraft abzuliefern … ein düsteres und unerbittliches, aber eben auch grenzenlos faszinierendes Charakterdrama"


4
The Turin Horse
(A torinói ló, Béla Tarr, Ungarn)
"Ein tiefgründiges Kunstwerk ... wie es nur das Kino zu bieten hat. Eine grosse Leistung eines grossen Filmkünstlers"


5
The Cabin in the Woods
(Drew Goddard, USA)
"Ein nicht zu bändigender Horrorfilm, der sein Genre auf den Kopf stellt, es gleichzeitig bestätigt und neu erfindet"


6
Moonrise Kingdom
(Wes Anderson, USA)
"Eine Fantasie, doch eine, auf die man sich nur zu gerne einlässt"


7
The Descendants
(Alexander Payne, USA)
"Alexander Payne ... gibt sich nicht mit Kompromissen und einfachen Problemlösungen zufrieden, sondern geht seinen Charakteren konsequent und punktgenau auf den Grund. Und dabei trifft er keinen falschen Ton."


8
Atmen
(Karl Markovics, Österreich)
"Ein fulminantes Debüt … ein naturalistisches Drama, durchsetzt von klassisch österreichischem Schalk"


9
Intouchables
(Olivier Nakache, Éric Toledano, Frankreich)
"Ein scharfsinniges Lustspiel, welchem das Kunststück gelingt, die Balance zwischen unerhörtem, und damit unglaublich lustigem, Sarkasmus und glaubwürdiger und bewegender Charakterdarstellung zu halten"


10
50/50
(Jonathan Levine, USA)
"Nicht nur ein ebenso komisches wie ergreifendes Filmerlebnis, sondern auch ein durch und durch befriedigendes"



HONOURABLE MENTIONS
  • Argo (Ben Affleck)
  • Cosmopolis (David Cronenberg)
  • Holy Motors (Leos Carax)
  • The Hunger Games (Gary Ross)
  • Life of Pi (Ang Lee)
  • The Perks of Being a Wallflower (Stephen Chbosky)

Beasts of the Southern Wild

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Für das Kunstatelier Court 13 war 2012 ein gutes Jahr, gehört doch das Langspielfilmdebüt seines Mitbegründers Benh Zeitlin zu den erfolgreichsten Indie-Produktionen des Jahres. Beasts of the Southern Wild ist zwar kein neuer amerikanischer Klassiker, doch Zeitlins romantische Vision vermag dennoch zu verzaubern.

Irgendwo im Mississippi-Delta, im Süden des US-Bundesstaats Louisiana, liegt "The Bathtub", eine kleine, durch einen künstlichen Deich von der Aussenwelt abgeschottete Gemeinde. Die Bewohner sind Selbstversorger; sie fischen Baumaterial aus dem Wasser, halten sich Hühner und anderes Geflügel, fangen Fische und Krebse mit blossen Händen. Steht ein Sturm bevor, wird gefeiert. In diesem Umfeld lebt die kleine, naturverbundene Hushpuppy (Quvenzhané Wallis) mit ihrem Vater Wink (der grossartige Dwight Henry), der schwer erkrankt ist, dies aber vor seiner Tochter geheim halten will. Als durch das Schmelzen der arktischen Polkappen ein gewaltiger Sturm über The Bathtub hereinbricht, sehen sich Hushpuppy, Wink und ihre Freunde einer Gefahr ausgesetzt, welche über die gewohnten Überschwemmungen hinausgeht: Aus dem Eis sind monströse Urzeit-Untiere ausgebrochen.

Es ist eine anachronistische Gesellschaft, die Benh Zeitlin in seinem Film besingt. Das Bathtub-Bayou wird bevölkert von Menschen, welche scheinbar aus der amerikanischen Folklore angespült wurden: Frauenkleider tragende Sonderlinge, wie sie in einer Show von P. T. Barnum hätten auftreten können; sesshaft gewordene Hobos; liebenswerte Trunkenbolde; weise schwarze Frauen – Beasts of the Southern Wild lässt die Südstaaten Mark Twains und William Faulkners noch einmal aufleben und inszeniert sie gleichzeitig als ein modernes amerikanisches Utopia. Im Bathtub kennt man keinen Rassismus; Schwarz und Weiss feiert gemeinsam die Ankunft eines neuen Sturmes, trauert als Einheit um einen verstorbenen Freund, spielt Seite an Seite in einer Cajun-Band. Im Amerika der Finanzkrise, der Klassenunterschiede und der politischen Grabenkämpfe macht das Porträt eines ethnisch durchmischten, harmonischen, in der leicht hingenommenen Armut vereinten Gemeinwesens Eindruck und Hoffnung.

"Born on the Bayou": Hushpuppy (Quvenzhané Wallis) lebt in Einklang mit der Natur in den amerikanischen Südstaaten.
Zeitlin beruft sich auf klassische Werte wie Gemeinschaftssinn, Individualismus, harte Arbeit und bedingungslosen Optimismus und lässt Hushpuppy, ausgezeichnet gespielt von der erst neunjährigen Quvenzhané Wallis, die Verkörperung all dieser Werte sein. In kindlicher Einfachheit spricht sie über die empfindliche Ordnung des Universums, dessen Überleben vom Zusammenspiel aller seiner Teile abhängt. Ob Zeitlin nun die amerikanische Gesellschaft oder doch den Klimawandel – Hushpuppys Monologen werden oft Bilder zerbrechender Eisschollen unterlegt – meint, ist letztlich ohne Belang, denn Beasts of the Southern Wild funktioniert dann am besten, wenn Politik und aktuelle Probleme aussen vor gelassen werden und das Ganze als enigmatisches Kindheits-Märchendrama im Stile von Where the Wild Things Are gelesen wird.

Beschränkt sich der Film mit seinen berauschenden Bildern und Klängen, seiner visuellen Poesie und seiner sympathischen Exzentrik auf die Sorgen des Mädchens – eine abwesende Mutter, ein sterbender Vater, eine den Naturgewalten unterworfene Existenz –, reüssiert er: Der Moment, in dem sich Hushpuppy einem rieisgen prähistorischen Auerochsen in den Weg stellt, ist atemberaubend und unvergesslich. Werden die Bathtub-Eingeborenen von nebulösen Regierungshelfern in ein Auffanglager jenseits des Deiches verfrachtet, dann verliert sich Zeitlins Virtuosität in bedeutungsschwangeren Symbolismus.

★★★★½

Thursday, 20 December 2012

The Hobbit: An Unexpected Journey

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Nach dem überwältigenden Erfolg seiner The Lord of the Rings-Vefilmungen widmet sich Regisseur Peter Jackson nun dem Beginn von J. R. R. Tolkiens Middle-earth-Saga – in drei Filmen à je drei Stunden. The Hobbit: An Unexpected Journey veranschaulicht die Problematik des Unterfangens.

Bilbo Baggins (Martin Freeman) ist ein Hobbit aus dem grünen Shire (deutsch: Auenland) irgendwo im Nordwesten des mythischen Middle-earth (Mittelerde). Er geniesst sein ruhiges Leben, das er lesend, essend und rauchend in seinem gemütlichen Häuschen verbringt. Doch eines Tages steht der mächtige Zauberer Gandalf (Sir Ian McKellen) vor seinem Gartentor und erzählt ihm von einem grossen Abenteuer. Noch am selben Abend dringen dreizehn Zwerge unter ihrem Anführer Thorin Oakenshield (Richard Armitage) in Bilbos Wohnung ein und fordern den perplexen Hobbit dazu auf, sie auf ihrer Reise zu begleiten. Ihr Ziel ist es, die legendäre Zwergenfestung Erebor aus den Fängen des bösen Drachens Smaug zu befreien. Als Bilbo schliesslich einwilligt, ahnt er noch nicht, welche Gefahren ihn erwarten: schwarze Magie; rabiate Trolle; der bleiche Ork, der es auf Thorins Kopf abgesehen hat; ein kleines Männchen namens Gollum (Andy Serkis), welches einen geheimnisvollen Ring bei sich trägt.

J. R. R. Tolkiens The Hobbit, veröffentlicht 1937, gehört bis heute zu den populärsten Kinderbüchern der Welt und gilt als ein Meisterwerk der Fantasy-Unterhaltungsliteratur. Gegen eine Filmadaption lässt sich also grundsätzlich nichts einwenden, insbesondere wenn das Projekt unter der Regie Peter Jacksons ausgeführt wird, jenes Filmemachers, der bereits Tolkiens Lord of the Rings-Trilogie werkgetreu, wenn auch etwas langfädig, auf die Leinwand gebracht hat. Anlass zu Zweifeln gab aber die Ankündigung, The Hobbit würde zwischen 2012 und 2014 in drei Teilen in die Kinos kommen. Man rechne: Dreihundert Buchseiten erhalten dieselbe Screentime wie The Fellowship of the Ring, The Two Towers und The Return of the King – insgesamt fast 1500 Seiten. Man muss kein Experte sein, um zu erahnen, dass sich hier eklatante Drehbuchprobleme ankündigen.

