Wednesday, 4 August 2010

Inception

Traumspione: Dom Cobb (Leonardo DiCaprio, rechts) und Arthur (Joseph Gordon-Levitt) müssen sich mit ihrem Team durch den eingepflanzten Traum ihres Opfers navigieren.

5.5 Sterne

Film ist ein wunderbares Medium, dem aber leider die kreativen Köpfe ausgehen. Selten bekommt man im Kino wirklich neue Dinge zu sehen, stattdessen muss man sich mit mal guten, mal schlechten Derivaten von bereits Gesehenem begnügen. Sieht man aber einen Film wie Inception, das neuste Werk des Regisseurs der Stunde, Christopher Nolan, dann erinnert man sich daran, dass noch nicht alle Hoffnung verloren ist, zumindest im Thriller- und Science-Fiction-Genre, in welchem der Brite primär tätig ist. Nach dem Hit The Dark Knight fragten sich viele, ob sich Nolan wirklich noch verbessern kann. Inception beantwortet diese Frage auf eine beeindruckende Weise mit Ja und stillt gleichzeitig jene leisen Zweifel an der Qualität des Films, die sich nach dem gigantischen Hype im Vorfeld doch eingestellt haben. Nolan hat es sehr gut verstanden, die positiven Aspekte aus seinen vorherigen Filmen, vor allem aus seinen beiden Batman-Adaptionen, zu extrahieren und sie nun in eine eigene Vision zu integrieren. Was dabei herauskommt, ist ein enorm fantasievolles Fest für die Augen und das Gehirn.

Das Beste an Inception ist etwas, was viele Actionfilme heute vermissen lassen: Stringenz. Leute, die bei diesem Film zu spät kommen, sind nur zu bemitleiden, denn wenn man hier einen Moment verpasst, dann ist man nicht mehr fähig, das Ganze in all seiner Komplexität zu erfassen und zu geniessen. Inception ist einer dieser Filme, der keine Unaufmerksamkeit verzeiht und davon ausgeht, dass das Publikum bereit ist, sich zweienhalb Stunden zu konzentrieren. Ein Albtraum für die Popcorn-Industrie? Wohl kaum, da das Internet schon voll ist mit Berichten von Kinogängern, die sich beklagen, der Streifen sei zu kompliziert und verschachtelt. Stellen wir etwas klar: Das stimmt nicht! Wer dem Plot nicht folgen konnte, hat schlicht und ergreifend nicht aufgepasst. Diese Stringenz zeigt, dass Christopher Nolan bessere Geschichten entwerfen kann, wenn er sich auf kein Quellenmaterial verlassen muss und sich frei ausbreiten kann. Vor allem The Dark Knight hatte mit einer etwas allzu losen Story zu kämpfen. Nicht so Inception. Die Geschichte kommt sehr solide daher, überzeugt mit einem faszinierenden Thema und bietet eine vielschichtige Erzählweise.

In einem Film auf Träume einzugehen, ist keineswegs neu. Wir alle kennen Michel Gondrys poppigen Eternal Sunshine of the Spotless Mind oder Terry Gilliams dystopischen Brazil, doch Inception geht die Sache etwas anders an: Der Film setzt voraus, dass es möglich ist, Träume zu teilen, sodass man gemeinsam in den Traum einer Person eindringen kann. Daraus ergibt sich die Möglichkeit, dem Unterbewusstsein Geheimnisse zu entreissen. Was nach Mystery und Psychologie klingt, hat in Christopher Nolans Film allerdings eine ganz banale und wahrscheinlich deshalb einigermassen plausible Anwendung: Werksspionage. Firmen lassen ihre Konkurrenten durch professionelle "Extraktoren" ausspionieren, sodass sie an ihre Geheimnisse kommen. Worum es im Film aber tatsächlich geht, ist "Inception", ein experimentelles Verfahren, mit dem einer Person eine Idee eingepflanzt werden kann. Daraus folgen natürlich erzählerische Kniffe, die man beinahe schon erwartet - die Kulmination davon ist ein Traum in einem Traum in einem Traum in einem Traum -, aber ebenso viele Dinge, die einen positiv überraschen. Da helfen selbstredend auch die fantastischen Spezialeffekte, die, egal ob einfache Explosionen, "gewöhnliches CGI" - ein sich zusammenfaltendes Paris - oder atemberaubende Actionsequenzen in einem Hotelflur mit sich stetig verändernder bis nicht mehr vorhandener Schwerkraft - mit Anspielungen auf The Matrix und Mission Impossible -, ihren Zweck niemals verfehlen. Mitverantwortlich dafür ist sicher auch Nolans Haus-Kameramann Wally Pfister, der inzwischen weiss, wie man einen Actionfilm wirkungs- und stimmungsvoll bebildert. Der Film verkommt zum Glück niemals zur reinen Materialschlacht. Die Effekte und die Action ordnen sich der Story unter, wie es sich gehört. Auch der persönliche Konflikt von Dom Cobb, der Hauptfigur, sehr gut gespielt von Leonardo DiCaprio, wirkt nicht aufgesetzt, sondern verleiht Inception einen glaubwürdigen dramatischen Touch, der einen besonders am Ende mitreisst. Was man Nolans Drehbuch eventuell ankreiden könnte, sind ein paar wenige, leicht gestellt wirkende Dialoge, die man aber mühelos erträgt. Das Ende hingegen ist eine Sache für sich. Es wurde bereits viel darüber geschrieben und diskutiert. Es lässt sich sagen, ohne den Film für jemanden, der ihn noch nicht gesehen hat, zu ruinieren, dass die Hauptfigur immer mehr Gefahr läuft, Realität und Traum nicht mehr auseinanderhalten zu können. So gesehen war es eine gute Entscheidung, den Film offen enden zu lassen. So kann jeder die Frage für sich selbst beantworten. Andernfalls wäre die Hälfte des Publikums enttäuscht und würde lamentieren, es habe ihnen schon gefallen, nur das Ende sei nicht gut.

