Friday, 30 December 2011

The Ides of March

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Während sich die republikanischen Aspiranten auf das Amt des US-Präsidenten einen Schlagabtausch nach dem andern liefern, läuft im Kino der Film dazu: George Clooneys The Ides of March ist ein intelligenter Politthriller, der aber leider die Durchschlagskraft etwas vermissen lässt.

Wir befinden uns im amerikanischen Vorwahlkampf, den sogenannten "Primaries". Die Rolle der Herausforderer übernehmen die Demokraten, das Feld der Bewerber zählt nur noch zwei Kandidaten: den gläubigen, aber unsympathischen Senator Pullman und den idealistischen Humanisten Mike Morris (George Clooney). Am 15. März, den Iden des März, soll in Ohio die alles entscheidende Wahl stattfinden, weshalb bei Morris' Wahlhelfern höchste Konzentration gefragt ist. Federführend sind dabei der aufstrebende PR-Agent Stephen (Ryan Gosling) und dessen Mentor Paul (Philip Seymour Hoffman). Wie Morris glaubt auch der junge Stephen an Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit und macht sich deshalb nichts aus den in der Politik üblichen Intrigen. Doch als er sich im Geheimen mit Pullmans Berater Duffy (Paul Giamatti) trifft, sieht Paul Morris' Kampagne in Gefahr. Gleichzeitig kämpfen beide Seiten um die Gunst von Senator Thompson, dessen Unterstützung für einen der beiden Kandidaten die Ohio-Wahl unbedeutend machen würde.

Für George Clooney ist die amerikanische Politik filmisch kein Neuland. 2005 inszenierte er den brillanten Good Night, and Good Luck, die wahre Geschichte um das Journalistenteam von Edward R. Murrow, das sich gegen den mit totalitären Methoden Kommunisten jagenden Senator McCarthy auflehnte. The Ides of March hingegen ist kein Tatsachenbericht, sondern eine fiktionalisierte Aufarbeitung von Gouverneur Howard Deans erfolgloser Kampagne im Jahr 2004, basierend auf Beau Willimons Stück Farragut North. Trotz dieser Freiheit kommt Clooneys neuer Film nie über sein Dasein als zwar politisches, aber kaum wirklich mitreissendes Thrillerdrama hinaus. Es fehlen die emotionalen Anbindungsfiguren, die in Good Night, and Good Luck reichlich vorhanden waren. Dies führt dazu, dass die ganze Angelegenheit eher unterkühlt wirkt, weshalb auch die politischen Botschaften – obgleich richtig und, angesichts des gegenwärtigen Klimas in Washington D.C., mehr als nur angebracht – nicht vollends zu befriedigen vermögen.

Krisensitzung: Gouverneur Morris (George Clooney, links) wird von Paul (Philip Seymour Hoffman, Mitte) und Stephen (Ryan Gosling) beraten.
Besser steht es um die Dramaturgie. Clooney, Grant Heslov sowie Theaterautor Willimon erzählen in The Ides of March eine durchaus spannende, wenn auch wenig berührende, Geschichte um Integrität, Loyalität und Verrat – Motive, wie man sie aus den Werken William Shakespeares kennt. Ebenso kommt es dem Film zugute, mit hochkarätigen Darstellern in Höchstform wie Philip Seymour Hoffman, George Clooney und Paul Giamatti ausgestattet zu sein. Einziger Schwachpunkt im anonsten hervorragend besetzten Cast ist der zurzeit in Hollywood äusserst beliebte Ryan Gosling, der seiner Figur die nötige Tiefe nicht so recht verleihen kann.

The Ides of March stellt im Genre des politisch motivierten Dramas keinen Meilenstein dar. Dennoch ist George Clooneys Neuester ein interessantes Lehrstück über die Mechanismen der US-Politik mit all ihren Tücken und Abgründen und ein nicht unwichtiger Beitrag zur Lage derselben, weshalb er auch im Oscarrennen nicht ganz unbemerkt bleiben dürfte.

★★★★

Thursday, 22 December 2011

Mission: Impossible – Ghost Protocol

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Die Mission: Impossible-Reihe steht für verlässliches Popcorn-Actionkino mit Explosionen und Schiessereien zuhauf. Dieser Formel wird auch im vierten Teil mit dem klingenden Titel Ghost Protocol gefrönt. Regie führte der Animationsfilmkünstler Brad Bird.

Ein Team der IMF (Impossible Mission Force) erhält den Auftrag, Abschusscodes für russische Nuklearraketen zu stehlen. Während die Agenten Benji Dunn (Simon Pegg) und Jane Carter (Paula Patton) in Beobachtungsposition sind, kämpft Agent Hanaway erfolgreich gegen seine Verfolger – bis ihn die Killerin Moreau (Léa Seydoux) ausschaltet. Die Codes befinden sich nun in Feindeshand, also wird Agent Ethan Hunt (Tom Cruise) reaktiviert, um sie zurückzuholen. Die Mission führt in den Kreml, wo ihnen aber ein Mann mit dem Decknamen "Cobalt" (Michael Nyqvist) auflauert. Dessen Ziel ist ein globaler Atmokrieg, wobei ihm die IMF natürlich im Weg ist. Also jagt er einen Teil des russischen Regierungsgebäudes in die Luft und hängt die Tat Ethan, Benji und Jane an, woraufhin die amerikanische Regierung das "Ghost Protocol" einleitet und die Existenz der Impossible Mission Force verleugnet. Das Trio entkommt dank ihres Chefs (Tom Wilkinson) knapp der Festnahme und muss nun – mit Hilfe des Analysten William Brandt (Jeremy Renner) – versuchen, seine Unschuld zu beweisen.

Voller Körpereinsatz: Agent Ethan Hunt (Tom Cruise, oben) lässt sich bei einer Verfolgungsjagd auch von einem Sandsturm nicht aufhalten.
In den Mission: Impossible-Filmen hatten namhafte Regisseure stets die Gelegenheit, sich frei zu entfalten und auszutoben. Brian De Palma nahm diese Chance im ersten Teil (1996) wahr; ihm folgten John Woo (2000) und J.J. Abrams (2006). In deren Fussstapfen trat nun Brad Bird, der wie Abrams vor fünf Jahren hier sein angestammtes Gebiet verlassen musste. Abrams arbeitete vor Mission: Impossible III nur fürs Fernsehen; Bird hatte vor Ghost Protocol noch nie mit Realspielfilmen zu tun. Doch der Kopf hinter genialen Trickfilmen wie The Incredibles, Ratatouille und The Iron Giant meistert die Herausforderung mühelos. Sein Beitrag zu einer der erfolgreichsten Franchisen Hollywoods ist ein knallbunter Actionfilm erster Güte. Bird bietet dem Zuschauer packende Szenen, aufregende Ausgangslagen, atemberaubende IMAX-Bilder und – nicht zuletzt – einen genüsslich selbstironischen Tonfall, der aber der Spannung des Ganzen keineswegs abträglich ist.

Selbstverstädnlich ist Mission: Impossible – Ghost Protocol nicht sonderlich tiefgründes Kino. Aber als blosse Actionposse macht der Streifen genau das, was das Genre erfordert: Er unterhält vorzüglich. Die IMF-Agenten operieren mit verblüffender futuristischer Ausrüstung, die natürlich in den unpassendsten Momenten den "Geist" aufgibt. Es gibt Kletterpartien am Burj Khalifa in Dubai, dem höchsten Gebäude der Welt, zu bestaunen; die Witze sind lustig; und die Schauspieler hatten offensichtlich Spass an der ganzen Sache.

Ist Mission: Impossible – Ghost Protocol ein plausibles Stück Film? Überhaupt nicht. Aber der Streifen weiss, was er ist, und versucht sich nicht an kruden Moralbotschaften und gestellter Gesellschaftskritik wie viele seiner Genrekollegen heutzutage. Brad Birds erster Realspielfilm ist ein auf seine Art nostalgischer Action-Reisser – sogar mit aussterbenden Stilmitteln wie Vorspann und Pyrotechnik – und bietet für zwei Stunden Top-Unterhaltung. So muss es sein.