Eine lange Reise, auch für den Zuschauer: Der Hobbit Bilbo (Martin Freeman) und seine Zwergen-Begleiter legen eine Pause ein.
Und tatsächlich: The Hobbit: An Unexpected Journey ist eine aufgeblähte Angelegenheit, bei der sich die künstliche Dehnung des Materials schmerzlich bemerkbar macht. Das Ganze mag zwar angemessen unterhalten, aber das Gefühl, die ersten hundert Seiten des Buches hätten in maximal 130 Minuten erzählt werden können, wird man nie wirklich los. Die anfangs noch berauschenden Panoramaaufnahmen Neuseelands werden dermassen inflationär eingesetzt, dass nach und nach jegliche Wirkung verfliegt. Auch erhebt Jackson jedes Scharmützel zur viertelstündigen Schlachtszene, wodurch die wahren Action-Höhepunkte – etwa der Kampf der Bergriesen oder die Hetzjagd im Ork-Reich – übertönt und die dramatischen Rettungsaktionen mitsamt heroischer Musikuntermalung schnell zur ermüdenden Routine werden. Und Bilbo, die eigentliche Hauptfigur, ertrinkt förmlich in einer Flut aus Zwergen, deren Slapstick-Einlagen den Plot ebenso aufhalten wie die unnötigen Gastauftritte Cate Blanchetts (Galadriel) und Christopher Lees (Saruman).

Entsprechend erfreulich sind jene Momente, die daran erinnern, welche Klasse der Film mit dem Mut zur Straffung hätte erreichen können: der rühmenswert gegen das wässrige Skript ankämpfende Martin Freeman (Dr. Watson in der BBC-Serie Sherlock) liefert sich mit Gollum – einmal mehr eine fantastische Motion-Capture-Performance von Andy Serkis – einen Rätselwettstreit in bester altenglischer Tradition; der wie gewohnt hervorragende Sir Ian McKellen gebietet mit ruhiger Entschlossenheit einer Monstermeute Einhalt; Howard Shores Musik gibt einer Szene den letzten Schliff – dies alles sind Elemente eines grossartigen Fantasy-Films. Schade nur, dass ihr Wert durch eine beschämend grosse Menge an Füllmaterial vermindert wird.

★★★½

Monday, 17 December 2012

The Worst Films of 2012


Once again, the end of the year is upon us. It’s the time of lists, the time of remembering all the great films, books, songs, and albums the past twelve months have graced us with. But where would all the brilliance be if it weren’t for the awful pieces of “entertainment” that the year regularly washes up? Without them, we wouldn’t have a standard to measure the good stuff against. So, to honour those duds, I will now count down the bottom ten films of the year 2012, based on their Swiss cinema release. And since I have seen neither Battleship nor Breaking Dawn: Part 2, this list could actually contain some surprises.

Ganzer Artikel auf The Zurich English Student (online einsehbar).

Thursday, 13 December 2012

Seven Psychopaths

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Rohe, lakonisch vorgetragene, emotional aufgeladene Gewalt ist die Spezialität des irisch-britischen Auteurs Martin McDonagh. In Seven Psychopaths, seinem zweiten Langspielfilm, treibt er seinen Stil zwar über die Schmerzgrenze, liefert aber eine doppelbödige Begründung gleich mit.

Fernab vom heimischen Irland fristet Marty (Colin Farrell) ein unbefriedigendes Dasein als ideenloser Hollywood-Drehbuchautor. Sein neues Projekt sollte schon bald fertig sein, doch bis auf den Titel "Seven Psychopaths" ist sein Notizblock leer geblieben. Als sein hyperaktiver Freund Billy (Sam Rockwell) ihm helfen will, überschlagen sich die Ereignisse: Zuerst melden sich auf eine Zeitungsannonce hin plötzlich allerlei Psychopathen bei Marty, darunter der melancholische Zach (Tom Waits); dann gerät er auch noch ins Visier des organisierten Verbrechens. Um sich ein bisschen Geld zu verdienen, haben Billy und der Pazifist Hans (Christopher Walken) nämlich angefangen, Hunde zu entführen, nur um sie wenige Tage später zurückzubringen und den Finderlohn einzustreichen. Ihr neuestes Opfer gehört aber dummerweise dem irren Gangster Charlie (Woody Harrelson), der nichts unversucht lässt, sein geliebtes Hündchen nach Hause zu holen. Immerhin beschert das blutige Durcheinander Marty mehr als genug Stoff für sein Drehbuch...

Im Bühnenstück The Lieutenant of Inishmore führt ein letztendlich sinnloser Streit um eine überfahrene Katze zu vier Toten. Im oscarprämierten Kurzfilm Six Shooter treibt ein junger Mann eine Frau, die gerade ihr Baby verloren hat, mit seinen Witzen in den Selbstmord. In der Tragikomödie In Bruges lassen unter anderen ein betendes Kind und ein kleinwüchsiger Schauspieler ihr Leben. Geht es um den Tod, kennt Martin McDonagh keine Kompromisse, auch nicht in Seven Psychopaths. Doch während in seinen anderen Werken die Gewalt zumeist einem höheren Zweck diente – politischer Satire, griechisch angehauchter Schicksalstragödie –, erscheinen die Exzesse in seinem neuen Film zunächst ungewohnt gehässig: Menschen werden abgestochen, niedergeschossen und angezündet; das Morden ist – wie es sich im Grunde auch gehört – stellenweise höchst unangenehm, doch nach einer Rechtfertigung sucht man während der ersten 45 Minuten praktisch vergeblich.

Marty (Colin Farrell, l.), Billy (Sam Rockwell, M.) und Hans (Christopher Walken) fliehen in die Wüste, um einem irren Gangster zu entgehen.
Doch auf eine mitunter unbehagliche, wenngleich hervorragend gemachte und überaus gewitzt geschriebene erste Hälfte folgt eine faszinierende zweite Hälfte, welche dem Ganzen eine Perspektive gibt. Denn nachdem sich in Hollywood die Leichen aufzutürmen beginnen, flüchten Marty, Billy und Hans in die Wüste, wo sich die wahre Natur des Films offenbart: Seven Psychopaths ist, ähnlich wie etwa Spike Jonzes Adaptation, ein vielschichtiger Meta-Kommentar über das Kino und seine Genres. Während Marty, offenkundig ein Alter Ego des Regisseurs, mit den Konventionen brechen und seine Figuren auf dem Höhepunkt einfach von dannen ziehen lassen will, fordert Billy ein klassisches Action-Ende mit spritzendem Blut und explodierenden Köpfen. Damit steigert McDonagh die anfänglich gezeigte Gewalt nicht nur ins Lächerliche; er relativiert sie, indem er praktisch zugibt, dass Seven Psychopaths eben doch nur ein Film ist.

Und in diesem Wissen lassen sich die vielen Qualitäten des Streifens auch leichter geniessen: der stimmige Americana-Soundtrack (Hank Williams, Josh T. Pearson, Deer Tick, The Felice Brothers); die urkomischen Abschweifungen der Charaktere; die bis in die Nebenrollen (Michael Stuhlbarg, Michael Pitt, Harry Dean Stanton) grossartig aufspielenden Darsteller. Wobei vor allem Christopher Walken mit seiner grössten Rolle seit Jahren in Erinnerung bleiben wird: Mit seiner exzentrischen Art, seinen Text vorzutragen bildet er das humoristische, mit seinen feinen Zwischentönen, welche in einem tiefempfundenen Schlussmonolog über Gewalt und Frieden kulminieren, das emotionale Zentrum von Seven Psychopaths, einer kuriosen, kruden, gewalttätigen Meta-Meditation, deren Gesamtwert sich wohl erst nach mehrmaligen Visionierungen erschliessen lassen wird.

★★★★½

Thursday, 6 December 2012

Cloud Atlas

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Ein gigantisches Epos sollte die Verfilmung von David Mitchells Erfolgsroman sein, ein noch nie da gewesenes Kinoerlebnis. Über das Ausmass des Projekts lässt sich tatsächlich nicht streiten, wohl aber über den Inhalt: Cloud Atlas verdient sich einen Platz unter den spektakulärsten Fehlschlägen der Filmgeschichte.