Einer der Gründe, weshalb Inception dermassen sehnlich erwartet wurde, war der hochkarätige Cast. Leonardo DiCaprio, dessen Figur stark an seine Rolle in Martin Scorseses Shutter Island erinnert, wurde bereits erwähnt, aber er ist mit seiner guten Leistung nicht allein. Die Schauspieler sind ein Musterbeispiel für einen hervorragenden Ensemble-Cast. Joseph Gordon-Levitt zeigt nach (500) Days of Summer, dass er auch in einem Thriller glänzen kann - mit schelmischer Coolness -, Ellen Page spielt einmal mehr ihre Stärke in dramatischen Rollen aus, während Cillian Murphy der möglicherweise etwas künstlichen Figur des Robert Fischer - der vom Vater verschmähte Snob - einen angenehmen Tiefgang verleiht. Die beste Schauspielleistung des Films kommt allerdings von Ken Watanabe. Seine Performance ist kraftvoll und beeindruckt insbesondere in den Szenen, in denen er in Cobbs Seele zu blicken scheint. In weiteren Rollen sind eine wunderbar teuflische Marion Cotillard als Hauptantagonistin - Cobbs Projektion seiner toten Frau -, ein verschmitzt-sarkastischer Tom Hardy, der ein paar herrlich trockene Sprüchen zum Besten gibt, und Tom Berenger, der zum ersten Mal seit Training Day (2001) wieder bei einer Grossproduktion dabei ist, zu sehen. Auch erwähnenswert sind die Gastauftritte von Michael Caine, der sich in Nolans Filmen sehr wohl zu fühlen scheint, als Doms Schwiegervater, Lukas Haas als ursprünglicher Traumarchitekt des Teams DiCaprio/Gordon-Levitt und Pete Postlethwaite, der nicht viel mehr zu tun hat, als sterbend auf einem Bett zu liegen. Doch wir kennen ihn gut genug, um zu wissen, dass er auch in so einer Rolle die personifizierte Würde ist.

Neben Wally Pfister und einem grossen Teil des Casts von Batman Begins findet sich in der Crew von Inception noch eine weitere Person, für die das Arbeiten mit Christopher Nolan nichts Neues ist: Hans Zimmer. Der bereits legendäre Filmkomponist hat sich wieder einmal um den Score gekümmert. Seine Musik rundet den ohnehin schon düsteren Ton des Films hervorragend ab.

Ist es nicht schön, wenn ein Film zurecht gehypt wird? Wenn man mit hohen Erwartungen ins Kino geht und der Film diese sogar noch übertrifft? Das ist Inception. Sieht man ihn sich an, bekommt man Unterhaltung auf höchstem Niveau zu sehen. Verfolgungsjagden, Action und Effekte sind zwar da, aber sie ersetzen weder die Substanz noch die Geschichte. Wenn Christopher Nolan auf diesem Weg bleibt und es ihm weiterhin gelingt, die Balance zwischen Augenschmaus und filmischer Gehirnnahrung zu halten, dann hat er noch viel vor. Und das klassische Erzählkino wird noch lange nicht sterben. Im Gegenteil: Dank Nolans geschickten Modernisierungen könnte es ein regelrechtes Comeback feiern. Hoffen wir, dass das kein Traum ist.