★★★★½

Thursday, 15 December 2011

Award Season: Las Vegas Film Critics Society


Und wieder The Artist. Michel Hazanavicius' Film hat nun also auch die Filmkritiker Las Vegas' überzeugen können und ist nun definitiv der Frontrunner für die noch kommenden Preisverleihungen. Bridesmaids bleibt weiter als Kandidat für die Schauspielkategorien dabei und Martin Scorsese und Terrence Malick sind in der Regie-Kategorie doch schlagbar - Nicholas Winding Refn, der in Cannes den Preis für die beste Regie verliehen bekam, hat hier das Rennen gemacht. Ebenso besiegbar scheint nun Meryl Streep (The Iron Lady): Es sieht so aus, als ob Michelle Williams die Grande Dame der amerikanischen Darstellerinnen überholt. Interessant ist auch der erste Sieg für The Muppets in der Song-Kategorie. Der Autor des viel gelobten Songs "Man or Muppet", Bret McKenzie, dürfte dem einen oder anderen als 50% des Comedy-Folk-Duos The Flight of the Conchords bekannt sein.

Bester Film: The Artist
Beste Regie: Nicholas Winding Refn - Drive
Bester Hauptdarsteller: Jean Dujardin - The Artist
Beste Hauptdarstellerin: Michelle Williams - My Week with Marilyn
Bester Nebendarsteller: Albert Brooks - Drive
Beste Nebendarstellerin: Melissa McCarthy - Bridesmaids
Bestes Drehbuch: Steven Zaillian & Aaron Sorkin - Moneyball
Beste Kamera: Emmanuel Lubezki - The Tree of Life
Bester Schnitt: Thelma Schoonmaker - Hugo
Beste Musik: Ludovic Bource - The Artist
Bester Song: Bret McKenzie: "Man or Muppet" - The Muppets
Bester Familienfilm: Hugo
Beste Dokumentation: Project Nim
Bester Animationsfilm: Rango
Bester fremdsprachiger Film: 13 Assassins ("Jūsannin no Shikaku")
Beste Kostüme: Mark Bridges - The Artist
Beste Ausstattung: Gregory S. Hooper - The Artist
Beste Spezialeffekte: Rise of the Planet of the Apes
Jugendlicher im Film: Asa Butterfield - Hugo
Beste DVD (Verpackung, Design, Inhalt): Jurassic Park: Ultimate Trilogy (Blu-ray)
William Holden Lifetime Achievement Award: Albert Brooks

LVFCS Top 10 2011: 
The Artist
Hugo
Moneyball
The Descendants
Drive
The Help
50/50
Midnight in Paris
Shame
Warrior

Habemus Papam

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Der Papst ist das geistige Oberhaupt von einer Milliarde Menschen. Dass diese Verantwortung auch eine Last sein kann, scheint eigentlich logisch. Den passenden Film dazu liefert Nanni Moretti: Habemus Papam ist eine feinfühlige Tragikomödie mit einem fantastischen Hauptdarsteller.

Der Papst ist tot. Auf dem Petersplatz finden sich Tausende von Menschen ein; einige gedenken des verstorbenen Heiligen Vaters, einige warten auf den neuen Stellvertreter Christi, und einige wollen einfach dabei sein. Innerhalb der vatikanischen Mauern nimmt das Konklave derweil seinen Lauf. Die Kardinäle setzen sich in der Sixtinischen Kapelle zusammen, um einen neuen Pontifex zu wählen. Nach einigen ergebnislosen Wahlgängen einigen sie sich schliesslich auf Melville (Michel Piccoli), der sogleich eingekleidet und zum Balkon des Petersdoms geführt wird. Bevor er sich aber an die Gläubigen wendet, gerät der arme Mann in Panik und weigert sich, sein Amt anzunehmen. Die Angstgefühle legen sich auch nach mehreren Stunden nicht, also kontaktiert der Pressesprecher des heiligen Stuhls den Psychiater Brezzi (Nanni Moretti). Doch die Depressionen eines Mannes wie Melville, der nun unter Dauerbeobachtung steht, lassen sich auf die Schnelle kaum erfolgreich behandeln.

Der Vatikan zeigt sich von Nanni Morettis neuem Film alles andere als begeistert. Habemus Papam vergreife sich am unberührbaren Papst und beleidige zudem noch die christliche Religion an sich, heisst es. Vorwürfe, die nicht nur in ihrer Härte übertrieben sind, sondern auch komplett am Ziel vorbeischiessen. Moretti will weder den Katholizismus angreifen, noch dessen Führungsfigur der Lächerlichkeit preisgeben. Seine "Sünde", wenn man so will, scheint einzig und allein darin zu bestehen, der Kirche ein menschliches Antlitz zu verleihen, die Mauer aus "erstarrten Dogmen und leeren Ritualen" (Baruch Spinoza) wenn schon nicht einzureissen, so doch wenigstens ironisch zu beleuchten.

Ungewöhnliches Treffen: Der Psychiater Brezzi (Nanni Moretti) soll den neugewählten Papst (Michel Piccoli) dazu bringen, sein Amt anzutreten.
Dieses Anliegen kommt vor allem in der brillanten Anfangsviertelstunde sowie dem Handlungsstrang, bei dem der atheistische Brezzi und die naiven Kardinäle im Mittelpunkt stehen, zum Tragen. Moretti treibt seine Spässe mit den katholischen Traditionen – etwa wenn die Kleriker ihre getragene Prozession unterbrechen müssen, weil sich der Vorsänger verhaspelt – und der kleinen menschlichen Schwächen seiner Figuren. So wird beim Konklave beim Pultnachbarn abgeschrieben und in den Privatgemächern wird genüsslich geraucht. Primär ist Habemus Papam jedoch eine sanfte Charakterstudie Melvilles (benannt nach dem französischen Meisterregisseur Jean-Pierre Melville), der vom 85-jährigen Starmimen Michel Piccoli überragend gespielt wird. Sein Papst wider Willen ist keine Witzfigur, sondern ein sanftmütiger älterer Herr, immer noch tief gläubig zwar, aber der mit der ihm aufgebürdeten Aufgabe schlicht überfordert ist. Seine Flucht aus dem Vatikan wird für ihn zur Selbstfindung und -überwindung, was in ein ebenso stimmiges wie konsequentes Ende mündet.

Nanni Morettis Film ist gleichermassen eine vergnügliche Dramödie und ein elegantes Porträt eines vom Leben überwältigten Mannes. Kirchenkritikern wird Habemus Papam zu harmlos sein, Kirchenvertretern zu forsch. Doch das kann den Freunden gehobener italienischer Kinounterhaltung ja egal sein.

★★★★★

Tuesday, 13 December 2011

Award Season: African-American Film Critics Association


Die Vereinigung der afroamerikanischen Filmkritiker, die AAFCA, ist immer wieder für Überraschungen bei ihren Preisvergaben gut - so auch dieses Jahr. Nicht nur war sie der erste Kritikerzirkel, der The Tree of Life als besten Film 2011 auszeichnete, sie beweisen auch, dass ihnen kleinere Produktionen wie etwa Steve McQueens Shame oder Rampart, der neue Film von Oren Moverman (The Messenger), am Herzen liegen. Und Simpsons-Stimmenveteran Albert Brooks bleibt mit seiner Leistung in Drive weiterhin im Kreis der Favoriten für den Nebenrollen-Oscar.

Bester Film: The Tree of Life
Beste Regie: Steve McQueen - Shame
Bester Hauptdarsteller: Woody Harrelson - Rampart
Beste Hauptdarstellerin: Viola Davis - The Help
Bester Nebendarsteller: Albert Brooks - Drive
Beste Nebendarstellerin: Octavia Spencer - The Help
Durchbruch-Performance: Adepero Oduye - Pariah
Beste Dokumentation: The Black Power Mixtape
Bestes Drehbuch: Ava DuVernay - I Will Follow
Bester fremdsprachiger Film: Kinyarwanda
Bester Song: Jason Reeves, Lenka Kripac: "The Show" - Moneyball
Bester Independent-Film: Pariah
Special Achievement: George Lucas; Richard Roundtree; Hattie Winston; 'Sony Pictures Entertainment'

Monday, 12 December 2011

Award Season: Los Angeles Film Critics Association


Die Award Season hat die Westküste erreicht. Die LAFCA krönte mit Alexander Paynes The Descendants einen der sich nun langsam herauskristallisierenden "Frontrunners" für die Oscars - vorausgesetzt, die Filmindustrie ist sich mit den Rezensenten dieses Jahr einig. Der Regiepreis für Terrence Malick unterstreicht die Ambitionen von The Tree of Life. Sonst zeigten sich die Kritiker aus L.A. als überraschend risikofreudig; so etwa zeichneten sie A Separation zwar für das beste Drehbuch aus, übergingen das iranische Meisterwerk aber beim Preis für den besten fremdsprachigen Film.