Mitte des 19. Jahrhunderts hinterfragt ein junger Anwalt (Jim Sturgess) auf einer Pazifiküberfahrt das Konzept der Sklaverei. 1936 ist ein aufstrebender englischer Pianist (Ben Whishaw) unglücklich in einen Freund (James D'Arcy) verliebt und lässt sich davon zum "Cloud Atlas Sextet", einer Sinfonie, inspirieren, während er in Diensten eines Meisterkomponisten (Jim Broadbent) steht. 37 Jahre später hört die Journalistin Luisa Rey (Halle Berry) das Musikstück, kann sich aber nicht lange genug damit befassen, da sie mit einem Atomphysiker (Tom Hanks) einen Skandal aufdeckt. Ihre Geschichte wird von einem Nachbarsjungen niedergeschrieben und 2012 an einen Verleger (Broadbent) geschickt, der nach einigen Querelen mit Kriminellen in einem Altersheim landet. 2144 kämpfen in Neo Seoul die Klonin Sonmi-451 (Doona Bae) – man bemerke die Anspielung auf Ray Bradburys Kult-Dystopie – und ein Revolutionär (Sturgess) gegen das herrschende Regime. Und in der nur wenige hundert Jahre entfernten postapokalyptischen Zukunft hilft ein Eingeborener (Hanks) einer technologisch hoch entwickelten Fremden (Berry).

Sinnlos, alle sechs Handlungsstränge en détail zu erörtern. Das Regie-Trio Lana (ehemals Larry) und Andy Wachowski (The Matrix) und Tom Tykwer (Lola rennt) lässt dieselben Darsteller in verschiedenen Zeit- und Raumebenen in den gleichen Rollenmustern agieren und spinnt so ein komplexes Netz aus simplen Geschichten, welche in gut drei Stunden eine simple Botschaft übermitteln: Wir sind alle verbunden, alles hängt zusammen, die Welt ist eins. Die Aufmachung mag neu anmuten, wurde aber bereits 1916 in Intolerance, dem 197-minütigen, von heutigen Kritikern und Experten gerne als "einzige Film-Fuge" bezeichneten Geniestreich des grossen Filmkunstpioniers D. W. Griffith, zur Perfektion geführt. Doch Cloud Atlas erreicht dessen Höhen – seien sie nun philosophischer, ethischer oder emotionaler Natur – nicht einmal in seinen besten Momenten. Himmelhoch sind die Ambitionen, entsprechend tief ist der Fall.

In ferner Zukunft spannen der Waldbewohner Zachry (Tom Hanks) und die hoch entwickelte Meronym (Halle Berry) zusammen.
Aber gerade darin liegt ein gewisser Reiz. Die Tykwer/Wachowski-Kollaboration ist auf ihre Art ein kleines Wunder: Unglaublich, dass es auch in Zeiten pedantischster Kostenoptimierung noch möglich ist, praktisch widerstandslos einen Film zu drehen, welcher dermassen stümperhaft, ja überwältigend schlecht ist. Ein gut geschminkter, stimmiges Pidgin-Englisch sprechender Tom Hanks mag zwar zu Beginn "There is a method to this tale of madness" verkünden, doch spätestens dann, als er selber, hemmungslos chargierend, als irischer Prolo-Schriftsteller auftritt, lassen sich die Zweifel an der Weissagung nicht mehr ignorieren. Dass Hugo Weaving im Folgenden noch in Frauenkleider gesteckt und Halle Berrys Gesicht weiss getüncht wird, verfestigt das Gefühl, man wohne dem längsten Monty-Python-Sketch aller Zeiten bei. Der stetig wechselnde Tonfall – das Ganze pendelt schamlos zwischen penetrant tragischem Melodram und peinlichen Slapstick-Einlagen – hilft dem Anspruch, Geschichte zu schreiben, ebenfalls nur wenig.

Doch gerade weil der Streifen derart selbstgefällig, haarsträubend und chaotisch ist, lässt sich ihm ein gewisser Unterhaltungswert, sogar bizarre Faszination, nicht absprechen. Das Epos falliert auf gloriose Art und Weise – es darf gelacht werden. Ernsthaft betrachtet jedoch, ist der kakophone Cloud Atlas das polare Gegenteil einer wohl klingenden Fuge.

★★

Wednesday, 5 December 2012

The Angels' Share

Ken Loach gilt als letzter verbliebener Vertreter des britischen "Kitchen Sink"-Sozialrealismus, welcher in den Sechzigerjahren seine Blütezeit erlebte. Als rechtmässiger Erbe von Schlesinger, Richardson, Anderson und Co. thematisiert der mittlerweile 76-Jährige auch heute noch die Sorgen der Arbeiterklasse, selbst wenn dies, wie in The Angels' Share, mit den komödiantischen Elementen der subversiveren Werken der Ealing-Ära vermengt wird.

Nur wenige Monate nach seiner Haftentlassung – er hat einen Studenten wegen einer Bagatelle halb tot geprügelt – steht der junge Robbie (Paul Brannigan) schon wieder vor Gericht. Doch da seine Freundin Leonie (Siobhan Reilly) in Kürze ein Kind erwartet und er sich im Allgemeinen auf dem Weg der Besserung zu befinden scheint, lässt ihn der Richter mit 300 Stunden gemeinnütziger Arbeit davonkommen – sehr zum Ärger seiner Widersacher in seinem Glasgower Arbeiterviertel, die ihn am liebsten hinter Gittern gesehen hätten. Unter der Aufsicht des Whisky-Enthusiasten Harry (John Henshaw) verrichtet Robbie zusammen mit Rhino (William Ruane), Mo (Jasmin Riggins) und Albert (Gary Maitland) seinen polizeilich verordneten Dienst. Als Harry die vier zu einer Whisky-Degustation nach Edinburgh mitnimmt, erfahren diese von einem legendären Tropfen, der beim Verkauf mehrere hunderttausend Pfund einbringen würde. Unter Robbies Ägide wird ein Plan geschmiedet. Werden sie dabei jedoch erwischt, besteht kein Zweifel daran, dass sie sich alle hinter schwedischen Gardinen wiederfinden werden.

Die leichte Muse ist nicht unbedingt das, womit Ken Loach, Vollblutsozialist, Anti-Royalist, Regisseur von kompromisslosen Milieustudien wie Kes, Riff-Raff, Raining Stones oder It's a Free World..., gemeinhin assoziiert wird. Und doch scheint er spät in seiner Karriere noch zur Komödie gefunden zu haben: In Looking for Eric wird ein deprimierter Briefträger von der Manchester-United-Legende Eric Cantona "heimgesucht"; in The Angels' Share agieren eine resolute Kleptomanin (Mo) und ein unterbelichteter Verlierer (Albert), der wie die Kreuzung aus Stan Laurel und Karl Pilkington (The Ricky Gervais Show) anmutet. So äusserten denn schon diverse Kritiker die Frage, ob Loach nun endgültig weich geworden sei, ob er das Aussterben der britischen Working Class nun endlich begriffen habe und sich deswegen in unrealistische Karikaturen flüchte.

Robbie (Paul Brannigan, links) kommt dank Harry (John Henshaw) auf den Geschmack von Whisky.
Dies ist jedoch ein fataler Trugschluss. Ja, The Angels' Share ist ein höchst unterhaltsamer, mitunter urkomischer Film, wie es auch Looking for Eric war. Doch so wie bei der Cantona-Fabel urplötzlich die Realität in der Form schwer bewaffneter Polizisten in die Wohnung der Hauptfigur eindrang, so vergisst Loach auch in seinem neuen Film sein zentrales Thema zu keinem Zeitpunkt. Nicht nur die Arbeiterklasse exisitiert noch, sondern auch ihre Probleme: gewalttätige Bandenkriege, die mit Fäusten, Ziegelsteinen und Klappmessern geführt werden, ethno-religiöse Konflikte, soziale Stigmatisierung. Robbie ist wegen seiner zahlreichen Narben am Kopf benachteiligt bei der Arbeitssuche; Rhino bemerkt, wie dem Quartett "Criminals on Community Service" quasi auf der Stirn geschrieben steht. Robbies Kampf mit seinen Rivalen – eine Fehde, die auf die letzte Generation zurückgeht – wird mit harten Bandagen geführt. Und Robbie Ryans Kamera, ähnlich intensiv wie jene Barry Ackroyds (von Riff-Raff bis The Wind That Shakes the Barley elfmaliger Loach-Kollaborateur), ist nah dran am Geschehen: Schläger, die Robbie vor Leonies Krankenhauszimmer auflauern und ihn im Treppenhaus malträtieren; Robbie selber, der in einer Rückblende blind auf sein wehrloses Opfer eintritt. Schwere Kost, fürwahr.