Tuesday, 3 August 2010

Toy Story 3

Zu schön, um wahr zu sein? Ausser Woody (Tom Hanks, rechts) sind alle Spielzeuge von der Kindertagesstätte begeistert. Selbst Buzz (Tim Allen, Mitte) lässt sich von Lotsos (Ned Beatty) hinterhältig-freundlichen Art verführen.

6 Sterne

Es wird schon seit Jahren gemunkelt, Pixar sei einer der rechtmässigen Erben von den Grossmeistern des Kinos wie Billy Wilder, Howard Hawks oder Orson Welles. Wir waren uns wohl alle bewusst, dass diese Meinung nicht verkehrt sein kann, angesichts der schieren Menge cineastischer Meisterwerke, die das Studio scheinbar mühelos aus dem Ärmel schüttelt (Toy Story, Monsters, Inc., Ratatouille, WALL•E, Up), aber die Hemmung, das Studio ins Pantheon der Filmemacher zu erheben, war unverkennbar, vermutlich vor allem aufgrund zweier Tatsachen: Erstens handelt es sich dabei nicht um eine Einzelperson, sondern vielmehr um eine einzigartige Gruppe von Kreativen, und zweitens produziert diese Gruppe "nur" Animationsfilme.
Vor Toy Story 3 fiel es sicherlich schwer, sich die Pixar-Werke auf der gleichen Stufe wie Citizen Kane, Psycho oder The Bridge on the River Kwai vorzustellen. Aber das zweite Sequel des ersten vollständig am Computer entstandenen Films packt uns da, wo wir am empfindlichsten sind: an unserer Nostalgie. Und genau deshalb ist Toy Story 3 die Perfektion der Pixar-Magie.

Wieso ist Pixar seinen grossen Konkurrenten FOX und DreamWorks überlegen? Das Herz allein kann es nicht sein, denn wenn nur Herz die Kinokarten verkaufen würde, dann hätte Avatar nicht einmal die 10-Millionen-Dollar-Grenze geknackt. Nein, der Grund ist beim Zuschauerbild zu suchen. Im Gegensatz zu den meisten FOX- und DreamWorks-Kinderfilmen nimmt Pixar sein Publikum ernst. Wie Don Bluth in den 1980er Jahren zeigt das Studio aus Emeryville entschlossen Themen wie Tod oder die Grausamkeit der Zeit auf, während die Konkurrenz - man ist versucht, sie mit dem Disney der 1980er Jahre zu vergleichen - diese unschuldig pfeifend übergeht. Und dort endet die Kunst von Pixar nicht. Denn im selben Atemzug wird jeweils auf eine einzigartige Weise demonstriert, wie wunderbar die Welt doch sein kann - und das aus der Sicht von Ratten, Robotern, Ameisen, Fischen und, nicht zuletzt, Spielzeugen.

Toy Story wird leider nicht von allen Pixar-Fans geliebt. Heute lässt man sich gerne von den stellenweise etwas kruden Computeranimationen, vor allem wenn es um das Design der Menschen geht, ablenken, anstatt sich auf den Inhalt zu konzentrieren. Denn Toy Story und Toy Story 2 waren beide subtile, urkomische und gleichzeitig tragische Parabeln auf ein sich veränderndes Leben und Freundschaft. Ja, die Kapazität der Lebensnähe der Animationen steckte noch in den Kinderschuhen, aber der für Pixar inzwischen so typische Tiefgang war von Anfang an da. Und auch das ist ein Problem von DreamWorks: Die Animationen sind meistens so gut wie makellos, doch die Storys lassen doch stark zu wünschen übrig. Und wenn die Produzenten einmal eine einigermassen gelungene Geschichte haben (Shrek, How to Train Your Dragon), dann runieren sie diese mit unzähligen Fortsetzungen.