Bester Film: The Descendants
Beste Regie: Terrence Malick - The Tree of Life (Zweiter Platz: Martin Scorsese - Hugo)
Bester Hauptdarsteller: Michael Fassbender - A Dangerous Method; Jane Eyre; Shame; X-Men: First Class (Zweiter Platz: Michael Shannon - Take Shelter)
Beste Hauptdarstellerin: Yun Jung-hee - Poetry ("Shi") (Zweiter Platz: Kirsten Dunst - Melancholia)
Bester Nebendarsteller: Christopher Plummer - Beginners (Zweiter Platz: Patton Oswalt - Young Adult)
Beste Nebendarstellerin: Jessica Chastain - Coriolanus; The Debt; The Help; Take Shelter; Texas Killing Fields; The Tree of Life (Zweiter Platz: Janet McTeer - Albert Nobbs)
Bestes Drehbuch: Asghar Farhadi - A Separation
Beste Musik: The Chemical Brothers - Hanna (Zweiter Platz: Cliff Martinez - Drive)
Beste Ausstattung: Dante Ferretti - Hugo (Zweiter Platz: Maria Djurkovic - Tinker Tailor Soldier Spy)
Beste Kamera: Emmanuel Lubezki - The Tree of Life
Beste Dokumentation: Cave of Forgotten Dreams
Bester fremdsprachiger Film: City of Life and Death

Award Season: Boston Society of Film Critics


Nach einer quälend langen Wahl hat nun auch die Boston Society of Film Critics ihre Jahrespreise via Twitter verkündet. Wieder bleiben allzu grosse Überraschungen aus; einzig der Ensemble-Preis für Roman Polanskis geniales Kammerspiel Carnage, der Darstellerpreis für Melissa McCarthy in Bridesmaids sowie das Übergehen von A Seperation als bester fremdsprachiger Film bilden Ausnahmen von der Regel. Zudem greift nun auch My Week with Marilyn in die Award Season mit ein - Michelle Williams wird als Oscarkandidatin gehandelt -, Drive behauptet seine Rolle als Geheimtipp und The Tree of Life verbleibt weiterhin im Kreis der Mitfavoriten.

Bester Film: The Artist
Beste Regie: Martin Scorsese - Hugo
Bester Hauptdarsteller: Brad Pitt - Moneyball
Beste Hauptdarstellerin: Michelle Williams - My Week with Marilyn
Bester Nebendarsteller: Albert Brooks - Drive
Beste Nebendarstellerin: Melissa McCarthy - Bridesmaids
Bestes Ensemble: Carnage
Bestes Drehbuch: Steven Zaillian, Aaron Sorkin, Stan Chervin - Moneyball
Beste Kamera: Emmanuel Lubezki - The Tree of Life
Beste Dokumentation: Project Nim
Bester fremdsprachiger Film: Incendies
Bester animierter Film: Rango
Bester Schnitt: Christian Marclay - The Clock
Bester Newcomer: Sean Durkin - Martha Marcy May Marlene
Bester Gebrauch von Musik: Drive / The Artist

Award Season: AFI Top Ten


Obwohl das American Film Institute sich nicht mit Kategorien aufhält und nur eine alphabetische Top Ten herausgibt, lässt sich daran doch immer gut eine Richtung, die die Award Season nimmt,erkennen. Abgesehen von der Brachialkomödie Bridesmaids wartet die Liste dieses Jahr nicht mit grösseren Überraschungen auf, eher wird der eingeschlagene Weg der bisherigen Kritikerpreise bestätigt - mit Ausnahme von The Artist.

Bridesmaids
The Descendants
The Girl with the Dragon Tattoo
The Help
J. Edgar
Hugo
Midnight in Paris
Moneyball
The Tree of Life
War Horse

Thursday, 8 December 2011

Carnage

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Was passiert, wenn man zwei moderne Ehepaare mit unterschiedlichen Weltanschauungen in einen Raum steckt? Dieser Frage geht Roman Polanski in seiner Theaterverfilmung Carnage nach. Das Resultat ist ein spannendes Kammerspiel mit rabenschwarzem Humor.

Der elfjährige Zachary Cowan geht mit einem Stock auf seinen Schulkameraden Ethan Longstreet los und schlägt ihm zwei Zähne aus. Sofort treffen sich die Eltern der beiden in der Wohnung der Longstreets, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Während sich Nancy Cowan (Kate Winslet) und Gastgeber Michael (John C. Reilly) bemühen, einen versöhnlichen Ton anzuschlagen, kann sich die idealistische Penelope (Jodie Foster) nicht zurückhalten, ständig auf die "schwere Verletzung" ihres Sohnes hinzuweisen. Und Nancys Mann, der Staranwalt Alan (Christoph Waltz), interessiert sich ohnehin nicht für das Gespräch. Viel wichtiger sind für ihn die Anrufe seiner Kollegen, da der Pharmakonzern, den er vertritt, stark unter Beschuss steht.

Ungefähr in der Mitte des knapp 80-minütigen Films hat die Figur Nancy einen kurzen Moment der Klarheit: "Pretty funny when you think about it", sagt sie. Dieser eine Satz, dieses Innehalten im längst ausgearteten Konflikt der Klassen und Philosophien, ist die perfekte Erklärung, weshalb Roman Polanskis Carnage – und dementsprechend auch das originale Bühnenstück Le dieu de carnage von Yasmina Reza, die das Drehbuch mitverfasste – so wunderbar funktioniert. Der überzeichnete Zusammenbruch menschlicher Beziehungen macht Spass, weil man selbst nicht beteiligt ist; der Film hat eine geradezu kathartische Wirkung. Mit Hochgenuss lassen Polanski und Reza die immer roher werdenden Akteure ihre zivilisierten Prinzipien vergessen, sich gegenseitig ankeifen und unheilige Allianzen schliessen, ganz in der Tradition von Edward Albees Who's Afraid of Virginia Woolf?. Die Fassade der vernünftigen, erwachsenen Problemlösung wird gnadenlos niedergerissen, was mit lautem Lachen aus dem Zuschauerraum quittiert wird, wohl auch weil einem von den vier Figuren keine wirklich sympathisch ist.

Gestatten, die Kombattanten: Die Longstreets (Jodie Foster und John C. Reilly, links) gegen die Cowans (Kate Winslet und Christoph Waltz).
Die Akribie, mit der hier vorgegangen wird, technisch wie dramaturgisch, macht das Ganze umso intensiver. Pawel Edelmans Kamera ist nah dran an den Charakteren – Grossaufnahmen herrschen vor –, Alexandre Desplats Score untermalt die bürgerliche Katastrophe musikalisch. Auch die Schauspieler geben alles, manchmal vielleicht sogar etwas zu viel, wobei vor allem der ewige Nebendarsteller John C. Reilly begeistert. Kompromisse gibt es, wie bei Polanski üblich, keine. Es wird gesoffen und gekotzt; übelste Beschimpfungen wechseln sich mit mal sexistischen, mal rassistischen Verunglimpfungen und Parolen ab. Die Dialoge gehen fliessend vom Absurden ins Sardonische, ja Zynische über, ohne je ihren Witz zu verlieren. Carnage gehört eindeutig zu den lustigsten Filmen dieses Jahres, Seite an Seite mit The Guard und Chris Morris' Terroristenfarce Four Lions – beide politisch ähnlich unkorrekt.

Roman Polanski lässt auch in seinem neuen Film keine Zweifel an seiner Klasse als Filmemacher aufkommen. Carnage ist brillant fürs Kino adaptiertes Theater, welches zugleich unterhält und schmerzt. Ein Albtraum für die Charaktere, ein grossartiges Erlebnis für den Zuschauer.

★★★★★½

Monday, 5 December 2011

Award Season: European Film Awards


Nicht nur die Oscars sind eines der Ziele der Award Season. In Europa läuft das Ganze auf die französischen Césars hinaus. Den ersten dahingehenden Schritt unternahm vorgestern die europäische Filmakademie. Einen klaren Abräumer gab es nicht - trotz einiger Nominationen für Melancholia, The Artist, The King's Speech und Le Havre. Wenn an den EFAs 2011 etwas richtungsweisend ist, dann sicher der Umstand, dass Tilda Swintons Leistung in We Need to Talk About Kevin die Kritiker fast restlos zu überzeugen scheint. Wenn auch die Filmindustrie dies so sieht, könnte sie vielleicht sogar Meryl Streep in The Iron Lady schlussendlich ausstechen. Eine angenehme Entdeckung lässt sich in der Kurzfilm-Kategorie machen: Der Gewinner, The Wholly Family, ist von Terry Gilliam.