Aber Loach, obgleich alles andere als ein Romantiker, hatte schon immer ein Herz für seine Prolo-Figuren. Zwar mögen deren Geschichten nicht immer glücklich enden, doch immerhin werden ihnen stets Momente des Glücks gegönnt. Mit viel Zärtlichkeit wird der aggressive Robbie als unsicherer Vater inszeniert; seine sanften Gespräche mit Harry (der wunderbare John Henshaw) gehören zu den Höhepunkten des Films. Doch auch nach der galligen, wenngleich gut versteckten, Satire muss in The Angels' Share nicht lange gesucht werden. Mo, Rhino, Albert und Robbie können nur staunend dabei zusehen, wie sich die Whisky-Liebhaber aus aller Welt bei der Versteigerung des "Heiligen Grals unter den Spirituosen" gegenseitig überbieten; innert kürzester Zeit steigt der Preis von 700'000 auf fast eineinhalb Millionen Pfund. Die besser gestellte Gesellschaft kann es sich leisten, derartige Summen für ein simples Getränk auszugeben, während Robbie froh sein muss, auf einer kargen Matratze bei einem Kumpel schlafen zu können.

Eine schräge Truppe: Rhino (William Ruane, links), Mo (Jasmin Riggins), Robbie und Albert (Gary Maitland) bei einer Whisky-Versteigerung.
Selbst die Autorität als Familienvater wird ihm entzogen: Er nennt seinen neugeborenen Sohn voller Stolz Luke, muss aber kurz darauf feststellen, dass der ihn verachtende Schwiegervater in spe – ein reicher Nachtclubbesitzer – das Kind in Eigeninitiative Vincent getauft hat und dem jungen Vater nahe legt, nach London zu verschwinden. Dass dies unweigerlich das Klischee der in den unteren Gesellschaftsschichten angeblich grassierenden elterlichen Vernachlässigung nährt, liegt auf der Hand. Standesdünkel, so Loach, gehört auch heute noch zum britischen Alltag. Anders jedenfalls lässt sich die Mutter von Robbies Prügel-Opfer kaum lesen: Obwohl sie allen Grund zur Wut hat, hinterlässt ihr Anwurf, er sei ein dummer Rüpel, der nie etwas Besseres gelernt habe und sich seiner Schuld nicht einmal bewusst sei, doch einen bitteren Nachgeschack.

Dass The Angels' Share bei aller Tragik eine Komödie ist, lässt sich dennoch nicht leugnen. Aber auch in diesem Rahmen bleibt Loach sich selber, seiner sozialistischen Überzeugung und seinem "Kitchen Sink"-Erbe treu. Niemand wird letztendlich Millionär, am Ende stehen die Beteiligten mit weniger als dem Jahresgehalt eines Durchschnittsbürgers da – freuen sich aber trotzdem wie die Schneekönige. Der Aufruf an Publikum und Politik ist klar: Es braucht nicht viel, um das urbane Elend der marginalisierten Vorstädte zu lindern. Auch Leute wie Robbie, Rhino, Mo und Albert gehören ins moderne Grossbritannien und haben es nicht verdient, als unverbesserliche, gewaltbereite Faulenzer qualifiziert zu werden. Ken Loach ist der Alte geblieben: Es sind dieselben vernünftigen Forderungen, die er schon seit 40 Jahren postuliert. Dass sie immer noch gestellt werden müssen, sollte zu denken geben.

★★★★★

Tuesday, 4 December 2012

Trouble with the Curve

Als Clint Eastwood beim diesjährigen Parteitag der Republikanischen Partei mit einem leeren Stuhl auf der Bühne konversierte, erhielt der Kultstatus von "Dirty" Harry Callahan und dem Man with No Name ein paar Risse. Dementsprechend ist auch die Euphorie darüber, dass er erstmals seit 2008 wieder vor der Kamera steht, vergleichsweise verhalten. Dabei ist Trouble with the Curve ein hochgradig unterhaltsamer Sportfilm alter (Eastwood'scher) Schule, der einen Kinobesuch lohnt.

Schon seit Jahrzehnten steht Gus Lobel (Eastwood) als Baseball-Scout bei den Atlanta Braves in Diensten. Doch da seine Vorgesetzten, allen voran Philip Sanderson (Matthew Lillard), zunehmend auf Statistiken aus dem Internet setzen, ist seine Arbeit unsicherer denn je, besonders, da er obendrein noch von einer plötzlichen Sehschwäche heimgesucht wird. Als er sich auf eine Talentsuche nach North und South Carolina begibt, schickt ihm sein Freund Pete (John Goodman) seine Tochter Mickey (Amy Adams) hinterher. Da sich die beiden aber schon seit langem nicht mehr verstehen, lässt Gus nichts unversucht, die erfolgreiche Anwältin wieder nach Hause zu schicken. Die Beziehung der beiden Sturköpfe wird aber durch das plötzliche Auftauchen des ehemaligen Baseball-Talents Johnny Flanagan (Justin Timberlake), der nun als Scout für die Boston Red Sox unterwegs ist, aufgemischt.

Obwohl Poster und Vorspann unmissverständlich beteuern, dass nicht Eastwood selber, sondern sein langjähriger Produzent und Assistent Robert Lorenz auf dem Regiestuhl von Trouble with the Curve Platz nahm, ist es schier unmöglich sich vorzustellen, dass der Meister selbst seine Finger hier nicht im Spiel hatte. Zu stilsicher, zu geradlinig ist das Ganze inszeniert, zu organisch und flüssig verläuft der Plot; man ahnt, dass hier jemand mit 40 Jahren Erfahrung an der Regie mindestens mitbeteiligt war.

Baseball-Scout Gus Lobel (Clint Eastwood) am Grab seiner Frau.
Diese Fachkompetenz ist auch darum höchst willkommen, weil das Drehbuch des Debütanten Randy Brown für sich allein nicht überzeugen kann. Man mag ihm aufgrund der bestehenden Genre-Konventionen gewisse Unstimmigkeiten nachsehen – ein Sportfilm ist mitunter kitschig, melodramatisch und klischiert –, doch ein wenig mehr Tiefe und etwas ausgeprägtere Schattierungen im Stil von Invictus hätten der Angelegenheit gut zu Gesicht gestanden; so stapft Mickey in der ersten Hälfte etwas gar oft einfach wütend davon.

Derlei Mängeln stehen aber gewichtige Gegenargumente gegenüber, welche keinesfalls übersehen werden dürfen. Eastwoods grantiger Gus Lobel mag nicht die Vielschichtigkeit seines Walt Kowalski in Gran Torino erreichen, doch auch so knurrt, grummelt und kalauert er in Höchstform. Und wenn es darauf ankommt, dann zeigt er immer noch auf virtuose Art und Weise, weshalb er schon längst einen Schauspiel-Oscar sein Eigen nennen können müsste: Als sich Gus am Grab seiner vor vielen Jahren verstorbenen Ehefrau niederlässt – eine eindeutig an John Ford angelehnte Szene –, ihr ein Glas Bier einschenkt und schliesslich unter Tränen Jimmie Davies' "You Are My Sunshine" singt, verwandelt sich sein Knurren in ein leises Krächzen, in dem jedes von Eastwoods 82 Lebensjahren anklingt. Der leere Stuhl ist vergessen; hier spielt ein Gigant der Leinwand. Und doch muss niemand neben ihm verblassen. Amy Adams überzeugt einmal mehr mit einer souveränen Leistung, Justin Timberlake beweist als junge Altlast ein weiteres Mal sein schauspielerisches Talent, John Goodman gibt den gewissenhaften besten Freund mit viel Einfühlungsvermögen und einem gesunden Mass an Lakonie.

Die andere Frau in Gus' Leben: Seine erfolgreiche Tochter Mickey (Amy Adams) begleitet ihn auf seiner Talentsuche.
Es ist eine einfache Formel, die dem Film letztlich zum Erfolg verhilft. Die hervorragenden Darsteller, die saubere, von Tom Sterns Kameraarbeit veredelte Inszenierung und die sympathischen Charaktere werden durch eine wunderbar nostalgische Atmosphäre unterstützt, welche man aus den Frühwerken Eastwoods zu kennen glaubt. Viel Neues steuert Regisseur Lorenz – wie auch immer sein effektives Arbeitspensum nun ausgesehen haben mag – zum Kanon der amerikanischen Sportfilme zwar nicht bei, doch er zeigt, wie auch alte Muster reizvoll neu aufbereitet werden können. Trouble with the Curve ist ein grundsolides Stück Genre-Unterhaltung. Wer das garstige Spätherbstwetter leid ist, wird an Gus Lobels Sinn- und Spielersuche durch die sonnendurchfluteten Carolinas seine helle Freude haben. Auf dass die leeren (Kino-)Stühle gefüllt werden mögen.