Und nun kommen wir endlich zu Toy Story 3, dem krönenden Abschluss der, zumindest laut dem Geschmack dieses Kritikers, besten Trilogie aller Zeiten. Wo soll man nur anfangen? Der Film ist ein Feuerwerk der Fantasie, der Technik, des Humors und der Melancholie. Das Beste wird sein, die negativen Punkte zuerst abzuhaken: Fertig. Toy Story 3 ist praktisch ein fehlerfreies Stück Kino. Zugegeben, es wird Leute geben, die ihm vorwerfen werden, er sei teilweise eine Spur zu dramatisch und kitschig geraten, doch das Wunderbare daran ist, dass sich diese "Mängel" aus dem Verlauf der Geschichte selbst ergeben und somit nur die Konsequenz des Regisseurs Lee Unkrich und seines Autorenteams (Story: John Lasseter, Andrew Stanton und Unkrich selbst, Drehbuch: Oscar-Gewinner Michael Arndt (Little Miss Sunshine)) unterstreichen. Und auch sonst ist das Skript nur zu loben. Die Balance zwischen Action, Humor und Sentimentalität wird exzellent gehalten. Man hält gespannt den Atem an, wenn die Spielzeuge Gefahr laufen, in der Kehrichtverbrennungsanlage verfeuert zu werden - eine Szene, die den kleineren Zuschauern mitunter sogar Angst machen könnte -, man schüttelt sich vor Lachen, wenn Buzz' Sprachmodus auf Spanisch umgestellt wird, und man kämpft mit den Tränen, wenn sich die Protagonisten in der Verbrennungsanlage, die quasi die Spielzeug-Hölle symbolisiert, in ruhiger Verzweiflung die Hände reichen oder wenn sich Andy von ihnen trennen muss. Und keins dieser Gefühle wird dem Zuschauer aufgedrängt.

Natürlich darf auch nicht die hervorragende Arbeit, die die Herren Lasseter, Stanton und Unkrich bei der Story geleistet haben, vergessen werden. Einmal mehr stellen sie Woody vor eine Wahl - Andy oder seine Freunde -, bei der es keinen Kompromiss gibt. Zudem verwandeln sie die scheinbar friedliche Kinderkrippe in ein brutales Spielzeug-Gefängnis, das sehr bewusst an POW-Filme über den Zweiten Welt- oder den Vietnamkrieg erinnert. Und selbstverständlich kommt der hoch geschätzte Pixar-Subtext auch nicht zu kurz. Nicht nur ist Toy Story 3 ein Film über Treue, Veränderung und Freundschaft wie seine Vorgänger; nein, er hält sich auch nicht zurück, die moderne Konsumgesellschaft anzuprangern. Dies ist zwar nicht ganz so offensichtlich gemacht wie in WALL•E, obwohl die finalen Szenen auf der Mülldeponie ganz offensichtlich darauf anspielen - es fehlte nur noch das "Buy n Large"-Logo auf den Lastwagen -, aber die Seitenhiebe sind doch sehr gut erkennbar, etwa wenn sich ein Charakter daran erinnert, wie der Bösewicht einst ein "besonderes Stofftier" war, verloren ging und anschliessend ganz einfach ersetzt wurde.

Einmal mehr überzeugen auch die Charakterzeichnung sowie die Leistungen der Synchronsprecher. Tom Hanks und Tim Allen reden Woody und Buzz so, als wären seit dem letzten Film keine elf Jahre vergangen, ebenso John Ratzenberger (Hamm), Joan Cusack (Jessie), Wallace Shawn (Rex) und Don Rickles (Mr. Potato Head). Und trotz des tragischen Todes von Jim Varney im Jahre 2000 hat auch Slinky, dank der Stimme von Blake Clark, seine typische Südstaatenstimme mit der rührenden Naivität beibehalten. Auch die Tiefe der Charaktere ist nach wie vor erstaunlich. Es sind Jahre vergangen seit Andy das letzte Mal mit seinen Lieblingsspielzeugen gespielt hat. Dies hat zur Folge, dass die Protagonisten einen gewissen Zynismus und sogar eine Art Antipathie gegen ihren Besitzer entwickelt haben. In den Anfangsszenen des Films wird auch klar, wie viel sich inzwischen verändert hat. Nach einer beeindruckenden Actionszene, in der gezeigt wird, was für ein Abenteuerszenario sich der noch kleine Andy ausgedacht hat - ausgeschmückt mit einigen feinen Anspielungen für den cinephilen Zuschauer -, finden wir uns in der Gegenwart wieder, die für die Spielzeuge wahrlich bedrückend ist: Viele ihrer Freunde wurden weggeworfen, verschenkt oder gespendet - sogar die Schäferin Bo Peep, der "Romantic Interest" von Woody, ist nicht mehr da - und sie fristen ein für sie langweiliges Leben. Abgerundet wird dieses Beispiel der kontinuierlichen Veränderung durch Buster, den Familienhund. Wer erinnert sich noch an die wunderbare Szene aus Toy Story 2, als Woody auf dessen Rücken dem Pinguin Wheezy, der inzwischen auch weg ist, zu Hilfe geeilt ist? Derselbe Buster ist nun alt, grau und langsam geworden, ein trauriges Zeichen für den Zahn der Zeit. Allerdings finden sich in Toy Story 3 auch leichtere Referenzen an die vorherigen beiden Filme; etwa ein Müllmann mit einem Totenschädel auf dem T-Shirt, bei dem es sich eigentlich nur um den Spielzeugfolterer Sid aus dem ersten Film handeln kann.