Bester Film: Melancholia
Beste Regie: Susanne Bier - In a Better World ("Hævnen")
Bester Darsteller: Colin Firth - The King's Speech
Beste Darstellerin: Tilda Swinton - We Need to Talk About Kevin
Bestes Drehbuch: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne - Le gamin au vélo
Beste Kamera: Manuel Alberto Claro - Melancholia
Bester Schnitt: Tariq Anwar - The King's Speech
Beste Ausstattung: Jette Lehmann - Melancholia
Beste Musik: Ludovic Bource - The Artist
Beste Dokumentation: Pina
Bester Animationsfilm: Chico & Rita
Bester Kurzfilm: The Wholly Family
European Discovery: Oxygen ("Adem")
European Co-Production Award: Mariela Besuievsky
European Achievement in World Cinema: Mads Mikkelsen
EFA Ehrenpreis: Michel Piccoli
Publikumspreis: The King's Speech

Sunday, 4 December 2011

In Time

Ganze sechs Jahre sind seit seinem letzten Film, der erfolgreichen Satire Lord of War, vergangen. Nun kehrt der neuseeländische Regisseur und Autor Andrew Niccol (Gattaca, S1m0ne) mit einer dystopischen Zukunftsvision auf die Bildfläche zurück. In Time ist ein handelsüblicher Actionthriller mit einer interessanten, wenn auch wenig durchdachten Grundidee, und einer etwas verwirrten politischen Botschaft.

Im 22. Jahrhundert ist die Wissenschaft zu erstaunlichen Leistungen fähig:
Um der Überbevölkerung Herr zu werden, sind die Menschen nun genetisch so konzipiert, dass sie nur bis zu ihrem 25. Lebensjahr altern. Anschliessend bleibt ihnen ein Jahr, um sich mehr Zeit zu verschaffen. Gleichzeitig ist Zeit mittlerweile auch das universale Zahlungsmittel. Entsprechend geht es bei der harten Fabrikarbeit, welche die niederen Klassen verrichten müssen, nicht nur ums finanzielle Überleben. Einer dieser Arbeiter ist der 28-jährige Will Salas (Justin Timberlake), der mit seiner Mutter (Olivia Wilde) in der verwahrlosten Dayton-Zeitzone lebt. Eines Nachts rettet er den reichen Henry (Matt Bomer) vor einer Bande von Zeitdieben, "Minutemen" genannt. Er erklärt Will, dass die reichen Menschen das System so angelegt haben, dass die Armen nach und nach wegsterben, um den Zeitvorrat der Elite zu sichern, und dass er es satt habe, Teil dieser korrupten Masche zu sein. Nach diesen Enthüllungen scheidet Henry 105-jährig freiwillig aus dem Leben, indem er die ganze ihm verbleibende Zeit, 116 Jahre, auf Will überträgt. Dieser bricht sofort in die Luxus-Zone New Greenwich auf, wo ihm die idealistische Millionärstochter Sylvia (Amanda Seyfried) begegnet. Doch lange kann er seinen neu gefundenen Reichtum nicht geniessen: Der erfahrene Zeitwächter Raymond Leon (Cillian Murphy) ist ihm schon dicht auf den Fersen.

Andrew Niccol ist bekannt dafür, auch in seinen massentauglicheren Filmen von einem gesellschaftskritischen Ansatz auszugehen. Dieser ist in In Time unübersehbar. Er prangert eine der Grundproblematiken des Informationszeitalters an; Niccol kritisiert das moderne Verhältnis des Menschen zur Zeit und dem Wahn, möglichst effizient zu sein und viele Arbeiten in kürzester Zeit zu verrichten. Neu ist das nicht; man denke nur an Michael Endes Roman Momo aus dem Jahre 1973. Auch da wird den Leuten die Zeit von düsteren Zeitgenossen gestohlen, woraufhin sie zwar nicht ihr Leben, aber immerhin die Freude daran verlieren. Mit derartig subtilem Subtext ist Niccols neuer Film leider nicht gesegnet. Vieles an In Time mutet schwerfällig und unbeholfen an, besonders die Geschichte, die sich recht fantasielos von A nach B bewegt, diverse Plotlöcher, auf die – wieso auch immer – explizit hingewiesen wird, sowie nerviges Liebesgesäusel enthält. Das Ganze kommt weitgehend ohne grössere Überraschungen aus und ist reichlich vorhersehbar. Zudem irritieren die Lehren, die man offenbar aus dem Streifen ziehen soll: Einerseits befinden sich Will und Sylvia auf einer quasi-sozialistischen Mission zur Vermögensumverteilung – das Wort wird gebraucht –; andererseits ist einer der Hauptantagonisten ein Verehrer der Lehren Charles Darwins, wobei diese schlicht und ergreifend falsch dargestellt und ausgelegt werden. Welche politische Randgruppe Niccol hier erreichen wollte, bleibt wohl sein Geheimnis.

Ansonsten ist In Time jedoch kein sonderlich beleidigendes Stück Film, vor allem nicht, wenn man es mit Genregenossen vergleicht. Das "Zeit als Währung"-Konzept mag zwar alles andere als hieb- und stichfest sein: Wie funktioniert die Gedankenübertragung beim Überweisen? Warum ist nicht schon längst Anarchie ausgebrochen? Wer würde sich auf ein so gefährliches System einlassen? Immerhin wird es dem Zuschauer recht ansprechend verkauft. Überdies gelingt es Niccol einigermassen, einen in die von ihm kreierte Welt hineinzuführen und mit ihr vertraut zu machen, sodass man gewisse allzu unrealistische Elemente gar nicht mehr hinterfragt – ein Grundpfeiler jedes guten Action- oder Science-Fiction-Films. Genreuntypisch ist allerdings die Tatsache, dass hier die Schauspieler stellenweise echt zu überzeugen vermögen. Justin Timberlake wirkt, wie schon in Friends with Benefits, äusserst sympathisch und natürlich. Man wünscht ihm jedoch wieder einmal eine herausfordernde Rolle à la Sean Parker in The Social Network. Alex Pettyfer unterhält bestens als britischer Erz-Minuteman, ebenso Johnny Galecki (Dr. Leonard Hofstadter in The Big Bang Theory) als Wills Freund Borel, der aber leider Off-Screen sein Leben aushaucht. Die beste Leistung liefert aber Cillian Murphy ab, der als unnachgiebiger, getriebener Polizist Tommy Lee Jones' Samuel Gerard aus The Fugitive nachzueifern scheint. Murphy als Mittsechziger im Körper eines 25-Jährigen zu besetzen, zeugt wahrlich von inspiriertem Casting. Eher negativ fällt Amanda Seyfried auf, der man die Verwandlung des wohlbehüteten Kindes reicher Eltern zur zukünftigen Bonnie Parker schlicht nicht abnimmt. Auf ähnlich tiefem Niveau befinden sich gewisse technische Aspekte, so etwa Zach Staenbergs unsauberer Schnitt mit manch holprigem Szenenübergang. Ausgeglichen werden diese Störfaktoren durch die amüsanten Verfolgungsjagden, die, wenn schon nicht unbedingt aufregend, wenigstens stimmig gefilmt wurden. Kein Wunder, heisst der Kameramann doch Roger Deakins, bekannt für sein Engagement in jedem Film der Coen-Brüder.

In Time ist bewährte Eskapismus-Ware Marke Hollywood. Mittels dystopischem Zukunftssetting wird einem zwar eine tiefere Bedeutung vorgegaukelt, die sich beim genaueren Betrachten aber als ziemlich oberflächlich herausstellt. Trotz aller Probleme dürfte es sich aber nicht als allzu schwierig gestalten, Niccols neuen Film mindestens einigermassen befriedigt zu verlassen. Bewaffnet mit Popcorn und reduzierten Erwartungen lässt sich bekanntlich einiges aushalten.

★★★

Thursday, 1 December 2011

Award Season: National Board of Review


Nun hat sich auch das National Board of Review für seine Jahresfavoriten entschieden. Hier greifen nun auch die Oscar-Kandidaten ein, die beim New York Film Critics Circle noch nicht berücksichtigt werden, etwa The Descendants von Alexander Payne (Sideways) oder Martin Scorseses 3D-Debüt Hugo. Bei den fremdsprachigen Filmen scheint sich nun auch A Separation verdientermassen langsam als Topfavorit herauszukristallisieren. In der "Top 5 Foreign Language Films"-Kategorie rangieren die möglichen Oscar-Konkurrenten von Asghar Farhadis Meisterwerk, darunter auch Aki Kaurismäkis Le Havre (was mich natürlich sehr freut), der immer mal wieder als Geheimtipp gehandelt wird. Und auch Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 2 bleibt das Phantom, das sich mit einem kleinen Wunder schlussendlich eine Oscarnomination schnappen könnte.