★★★★½

Sunday, 2 December 2012

Ruby Sparks

Sechs Jahre sind seit Little Miss Sunshine, dem oscarprämierten Überraschungserfolg von Jonathan Dayton und Valerie Faris, vergangen; das Ehepaar liess seither seine Kinoambitionen ruhen. Nun jedoch benutzen sie ihr Prestige, um einer aufstrebenden Autorin zum Erfolg zu verhelfen: Ruby Sparks, verfasst von der 29-jährigen Schauspielerin Zoe Kazan, ist eine leichtfüssige, (allzu) leicht verdauliche Etüde über die Macht, die Arroganz und die Einsamkeit eines Schriftstellers.

Noch vor wenigen Jahren war Calvin Weir-Fields (Paul Dano, der in Little Miss Sunshine seinen Durchbruch schaffte) einer der meist gefeierten jungen Autoren in den USA; selbst Vergleiche mit J. D. Salinger wurden nicht gescheut. Nun aber leidet der neurotische Eigenbrötler an akuter Schreibblockade; seinem grossen Roman liess er, wenn überhaupt, nur noch Novellen und Kurzgeschichten folgen. Doch dann sucht ihn die Inspiration heim: Im Traum begegnet ihm eine hübsche junge Frau (Zoe Kazan, Enkelin der Hollywood-Regie-Legende Elia Kazan), die er schon bald zu einer Romanfigur umfunktioniert. Er gibt ihr den Namen Ruby Sparks und beginnt, sich in seine Kreation zu verlieben. Als aber besagte Dame eines Morgens plötzlich leibhaftig in seiner Küche steht und sich wie eine typische Lebensgefährtin verhält, packt Calvin helle Panik: Hat ihn die Isolation in den Wahnsinn getrieben? Und die Unmöglichkeiten reissen nicht ab: Nicht nur stellt der mit der Situation heillos überforderte Schreiberling fest, dass auch andere Leute Ruby sehen können; er entdeckt, dass er seine Traumfrau nach Belieben umschreiben kann.

Reiz, Magie und Tücken der Literatur werden vom Kino immer wieder gerne aufgegriffen; auch heuer lassen sich mehrere Versuche aufführen – vom verunglückten The Words über den mittelmässigen On the Road bis hin zum raffinierten Dans la maison. Die Einflüsse von Zoe Kazan in ihrem Drehbuch-Debüt sind allerdings ein wenig früher im 21. Jahrhundert auszumachen: Wie in Spike Jonzes Adaptation oder in Marc Forsters Stranger Than Fiction bemüht sich Kazan darum, eine Liebesgeschichte mit der märchenhaften Idee zu verbinden, das geschriebene Wort könne die Realität grundlegend verändern.

Ein Fall für den Psychiater: der neurotische Schriftsteller Calvin (Paul Dano).
Ihr Ansatz ist durchaus reizvoll: Ein Schriftsteller erdichtet sich eine Freundin, woraufhin diese nicht nur auftaucht, sondern auch real zu sein scheint. Diese kreative Grundidee wird mit einigen satirischen Anklängen verbunden: Ruby ist eine jener "quirky, adorable women", welche seit einigen Jahren die amerikanische Komödienkultur bevölkern – Tina Fey in 30 Rock, Zooey Deschanel in New Girl, Comediennes wie Sarah Silverman oder Amy Poehler –, ist in dieser Rolle aber durch und durch das Resultat von Calvins Fantasie. So scheint es, als sei auch die Idealisierung der Frau, deren Bluse nicht von Broschen, sondern von Essensflecken geschmückt wird, auf dem besten Weg dazu, sich von feministischer Subversion in einen weiteren Stereotypen zu verwandeln. Passend auch der Kommentar von Calvins Bruder, gespielt von Chris Messina: "You haven't written a person. You've written a girl."

Doch das luftig leichte Konstrukt will einfach nie richtig zum Leben erwachen. Kazans Hauptfiguren bewegen sich in schönen, akkuraten Einstellungen – grosses Lob ans Regie-Duo Dayton und Faris – und bleiben stets das, was auch Ruby immer bleiben wird: ein Kunstprodukt. Es fällt schwer, eine emotionale Verbindung zu den Protagonisten aufzubauen, nicht nur weil Kazan und Paul Dano eher blass bleiben. Ruby hängt ganz von Calvins Launen ab, während dieser in seiner Einsamkeit offenkundig tiefere mentale Wunden erlitten hat, als es der Film zugeben will. Zwar werden immer wieder Andeutungen in diese Richtung gemacht – es ist kein Zufall, dass Ruby Sparks sich des Öfteren bei der Ästhetik des Horrorfilms bedient –, doch es fehlt die letzte Konsequenz. Einzig die klimaktische, von sexuellem Innuendo durchsetzte Szene, in der der Autor seiner Erfindung auf brutalste Art und Weise seine übermenschliche Macht demonstriert, offenbart sich die unangenehme Wahrheit, die unter der heiteren Oberfläche des Films schlummert. Doch das Problem löst sich enttäuschenderweise zu schnell und zu einfach; eine Lebens- und Schreibkrise lässt sich offenbar ganz einfach mit einem neuen Macbook von Apple lösen – viel perfider kann Produkteplatzierung eigentlich nicht mehr werden.

Calvin arrangiert sich mit dem Unglaublichen: Die Romanfigur Ruby Sparks (Zoe Kazan) ist zum Leben erwacht.
Es ist kein gutes Zeichen, wenn der Zuschauer seine Aufmerksamkeit lieber auf Nebenrollen wie jene von Antonio Banderas, Aasif Mandvi oder Steve Coogan statt auf die zentrale Romanze richtet. Ruby Sparks ist süss, anmutig, leicht verdaulich, aber nicht das, was man sich von den vermeintlichen Satirikern Jonathan Dayton und Valerie Faris als Zweitwerk gewünscht hätte. So aber ist das Indie-Kino lediglich um eine bekömmliche Komödie reicher.

★★★½

Thursday, 29 November 2012

Kyss mig

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Von der wachsenden gesellschaftlichen Akzeptanz Homosexueller profitiert auch das schwul-lesbische Kino. Manchmal werden sogar alte Formeln neu ausgelegt: Kyss mig ist eine bekömmliche Mischung aus nordischem Arthouse-Drama und klassischer Sehnsuchtsschnulze.

Feierstimmung bei Sundströms: Während das geschiedene Familienoberhaupt Lasse (Krister Henriksson – Kommissar Wallander in der schwedischen Krimi-Hitserie) an seinem 60. Geburtstagsfest verkündet, er werde seine neue Lebensgefährtin Elisabeth (Lena Endre) heiraten, verlobt sich seine Tochter Mia (Ruth Vega Fernandez) mit ihrem langjährigen Freund Tim (Joakim Nätterqvist). Auf der Feier trifft Mia erstmals Frida (Liv Mjönes), ihre neue Stiefschwester. Diese erscheint ihr sogleich suspekt, da sie in ihren Augen mit ihrem jüngeren Bruder Oskar (Tom Ljungman) und ihrem Zukünftigen flirtet. Nach dem Fest beschliesst Mia, noch ein wenig in Malmö zu bleiben, um Zeit mit ihrem Vater zu verbringen und ihm bei der Planung eines Ferienhaus-Anbaus zu helfen. Dort angekommen, stellt sie aber fest, dass Lasse geschäftlich verreist ist und sie nun einige Tage mit Elisabeth und Frida unter einem Dach verbringen muss. Dabei kommen sie und ihre "Schwester" sich wider Erwarten näher.

Anders als das schwedische Original lässt der internationale Titel von Kyss mig keine Zweifel aufkommen, welches Genre der Film primär bedient: With Every Heartbeat evoziert Herzschmerz; die "einzig wahre Liebe" muss sich gegen harte Prüfungen und die missbilligenden Blicke der Gesellschaft behaupten. Tatsächlich ist Alexandra-Therese Keinings zweite Regiearbeit in ihrem Kern eine Romanze alter Schule. Ein Rührstück über ein verbotenes Verhältnis, dessen Handlung allzu konstruiert wirkt, dessen Figurenzeichnung zu wünschen übrig lässt, in dem Motivation und Beweggründe der Charaktere oft unklar bleiben, in dem ernsthaftes Nachdenken über Homosexualität überästhetisierten Bettszenen untergeordnet wird. Immerhin bleibt die positive Erkenntnis, dass diese Seite des Kinos inzwischen nicht mehr ausschliesslich heterosexuellen Paaren offen steht.

