Tuesday, 28 December 2010

The Kids Are All Right

Familienidyll? Samenspender Paul (Mark Ruffalo, rechts) zu Besuch bei der Familie, die es dank seiner Spende gibt: Eltern Nic (Annette Bening, links) und Jules (Julianne Moore, 2.v.l.) und Kinder Laser (Josh Hutcherson) und Joni (Mia Wasikowska).

4.5 Sterne

Wenn man versucht, Leuten die Frage zu beantworten, worum es in The Kids Are All Right geht, dann kommt man nicht darum herum, den Begriff "lesbisches Elternpaar" fallen zu lassen. Die Reaktion, die man aller Wahrscheinlichkeit nach erntet, ist: "Oh nein, schon wieder so ein Hollywood-Emanzipationsschinken!" Es stimmt, dass die Homosexualität in den letzten Jahren von der Filmindustrie quasi zu Tode thematisiert wurde. Natürlich ist es eine immens wichtige Angelegenheit, aber beim durchschnittlichen Kinogänger setzt irgendwann doch der Überdruss ein. Aus diesem Grund wohl wurde The Kids Are All Right hierzulande von nicht allzu vielen gesehen, was ein Jammer ist, da Lisa Cholodenkos Film Hollywoods Idee, man müsse der breiten Masse Homosexualität als etwas Positives "verkaufen", hinter sich lässt. Cholodenko zeigt keine prüden Nachbarn, die sich über das gleichgeschlechtliche Paar empören, und keine wegen ihrer Eltern sozial ausgegrenzten Kinder. Stattdessen beschäftigt sie sich mit gnadenlosem Realismus mit den Konflikten der scheinbar perfekten amerikanischen Vorstadtfamilie, die nicht auf sexueller Gesinnung gründen.

Was für eine Art Film ist The Kids Are All Right? Diese Frage stellt man sich, sobald man den Kinosaal verlässt. Einerseits ist es naürlich ein Familiendrama mit einer Geschichte, die man in ähnlicher Form schon ein paar Mal gesehen hat. Andererseits ist es auch eine doppelbödige Komödie, die stellenweise an Little Miss Sunshine oder Juno erinnert. Aber damit wird man dem Film nur halbwegs gerecht. Manchmal wähnt man sich in einer Satire, dann wieder in einem Coming-of-Age-Film, nur um anschliessend das Gefühl zu haben, man wohne einem Beziehungsmelodram bei. Diese Vielfältigkeit lässt sich zwar insofern durch das äusserst reale Drehbuch von Lisa Cholodenko und Stuart Blumberg erklären, als dass das Leben auch kein streng definiertes "Genre" hat, doch als Kinozuschauer wünscht man sich doch eine mehr oder minder klare Linie. Zugegeben, es fällt schwer, den Drehbuchautoren diese Sprunghaftigkeit, diese Unentschlossenheit, was ihr Film denn nun eigentlich sein soll, zum Vorwurf zu machen, da ihr Endprodukt dadurch noch realistischer wirkt. Dennoch wäre eine teilweise Vereinheitlichung des Tonfalls wohl keine schlechte Idee gewesen.

Aber es sollte festgehalten werden, dass es nicht einfach ist, The Kids Are All Right zu mögen, vermutlich deshalb, weil der Film sich keine Vereinfachung der Realität erlaubt. Die Grundgeschichte mag nicht sonderlich originell sein - die zwei Kinder lesbischer Eltern wollen ihren leiblichen Vater, den anonymen Samenspender, treffen und freunden sich mit ihm an, woraufhin er der Familie langsam näher kommt und damit für Spannungen sorgt -, doch die Dialoge und Konflikte sind mitten aus dem Leben gegriffen. Das erste Treffen von Laser und Joni mit ihrem biologischen Vater ist an Verlegenheit kaum zu überbieten und ist alles andere als einfach zu ertragen. Unangenehmes Lächeln, ausgedehnte Pausen, das verzweifelte Suchen nach Gespächsthemen - wer kennt das nicht? Cholodenko und Blumberg haben die Gefühlslage der Charaktere optimal eingefangen; wie unterhält man sich mit jemandem, der vor 19 Jahren Samen gespendet hat, aus dem man selber entstanden ist? Und auf der anderen Seite: Wie führt man ein Gespräch mit dem Resultat einer lange vergangenen finanziellen Notlage? Auch umgeht der Film mit dem Thema verbundene Klischees. Mit Schrecken erinnert man sich an Made in America, wo es darum ging, dass ein schwarzes Mädchen aus der Samenspende eines arroganten Weissen hervorging. Nein, Paul ist ein liebenswerter, wenn auch leicht selbstgefälliger Enddreissiger, dem ein kleines Bio-Restaurant gehört. Was lernen wir daraus? Charaktere müssen keine extremen Eigenschaften oder Fehler haben, um für interessante Konflikte zu sorgen. Doch es ist gerade diese Normalität, die es so schwer machen, The Kids Are All Right etwas abgewinnen zu können. Oftmals, auch in ansonsten relativ realistischen Streifen, sind Figuren und Situationen dermassen überzeichnet, dass der Bezug zur Realität trotz allem verloren geht. Cholodenkos Protagonisten sind jedoch dermassen "normal", im Rahmen der menschlichen Möglichkeit mindestens, dass wir uns problemlos in ihnen wiederfinden, was nicht immer eine angenehme Erfahrung ist.