Bester Film: Hugo
Beste Regie: Martin Scorsese - Hugo
Bester Hauptdarsteller: George Clooney - The Descendants
Beste Hauptdarstellerin: Tilda Swinton - We Need to Talk About Kevin
Bester Nebendarsteller: Christopher Plummer - Beginners
Beste Nebendarstellerin: Shailene Woodley - The Descendants
Bestes Ensemble: The Help
Bestes Originaldrehbuch: Will Reiser - 50/50
Bestes adaptiertes Drehbuch: Alexander Payne, Nat Faxon, Jim Rash - The Descendants
Bester Animationsfilm: Rango
Beste Dokumentation: Paradise Lost 3: Purgatory
Bester fremdsprachiger Film: A Separation
Breakthrough Performance: Felicity Jones - Like Crazy / Rooney Mara - The Girl with the Dragon Tattoo
Spotlight Award: Michael Fassbender - A Dangerous Method; Jane Eyre; Shame; X-Men: First Class
Bestes Regiedebüt: J.C. Chandor - Margin Call
NBR Freedom of Expression: Crime After Crime / Pariah
Special Achievement in Filmmaking: The Harry Potter franchise - A Distinguished Translation from Book to Film

Top-Filme (alphabetisch):  
The Artist  
The Descendants  
Drive  
The Girl with the Dragon Tattoo  
Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 2  
The Ides of March  
J. Edgar  
The Tree of Life  
War Horse

Top 10 Independent-Filme (alphabetisch):  
50/50  
Another Earth  
Beginners  
A Better Life  
Cedar Rapids  
Margin Call  
Shame  
Take Shelter  
We Need to Talk About Kevin  
Win Win

Top 5 Dokumentationen (alphabetisch):  
Born to Be Wild  
Buck  
George Harrison: Living in the Material World  
Project Nim  
Senna

Top 5 fremdsprachige Filme (alphabetisch):  
13 Assassins ("Jūsannin no Shikaku")  
Elite Squad: The Enemy Within ("Tropa de Elite 2 - O Inimigo Agora é Outro")  
Footnote ("He'arat Shulayim")  
Le Havre  
Point Blank ("À bout portant")

Tom Sawyer

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Die Geschichten um die Südstaaten-Lausebengel Tom Sawyer und Huckleberry Finn von Mark Twain wissen immer wieder neue Generationen von Kindern zu begeistern – auch im Kino. Die neueste Adaption, Hermine Huntgeburths Tom Sawyer, ist bekömmliche Massenware.

Wir schreiben die 1840er Jahre. Im idyllischen St. Petersburg, Missouri, gelegen am majestätischen Mississippi, lebt der kleine Tom (Louis Hoffmann) mit seinem strebsamen, aber etwas verfressenen Halbbruder Sid und seiner alleinstehenden Tante Polly (Heike Makatsch). Tom ist vielen Bewohnern ein Dorn im Auge, da er immerzu lügt und betrügt, seinen gestrengen Lehrer nicht respektiert und sich in seiner Freizeit mit dem verwahrlosten Huck Finn (Leon Seidel) herumtreibt und allerlei Unfug anstellt. Einzig die schöne Becky bringt den aufsässigen Tom in Verlegenheit. Als er und Huck bei einem ihrer Abenteuer beobachten, wie der Halbblut-Indianer Joe (Benno Fürmann) einen Mord begeht und ihn dem harmlosen Trunkenbold Muff Potter (Joachim Król) anhängt, ist es vorbei mit der Gemütlichkeit. Denn wenn sie für Muff, der gehängt werden soll, aussagen, werden sie Joe nicht entkommen können.

Etwas, was in Tom Sawyer sofort ins Auge sticht, ist die Angst der Produzenten, Mark Twain nicht gerecht zu werden. Twain, vom grossen William Faulkner zurecht als "Vater der amerikanischen Literatur" gepriesen, trägt als Literat ein dermassen grosses Gewicht, dass eine allzu gravierende Veränderung des Stoffs schnell als Entehrung angesehen werden könnte (was gewisse amerikanische Interessengruppen aber nicht daran hindert, das – bei Twain ironisch gebrauchte – "N-Wort" aus neu aufgelegten Werken zu verbannen). Huntgeburth und ihre Autoren Sascha Arango und Peer Klehmet bieten eine sehr werkgetreue Verfilmung, deren grösste Abweichung vom Originalwerk Tante Pollys Alter und das etwas kindgerechtere Ende von "Injun Joe" darstellen. Entsprechend wirkt der Film angenehm altmodisch, auch weil, abgesehen vom fürchterlichen Rap im Abspann, auf Stilbrüche wie populärkulturelle Anspielungen, die mittlerweile – oftmals zum Leidwesen des Zuschauers – zur Grundausstattung von Kinderfilmen zu gehören scheinen, verzichtet wird.

Unten am Fluss: Tom Sawyer (Louis Hoffmann, rechts) und Huckleberry Finn (Leon Seidel) begeben sich am Mississippi auf so manches Abenteuer.
Dennoch ist der Film in einigen Punkten einfach zu künstlich. Ein Musterbeispiel dafür ist etwa der Drehort: Die europäischen Schauplätze sowie das Studio mögen als Ersatz für den Staat Missouri in den meisten Szenen zwar ausreichen, auch dank der stimmigen Ausstattung, doch diese Illusion wird durch die immer wiederkehrenden Panoramaaufnahmen einer Landschaft, die sich definitiv nicht im Süden der USA befindet, wieder zerstört. Auch schauspielerisch mangelt es dem Film an Natürlichkeit. Louis Hoffmann und Leon Seidel vermögen ihren Figuren keinerlei Leben einzuhauchen; vielmehr agieren sie wie zwei Kinder, die sich auf einer Kostümparty als Tom und Huck verkleiden. Da freut man sich über jeden vergnüglichen Auftritt des sympathischen Joachim Król und des ungehemmt chargierenden Benno Fürmann.

Kinder werden sicher ihre helle Freude an Tom Sawyer haben. Als Erwachsener sieht man einen bunten, harmlosen, aber grundsätzlich amüsanten Film, dessen cineastischer Wert zwar vernachlässigbar ist, die jüngste Generation aber vielleicht dazu bewegt, sich einmal in Mark Twains Romanvorlage zu vertiefen.

★★★

Tuesday, 29 November 2011

Award Season: New York Film Critics Circle


Manche lieben sie, manche hassen sie, entkommen kann ihr keiner. Die alljährliche Award Season kommt auch heuer langsam in die Gänge. Mit den Ehrungen des New York Film Critics Circle wurden nun die ersten Kritikerpreise verliehen. Dabei werden oft schon die Weichen für die Oscarverleihung Ende Februar gestellt. Doch das Urteil der Kritiker ist nicht immer der Weisheit letzter Schluss - besonders nicht für die Academy. Man erinnere sich an vergangenes Jahr, als die Gilde der Schreibenden The Social Network beinahe einstimmig zu ihrem Favoriten erkoren, die Filmgemeinde aber The King's Speech bevorzugte. Mit The Artist, Michel Hazanavicius' Rückbesinnung auf das Hollywood der 1920er Jahre, hat nun aber ein Film gewonnen, welcher der Academy sicher auch ausnehmend gut gefällt. Zudem scheint sich Bennett Millers Baseball-Drama Moneyball nun definitiv zu den Favoriten um einen Platz in der Best-Picture-Auswahl der Academy (zwischen fünf und zehn werden es sein) zu gesellen. Und die Chancen von The Tree of Life sind offenbar auch intakt - leider. Wir freuen uns auf eine spannende Award Season.