Verbotenes Verhältnis: Frida (Liv Mjönes, links) verliebt sich in die vermeintlich heterosexuelle Mia (Ruth Vega Fernandez).
Doch Kyss mig hat auch eine andere Seite, welche nur bedingt mit der sexuellen Orientierung der beiden Hauptfiguren zusammenhängt. Keining lässt nämlich nicht nur Mias tränenreichen Kampf mit sich selbst und den Erwartungen ihres Umfelds zu seinem Recht kommen, sondern auch die dem Ganzen zugrunde liegenden Familiendynamiken. Sitzt die ganze Sippe einmal beisammen, machen sich die schwelenden Konflikte bemerkbar, welche, vor allem dank eines grossartig aufspielenden Krister Henrikssons, im Gegensatz zur zentralen Liebesgeschichte nicht aufgesetzt, sondern gewichtig und glaubwürdig wirken. Vergleiche mit Lynn Sheltons Mumblecore-Perle Your Sister's Sister – Liv Mjönes' Ähnlichkeit mit Emily Blunt trägt das Ihre dazu bei – wären berechtigt. Auch die LGBT-Tragikomödie The Kids Are All Right schwingt mit – bis hin zur lieblosen Entledigung des männlichen "Störfaktors". Wie Mark Ruffalo in Lisa Cholodenkos Film wird hier der gute Joakim Nätterqvist erbarmungslos aus der Erzählung bugsiert.

Sei es wegen der soliden bis herausragenden Darsteller, der sympathischen Frida oder der überraschend eleganten Kombination von Familien- und Beziehungskrisen (die im Film vorherrschenden hellen skandinavischen Nächte verstärken die Assoziationen mit Shakespeares Midsummer Night's Dream) – Kyss mig schafft es irgendwie, die Aufmerksamkeit des Zuschauers aufrechtzuerhalten. Ist der Film aber einmal vorbei, verwandelt sich der Sturm der Gefühle im Rückblick rasch in ein laues Lüftchen: angenehm, aber ohne besondere Wirkung.

★★★½

Thursday, 22 November 2012

Killing Them Softly

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

In den ideologisch gespaltenen USA bahnt sich eine Identitätskrise an, die sich schon seit dem Ende der Bush-Ära ankündigt. Im Gangsterfilm Killing Them Softly versucht der Neuseeländer Andrew Dominik, der amerikanischen Malaise auf den Grund zu gehen. Er scheitert.

New Orleans, 2008: Während John McCain und Barack Obama um den Einzug ins Weisse Haus wetteifern – Bildschirme und Plakatwände künden von nichts anderem –, findet die Unterwelt ihre eigenen Wege, in Zeiten der Finanzkrise über die Runden zu kommen. So etwa die kleinkriminellen Frankie (Scoot McNairy) und Russell (Ben Mendelsohn), welche das Mafia-Pokerturnier von Markie Trattman (Ray Liotta) überfallen. Dieser hat einst ein von ihm selber organisiertes Turnier ausrauben lassen, also setzen die beiden Kumpel darauf, den Verdacht erneut auf Markie lenken zu können. Da die ehrenwerte Gesellschaft in Gelddingen keinen Spass versteht, hetzt sie Trattman tatsächlich den Auftragsmörder Jackie Cogan (Brad Pitt) auf den Hals, der, so erzählt er es jedenfalls seinem Fahrer (Richard Jenkins), an die Unschuld seines Opfers glaubt. Um ein reines Gewissen zu bewahren, lässt Jackie den Killer Mickey (James Gandolfini) aus New York einfliegen, der aber, wie sich schnell herausstellt, völlig ausser Form ist.

Herrschen in Amerika harte Zeiten, dann dienen Outlaws als Projektionsfläche für die Stimmung der Nation. Als 1929 die Börse zusammenbrach, fanden die Menschen in Bankräubern wie John Dillinger oder dem legendären Pärchen Bonnie und Clyde neue Helden. Die mörderische Bande der Brüder Frank und Jesse James genoss in den schwierigen Jahren nach dem verheerenden Bürgerkrieg hohes Ansehen. Andrew Dominik ist die Materie demnach nicht fremd: 2007 begeisterte seine düstere, zweienhalbstündige Western-Elegie The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford mit einer nuancierten, stimmigen Aufarbeitung des Titel gebenden Vorfalls und einem kritischen Blick auf die Auswüchse amerikanischen Personenkults. In Killing Them Softly, der Adaption eines Romans von George V. Higgins, lässt er die linksliberale Vision kollektiven Zusammenhalts auf die zynische Weltsicht eines Mörders wie Jackie Cogan treffen, die da heisst: "In Amerika ist jeder auf sich gestellt" – die Kaltblütigen überleben, Schwache wie Frankie, Russell, Markie und Mickey haben das Nachsehen.

Adel und Abschaum: Der gefragte Killer Jackie Cogan (Brad Pitt, links) redet dem kleinkriminellen Frankie (Scoot McNairy) ins Gewissen.
Inszeniert wird dieser existenzielle Konflikt mit beachtlichem cineastischem Flair: Die oft mit Sepiatönen veredelten Bilder zeichnen ein akkurates Milieu-Porträt; die Schauspieler, mehrere von ihnen mit ausgiebiger Mafiafilm-Erfahrung, agieren ausnahmslos souverän. Es ist letztlich Andrew Dominiks an Hochmut grenzender Ehrgeiz, der Killing Them Softly zum Scheitern verdammt. Zum einen wären da die Defizite des Regisseurs, der vergeblich versucht, Martin Scorseses Klassiker des modernen Gangsterdramas, vorab Goodfellas, mit der wortlosen Intensität von Filmen wie No Country for Old Men oder Drive zu vermischen. Das Resultat sind mühsame, schleppende Szenen, welche dramaturgisch stillzustehen scheinen; tatsächlich fühlt sich der gut 90-minütige Streifen länger an als The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford.

Obendrein versagt Dominik auch als Drehbuchautor: Die penetranten Einspieler des Wahlkampfs 2008 sollen Atmosphäre und satirischen Subtext schaffen, wirken aber hochgradig prätentiös und selbstgefällig. Auch der Plot greift nicht: Ohne jeden Rhythmus wird Szene an Szene gereiht. Ebenso enttäuschend die Dialoge: Seien es die allzu vulgären Austausche zwischen Russell und Frankie, seien es Jackies pseudophilosophische Exkurse, sie alle gaukeln dem Zuschauer eine Tiefe vor, die sich bei genauerem Hinsehen als das entpuppt, was Killing Them Softly wirklich ist: Leeres Gewäsch.

★★½

Saturday, 17 November 2012

The Joy of Watching Silent Movies


An actor is moving his mouth but no sound emerges, yet you don’t turn around to glare at the operator’s box. An actress is signalling distress, perhaps a little too emphatically (“We didn’t need dialogue. We had faces”, as Norma Desmond put it so expertly in Sunset Boulevard), yet you don’t put it down to a lack of talent. Chances are you’re watching a movie that was made between 1895 and 1930. There is no sound because the technology wasn’t invented until 1927. It would probably be safe to bet that you don’t go to a screening of this kind on a regular basis, simply because silent films are not, to put it lightly, a standard feature in most cinemas and because they still attract only a marginal audience. Here’s why this shouldn’t be.

Ganzer Artikel auf The Zurich English Student (online einsehbar).

Thursday, 15 November 2012

The Perks of Being a Wallflower

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Die amerikanische High School dient zahllosen Filmen und Fernsehserien als Schauplatz, doch nur wenige sind in der Lage, sie stimmig und lebensnah einzufangen. Die begeisternde Buchverfilmung The Perks of Being a Wallflower bildet eine menschlich berührende, ehrliche Ausnahme.