Gleichermassen beeindruckend ist aber auch der dreidimensionale Bösewicht, Lotso, überragend gesprochen von Ned Beatty. Zwar erinnert seine Überzeugung, dass Kinder letzten Endes Spielzeuge nur zerstören, stark an diejeinge Stinky Petes aus dem zweiten Teil, aber im Gegensatz zu diesem ist Lotso ein wirklich handelnder Charakter, der sich mit brutalen Schergen umgibt. Einer dieser Schergen, Ken, der von einem sehr witzigen Michael Keaton vertont wurde, liefert zusammen mit Barbie einen herrlichen Subplot, der mehr als nur einmal seine heterosexuelle Fassade in Frage stellt. Dies ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Figurenzeichnung, wie die Geschichte, fliessend von Komödie zu Tragödie und umgekehrt übergeht.

Worauf der Film auch sehr schön eingeht, sind die Emotionen der menschlichen Akteure. Zwischen Andy und seiner Mutter entwickelt sich eine rührende Interaktion, die schliesslich darin mündet, dass sich die beiden in den Armen liegen und Andy seiner weinenden Mutter sagt, dass sie immer für ihn da sein wird, auch wenn er nicht mehr zuhause wohnt. Hierbei wird das erste Mal in der Serie konkret darauf eingegangen, dass Andys Mutter alleinerziehend ist und sich langsam von ihren geliebten Kindern trennen muss.

Ein weiteres Überbleibsel aus den Vorgängern von Toy Story 3 ist Randy Newman, der für die Musik verantwortlich war. Erwartet man von ihm etwas anderes als gute Arbeit? Nein. Und das ist auch nicht nötig. Sein Score untermalt die rasanten, die dramatischen und die tragischen Momente jeweils optimal. Ihn nicht auszuwechseln war eine gute Entscheidung.

Der letzte objektive Aspekt, auf den hier eingegangen werden soll, ist die Animation. Wie jeder weiss, hat Pixar seit 1995 in dieser Beziehung grosse Schritte nach vorne gemacht. Mittlerweile stehen FOX und DreamWorks auch bei dieser Disziplin hinten an. Die Menschen in Toy Story 3 sehen, für Animationsfilm-Verhältnisse, verblüffend real aus, die Settings sind enorm detailverliebt und überzeugen zu hundert Prozent, und das dabei verwendete 3D ist alles andere als aufdringlich, sondern dient lediglich dazu, Raumtiefen hervorzuheben und den Zuschauer ins Geschehen miteinzubeziehen.

Vom objektiven Standpunkt her ist Toy Story 3 also ein rundum gelungener Film. Doch das, was ihn vollends zu einem Meisterstück der Filmgeschichte macht, ist die Nostalgie, die sich bei der Visionierung des Films einstellt. Ist man zwischen 18 und 30 Jahre alt, dann wird man sich mit Wehmut an die beiden Vorgänger erinnern, die man als Kind oder als Jugendlicher gesehen hat und sich bewusst werden, wie viel Zeit seither vergangen ist. Aber dennoch deprimiert einen diese Erkenntnis nicht, da Toy Story 3 - wie so viele andere Pixar-Filme - aufzeigt, dass es Dinge gibt, die nicht sterben. Freundschaft, Erinnerungen und Kindheit gehören dazu. Oder um es in Erich Kästners Worten auszudrücken: "Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch."

In den letzten drei Jahren hat Pixar jedes Jahr verdientermassen den Oscar für den besten Animationsfilm eingeheimst. Und sie hätten es immer noch nicht verdient, dass diese Serie reisst, denn alles andere als mindestens dieser eine Academy Award für Toy Story 3 wäre ein Skandal. Der Film ist beinahe perfekt und begeistert Kinder und Erwachsene gleichermassen. Das Studio mit der Lampe ist mit seinem neusten Streich endgültig auf dem Olymp der Kinowelt angekommen und hat seinen Ruf als bestes Animationsstudio der Welt einmal mehr gerechtfertigt. Dass Toy Story 3 noch zwei Verneigungen an den grössten der legitimen Verfolger, das japanische Studio Ghilbli, beinhaltet (ein Totoro-Plüschtier und ein "Special Thanks" für Hayao Miyazaki), macht es uns nur noch sympathischer. Film on, Pixar, film on.