Bester Film: The Artist
Beste Regie: Michel Hazanavicius - The Artist
Bestes Drehbuch: Steven Zaillian, Aaron Sorkin - Moneyball
Beste Hauptdarstellerin: Meryl Streep - The Iron Lady
Bester Hauptdarsteller: Brad Pitt - The Tree of Life; Moneyball
Beste Nebendarstellerin: Jessica Chastain - The Tree of Life; The Help; Take Shelter
Bester Nebendarsteller: Albert Brooks - Drive
Beste Kamera: Emmanuel Lubezki - The Tree of Life
Bester Non-Fiction-Film (Dokumentation): Cave of Forgotten Dreams
Bester fremdsprachiger Film: A Separation
Bestes Debüt: J.C. Chandor - Margin Call
Special Award: Raoul Ruiz

Thursday, 24 November 2011

Melancholia

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Mit seinen jüngsten kontroversen Äusserungen hat der Däne Lars von Trier einmal mehr sich selber brillant in Szene gesetzt. Entsprechend gross ist das Interesse an seinem neuen Film. In Melancholia bietet er eine persönliche, bildstarke und perfekt stilisierte Weltuntergangsgeschichte.

Zweifel über den Ausgang von Melancholia räumt Regisseur und Autor von Trier schon in der Anfangsviertelstunde aus: In einem langen, von extremen Zeitlupenaufnahmen geprägten Prolog wird in beeindruckenden Bildern das Ende der Welt fast schon schwelgerisch inszeniert. Der gigantische Planet Melancholia bewegt sich auf die Erde zu und räumt sie mühelos aus dem Weg. Was folgt, sind zwei Charakterstudien. Der erste Teil ist der zum Scheitern verdammten Vermählung (zu deren Gästen auch Schauspielgrössen wie John Hurt, Charlotte Rampling und Jesper Christensen gehören) der depressiven Justine (Kirsten Dunst) mit dem hilflosen Michael (Alexander Skarsgård) gewidmet, der zweite beschäftigt sich mit den Ängsten von Justines Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) angesichts des nur scheinbar gefahrlosen Vorbeiziehens des neu entdeckten, titelgebenden Himmelskörpers.

Wie schon der viele Zuschauer schockierende Antichrist aus dem Jahr 2009 ist auch Melancholia ein Versuch Lars von Triers, seine sporadisch auftretenden Depressionen filmisch zu verarbeiten. Anders als in seinem letzten Film aber sieht er hier von allzu ekelerregenden Szenen ab und bemüht sich, das Innenleben seiner Charaktere auf subtilere Art und Weise sichtbar zu machen. Dies kommt dem Kinoerlebnis tatsächlich zugute und fördert auch die Bereitschaft, über Sinn und Zweck des Ganzen zu reflektieren. So fällt etwa auf, dass Justine und Claire elegant als psychologische Negative konzipiert wurden; während erstere ob der drohenden Apokalypse ihre für sie nun sinnlos gewordene Angst vor dem Leben überwinden kann, verfällt ihre Schwester in an Depression grenzende Panik. Der nahende Planet wiederum scheint in seiner Rolle als interstellare "Abrissbirne" ein Symbol für die das Leben erstickende Melancholie zu sein.

Die depressive Braut Justine (Kirsten Dunst) tanzt mit ihrem Vater (John Hurt). Noch ahnt niemand etwas vom drohenden Unheil aus dem All.
Doch von Trier hat nicht nur die Präsentation des Subtexts seit Antichrist verbessert, auch seine Regie ist behutsamer geworden. Zwar setzt er immer noch auf eine etwas zu verwackelte Kamera, doch dafür glänzt sein Opus in Sachen Erzählfluss – auch wenn sich der zweite Teil etwas in die Länge zieht – und Schauspielführung. Sein grösstes Verdienst aber ist die hervorragende Konstruktion von Atmosphäre. Über dem ganzen Film hängt ein Gefühl des kurz bevorstehenden Unheils, verstärkt durch das Präludium von Richard Wagners "Tristan und Isolde" als musikalisches Leitmotiv, welches bei der finalen Zerstörung fortissimo aus den Lautsprechern donnert.

Lars von Trier liefert auch mit seinem neuen Werk keine einfache Kost. Es mag zugänglicher – und besser – sein als mancher andere Film des Regisseurs, aber die Gefahr, frustriert zu werden, besteht dennoch. Melancholia ist in vielen Punkten klassisches Arthouse-Kino und wird den einen Zuschauer begeistern, während er dem anderen nichts als Mühe bereitet. Wer sich einer cineastischen Herausforderung stellen will, dem sei es ans Herz gelegt, den Gang ins Kino anzutreten. Eines steht fest: Ästhetischer ist die Welt noch nie untergegangen.

★★★★½

Thursday, 17 November 2011

Restless

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Eine Romanze zu drehen, in der eine Krebskrankheit eine tragende Rolle spielt, ist heikel, da die Sache schnell ins allzu Kitschige abrutschen kann. Dass dies aber nicht immer der Fall sein muss, zeigt Gus Van Sant in Restless, einer hinreissenden Liebeskomödie mit leisen capraesken Anklängen.

Der Teenager Enoch (Henry Hopper) ist der Aussenseiter schlechthin. Seit seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen und er drei Monate im Koma lag, will sein Leben nicht mehr richtig funktionieren. Zur Schule geht er nicht mehr; die Beziehung mit seiner Ersatzmutter, seiner Tante, ist gespannt; und Freunde hat er sowieso keine mehr. Einzig der "Geist" eines japanischen Kamikazepiloten, Hiroshi (Ryo Kase), leistet ihm Gesellschaft. Eines von Enochs wenigen Hobbys ist das Besuchen von Beerdigungen fremder Leute. An einer solchen trifft er die an einem Hirntumor erkrankte Annabel (Mia Wasikowska), die ihn mit ihrer Lebensfreude und ihrer Liebe zur Natur (und Charles Darwin) anzustecken versucht.

Wer im Juni dieses Jahres Submarine von Richard Ayoade im Kino gesehen hat, wird unweigerlich diverse Parallelen zu Restless feststellen. Tatsächlich scheint Gus Van Sant in seinem neuen Indie-Film dem Briten Ayoade in seiner verqueren Darstellung jugendlichen Aussenseitertums nachzueifern. Überhaupt wurde dem Film allgemein vorgeworfen, nichts anderes als ein fantasieloser Abklatsch von Arthur Hillers Love Story für den jungen Erwachsenen des 21. Jahrhunderts zu sein. Ja, die Geschichte um eine durch Krankheit intensivierte Beziehung sowie das Credo, dass der Tod die Lebenden um ein Vielfaches härter trifft als die Sterbenden, erfinden das Rad nicht neu. Aber dass Innovation auch innerhalb eines bekannten Schemas möglich ist, ist beileibe kein Geheimnis.

Liebe, bevor es zu spät ist: Die krebskranke Annabel (Mia Wasikowska) tröstet ihren neu gefundenen Freund Enoch (Henry Hopper).
Allein schon mit Enoch und Annabel haben Van Sant und Autor Jason Lew ein hervorragendes Protagonistenpaar kreiert, welches ebenso sympathisch wie ungewöhnlich ist. Das Paar entzückt mit herrlich exzentrischen, aber dennoch nicht gänzlich unrealistischen Gesprächen und Unternehmungen. Zudem hat es Lew auch sehr gut verstanden, die eigentlich todtraurige Geschichte sorgfältig mit Humor auszustatten. So finden Enoch und Annie die Romantik im Makabren ("You can't just 'seppuku' yourself on my deathbed!") und im Lakonischen ("How are you?" – "Same old, same old, still dying"). Dass dies nicht geschmacklos wirkt, sondern den Film herzerwärmend und romantisch macht, ist sicherlich auch Henry Hopper und Mia Wasikowska, die hier mit ihrer Kurzhaarfrisur etwas an Jean Seberg erinnert, zu verdanken; die Chemie zwischen den beiden stimmt perfekt. Sie sind auch einer der Gründe, warum man Restless die vereinzelten Stellen, an denen er sich dem Kitschigen nähert, nur zu gerne verzeiht. Ein anderer ist der Umstand, dass selbst in diesen Momenten die Ehrlichkeit und die Anmut der zentralen Liebesgeschichte über die etwaige Rührseligkeit triumphiert, ganz im Stile der Romanzen eines Frank Capra (Mr. Smith Goes to Washington, It's a Wonderful Life) – "capracorny" eben.

Gus Van Sant präsentiert einen feinfühligen, warmen und melancholischen Film, der für einen kalten grauen Herbsttag bestens geeignet ist. Denn obwohl hier der Tod im Mittelpunkt steht, ist Restless vor allem eines: ein Aufsteller.