1385 Tage. So viele High-School-Tage muss Charlie (der hervorragende Logan Lerman) bis zum Abschluss hinter sich bringen, so seine Rechnung am ersten Tag an der neuen Schule. Auf den ersten Blick ist er ein ganz normaler Teenager der frühen Neunzigerjahre: Mit seiner Schwester Candace (Nina Dobrev) und seinen Eltern lebt er in einem Vorstadthaus nahe Pittsburgh, Pennsylvania; er ist unauffällig und macht keine Probleme. Hinter ihm liegt jedoch eine Vergangenheit voller psychischer Probleme und Traumata; das letzte – der Selbstmord eines guten Freundes – liegt nur ein Jahr zurück. Entsprechend nervös verhält er sich auf der neuen Schule, wo ihn nicht nur seine alten Kameraden, sondern auch Candace ignorieren, während die älteren Schüler ihn nach allen Regeln der Kunst piesacken. Einzig ein Englischlehrer (Paul Rudd) erkennt das Potential des Jungen. Dann aber lernt Charlie den schwulen Exzentriker Patrick (Ezra Miller, auf seiner beeindruckenden Leistung in We Need to Talk About Kevin aufbauend) und dessen Stiefschwester Sam (der ehemalige Harry Potter-Star Emma Watson, der eine rosige Zukunft im Schauspielfach winkt) kennen. Beide sind in ihrem letzten High-School-Jahr, nehmen den intelligenten Charlie aber trotzdem bald in ihre "Gruppe der Mauerblümchen" auf. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlt er sich akzeptiert und aufgenommen. Doch seine seelischen Wunden sind noch nicht verheilt.

Geht es um Pubertät, das Ende der Jugend, die letzte Etappe vor der Universität, dann schiessen in Hollywood die Klischees ins Kraut, selbst wenn viele davon nicht einmal annähernd zutreffen. Selten gelingt es einem Regisseur, sein Projekt vor überstilisierter Nostalgie oder abgedroschenen Stereotypen zu bewahren. Dass ausgerechnet Stephen Chbosky für die Alternative zeichnet – eine Geschichte, in welcher Schüler wie Erwachsene dreidimensionale Menschen sind –, ist keine Überraschung: The Perks of Being a Wallflower basiert auf dem gleichnamigen, 1999 veröffentlicheten Briefroman, für dessen Lebensechtheit der Autor, Chbosky selbst, frenetisch gefeiert wurde

Sei ein Sonderling und sei stolz darauf: Charlie (Logan Lerman, links), Patrick (Ezra Miller) und Sam (Emma Watson) – die "Mauerblümchen".
In seiner Adaption nimmt sich der 42-Jährige Neo-Klassiker der Neunziger-Popkultur wie Richard Linklaters Dazed and Confused oder die TV-Serie Daria wie auch neuere Werke, darunter Gus Van Sants Restless oder Drew Barrymores Whip It, zum Vorbild und liefert eine Coming-of-Age-Tragikomödie, in der witzige Eigenheiten und ernste Elemente Hand in Hand gehen. Die Ängste und Nöte der jungen Generation werden nicht bloss angetönt; sie bilden das Rückgrat der Erzählung. Mal enden Drogenexperimente in harmlosen Peinlichkeiten, mal im Krankenhaus. Charlie muss mitansehen, wie sich seine beste Freundin in einen anderen verliebt. Patricks Beziehung zum Footballstar der Schulmannschaft wird von dessen Furcht vor einem Coming Out überschattet. Sam hat, obwohl noch keine 20, schwere Probleme mit Männern und Alkohol hinter sich.

Chbosky inszeniert die Jugendzeit zwar mit bittersüsser Romantik, ist sich ihrer wahren Natur aber stets vollauf bewusst – siehe Charlies herausragende finale Ode. Es ist eine flüchtige, mysteriöse, faszinierende, schreckliche, wunderschöne Zeit, in der sich jeder der mitunter fatalen Illusion des Erwachsenseins hingibt. The Perks of Being a Wallflower ist einer jener Filme, von denen man sich wünscht, sie würden häufiger gemacht.

★★★★★

Wednesday, 14 November 2012

Dans la maison

Ein gutes Jahr, nachdem er mit dem zahnlosen Potiche einen nur mässig gelungenen Ausflug ins Fach der reinen Komödie unternommen hat, kehrt der renommierte französische Regisseur François Ozon nun zu seinem Kerngeschäft zurück. Dans la maison, ein bissiger Rundumschlag gegen die Marotten von Bourgeoisie und Möchtegern-Bohème, ist sein bestes Werk seit Jahren.

Kurz vor dem Ende der Sommerferien begibt sich der Französischlehrer Germain (Fabrice Luchini) ins Lycée Gustave Flaubert zur jährlichen Startkonferenz. Dort kündigt der Rektor an, das Gymnasium sei auserwählt worden, in einem Pilotprojekt das neueste pädagogische Mittel zu erproben: Schuluniformen. Wider Erwarten stösst das antiquierte Konzept nicht auf auf wütende Proteste, sondern eher desinteressiertes Schulterzucken, unter Lehrern und Schülern gleichermassen. So hat Germain zu Beginn des Schuljahres auch andere Sorgen: Seine neuen Zöglinge sind ein schreibfauler, ungebildeter Haufen, von denen, wie der frustrierte Pauker konstatiert, "kaum einer zwei gerade Sätze zu Papier bringt". Die Ausnahme bildet Claude (Ernst Umhauer), der in seinem eloquenten Aufsatz davon berichtet, wie er das Haus eines Freundes erkundet und sich dabei speziell für die Dame des Hauses (Emmanuelle Seigner) interessiert. Der Text endet mit einem schlichten "A suivre" – Fortsetzung folgt. Der Lehrer ermuntert den Schüler, die Geschichte weiterzuentwickeln. Während Germain und seine Frau (Kristin Scott Thomas) die weiteren Episoden richtiggehend verschlingen, werden Claudes Abenteuer immer gewagter. Aber das Ganze ist selbstverständlich nur Fiktion, oder?

Die Stärken und Schwächen François Ozons gehen oft Hand in Hand. Sein Stil ist unverkennbar: klare Farbgebung, manchmal knallig, manchmal schlicht; stilisierte, ja geradezu künstliche Erzählungen; in sich geschlossene Handlungsräume; unterschwellig erotische Spannungen, oft ausserhalb der gesellschaftlichen Norm; immer eine satirische Komponente. Mitunter funktioniert dies gut (Sous le sable, Swimming Pool), hin und wieder klappt es trotz arger Überzeichnung (8 femmes), mal ist die Angelegenheit schlicht zu überladen, zu künstlich, zu pastellfarben, um zu überzeugen (Potiche).

Literarische Abenteuer: Claude (Ernst Umhauer) nähert sich der Mutter (Emmanuelle Seigner) seines Freundes an.
Entsprechend erfreulich ist die Erkenntnis, dass sich der Regisseur der "Nouvelle Nouvelle Vague" in Dans la maison auf der Höhe seines Könnens befindet. Selten ist Ozon die Mischung aus Satire, Gesellschaftskritik, Charakterkomik, Handlung und Inszenierung so gut gelungen, kaum je fiel das Zusammenspiel des scheinbar leicht verdaulichen Inhalts und des gnadenlosen Subtexts so harmonisch aus. Auf den ersten Blick wirkt der Film harmlos, vielleicht nicht so putzig wie 8 femmes oder Potiche, aber sicher leichter als Swimming Pool. Unter der Fassade schlummert jedoch eine kleine, gemeine, bitterböse Abrechnung mit dem Selbstbetrug, den Heucheleien, den Unzulänglichkeiten der modernen Pädagogik – Schüler sind nicht mehr "élèves", sondern "apprenants", Prüfungen werden in grün korrigiert, denn rot ist "menaçant" – und der Bourgeoisie als solcher.

Dieses urfranzösische Motiv, welches jüngst auch in der Theaterverfilmung Le prénom aufgegriffen wurde, weiss Ozon äusserst elegant in seine Erzählung einfliessen zu lassen, welche sich an der Oberfläche – im Gegensatz zu The Words durchaus erfolgreich – mit der Macht der Worte auseinandersetzt, wobei Germain die Rolle des Shahryar, Claude die der Scheherazade, einnimmt. Die Bourgeoisie in Dans la maison ist eine, die sich in vielen Formen zeigt und dementsprechend auf unterschiedliche Weisen angegangen wird. Germain möchte ein "Artiste" der Bohème sein, kann die Ambition aber mangels Schreibtalent nicht erfüllen und ist darüber hinaus auch noch mit einer Galeristin verheiratet, deren Sexpuppen-Exponate er weder versteht noch gut heisst. Claude hingegen schreibt in seinem Porträt der Familie Artole den Durchschnitt gross: "Normal" sei die Sippe, "Musterbeispiele der Mittelklasse". Es klingt nicht wie ein Kompliment. Zu guter Letzt ortet Ozon die Bourgeoisie auch in der Politik. Seine Anfangsmontage, in welcher er Hunderte von Schülern – europäisch, nord- und südafrikanisch, asiatisch – in ihren Uniformen mittels Jump Cuts zeigt, ist so virtuos wie sprechend: Bourgeoise Anpassung ist eine Illusion.