Doch dieser radikale Realismus hindert den Film nicht daran, eine durchaus spannende und sehr humorvolle Geschichte zu erzählen. Es ist faszinierend zu sehen, wie die Figuren miteinander in Verbindung stehen und interagieren. Und da zeigt sich wieder die bewundernswerte Nonchalance, mit der das Thema der homosexuellen Eltern behandelt wird: Joni und Laser haben nicht das Gefühl, dass ihnen ein männlicher Elternteil fehlt, sie sind bloss neugierig, wer ihr leiblicher Vater ist. Lediglich die Überfürsorglichkeit ihrer beiden Mütter geht ihnen auf die Nerven - ein Problem, welches auch Teenager mit "traditionellen" Eltern gut kennen. Entsprechend sehen beide in Paul eine Art Alternativ-Vorbild, da er eine ziemlich antiautoritäre Philosophie pflegt. Paul wiederum, konfrontiert mit der Tatsache, dass er, zumindest vom biologischen Standpunkt her, eine Familie hat, beginnt sein Junggesellenleben zu hinterfragen. Was daraus folgt, ist eine Affäre mit Jules, Jonis und Lasers Mutter, was das Eheleben Jules' und Nics, sowieso schon erschwert durch Nics Weinkonsum, vollends aus dem Tritt bringt. Wie diese generationsübergreifenden Probleme miteinander verkettet sind, ist schlicht beeindruckend. Dass es dem Film zusätzlich noch gelingt, das Ganze mit streckenweise sehr unterhaltsamen Dialogen auszustatten, verdient ebenfalls Anerkennung.

Was The Kids Are All Right aber am meisten auszeichnet, sind die Schauspieler. Der Cast ist klein, was jedem einzelnen Mitglied ermöglicht, seiner Figur besonders viel Tiefe zu verleihen. Josh Hutcherson glänzt in der Rolle des orientierungslosen Laser. Die Szene, in der er einen streunenden Hund davor bewahrt, von seinem "Freund" Clay gequält zu werden und Clay daraufhin die Freundschaft aufkündigt, zeigt Hutchersons breites schauspielerisches Spektrum. Ebenso Mia Wasikowska, bekannt als 19-jährige Alice in Tim Burtons Alice in Wonderland. Ihre Joni leidet darunter, dass sie das "perfekte Kind der lesbischen Eltern" sein muss. Aus diesem Grund leidet auch sie an der Orientierungslosigkeit ihres Bruders; sie weiss nicht, was für eine Beziehung sie zu ihrem platonischen (?) Freund unterhalten soll, sie kann sich nicht so recht entscheiden, ob sie ihre Freundin um deren sexuelle Offenheit beneidet, und sie sich vor allem nicht sicher, ob sie wirklich so erwachsen ist, wie sie es sich einredet. Fast jede Szene mit Joni, vor allem gegen Ende des Films, platzt fast vor emotionaler Spannung, und Wasikowska holt alles aus ihr heraus. überhaupt ist The Kids Are All Right voll mit Subtext. Kaum eine Bewegung ist keine verschwiegene Gefühlsregung. Um dies wirklich überzeugend zu spielen, braucht es hochkarätige Schauspieler und Cholodenkos Entscheidung, Annette Bening und Julianne Moore als Hauptdarstellerinnen zu casten, hätte nicht besser sein können. Bening (Nic) und Moore (Jules) geben jeden Aspekt einer gefährdeten Beziehung perfekt wieder. Der schauspielerische Höhepunkt des Films ist jedoch Mark Ruffalo. So gewinnend Paul auch ist, er ist letztendlich eine tragische Figur, da er die Freundschaft mit seinen biologischen Kindern nach seiner Affäre mit Jules aufgeben muss. Ruffalo vermag diese Tragik hervorragend zu vermitteln. Wer ihn bis jetzt als dramatischen Schauspieler nicht ernst genommen hat, wird hier eine Götterdämmerung erleben.

Lisa Cholodenko erzählt mit The Kids Are All Right keine sonderlich originelle Geschichte. Doch wie im echten Leben sind es die Protagonisten, die den Unterschied ausmachen. Der Film ist die Studie von Familiendynamiken während einer Zerreissprobe. Dass dabei die Familienoberhäupter zwei Frauen sind, ist ein zentrales Thema, aber nicht das Problem der Sache. Das Problem der Sache ist die Instabilität der Institution Familie. Jegliche Fremdkörper haben das Potential, den Verbund zu sprengen. So gesehen ist Cholodenkos Film ein wichtiger Beitrag zur Diskussion, ob sich die Idee der Familie überlebt hat. Der Realismus von The Kids Are All Right mag nicht massentauglich sein, aber wer wieder einmal eine gute Tragikomödie/Beziehungsdrama mit viel Subtext sehen will, der sollte ihn sich keinesfalls entgehen lassen.