★★★★★

Friday, 11 November 2011

Grave of the Fireflies


★★★★★★

As far as animated films go, there is almost no surpassing Grave of the Fireflies – save for a few selected Pixar gems. Apart from taking a powerful stand against war and poignantly commemorating Japan’s civilian casualties in World War II, it tells a compelling, resonating and deeply haunting (anti-)war story that’s impossible to shake off. If you needed conviction that humanistic war films are the best ones out there, you need to look no further than Grave of the Fireflies – a cinematic masterpiece in its own right.

Ganze Kritik auf The Zurich English Student (online einsehbar).

Thursday, 10 November 2011

Der Verdingbub

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Der Berner Markus Imboden liefert nach zehn Jahren wieder einmal einen Kinospielfilm ab. Mit dem Thema der Verdingkinder greift er darin ein unrühmliches Stück jüngerer Schweizer Historie auf. Das Resultat ist Der Verdingbub, ein ansprechender, aber sehr unsteter Film.

Der 15-jährige Waisenjunge Max (Max Hubacher) wird irgendwann während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf einen Hof im Kanton Bern geschickt, wo er bei der Familie Bösiger unterkommt. Diese erwartet von ihm aber vorab Feldarbeit. Die Liebe, die er sich von seinem neuen Heim erhoffte, bekommt er nicht. Im Gegenteil, "Vater" (Stefan Kurt), "Mutter" (Katja Riemann) und deren Sohn Jakob (Maximilian Simonischek) halten sich mit bösartigen Sticheleien nicht zurück. Max' Leben ändert sich aber schlagartig, als Berteli (Lisa Brand), mit der er sich nach und nach anfreundet, auch auf dem Hof abgeliefert wird. Die einzigen Fluchtmöglichkeiten aus dem harten Alltag sind für die beiden die Schule und Max' Handorgelspiel.

Dass Markus Imboden ein grosser Bewunderer des klassischen Schweizer Kinos und der grossen Literaten des Landes ist, ist in jeder Einstellung seines neuen Films spürbar. Kurt Gloors Drama Der Erfinder scheint Bildsprache und -komposition sowie die Darstellung des helvetischen Landlebens an der Schwelle zur Moderne inspiriert zu haben, während die beklemmende Atmosphäre auf Leopold Lindtbergs Friedrich-Glauser-Verfilmung Matto regiert zurückgreift. Die korrupte Dorfgemeinschaft scheint einer Erzählung aus Gottfried Kellers Seldwyla-Zyklus entsprungen zu sein – wenn auch nicht ganz so ironisch –, und die Thematik selber basiert sicherlich nicht nur auf den Erlebnisberichten echter Verdingkinder, sondern auch, mindestens teilweise, auf Jeremias Gotthelfs Bauernspiegel und dem darauf basierenden Radiohörspiel aus den 1950er Jahren. 

Heilende Musik: Verdingbub Max (Max Hubacher) lenkt sich mit seinem Handorgelspiel vom harten Arbeitsalltag ab.
Dieses Traditionsbewusstsein ist Imboden hoch anzurechnen, vor allem weil sich in Der Verdingbub immer wieder neue film- und literaturhistorische Kleinigkeiten entdecken lassen. Dennoch wirkt die Angelegenheit stellenweise fast ein wenig so, als ob dem Regisseur – und auch dem Drehbuchautor Plinio Bachmann – ob der vielen Einflüsse der Fokus etwas abhanden kam. Die erste Hälfte des Films irrt erschreckend ziellos herum und bietet ausser einigen höchst atmosphärischen Bildern einer alten Schweiz wenig Nennenswertes. In der zweiten Stunde erhält der Film dann glücklicherweise eine Struktur und seine – durchwegs sehr sorgfältig entwickelten, wenn auch etwas künstlichen – Charaktere ein konkretes Ziel, was der Spannung des Ganzen sehr zuträglich ist. Wie der Verlauf der Geschichte sind auch die Schauspielleistungen etwas unausgeglichen. Positiv stechen besonders Maximilian Simonischek, Andreas Matti (Fascht e Familie) und Stefan Kurt, der das Phlegma eines Josef Bierbichler (Das weisse Band) imitiert, hervor; eher unvorteilhaft fällt vor allem Lisa Brand auf, der einige zusätzliche Stunden Schauspielunterricht nicht geschadet hätten. Erwähnenswert ist auch der leider allzu kurze Gastauftritt von Hanspeter Müller-Drossaart.

Der Verdingbub mag kein Meisterwerk des Schweizer Kinos sein, doch dank einer starken zweiten Hälfte und einiger inspirierter Hommagen lässt sich der Film in guter Erinnerung behalten.

★★★★☆☆

Saturday, 5 November 2011

Directors' Top 5: Joel and Ethan Coen


Joel and Ethan Coen are amongst my favourite directors working today, right alongside masters like Clint Eastwood and Martin Scorsese. I love their unique style, their sense of tradition whilst still being hugely original, their unmistakable dry sense of humour, and their unassuming way of making movies. They have given us fantastic stories and indelible characters, and are an essential part of modern Hollywood. So after watching their films over and over again, writing lenghty reviews about them and even analysing them in my matura paper (“U.S. 20th Century History Through the Lense of the Coen Brothers”), I feel that it’s time to list my personal favourites from their œuvre.

Ganze Liste auf The Zurich English Student (online einsehbar).

Friday, 4 November 2011

The Adventures of Tintin

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Nach fünf kleineren Verfilmungen wurden die Tim & Struppi-Comics des Belgiers Georges Remi, besser bekannt als Hergé, nun erstmals von Hollywood aufgegriffen. The Adventures of Tintin ist herrlich nostalgisches Abenteuerkino für alle Altersklassen.

Auf einem Flohmarkt in Brüssel stösst der junge Reporter Tintin (Jamie Bell) auf ein Modell des legendären Segelschiffs "Unicorn" aus dem 17. Jahrhundert. Kaum gekauft, schon buhlen zwielichtige Gestalten darum. Als das prächtige Modell tatsächlich verschwindet, ruft das die beiden schusseligen Detektive Thomson und Thompson (Simon Pegg/Nick Frost) auf den Plan, die dem Fall aber nicht gewachsen scheinen. Also beschliesst Tintin, der Sache mit seinem treuen Hund Snowy selbst auf den Grund zu gehen. Es stellt sich heraus, dass die "Unicorn" der Schlüssel zu einem sagenhaften Schatz ist, der irgendwo verborgen liegt. Zusammen mit dem trinkfesten Captain Haddock (Andy Serkis) begeben sich Tintin und Snowy auf ein halsbrecherisches Abenteuer.

Das Universum, das Hergé in seinen Comics geschaffen hat, ist in vielen Punkten nicht nur ein Produkt seiner Entstehungszeit – den Dreissiger- und Vierzigerjahren –, sondern auch eine romantische Rückbesinnung auf das, rückblickend zumindest so interpretierte, abenteuerlustige 19. Jahrhundert, wie es in den Romanen Robert Louis Stevensons, Herman Melvilles und Jules Vernes geschildert wurde. Demnach ist das Altmodische ein Faktor, der bei jeder filmischen Adaption vorhanden sein muss. Dies haben die Produzenten Kathleen Kennedy, Peter Jackson und Steven Spielberg, der auch gleich auf dem Regiestuhl sass, in The Adventures of Tintin hervorragend umgesetzt. Die Geschichte um verlorene Schätze, berüchtigte Piraten, versteckte Hinweise sowie die Suche danach bis in die exotischsten Ecken der Erde – entsprechend finden sich zahlreiche Reminiszenzen an Spielbergs Indiana Jones-Reihe – wird, mit Ausnahme der von James Camerons Avatar salonfähig gemachten Performance-Capturing-Technik, von der Moderne "gestört". Selbst der Titelvorspann erweist dem klassischen Zeichentrickfilm seine Reverenz.

Schatzsuche ahoi: Der bärbeissige Captain Haddock (Andy Serkis) und der junge Tintin (Jamie Bell) trotzen im Beiboot den Gefahren der Hochsee.
Doch obwohl der Film durch seine mitreissenden, aufregend gefilmten Actionszenen, John Williams' Musik und seinen Retro-Charme besticht, ist er doch nicht ohne Mängel. So fällt etwa die Exposition eine Spur zu temporeich und gehetzt aus; Tintins ewige Kommentare nerven mitunter etwas; das 3D wäre nicht unbedingt nötig gewesen; und das Ganze hinterlässt, bei aller Nostalgie, kaum einen bleibenden Eindruck. Die Ausnahme stellt Andy Serkis' Performance als Captain Haddock dar. Serkis, der dieses Jahr schon als Affe Caesar in Rise of the Planet of the Apes brillierte, verdient sich hier – einmal mehr – einen Platz im Pantheon der grossartigen Motion-Capture-Schauspielleistungen. Mit seinem mal bedrohlichen, mal melancholischen, mal freundlichen, aber immer virtuosen Knurren (in perfektem schottischem Dialekt) verleiht er dem Film einige willkommene Ecken und Kanten.