Blattkritik: Lehrer Germain (Fabrice Luchini) berät den Schreiberling.
Gezeigt werden diese Aspekte mit komödiantischen Einschlägen, welche versuchen, eine realistische Alternative zu Luis Buñuel darzustellen; mit schöner Regelmässigkeit beruft sich der Film auch auf das Chabrol'sche Psychodrama; in gewissen Momenten schwingt sogar eine Spur von Michael Haneke mit; in einer Szene verneigt sich Ozon obendrein vor Woody Allens düsterer Gesellschaftssatire Match Point. Zwar droht das ganze wunderbar geschliffene, sorgfältig aufgebaute Gebilde im letzten Akt auseinanderzufallen, doch genau dann wird der Wert eines guten Casts erkennbar. Fabrice Luchinis Darbietung pendelt stets zwischen der leichten Muse und der grossen Tragödie und erreicht in Germains finalem psychischen Bankrott ihren Höhepunkt.

Der perfekte Film mag François Ozon noch immer nicht gelungen sein, doch Dans la maison ist zweifellos ein bedeutender Schritt in die richtige Richtung. Nie war seine Kritik an der Bourgeoisie kraftvoller als im rabenschwarzen Schlussbild des Films, in dem sich die in ihre Einzelteile aufgespaltene Mittelklasse wortwörtlich selbst zerstört. Claude Chabrol wäre stolz.

★★★★½

Monday, 12 November 2012

Argo

Noch vor wenigen Jahren füllte Ben Affleck mit seiner Beziehung zu Jennifer Lopez die Spalten der Klatschpresse – "Bennifer" war das gängige Portemanteau. Heute gilt er als einer der besten Regie-Quereinsteiger, ein Ruf, den er in seinem dritten Film virtuos bestätigt. Argo ist ein spannender, vorzüglich in Szene gesetzter Blick auf eine skurrile Episode der jüngeren amerikanischen Geschichte.

Teheran, 1979: Der mit eiserner Faust regierende persische Schah Mohammed Reza Pahlavi wird während der islamischen Revolution gestürzt und muss sich ins Exil in die USA begeben. Da die Regierung Jimmy Carters sich weigert, den Monarchen an den Iran auszuliefern, richtet sich der Zorn der Getreuen des Ayatollah Khomeini gegen die Botschaft der Vereinigten Staaten in Teheran. Ein wütender Mob stürmt das Gebäude und nimmt 52 Angestellte als Geislen. Sechs US-Diplomaten jedoch können ihren Häschern durch eine Hintertür entwischen und suchen Zuflucht in der kanadischen Botschaft. Für die CIA drängt die Zeit: Das Sextett muss aus dem Iran ausgeflogen werden, bevor die Revolutionstruppen ihr Fehlen bemerken. Agent Tony Mendez (Ben Affleck) hat die womöglich rettende Idee: Die entkommenen Diplomaten sollen als kanadisches Filmteam getarnt und unverdächtig nach Hause geholt werden. Nachdem Mendez seinen Vorgesetzten (Bryan Cranston) von der ungewöhnlichen Strategie überzeugt hat, macht er sich sofort an die Arbeit: Maskenbildner John Chambers (John Goodman) und Produzent Lester Siegel (Alan Arkin) werden engagiert, um dem fiktiven Filmprojekt einen glaubwürdigen Hintergrund zu verschaffen.

Ein nahöstlich aussehender Mann wird in einer amerikanischen Stadt von einer wütenden Menge eingekreist, hilflos und verängstigt blickt er drein, Gefahr geht offensichtlich keine von ihm aus. Dennoch schreien die Menschen auf ihn ein, einer schlägt ihn zu Boden, tritt unter ermunternden Zurufen auf ihn ein. Man denkt an Brandanschläge auf Moscheen im Herzen Amerikas, an psychisch Gestörte, die das Feuer auf Sikhs eröffnen, weil deren Turbane sie irritieren. Die Szene könnte aus der Gegenwart stammen – vielleicht gespielt, denn Xenophobie äussert sich heutzutage in der Regel ja nicht mehr dermassen öffentlich –, wäre da nicht die unverwechselbare Kleider- und Haarmode. Was Ben Affleck auf einem Fernsehbildschirm zeigt, ist eine Fernsehaufnahme aus dem Jahr 1979 und sie zeigt den ersten grossen Ausbruch amerikanischer Islamophobie.

Vorbereitung im Hollywood-Stil: CIA-Agent Tony Mendez (Ben Affleck, rechts) mit Produzent Lester Siegel (Alan Arkin, Mitte) und Maskenbildner John Chambers (John Goodman).
Tatsächlich ist Argo noch vor seinen zahlreichen filmischen Tugenden ein Meisterstück an zeitgeschichtlicher Kontextualisierung. Anders als vergleichbare Werke zum Thema setzt er – in einer grossartigen, im Stile eines Storyboards inszenierten Eingangssequenz – in den Fünfzigerjahren an und ergänzt das "Die USA wurde von religiösen Fanatikern angegriffen"-Narrativ um einige essentielle Komponenten: die Wahl des säkularen Mohammed Mossadegh zum iranischen Premierminister 1951, seine Umstrukturierung des Ölhandels, seinen durch die USA orchestrierten Sturz und die darauf folgende, von Präsident Eisenhower abgesegnete Diktatur Reza Pahlavis. Ohne grossen Aufwand gelingt es Ben Affleck in wenigen Augenblicken, viel über die heutige Beziehung zwischen Amerika und dem muslimisch geprägten Nahen Osten zu sagen. Es ist die Effizienz eines Regisseurs, der das Zeug dazu hat, dereinst in die Fussstapfen Clint Eastwoods oder Martin Scorseses zu treten.

Es bedurfte eines besonderen Talents, ein Projekt wie Argo stilsicher zur Vollendung zu bringen. Der Film ist eine innerlich zerrissene Angelegenheit, irgendwo zwischen Good Night, and Good Luck und Charlie Wilson's War; er muss die ernste Prämisse mit den leichteren Elementen, insbesondere der verschmitzten Hollywood-Persiflage ("You could teach a rhesus monkey to direct in a day"), in Einklang bringen. Und tatsächlich hat es Affleck irgendwie geschafft, die ernsthaften Töne das Geschehen dominieren zu lassen – vor seiner Übernahme des Projekts hätte der Streifen eine Komödie sein sollen –, ohne dabei den Humor ganz zu verdrängen. Während in Teheran die Schüsse fallen und die Botschaftsangestellten psychischer Folter ausgesetzt sind, necken sich in Los Angeles die ungemein spielfreudigen John Goodman und Alan Arkin gegenseitig, lässt sich in Washington Bryan Cranston über die Regierenden aus ("It's like talking to those two old fucks from the Muppets"). Was unbeholfen und geschmacklos wirken sollte, funktioniert wundersamerweise ohne grössere Probleme.

An Ort und Stelle: Mendez mit den geflohenen Diplomaten auf dem Teheraner Markt.
Zentral in der Vision von Affleck und seinem Drehbuchautoren Chris Terrio sind dabei die Siebzigerjahre, dramaturgisch wie ästhetisch. Die geheime Mission des Tony Mendez fesselt, mit ganz wenigen Abstrichen, vom grandiosen ersten Akt bis zum atemlosen Höhepunkt auf dem Teheraner Flughafen, mutet aber zu keinem Zeitpunkt überhastet oder gar verwirrend an. Argo zeigt auf virtuose Art und Weise, welches Potential harten Fakten innewohnen kann; Erinnerungen an Alan J. Pakulas Meisterwerk All the President's Men sind durchaus angebracht, auch im Bereich von Bildgestaltung und Mise en scène. Nicht genug damit, dass der Zuschauer zu Beginn von einem gut 40 Jahre alten Warner-Bros.-Emblem begrüsst wird, der Film hält, was sein Vorspann verspricht: atmosphärisch körniges Bild – Affleck liess die Originalaufnahmen um zweihundert Prozent vergrössern –, hervorragende Szenenbilder, stimmige Kostüme. Vor dem zu Recht für seine Epochentreue gelobten Tinker Tailor Soldier Spy muss sich Argo wahrlich nicht verstecken.

Keine Verschwörungstheorien, keine "Was wäre, wenn"-Fantasien, keine parteiische Interpretation des Geschehenen, bloss ein schlichtes "Based on a true story" und ein kurzes Statement von Ex-Präsident Carter genügen Affleck, um einen Schlusspunkt unter seine dritte Regiearbeit zu setzen. Mit kühler Zurückhaltung, intellektueller Bescheidenheit und viel Liebe zum Detail erzählt Argo eine jener Geschichten, die nur das Leben selbst schreiben kann.

★★★★★