Eine bessere Hollywood-Verfilmung von Hergés Geschichten hätte man sich wohl nicht wünschen können. The Adventures of Tintin bleibt dem originalen Material treu, wird aber auch Uneingeweihte problemlos überzeugen können. Spielberg bietet wieder einmal bestes Unterhaltungskino alter Schule.

★★★★½

Wednesday, 2 November 2011

Abduction

Obwohl die Kinoadaptionen von Stephanie Meyers Twilight-Romanen internationale Kassenschlager sind, entwickeln sie sich für die mitwirkenden Darsteller doch langsam zu einem Karriere-Handicap. Die beiden Hauptakteure der Serie, Robert Pattinson und Kristen Stewart, haben schon länger begriffen, dass kreischende Früh-Teenager nicht die stabliste Fan-Basis bilden. Entsprechend versuchen sie – bislang eher mässig erfolgreich –, von ihrem Twilight-Image wegzukommen und ihr schauspielerisches Spektrum zu erweitern oder, in Stewarts Fall, zu schon früher errungenen Erfolgen zurückzukehren. Nun scheint auch Taylor Lautner, der in den Meyer-Verfilmungen Werwolf Jacob gibt, einen dahin gehenden Weg einzuschlagen. In Abduction, dem neuen Film des renommierten Regisseurs John Singleton (Boyz N the Hood), wandelt er nun auf den Spuren von Matt Damons Actionhelden Jason Bourne. Dumm nur, dass er sich für seinen erhofften Durchbruch im alle Demografien ansprechenden Kino einen der schlechtesten Filme des Jahres ausgesucht hat.

Nathan (Lautner) ist ein gewöhnliche
r 18-Jähriger, der niemandem speziell auffällt – was bei seinem durchtrainierten Körper, den schneeweissen Zähnen und seinen hirnrissigen Stunts doch eher seltsam wirkt. Die wichtigsten Personen in seinem Leben sind seine gleichaltrige Nachbarin Karen (Lily Collins), mit deren Freund (?) er mehrmals aneinandergerät, seine High-School-Kumpel und seine Eltern Kevin (Jason Isaacs) und Mara (Maria Bello). Nur etwas bedrückt ihn: Immer wieder wird er von einem realistisch anmutenden Traum heimgesucht, den niemand erklären kann. Eines Tages entdeckt er auf einer Internet-Datenbank für entführte Kinder sich selbst. Kurz darauf werden seine "Eltern" kaltblütig ermordet, woraufhin er mit Karen fliehen muss.

Abduction mag wie eine billige Kopie eines Teils der Bourne-Trilogie wirken, doch die Wahrheit ist noch um ein Vielfaches jämmerlicher; der Film ist vielmehr ein Quasi-Plagiat von D.J. Carusos Eagle Eye, der seinerseits stark bei der bisher einflussreichsten Action-Franchise des 21. Jahrhunderts abkupferte. Auch die dahinter stehende Absicht scheint bekannt, war Carusos – eigentlich ganz passabler – Streifen doch auf Shia LaBeouf (Transformers) zugeschnitten, um diesen als ernst zu nehmenden Schauspieler zu etablieren. Kurz gesagt: Singletons neuer Film ist ein Plagiat eines Plagiats. Doch das allein ist bei weitem noch nicht sein grösstes Manko – wie traurig.

Man kann nicht behaupten, dass Abduction aufgrund eines massiven Defizits versagt. Vielmehr leidet das Projekt an einer Vielzahl von Unstimmigkeiten, Löchern und Mängeln, die das ganze Konstrukt letzten Endes zum Einsturz bringen. Dies fängt schon bei der selbst für Actionfilm-Verhältnisse allzu dünnen Story an. Der Film besteht zu einem schönen Teil aus Nathan und Karen, die von einem Ort zum nächsten fliehen. Hie und da treffen sie entweder auf einen Verfolger, den sie – stark wie sie eben sind – in einem dreiminütigen Kampf ausschalten; oder sie werden von einer der beiden jagenden Parteien angerufen, was zu kurzzeitiger Charakterentwicklung führt, welche ihrerseits aber weitestgehend wirkungslos bleibt, da es sich bei den Hauptfiguren um uninteressante, unsympathische und realitätsferne Abziehbildchen handelt. Dass Taylor Lautner als Hauptdarsteller überfordert und verloren wirkt – vielleicht weil ihm langsam bewusst wird, dass ein gestählter Körper einem das Schauspielern nicht abnimmt – und Lily Collins unsagbar schlecht spielt, macht die Sache nicht besser. Noch schlimmer ist aber ist die manipulative Darstellung von Nathans Eltern. Jason Isaacs und Maria Bello verbringen ihre immerhin ansehnliche Screentime grösstenteils damit, liebenswert-ironische Kommentare über ihren Sohn zu machen. Einen wirklichen Einfluss auf die Geschichte haben sie nicht. Der einzige Grund für ihre Existenz ist der Moment ihres Todes, der darauf angelegt ist, den Zuschauer Trauer empfinden zu lassen. Das Ableben eines Elternteils zum blossen "Plot Device" herabzustufen, mag zwar kein neueres Phänomen sein, doch eine Entschuldigung ist dies noch lange nicht. Es ist und bleibt ein Kunstgriff aus der untersten Schublade.

Aber selbst wenn man von diesem Stück Geschmack
losigkeit absieht, ist das Drehbuch von Shawn Christensen – seines Zeichens Mitglied der Rockband stellastarr* – kaum zu retten. Die Dialoge variieren zwischen banal-belanglos, schmerzhaft künstlich und fast schon belustigend unbeholfen. Auch die schwachen Bemühungen, lustig zu sein, laufen ins Leere. Im besten Fall unterhalten die Einzeiler mit ihrer kümmerlichen Qualität; im schlechtesten laden sie zu heftigem Kopfschütteln ein. Überdies scheint Christensen das heilige Prinzip "Show, don't tell" nicht bekannt zu sein. Mehrfach lässt er seine Figuren Dinge beschreiben, die Off-Screen passieren, und, in einem besonders dunklen Moment, verleitet er Nathan dazu, seiner Psychiaterin (gespielt von der armen Sigourney Weaver) einen Traum zu erzählen, den sie offensichtlich in- und auswendig kennt.

Doch auch die Leistung von Regisseur Singleton ist nicht über jeden Zweifel erhaben. Der Film ist dürftig inszeniert und lässt jegliche Form von Rhythmus und Timing vermissen. Es scheint mehr Zeit für die Produkteplatzierung als für die Erarbeitung eines kohärenten Erzählflusses aufgewendet worden sein; Apple, deren Produkte in einem Werbekatalog nicht prominenter hätten ausgestellt werden können, und die Stadt Pittsburgh, die offenbar nichts unversucht lässt, ihren Ruf als langweilige Stadt loszuwerden, werden sich bedanken. Überzeugen aber wenigstens Singletons Actionszenen? Immerhin will man in einem solchen Film auch visuell unterhalten werden. Leider versagt Abduction auch in dieser Hinsicht. Entweder sind einzelne Kampfsequenzen viel zu lang und hätten unbedingt einer Überarbeitung bedurft, oder sie verpuffen ohne auch nur ansatzweise mitzureissen. Erschwerend hinzu kommt die lächerliche Kampfphysik, der man nur zu gut die CGI-Behandlung ansieht.

Neue Fans wird sich Taylor Lautner mit seinem neuesten Film sicher nicht einhandeln. Wenn man zwölf Jahre alt ist und noch nie einen Actionfilm gesehen hat, dürfte einem
Abduction wie brutales, kerniges, hochspannendes Actionkino vorkommen. Allen anderen wird John Singletons weichgespülter Jason-Bourne-Abklatsch höchstens ein müdes Lächeln entlocken. Der Film ist infantil, plump und in seiner Selbstzufriedenheit hochgradig nervend. Abduction verkauft s
ein Publikum für dumm – sehr schön veranschaulicht durch die Information via Untertitel, dass die Story einen Abstecher nach "London, England" macht – und hat mittlerweile dennoch mehr als das Doppelte seines Budgets eingespielt. Darüber lässt sich eigentlich nur noch hohl lachen.

½★